Gotthard Glitsch zum Geburtstag (Helmut Kury)

In diesem Jahr wurde Gotthard Glitsch 70 Jahre alt. 23 Jahre bis zum Herbst vergangenen Jahres war er Vorsitzender des Kunstvereins Villingen- Schwenningen. Das ist Grund genug sein druckgrafisches Werk an dieser Stelle vorzustellen. Im Sommer hatte der Kunstverein seinem Ehrenvorsitzenden eine Sonderausstellung im Franziskanermuseum gewidmet.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Gleich zu Beginn seiner Amtszeit im Kunstverein fand eine Neuorientierung der früheren Künstlervereinigung statt. Der eingetragene Verein bekam eine Satzung und der Name wurde geändert, dem politischen Zusammenschluss von Villingen und Schwenningen gemäß.

In diesen 23 Jahren fanden auch überregional bedeutende Ausstellungen unter Federführung des Kunstvereins VS statt. Höhepunkte waren während der Landeskunstwochen 1988 die Ausstellung „Imago“ in der Benediktinerkirche und 1993 zum 40-jährigen Bestehen des Kunstvereins die Ausstellung „Werkstoff Papier“. 1999 folgte zum 1000-jährigen Stadtjubiläum „Vergangenheit ist heute“ und schließlich zum 50-jährigen Bestehen des Kunstvereins 2003 „Quintessenz“. Durch seine ausgleichende, unverwechselbare Persönlichkeit hat Gotthard Glitsch eine ganze Generation hindurch dem Kunstverein Profil gegeben. Mit seinen Eröffnungsreden bei den Jahresausstellungen verstand es Gotthard Glitsch, die Besucher in seinen Bann zu ziehen. Denn so wie er als Radierer und Holzschneider seine Stichel und Messer präzise in die Platten eingegraben hat, versteht er es auch mit der Sprache meisterlich umzugehen und seine Reden zu Kunstwerken werden zu lassen.

1937 in Niesky in Schlesien geboren, lebte Gotthard Glitsch seit 1946 in Königsfeld. Nach dem Abitur 1956 machte er zunächst eine Lehre als Glasmaler in Rottweil. Von 1958 bis 1963 studierte er dann in Karlsruhe an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste bei HAP Grieshaber, Emil Wachter, Otto Laible und Walter Herzger. Von 1963 bis 1991 lebt er als Malerradierer in Königsfeld.

Die frühen Arbeiten des Gotthard Glitsch, mit kritzelicher, nervöser Strichführung ausgeführt, zeigen in Themen wie die „Jasager“, „Gigantenleben“, „Gefällter“ und „Angreifer“ umrisshafte Figuren. Die Körper sind verdreht, zeigen Aufruhr, überziehen das Blatt in wilden Bewegungen, zeigen den Künstler der sich widersetzt, der sich befreit, der seinen Weg sucht.

 

 

 

GLAK J/E: V:3. Ausschnitt: Belagerung der Stadt Villingen am 11. Januar 1633.

 

Janus, Radierung 1981.

In späteren Werken werden die menschlichen Figuren, die antikem Gedankengut entstammen, in geometrischen Mustern eingeengt. Sie werden in hell-dunkel ausgearbeitet und werden körperhaft. Es scheint, dass der Künstler durch die strenge rationale Umfriedung der Körper sich vor ausufernder Formfindung Grenzen setzt. Durch die Gegensätzlichkeit von organischer Körperlichkeit und geometrischen Strukturen, wirken die Bilder sehr direkt, provokant und befremdlich. Sie zeigen Einsamkeit und das auf sich Geworfensein des Menschen. Es ist der Balanceakt zwischen Körperlichem und Seelischem. Denkbilder nennt sie Gotthard Glitsch.

Ende der 1970er Jahre ist Glitschs Welt nach Milan Chlumsky eine Welt voller Klagen, voller Zweifel an der Gültigkeit des Wortes und des Symbols. Es entstehen die Radierungen „kleiner Gekreuzigter“, „Klage“, „Dulder“ und andere. Sie sind Ausdruck innerer Not und Fragen nach Sinn oder Nutzlosigkeit des Daseins.

1991 erfolgt der Umzug nach Heidelberg. Vom Schwarzwald mit seinen statischen Tannenwäldern zum Laubwald mit seinen Veränderlichkeiten durch Jahreszeiten, Wind, Wetter und Licht. Die menschliche Figur verschwindet aus seinem Werk, nach einer Phase von Aquarellstudien in der freien Natur entstehen ab 1989 die ersten Landschaftsradierungen und ab 1990 nur noch Landschaften.

Waldtritt, Radierung 1975

 

 

 

Confocale Liegende, Radierung 1976

 

Am Pfahl, Radierung 1980.

 

 

Kristallwuchs, Aquatinta 1997 (Ausschnitt).

 

Draußen in der Natur fand er alles vor, was er später in seinen Landschaftsradierungen bildhaft erfasste: Wolkenbilder, die Landschaftsveränderungen in den verschiedenen Jahreszeiten – Sturm, Regen und hundertfach atmosphärische Stimmungen. In unzähligen Bildern hat er die Dynamik und Dramatik von Wolkenbildern festgehalten. „Die ewige Dramaturgie von Dunkel und Helligkeit und die Kupferplatte ist die Probebühne solcher Licht- und Schattenspiele … Und so gilt die tiefste Neigung des Radierers der unaufhörlichen Wandlung der Platte.“ So schildert Gotthard Glitsch das Entstehen einer Radierung. Und auf eine weitere wichtige Sache weist er immer wieder hin. Der Radierer ist der einzig künstlerisch Tätige, der mit erneuter Ätzung oder Überarbeitung der Platte bis zum Endpunkt einer Reihe Zustandsdrucke entstehen lässt, die die Absicht des Künstlers verfolgen lassen. Gotthard Glitsch versteht es so, ganze Zyklen entstehen zu lassen, indem er mit meisterlicher Technik intuitiv und seiner Phantasie folgend Licht und Schatten verändert. Es gibt in seiner Arbeit ebenso wie in der Natur keinen Stillstand.Zu seinen Arbeiten sagt Gotthard Glitsch: „Nun weißt du es unwiderleglich, dass es Wandlung ist, die aller trägen Verhärtung entgegen, dein Tun fortan bestimmt. In jeder radierten Platte, wie in einem Auffangschirm wirst du sie aufscheinen lassen. Sie führt dich in die Brüderschaft, die Lichtgemeinschaft zu Pflanzen und Tieren und gewiss noch auf den Berg, der eine Wolke war und einen Stern gebiert.“ Wie schwierig die dauernde, ausschließliche Auseinandersetzung mit der Radierung sein kann, zeigt ein Gespräch mit ihm. Er beschreibt einen Zustand, in dem er nur noch schwarz-weiss sehen konnte. Farbe wurde von ihm völlig ausgeschlossen, das ging so weit, dass er nur noch nachts ins Freie gehen wollte. Vielleicht war das mit ein Grund, die Radierungen aufzugeben und sich den Farbholzschnitten und Linolschnitten zuzuwenden.

Es entstehen lichtdurchflutete Blätter, deren Entwicklung man an verschiedenen Zustandsdrucken gut erkennen kann. Er beschreibt diese Technik des Farbholzschnittes so: Der erste Abzug erweist sich als eine Art Grundierung, die durch kontrastierendes Überdrucken mittels einer zweiten oder dritten Platte eine vielfach gestufte Steigerung erfährt. In seinen Linolschnitten, die parallel dazu entstehen, entwickelt er eine Bewegungsdynamik, die in ihren Verdichtungen und Aufhellungen, in großzügigen Linienführungen spannungsreiche Bilderentstehen lassen. Zum Schluss soll der Literat noch zu Worte kommen: Ein Meister rascher Prankenschläge mit der Hand, der schlanken, präge ständig neu gewagte Zeichen, wo andre, leicht Verzagte, weichen. Ist es seiner Sicht gelungen wie empor ins Licht gesungen zeigt sich, was formenlos wild gebannt seit er es ins Bild gewandt.

Wünschen wir unserem Geburtstagskind noch viele Jahre solch schöpferischer Kraft!

Bergwoge, Radierung 1995

 

 

 

Rotunde – Zweiter Zustand von Drei, Radierung 1999

 

 

 

 

 

Stadtschlucht I, Radierung 1996.

 

 

 

 

Stadtschlucht II, Radierung 1996.

 

Stadtschlucht III, Radierung 1996.

 

 

Stadtschlucht IV, Radierung 1996.

 

 

 

 

Knochenleiter, Farbholzschnitt 2003.

 

 

 

Feuerschwingen, Farbholzschnitt 2004.

 

 

 

 

Herzstreben, Farbholzschnitt 2004.

 

 

 

Velum I, Farbholzschnitt 2005.