Zur Ausstellung „Villinger Motive“ (Christine Veit)

Namen wie Richard Ackermann, Waldemar Flaig oder Paul Hirth kennt jeder Villinger Kunstinter- essierte. Gewiss haben sie hervorragende Bildnisse von Villingen geschaffen. Aber da diese Künstler bereits in einer Ausstellung in der Benedikti- nerkirche gewürdigt wurden, war es ein Anliegen der Sparkasse Villingen-Schwenningen in ihrer Ausstellung vom 12.11. – 30.11.1999 auch weniger bekannte Künstler wie Max Roth oder Ursula Eschbach vorzustellen. Die Idee zu diesem Vor- haben lieferte Dr. Hans Kurtz, der selbst einige Exponate aus seiner Sammlung für die Ausstellung in der Kundenhalle der Villinger Sparkassen Hauptstelle beisteuerte. In Sparkassendirektor Klaus Haubner fand er einen begeisterten Für- sprecher, da auch die Sparkasse in ihrem großen Fundus viele Ansichten von Villinger Straßen und Winkeln hat, die bisher der breiten Öffentlichkeit nicht gezeigt werden konnten.

Abb. 1

 

Das Thema der Ausstellung war klar umrissen. Präsentiert werden sollten Villinger Motive inner- halb und einschließlich der Stadtmauer. Einzige Ausnahmen bildeten Ansichten der Lorettokapelle und eine historisierende Gesamtdarstellung Villingens von Paul Bär sen., die, basierend auf dem Gumppschen Plan, das barocke Villingen zu rekonstruieren versucht und dabei einen Überblick über den in der Ausstellung gezeigten Stadtbereich gibt.

Zusammen mit der Bickenkapelle gehören sie zur Geschichte und Entwicklung der Stadt und wurden deshalb mit aus- gestellt. Die gezeigten Motive sind allgemein bekannt, auch wenn vor manch einem der Ex- ponate während der Ausstellung Diskussionen entbrannten, welche exakte Straßenecke vom Künstler oder der Künstlerin dargestellt wurde. Zu sehen waren Straßen, Gassen, Teile der Ring- mauer, kirchliche und weltliche Gebäude, Häuserensembles und die Stadttore, von denen das Niedere Tor in einer Fantasievorstellung von Paul Bär sen. rekonstruiert wurde (Abb.1). Das wahrscheinlich ungewöhnlichste Motiv war die „Fasnachtssuche auf dem Käferberg“ von Carl Kaiser (Abb. 2). Auch in diesem Sinne ist der Titel der Ausstellung „Villinger Motive“ zu verstehen: Nicht nur Architektur sondern auch die Eigenheiten und Traditionen der Villinger stellen ein Motiv dar, das ein Stück Leben der Stadt vermittelt. (Die Fasnacht im Ganzen wurde bewusst aus- gelassen, da dieses Thema einer eigenen Ausstellung bedarf ).

Die meisten ausgestellten Künstlerinnen und Künstler sind der Villinger Kunstwelt ein Begriff. Vertreten waren u. a. vertraute Namen wie Dominikus Ackermann d.J. und Nepomuk Ummenhofer, Guido Schreiber und Waltraud Oloff, Paul Meurer und Vera von Buch oder auch Oskar Wickert. Neben diesen hingen Werke von weniger bekannten Künstlern wie Ursula Eschbach, Max Roth oder Hans Henne. Eines ist allen Ausgestellten gemeinsam, ob sie nun aus Villingen stammen oder zugereist sind: ihre Liebe zur Stadt. Sie alle nutzten Villingen als Inspirationsquelle und können selbst alt eingesessenen Villingern verborgene Schönheiten ihrer Stadt zeigen, eines der Hauptanliegen der Ausstellung in der Sparkasse. Denn wie oft verschließen wir die Augen vor den Schönheiten unserer Umgebung und Heimat. Da bedarf es des sanften Anstoßes durch ein Gemälde oder eine Zeichnung.

Abb. 2

 

Die Auswahl der Künstlerinnen und Künstler definiert den zeitlichen Rahmen in dem sich die Ausstellung bewegte. Die älteste Darstellung stammte von Nepomuk Ummenhofer aus dem Jahre 1856 und zeigte eine Prozession bei der Lorettokapelle (Abb. 3). Das jüngste der 51 Exponate stellte die Johanniter-Kirche im Jahr 1995 dar und stammte von Waltraud Oloff. Durch die zeitliche Eingrenzung auf die letzten 150 Jahre konnten die Betrachter leichter einen Zugang zum Dargestellten finden und ohne große zeitliche Sprünge einen Bezug zwischen Heute und Gestern herstellen.

Die angewandten Techniken der Exponate waren so vielfältig wie die Motive. Zu sehen waren Aquarelle und Lithografien, Kohlezeichnungen und Ölgemälde. Dadurch wurde eine gewisse Monotonie vermieden, die durch die Bevorzugung einer bestimmten Technik entsteht, da jeder Technik ein eigener Charakter inne wohnt. Somit konnten die verschiedenen Facetten eines einzelnen Motivs besser gezeigt werden.

Abb. 3

 

Die Exponate stammten zu einem großen Teil aus dem Fundus der Sparkasse Villingen-Schwenningen. Außerdem nutzte das Städtische Franziskaner-Museum die Gelegenheit einige Kunstwerke aus seinem Magazinbestand der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Eine Chance für manche Exponate, z. B. eine Lithografie vom Villinger Münster, ihr Potential zeigen zu dürfen bevor sie wieder für längere Zeit im Depot schlummern müssen (Abb. 4). Richtige Schätze fanden sich bei den privaten Leihgebern, deren Kunstwerke die Ausstellung erst ermöglichten. Diese Exponate werden vielleicht nie wieder in einer öffentlichen Ausstellung zu sehen sein.

Um einer gewissen Idyllisierung entgegen zuwirken wurden die Exponate in Motivgruppen zusammen gehängt. So hingen z.B. 4 Darstellungen des Käferbergs oder 3 Ansichten des Kaiserturms zusammen. Nur dadurch konnten die unterschiedlichen Blickwinkel der einzelnen Künstler betont, und die verschiedenen Facetten des Motivs beleuchtet werden. Auch wurde dadurch vermieden, Villingen zu einem bestimmten Zeit- punkt zu zeigen. So überspannte die Gruppe der Lorettokapellen-Darstellungen die Zeit von 1856 (Ummenhofer) bis 1981 (Simon), wobei man den Wandel von der „Grünen Wiese“ zum bebauten Wohngebiet verfolgen konnte.

Eines der zentralen Exponate war die „Nacht- wache am Bickentor“ von Dominikus Ackermann d.J. (1873), (Abb.5). Es zeigte einen wachhaben- den Torwärter, der im Winter zwischen Bickentor und dem Vortor Wache hält. Auffallend ist seine Dienstkleidung, die eigentlich dem 18. Jh. angehört. Dieser Hang zur Historisierung fällt noch bei weiteren Exponaten ins Auge. Ist es ein Versuch der Künstler Idyllen zu erzeugen, oder doch eher an eine vergangene heile Welt zu erinnern? Das 19. Jh. war eine Zeit der großen Umwälzungen und auch in Villingen hielt die Industrialisierung Einzug.

 

Abb. 4

 

 

Abb. 5

 

Die Veränderungen im Stadtbild sind heute noch ersichtlich. Um so verständlicher ist das Bestreben der Künstler nach einem Halt in einer sich schnell ändernden Welt. Diesen Halt bot die Tradition und das Bewusstsein, Bestandteil eines Gefüges zu sein, das es schon immer gab und dessen Vergangenheit schon manche Veränderung überstanden hatte.

Fantasie gehört zur künstlerischen Freiheit und ist in einem gewissen Sinne zeitlos. Die Rekonstruktionsversuche von Paul Bär sen. und Dominikus Ackermann sind zeitlos in ihrer Fantasie, und so konnte in der Ausstellung der Grundgedanke realisiert werden, nichts rekonstruieren und kein „anderes“ Villingen erschaffen wollen Der Historismus grenzt beinahe an Utopismus, womit im Festjahr 1999 der Kreis sich wieder schließt: Von der mittelalterlichen Idealstadt zur Wunschstadt. Die Ausstellung in der Hauptstelle der Sparkasse Villingen konnte zeigen, welches Potential auch in weniger bekannten Künstlern steckt, und welche Rolle der Künstler als Regisseur einnimmt. Er gibt uns den Blickwinkel vor, in dem wir auf die Schönheiten und den Charme unserer Stadt blicken, und regt uns zu einem aufmerksamen Spaziergang durch Villingen an.