Die Bickenkapelle und das Nägelinkreuz (Kurt Müller)

 

Abb. 1: Steinkreuz am linken Brigachufer.

 

Am linken Brigachufer, jenseits der Bickenbrücke, neben der Fußgängerbrücke hinauf zum Landratsamt beim neuen Busbahnhof, steht ein merkwürdiges, an Totengebein gemahnendes Steinkreuz, das 1976 errichtet wurde durch Spenden der Geistlichen aus Villingen, der Stadt Villingen und der Münsterpfarrei (Abb. 1).

Am Sockel steht der erläuternde Text „Etwa seit dem Jahr 1400 stand hier eine Kapelle, Bickenkapelle genannt. Mehrmals zerstört, wurde sie zuletzt im Jahr 1660 erbaut. Bomben legten die Kapelle am 20. Februar 1945 in Schutt und Asche.

Das Nägelinkreuz in der Kaplle, hochverehrt, ist im Münster geborgen. „Gekreuzigter Herr Jesus Christus, beschütze deine Stadt“.

Also wird hier an eine Kapelle erinnert, die mindestens 500 Jahre lang der Verehrung eines besonderen Heiligtums der Stadt, des Nägelinkreuzes, gedient hat.

Die genaue Herkunft des Kreuzes, das wohl Ende des 14. Jahrhunderts im Umfeld der Leidensmystik entstanden sein muss, verliert sich im Dunkel der Geschichte. Auch das Datum der Erbauung der ersten Kapelle und ihr Aussehen ist nicht mehr greifbar. Der Pfarrrektor Johann Jakob Riegger nennt in seinem Nägelinkreuz-Büchlein von 1735 noch einen Felderbrief von 1415 mit der ersten Nennung der Kapelle. Davon wußte auch noch der aus Villingen stammende Freiburger Kirchenhistoriker Johann Benedikt Käfer (1744 bis 1833) im 19. Jahrhundert. Seither aber wußte niemand mehr, wo in Villingen besagte Urkunde aufbewahrt wurde. Nun hat aber Frau Dr. Edith Boewe-Koob, die assistiert von Frau Gisela, das Klosterarchiv in St. Ursula neu geordnet hat, die vermisste Urkunde aufgefunden (Abb. 2 und 3).

Das Pergament von 1415 enthält einen Vertrag über ein Grundstück und der entscheidende Satz lautet: „Allernächst vor dem Bickentor hinter Nägelins Bilde“. Damit ist erwiesen, dass das Kreuz schon 1415 zu einer Grundstücksbeschreibung gebraucht werden konnte, also bekannt war und wohl auch schon verehrt wurde. Man darf mit Recht seine Aufstellung in Villingen in die letzten Jahre des 14. Jahrhunderts ansetzen. Inwieweit die 1659 von Stadtschreiber Franz Lipp aufgezeichnete und von Pfarrrektor Riegger 1735 ausführlich geschilderte Ursprungslegende historisch ist oder legendär, lässt sich nicht mehr belegen.

Abb. 2: Dr. Edith Boewe-Koob und Schwester Gisela.

 

 

Abb. 3: Urkunde zur Erbauung der ersten Kapelle.

 

Der große religiöse Ernst mit dem der Pfarrrektor Riegger die Ereignisse vom Ursprung der Verehrung des Nägelinkreuzes aus seiner Sicht verstanden wissen wollte, geht aus folgendem Zitat hervor. Das Zitat wird in Faksimile abgedruckt, es lautet:

„Damit dann diesem so heilsam als anständigen Werk für jetzt und das künftig gesteuert wurde, ist gegenwärtiges in der Stadthistorie völlig verkürztes Werklein von eurem schon altenten und durch 35 Jahr Pfarrrektoren aus der Zeit dem Nachsuchen und eigener Erfahrnus vielen habenden wahren Informationen, welcher er ohne Nachstand Gottes Ehr und eurer Stadt Nachteil nit unter dem finsteren und nassen Münsterboden mit sich zunehmen getrauete, in dieses Formular mit allseitigem Beirat gebracht worden.“

Abb. 4

 

Somit pflegen wir ein in der Frömmigkeitsgeschichte unserer Stadt tiefverwurzeltes Brauchtum, wenn wir die Erinnerung an die Bickenkapelle und die Verehrung des Nägelinkreuzes darstellen, erklären, begründen und somit in die Zukunft weitertragen. Das Aussehen der ersten, wohl hölzernen Kapelle, und ihrer eventuellen Nachfolgerinnen ist uns unbekannt. Die erste überlieferte Darstellung befindet sich auf der Pirschgerichtskarte, die Anton Berin 1607 gezeichnet hat, und die in Innsbruck aufbewahrt wird (Abb. 5). Auf ihr ist die topographische Lage klar ersichtlich und der Name „Unserer Frauen Kirch“ belegt, dass auch immer schon neben dem Nägelinkreuz die Verehrung der schmerzhaften Gottesmutter mit der Kapelle verbunden war.

Wir wissen, dass nach der Reformation und der Bauernkriege 1624 im schon begonnenen 30jährigen Krieg die Kapelle neu erbaut wurde. Johann Benedikt Käfer hat uns nach ihm noch vorliegenden Plänen eine Federzeichnung dieser Kapelle hinterlassen (Abb. 6).

Ihr Schicksal war kurz und ist bekannt. Nach 9 Jahren im Januar 1633, „im schärfsten Wintersfrost“, wurde die Stadt belagert und vom Bickentor her angegriffen. Die Feinde nutzten die Kapelle zur Deckung ihrer Batterien. Ein bei dichtem Nebel angestrengter Ausfall der Villinger konnte die Feinde aus der Kapelle vertreiben.

Abb. 5: Pirschgerichtskarte, Anton Berin, 1607, mit erster Darstellung der Bickenkapelle.

 

 

Abb. 6: Federzeichnung der Kapelle, Benedikt Käfer.

 

 

Nach Bergung des Nägelinkreuzes und der Schmerzhaften Mutter Gottes ins Münster, verbrannten die Villinger schweren Herzens die Kapelle mit allen darin enthaltenen Votiv- und Mirakelbildern, um dem Feind keinen Vorteil mehr zu bieten. Allerdings war vorher das Versprechen abgelegt worden, dass nach überstandener Belagerung die Kapelle wieder aufgebaut würde. Diese Versprechen wurde 1669 mit der Einweihung des Neubaus der Kapelle eingelöst. Mit dem Neubau erstarkte die Verehrung des Kreuzes neu. Durch die häufige Verwendung des Kreuzes bei Bittprozessionen war die Fassung des Korpus schadhaft geworden. Von verschiedenen Übermalungen und Ausbesserungen ist eine Neufassung von 1683, ausgeführt vom Fassmaler Kaspar Tober, urkundlich belegt. Diese barocke Fassung des gotischen Kruzifixes wurde 1978 bis 1982 von Frau Irmgard Schnell im Institut für Technologie für Malerei in Stuttgart wieder hergestellt und prägt das heutige Erscheinungsbild des Kreuzes.

Auf dem Stadtplan des Festungsingenieurs Gumpp von 1692 ist die neue Kapelle zu sehen (Abb. 7).

Abb. 7: Die neue Kapelle 1692.

 

So hat der Pfarrrektor Johann Jakob Riegger sie gesehen, und er hat den Besuch der Kapelle und die Verehrung des Nägelinkreuzes zu neuer Blüte geführt durch den Druck seines Büchleins im Jahr 1735, das nur noch in wenigen Villinger Familien erhalten ist. Es trug den Titel wie im Faksimile abgedruckt und lautet: „Villingische Dank- und Denkerneuerung zu der gekreuzigten Bildnus unseres Heilands Jesus Christi des Nägelinkreuz genannt in der Bickenkapelle.“ (Abb. 8).

 

Abb. 8

 

Es gehört zum Brauchtum, dass bei Kriegsgefahren das Kreuz aus der Kapelle genommen und im Münster oder bei den Franziskanern in Sicherheit gebracht wurde (z.B. 1677, 1688, 1702). 1715, nach der überstandenen Tallardschen Belagerung, wurde das Kreuz in feierlicher Weise in die Kapelle zurück gebracht. Es entstand der Brauch, dass am Festtag Kreuzerhöhung beim Gottesdienst in der Kapelle die Frauen auf der Männerseite Platz nehmen durften, als Zeichen der Anerkennung ihrer tapferen Haltung in den Ängsten und Bedrängnissen der Belagerung. Das äußere Erscheinungsbild der Kapelle blieb unverändert bis zu ihrer Zerstörung 1945. Im Innern gab es verschiedene Erneuerungen. So wurde 1750 ein neuer Hochaltar aufgestellt von Josef Anton Hops und Matthias Fotzeler. Die altehrwürdige Pieta verschwand und wurde durch eine neue von Hops ersetzt. Der ursprüngliche räumliche Zusammenhang von Kreuz und Pieta wurde aufgelöst. Der Zeitgeist wendete sich gegen das Wallfahrtswesen und wollte vor allem allen Aberglauben ausschließen. Man sollte das Kreuz nicht mehr mit wundersüchtigen Absichten berühren können. Deshalb wurde das Kreuz ganz nach oben in die Spitze des Hochaltars verbracht. Die Pieta verblieb unten auf der Altarmensa. Obwohl in der Zeit der Aufklärung und der josefinischen Reformen die Verehrung der Kapelle und des Kreuzes abgenommen hatten, blieb die Wertschätzung der Kapelle bei den Villingern erhalten. Das belegt ein Brief des Magistrats aus dem Jahr 1787 an die zuständige Landesstelle, die die Kapelle schließen und abbrechen wollte: „An den Tag der Aufhebung dürfen wir nicht gedenken. Die ganze Bürgerschaft wird zu verzweifeln tun und in den verlegensten Kummer versenkend. Vom größten Unglück würden die Villinger Bürger nicht so bestürzt werden als wie wegen der Aufhebung der Bickenkapelle“.

Abb. 9: Dominik Ackermann, 1851.

 

 

Abb. 10

 

 

Abb. 11: Kapelle nach dem Bahnbau.

 

So blieb die Bickenkapelle erhalten und sie war im 19. Jahrhundert zusammen mit der später abgebrochenen steinernen Brücke mit dem Heiligen Nepomuk ein echter Schmuck der Stadt, wie das schöne Bild von Dominik Ackermann aus dem Jahr 1851 beweist (Abb. 9).

Bild 10 bezeugt die malerische Verbindung zwischen Bickentor, Bickenkapelle und Altstadtkirche. Dieser Weg auf dem die Verstorbenen zum Grab getragen wurden, war auch durch den Stationenweg ausgezeichnet. Selbst nach dem Bahnbau blieb mit der Bickenkapelle das ansprechende Ambiente vor den Mauern erhalten (Abb. 10 u. 11).

Eigentlich war es still geworden um die Bickenkapelle. Gottesdienste wurden nur noch an den Festen Kreuzauffindung und Kreuzerhöhung gefeiert. Als 1933 bei Reinigungsarbeiten das Kreuz vom Altar herunter fiel, schien es unwiederbringlich verloren. Aber es gelang Professor Hübner im Freiburger Augustiner-Museum das Kreuz so sorgfältig zu restaurieren, dass sein Zustand nachher besser war als zuvor. Während der Zeit des Nationalsozialismus diente die Kapelle als Zufluchtsort der Katholischen Jugend, deren Zusammenkünfte außerhalb der Kirche verboten waren (Abb. 12). Die Luftangriffe auf Bahnanlagen vermehrten sich.

Abb. 13: Zerstörung vor Kriegsende.

 

Abb. 12: Kapelle nach 1933.

Und so lies 1942, getreu der alten Tradition, der Münsterpfarrer Max Weinmann das gefährdete Kreuz ins Münster holen. Wie recht er hatte zeigte sich am 20. Februar 1945 mit der Zerstörung der Kapelle und zahlreicher anderer Gebäude in Bahnhofsnähe durch Fliegerbomben (Abb. 13).

Abb. 14: Das Nägelinkreuz im „Finsteren Chörle“ im Münster.

 

Die Kapelle ist verloren. Ihr kostbarer Inhalt nicht. Im Münster auf dem Kreuzalter fand das Kreuz zu seiner alten Verehrung während der Kriegszeit zurück. Später, bis zur Renovation, war es in der südlichen Turmkapelle aufgestellt und oft besucht von vielen Gläubigen. Die Tradition der Kreuzverehrung vor dem Bickentor wird weitergepflegt in dem man der neuen Pfarrkirche auf dem Bickenberg den Titel Heilig Kreuz gegeben hat.

Da die Verehrung des Kreuzes zurück reicht bis in die Zeit der noch ungeteilten Christenheit, wurde es nach der Münsterrenovation 1982 in einer beeindruckenden ökumenischen Feier an seinen, jetzt hoffentlich endgültigen, Ort übertragen in die nördliche Turmkapelle, genannt „Das Finstere Chörle“. Von den mittelalterlichen Votivgaben, den Weihegeschenken, die dem Kreuz verehrt wurden, haben sich nur das silberne Herz von 1710 und die vergoldeten Strahlen um das Haupt von 1748 erhalten. Heute brennen als Weihegaben Tag für Tag zahlreiche Opferkerzen vor dem Gekreuzigten und der Pieta als sichtbare Symbole von Bitte oder Dank. Der leicht zugängliche Standort im Münster im Herzen der Stadt, die anheimelnde Atmosphäre in der kleinen Kapelle, der Lichterschein der vielen Kerzen und das Bewußtsein vor einem Jahrhunderte alten Heiltum zu stehen, machen das Nägelinkreuz, hoffentlich bleibend, zu einem vielbesuchten Besinnungs-, Trost- und Zufluchtsort für viele Gläubige aus der Stadt und der Umgebung.