Juliana Ernstin:Eine Chronik aus dem 30-jährigen Krieg (Edith Boewe-Koob)

Priorin 1637–1655, Äbtissin 1655–1665 des Klosters St. Clara zu Villingen

In einem unscheinbaren Buch, das in braunem Packpapier eingebunden war, wurde das lang vermisste Original der Chronik über den 30-jährigen Krieg1 im Archiv des Klosters St. Ursula entdeckt. Die Schreiberin war die damalige Priorin der Klarissen und spätere Äbtissin Juliana Ernstin, eine Villinger Bürgerstochter. Sie war Zeitzeugin und konnte deshalb die Schrecken des 30-jährigen Krieges aus eigener Erfahrung schildern. Lange Zeit war diese wichtige Quelle nicht auffindbar.

Nun kann dieser Bericht, der nicht nur für Villingen, sondern für den ganzen südwestdeutschen Raum von großer Bedeutung ist, der Allgemeinheit vorgestellt werden. Die Chronik wurde in lesbares Deutsch übertragen, ohne aber den Satzbau gravierend zu ändern. Die mit „und“ verbundenen langen Sätze wurden öfters geteilt, um die Anhäufung von Haupt- und Nebensätzen zu umgehen. Dadurch wird das Textverständnis erleichtert. Das Tempus wurde, soweit es ging, beibehalten, um die Aussagekraft des Textes aus dem 17. Jahrhundert nicht zu verringern. Durch den häufigen Gebrauch des Präsens, des sogenannten „epischen Präsens“, wird die Schilderung lebhaft und unmittelbar. Die Benutzung des Perfekts, der charakteristischen Erzählform, bringt die Abgeschlossenheit eines Geschehens zum Ausdruck. Um jedoch eine Überhäufung des Perfekts zu umgehen, wurde öfters eine andere Vergangenheitsform eingesetzt.

Die Aufzeichnungen beginnen auf folio 39v. und enden unvollendet auf fol. 49r. Im ersten Teil des Buches wurden tägliche Haushaltsaufzeichnungen des Klosters aufgeschrieben. Das zeigt, dass das Diarium2 bis auf die letzten Seiten für die Chronik aus Sparsamkeit benutzt wurde.

Frauwe Clarissen aus dem Zeichenbuch des Klarissenklosters in Villingen.

 

(Fol. 39v) Item, anno 1631 ist durch den Krieg große Not entstanden, da der König aus Schweden in das deutsche Land eingedrungen ist. Er hat das ganze Frankenland verdorben und eingenommen, auch Speyer und Mainz. Anderen Städten hat er drohend gesagt, er wolle das Fastnachtsküchle3 beim großen Bischof zu Meersburg und Konstanz holen. Auch wolle er Überlingen und Rottweil, auch das Städtchen Villingen, Freiburg und das ganze Elsass einnehmen. Was er sich vorgenommen hat, das wird ihm gewährt durch unsere Schuld und unsere Sünden.

Teilabschnitt der Chronik Handschrift der Priorin Juliana Ernstin.

 

Der Schwede hat unzählig viel Volk. Wenn man ihn erst einmal geschlagen hat, bringt er gleich noch mehr Verbündete. Er und sein Volk haben verbreitet, dass er das Glück von Gott habe, denn was er sich vornimmt, das wird ihm gelingen. Etliche Leute haben ihn für Gott angesehen und ihre Kinder in des Schwedens Namen gesegnet und niedergelegt. Die alten Leute haben sein Zeichen angesteckt, wie wir Ablasszeichen tragen. Sie haben den Namen unsers lieben Herrn in des Schwedens Namen geändert und gesagt: „Der Schwede soll helfen, Gott könne nicht mehr helfen, Gott hat kein Volk mehr“.

Der Schwede nimmt überhand und erobert sodann München und Augsburg. Er verbrennt und verdirbt alle Dörfer und Flecken, dass man etliche Meilen über Leichen, über Ross und Vieh gehen muss. Alles ist durcheinander. Die Felder liegen brach, kein Mensch kann sobald mehr anbauen.

Item, er hat den Fürst aus Kempten vertrieben (fol. 40r), Weingarten und das Schloss Reichholz besetzt und geplündert, den Sitz des Bruders unserer herzgeliebten Frau Mutter Äbtissin, Ursula Cabellissin. Alles was er überfällt, das plündert und verdirbt er. Auch Ochsenhausen und Salmenschweil4 hat er eingenommen. Viele Besitzer wurden etliche mal vertrieben, und die Herren gefangen genommen und eine große Retribution5 von ihnen gefordert.

Item, anno 1631 ist der Württemberger auch schwedisch6 geworden und hat wegen der Klöster viel Unruhe gestiftet. Die Klöster hat unser Kaiser vor vier Jahren, im 28. Jahr, von den Württembergern wieder zurückgewonnen. Der Württemberger und andere lutherische Fürsten haben dem König von Schweden geschrieben und ihn in das Land gelockt, ihm den Grund angegeben und ihn um Hilfe angerufen, damit er (der Württemberger) die Klöster wieder in seinen Besitz bekomme. Daraufhin haben die Verbündeten einander geholfen die Klöster wieder zu überfallen, und die Prälaten erneut zu vertreiben. Durch etliche feindliche Soldaten wurde eine große Heeresmacht ankündigt. Also sind die guten Herren vertrieben worden und es wurde ihnen alles wieder abgenommen. Auch viele Frauenklöster wurden ausgeraubt und die Schwestern verjagt. Der Schwede und der Württemberger haben sich zusammengerottet und sind in das Land eingedrungen. Im Jahr 1632 sind alle Klöster wieder in ihren Besitz gekommen und noch andere Besitztümer dazu.

Item, anno 1632 hat der Schwede dem großen Bischof zu Meersburg im Monat Januar angekündigt, dass er das Fastnachtsküchle holen wolle, es müsse ihm gehören, auch wenn es am Himmel in Ketten hinge. Aber Gott hat das noch nicht zugelassen. Doch im Juli ist ein Kriegshaufen vor (fol. 40v) die Stadt Überlingen gekommen, während die Leute in der heiligen Messe waren. Die Feinde fingen an zu schießen, dass die Priester von den Altären weggegangen sind und den Bürgern der Stadt die Kugeln geweiht haben. Mit Gottes Hilfe sind die Feinde vertrieben worden. Etliche Tage später zogen die Gegner nach Meersburg. Fast hätten die Meersburger die Abwehr versäumt, denn ihr Oberst „jst weins truncken geweßen“. Dadurch sind die Schweden auf den See gekommen, doch mit der Hilfe Gottes wurden sie wieder verjagt und etliche der Schweden in den See gestürzt.

Item, die Württemberger und Schweden7 sind verbündet nach Offenburg gezogen um die Stadt einzunehmen. Dies ist mit dem Willen der Obrigkeit der Stadt geschehen. Die Bürger wollten sich wehren und haben es auch drei Tage heldenhaft getan. Aber die Obrigkeit hat mit den Schweden Kontakt aufgenommen und ihnen viel Kontribution8 versprochen. Dadurch haben die Schweden den Offenburgern alles genommen und die Beute nach Straßburg geführt. Nach ein paar Tagen kamen die Gegner wieder und begehrten etliche tausend Taler von den Offenburgern, weil sie die Stadt verschont und nicht verbrannt hatten. So musste Offenburg auch schwedisch werden.

Item, die Feinde sind bis ins Elsass gezogen und haben Benfelden angestürmt. Doch sie wurden wiederum vertrieben9. Aber sie kamen wieder und haben neun Wochen die Stadt belagert. Durch das dauernde Schießen sind etliche Einwohner von Benfelden um ihr Gehör gekommen und irrsinnig geworden. Die Einwohner haben sich ernstlich und heldenhaft gewehrt …

(Hier wurde der Text durch einen späteren Eintrag der selben Hand unterbrochen) Item, lang bevor wir (Anm. in Villingen) belagert waren, hat man auch in unserer Stadt viele Geschütze am Horizont stehen sehen. Feuer und Rauch sind aus den Geschützen gekommen.

(fol. 41r) und wollten sich noch weiterhin wehren und nicht ergeben. Da hat der Feind einen unterirdischen Gang gegraben und ist so in die Stadt gekommen. Er hat alle Einwohner vertrieben. Dann sind die feindlichen Truppen in das Elsass gezogen und streifen dort hin und her, so dass niemand sicher wandeln kann. Die Gegner haben alles verjagt und verbrannt und auch Ensisheim eingenommen. Die Regierung ist in Breisach. Aus Freiburg wurden zweimal alle Bürger verjagt – auch am 29. Juni.

Item, am 26. Mai 1632 hat sich der Württemberger auch in unserer Stadt und in Rottweil angekündigt. Das erste Mal mit guten und einschmeichelnden Worten, als wolle er ein guter Nachbar sein und uns vor fremden Fürsten und Überfällen beschützen. Er möchte beschützen, so lang bis der Kaiser wieder mächtig sei und allgemeiner Friede herrsche. Dann sollen wir wieder unsere alten Herren und Obrigkeiten erhalten. Daraufhin haben unsere Herren der Stadt und die Bürgerschaft bei unseren wohlehrwürdigen Vätern vom Barfüßerkloster Rat gehalten und sich entschlossen, dies der Regierung mitzuteilen. Erst dann wollten sie Bescheid geben, wie sie sich dem Württemberger gegenüber verhalten würden. Es ist ein solcher Jammer in der Stadt gewesen. Der eine Teil will sich wehren, der andere Teil will sich ergeben, wenn es schon sein müsse schwedisch zu werden, es werde nicht lang dauern. Diese Meinung ist von der Obrigkeit gekommen. Die Bürgerschaft aber ist zu Rat gegangen und hat entschieden, dass neun gewählte Personen zur Regierung geschickt werden. Diese kamen gleich vor den Obristen, dem unsere Stadt empfohlen war. Sie haben ihm unsere Sache vorgebracht und sind auch gleich erhört worden, so dass sie mit einem Obristen, mit Namen Obrist Aescher, einem gewaltigen Kriegsheld, nach Villingen zurückkehren konnten.

(fol. 41v.) Unterdessen verlangt ein Rittmeister Röllinger, der zu den Schweden gehört, von den Herren der Stadt Proviant und Kontribution. Unsere Herren haben ihm mitgeteilt, dass sie keinen Proviant für ihn und sein Volk hätten. Die Stadt will sich zu Wehr stellen, wir bekommen Unterstützung10, Reiter und Fußvolk – es ist aber noch keine Hilfe angekommen –. Deshalb war die Stadt in großen Sorgen, dass „… die beschehene anthrehung mechte vellstreckht werden …“ (der Feind seine angekündigte Drohung ausführen und uns überfallen würde). Durch besondere Fügung Gottes musste der König von Schweden dann all seine Soldaten in Eile nach Nürnberg abrufen, so dass die Schweden (Anm. aus unserem Gebiet) abziehen mussten. So sind wir wieder der Gefahr entkommen.

Es sind etliche Herren von Rottweil hierher gekommen und haben sich aus guter Nachbarschaft angeboten uns Hilfe zu bringen. Sie kamen aber von dem Württemberger und haben schon mit diesem die Vereinbarung11 getroffen, ihm zu huldigen, auch ohne der Bürgerschaft Wollen und Wissen. Die Bürger haben sich auch ein wenig gewehrt, aber als sie den Ernst des Württembergers gesehen haben, gleich aufgegeben und danach gegen uns mit den Feinden gekämpft.

Auch die Tuttlinger erboten sich gute Nachbarschaft mit uns zu halten. Doch ein württembergischer Untervogt, namens Jörg Schmid, begehrt hier den Amtshof des Klosters St. Georgen und das Kloster St. Georg mit ernstlichen Befehlen an unsere Herren. Sonst werde man es in der Hand haben und wissen, wie man die Stadt überfallen könne.

Bald danach, am 12. Oktober, hat sich der Württemberger12 mit Kriegsvolk zu Fuß und zu Pferd, man sagt mit 10 000 Mann, vor Rottweil sehen lassen. Er verlangte den Bescheid, ob die Stadt unter seinen Schutz und Schirm gestellt werden wolle. Bei einer Absage würde die Stadt von den Württembergern überfallen. Jetzt aber seien sie zwar noch nicht als Feinde, sondern als gute Freunde da. Sie wollen die gute Nachbarschaft erhalten, ehe ein anderer Ausländer komme, sich in das Nest setze und die Stadt überwältige. (fol. 42r) Der Württemberger hoffe, dass sich die Stadt Rottweil unter seinen Schutz und Schirm begebe.

So ist es geschehen. Die Rottweiler haben jedoch kein Geld gegeben, sondern ihm nur Huldigung für einige Zeit versprochen. Also ist der Feind von Rottweil abgezogen und hat in den Dörfern um Rottweil ein Nachtquartier errichtet, gerade 1, 2 und 3 Stunden von uns (Anm. Villingen) entfernt.

Darauf ist am folgenden Donnerstag ein württembergischer reitender Kurier um 9 Uhr vormittags vor unsere Stadt gekommen. Er begehrt vor den Bürgermeister und die übrigen Amtsleute geführt zu werden und gab an, dass ein fürstlich württembergischer Generalquartiermeister, ein Herr von Gültlingen, nebst einem Kommissar mit 40 Reitern nicht weit von der Stadt sei. Sie hätten im Namen des Herzogs von Württemberg etwas mündlich dem Magistrat mitzuteilen. Man solle einige Personen zu ihnen herauslassen, oder sie in die Stadt einlassen. Man gibt ihnen zur Antwort:

„Sechs Personen heraus und ebensoviel von ihnen vor eines der Tore.“

Der Gültlinger und der Kommissar kommen mit anderen, wie verabredet, vor das Tor und tragen ihr Anliegen den Herren der Stadt vor. Der König von Schweden habe viele Städte ausländischen Potentaten und fremden Fürsten übergeben, bald diese und bald jene Stadt diesen verehrt und geschenkt. Um zu verhindern, dass unsere Stadt, die an Württemberg grenzt, auch dieses Los treffe, und nicht einem Fremden zum Raub und Anteil würde, und um die gute Nachbarschaft zu erhalten, hätte er eine Armada von 10 000 Mann in dieses Land beordert. Er habe den Befehl, alle Orte in Güte unter seinen fürstlichen Schutz und Schirm zu stellen. Wer sich nicht freiwillig unterwerfen würde, den wolle er mit Gewalt zwingen. Andere Orte hätten sich schon unter seinen Schutz begeben, wie Rottenburg, Horb, Oberndorf, Schömberg und die Stadt Rottweil. Er verspricht den Herren, uns bei unserer lieben Religion und Privilegien, unseren bisherigen Rechten und Gerechtigkeiten zu lassen, und uns nicht im geringsten zu belästigen. Wir sollen auch von allen Heeresdurchzügen, Einquartierungen und Musterungen gesichert und verschont bleiben.

Unsere Herren von der Obrigkeit (fol. 42v) haben zur Antwort gegeben, dass sie einen Waffenstillstand begehren, bis sie Nachricht von unserem Erzherzog Leopold13, unter dessen Schutz und Schirm wir stehen, erhalten. Es würde sich nicht geziemen vorher eine andere Schutzherrschaft anzuerkennen. Der Gültlinger hat aber jeden Termin verweigert und gedroht, uns mit Gewalt zu verderben und ruinieren. Wir sollen ermahnt und gewarnt sein. Unsere Herren haben dann wenigstens so lang um Aufschub gebeten, bis sie sich mit den Bürgern beraten haben. Dieses Angebot wurde vom Gültlinger angenommen. Die Bürgerschaft und der Magistrat der Stadt versammelten sich in der Barfüßerkirche und berieten, welche Antwort dem Gültlinger und dem Kommissar zu überbringen sei. Die Bürger haben einhellig beschlossen, das Problem erst vor seine fürstliche Gnaden und dessen Räte gelangen zu lassen. Während dieser Beratung in der Barfüßerkirche ist die ganze Armada auf dem Bickenberg und droben auf der Wanne gestanden. Wenn wir ins Rondell14 oder an das Türchen gingen, konnten wir sie sehen. Man hat den Bürgern verboten Feuer zu geben und auf die Feinde zu schießen.

 

GLAK H/B – S.I.V: 4 (1685–1695) Ausschnitt: Bickentor, Klarissenkloster mit dem sog. Rondell.

 

Ach, wie sind wir in großer Angst und Not gewesen. Wo wir konnten, haben wir unsere Armut15 versteckt. Unsere Frau Mutter Ursula Cabellissin hat uns geraten die Habite anzulegen. Jede soll ein Bündel mit Hauben, Schleier und was wir nötig haben zusammenpacken. Damit wir im Notfall etwas bei uns haben (fol. 43r). Wir haben geglaubt überfallen zu werden.

Unser wohlehrwürdiger Beichtvater Pater Johannes Kneyer16 und der wohlehrwürdige Pater Ludwig Ungelehrt, der bisherige Guardian in Speyer, der dort von den Schweden vertrieben wurde, sind zu uns an das Tor oder an die Pforte gekommen. Sie haben uns zugeredet, dass wir uns nach einem anderen Haus umsehen sollen, falls die Feinde uns vom Bickenberg her überfallen. Sie haben uns auch geraten, weltliche Kleider anzuschaffen, damit wir nicht gleich als geistliche Frauen erkannt werden, denn die Feinde seien grausam und schändlich mit den geistlichen Personen umgegangen, wenn sie solche angetroffen haben.

Der ganze Konvent ist beisammen an der Pforte gesessen, wir haben nicht gewusst wie es uns gehen wird. Das ist am Vormittag um 9 Uhr gewesen. Gleich nach der heiligen Messe hat man ein großes Lärmen vernommen, keine hat den ganzen Tag etwas gegessen, bis um 2 Uhr nachmittags der Feind abgezogen ist. Er hat sich dann in den Flecken und Dörfern um die Stadt herum ein Nachtquartier gesucht und ist schrecklich mit den Untertanen umgegangen. Er hat alles geplündert, verwüstet, verdorben und vertrieben.

Am 15. Oktober sind die Feinde weiter nach Fürstenberg und Hüfingen gezogen. Die Hüfinger haben sich gewehrt, wurden aber überwunden. Die Gegner drangen in die Stadt ein und haben viele Bürger niedergemetzelt und ein großes Blutvergießen in der Stadt angerichtet. Während der Feind überall umherschweift, haben unsere Herren zwei Gesandte nach Stuttgart geschickt, um beim Herzog um Schonung für unsere Stadt zu bitten, damit wir nicht überfallen würden. Sie sind aber nur bis Rottweil gekommen und mussten dort wieder umkehren.

Unterdessen ist die Abordnung der neun Männer wieder vom Markgraf von Baden und dem Feldobristen zurückgekommen. Sie haben gute Nachricht mitgebracht. In einigen Tagen würde Verstärkung kommen. Die Bürgerschaft und wir waren herzlich erfreut.

Vom 12. Oktober an bis zur richtigen Belagerung hat sich der Feind jeden Tag auf dem Bickenberg, mit 20–50 Reiter sehen lassen. Man ist nirgends sicher gewesen. Der Feind hat Ross und Vieh gestohlen. Es ist Not über Not gewesen. In unserer Scheuer zu Aasen haben wir die Frucht aus dem Jahr 1632 liegen gehabt. Von diesem Zehnten haben wir nicht mehr als 8 Malter bekommen. Alles andere hat uns der lutherische Vogt von Biesingen, ein böser Mann, gestohlen (fol. 43v) und dem Feind zugeführt. Also haben wir bittersten Mangel erleiden müssen. Wir haben keinen Niesbrauch mehr von 1632 bis jetzt in das 38. Jahr. Gott erbarme sich unser.

Jetzt berichte ich wieder von den guten Bürgern, die uns so gute Nachricht gebracht haben. Am 7. November ist der wohledle und gestrenge Herr Johann Wernher Aescher von Bünningen, ein wohl erfahrener Kavalier, mit 520 Mann, mit großem Glück hier eingetroffen. Am nächsten Tag hat er gleich den Rat und die Bürgerschaft in die Barfüßerkirche zu unseren Vätern gerufen. Dort hat er mitgeteilt, dass er jetzt Kommandant der Stadt sei. Obrist Aescher nimmt der ganzen Gemeinde, den Herren und dem Bürgermeister einen Eid ab. Er stellt sie unter die Pflicht zusammenzuhalten und stets mit Gut und Blut füreinander da zu sein. Dazu soll sich jeder gern bereit halten. Er ordnet an, dass ein feierliches Amt zu Ehren der Himmelskönigin in der Barfüßerkirche abgehalten werde, an dem die ganze Gemeinde teilnehmen müsse, um göttliche Gnade und Beistand zu erflehen.

Auf Befehl des Obristen Aescher werden alle Tore und Mauern mit Wächtern besetzt. Auch lässt er unter den Dächern die hohen Balken abheben und große Schanzkörbe flechten, die mit Erde und Steinen gefüllt, auf die Dächer geschafft werden sollen. An einigen Stellen der Stadt sind Schanzen und Batterien errichtet. Die Verteidigungsgeräte und Geschütze lässt Aescher auf die Schanzen führen und eine Pulvermeile bauen, damit ein großer Vorrat an Pulver, Blei, Eisen, Steinen und Bleikugeln untergebracht werden kann. Denn in der Stadt waren nur wenig Vorräte an Verteidigungsmittel vorhanden.

Den Bürgern wäre es ohne die Aktivitäten des Kommandanten sehr übel ergangen. Sie sind so einfältig gewesen zu glauben, dass es bei einer Belagerung genüge, große Geschütze unter die Tore zu stellen und diese gegen den Feind abzufeuern (fol. 44r). Damit wäre unsere Sache „… wol verschinfft vnd verschertz gewessen …“ (ohne Erfolg geblieben). Der Kommandant hat die Tore geschlossen und nur das obere und untere Tor offen gelassen, die Brücken aufgezogen und das Wasser auch in den inneren Graben gelassen. Für die Bauern hat er eine Ordnung aufgestellt, damit sie wussten was sie im Fall eines Überfalls tun sollten. Bürger ließ er Dragoner werden, jung und alt, und hat diese Truppen auf Posten verteilt. Jeder hat gewusst, was er bei Tag und Nacht tun solle.

Unsere ehrwürdige Frau Mutter Äbtissin Ursula Cabellissin und unsere liebe Mutter Priorin Katharina Hillesönin haben unseren ehrwürdigen. Beichtvater gefragt, wo wir die Zinsbrieflein, die sakralen Gegenstände und das wenige Silbergeschirr, das wir noch hatten, verstecken sollen. Der größte Teil des Silbers musste für Nahrungsmittel17 verkauft werden. Der Beichtvater hat geraten, dass wir die wichtigsten Dinge verstecken sollen. Daraufhin ließ unsere Frau Mutter im Krugkeller18 ein Gewölbe ausbauen. Das Wasser ist dazumal noch nicht im Graben auch nicht im Keller19 gewesen. Dort und unter der Stiege im Speisgatter haben wir unsere Sachen versteckt, auch Tröge mit Kutten, Pelze, Leinwand, Bettbezüge20 und die Dinge, die jeder Mutter und Schwester lieb gewesen sind und diese nicht gern verloren hätten. Auch Bilder und Kindle21 aus der Kirche und Sakristei, sowie Tücher, Chorgewänder und Geschirr haben wir einmauern lassen. Wir haben die Dinge etliche Wochen darin gelassen und geglaubt, es richtig gemacht zu haben. Als man aber das Wasser in den inneren Graben lässt, kommt dieses auch in den Keller. Anfangs war das Wasser nicht tief, aber nach und nach wird es immer tiefer und kommt an unsere Pelze und Kutten. Deshalb haben wir den Maurer kommen lassen, der das Gewölbe wieder aufbrechen musste. Das Wasser war überall so tief, dass es den Knechten, die mit Wasserstiefeln hineingewatet waren, bis unter die Arme gegangen ist. Sie haben die Tröge mit den Kutten und Pelzen (fol. 44v) und alles andere wieder herausgezogen und heraufgetragen. Wir haben die Pelze wie Hemden ausgewunden, mit Kleie22 überschüttet und langsam trocknen lassen und brachten sie dann wieder ein wenig in Ordnung. Die Kutten haben wir zum Trocknen in den Garten gehängt und danach in ein anderes Versteck gebracht. Im Nebenhaus haben wir unter Latten und Brettern die Tröge aufgestellt und unsere Sachen, die uns lieb waren, darunter versteckt. Auf die Tröge haben wir Dielen und Bretter und sonstiges Holzwerk gelegt und lange Zeit dort liegen lassen. Weil wir aber geglaubt haben, dass die Kleidungsstücke muffig werden könnten, holten wir alles wieder hervor. Die Fässer, Tröge und Latten ließen wir stehen, damit wir jederzeit die Sachen wieder verstecken konnten. Keller und Graben standen zwei Jahre unter Wasser. Wir haben den großen Psalter gebetet, auch die himmlische Hoff(nung) und etliche Ecce Homo, die 24 Tausend Ave Maria und dem Jesuskind einen Psalter Davids.

In Mönchweiler hat sich ein württembergischer Leutnant eingenistet. Er hat seine Leute ausgeschickt, die Straßen zu besetzen. Sie haben unsere Bürger belästigt und übel geschlagen. Daraufhin ist am 22. November Obrist Aescher mit unseren Bürgern nach Mönchweiler aufgebrochen, hat über 50 Feinde getötet und über 300 Stück Vieh und Pferde hierher gebracht und die Schanzen zerstört. Von unseren Bürgern wurden zwei getötet und drei verwundet.

Item, nun will man unseren Obrist Aescher mit seinen Leuten nach Breisach schicken. Aber unsere Herren und Bürger haben beratschlagt und dann den Dr. Steidele23 dorthin gesandt. Er solle – bitten, dass der Obrist hier bleiben darf. Der Feind ist mächtig (fol. 45r) und bedroht unsere Stadt heftig.

Die Schwenninger Bauern bedrohen uns auch. Sie wollen unser liebes Städtle in Brand stecken, dass sich unser lieber Herr und alle Heiligen im Himmel die Füße daran wärmen können. O, Himmelskönigin Maria, hilf uns, dass sich unsere Feinde nicht über uns erfreuen können. Item, an St. Barbaratag im Jahr 1632 ist Obrist Aescher, auf dringliches Bitten der Bürger mit seinen Leuten und etlichen Wagen in die Flecken und Höfe nach Einstetten (Anm. Nordstetten) und Vockenhausen gezogen, um die Frucht dort abzuholen. Doch wurde er von dem Mayer beobachtet und verraten, der mit seinem Hut den Feinden gewunken hat. Im nahen ald haben sich die Feinde, 1000 Mann zu Pferd und ebenso viel zu Fuß, versteckt und gewartet, bis der Mayer ihnen ein Zeichen gegeben hat. Der gute Herr Aescher hat das nicht gewusst und geglaubt, es sei Verstärkung aus Rottweil gekommen. Es hat sich nämlich nur eine Truppe der Feinde sehen lassen, so dass die Unsrigen nicht angenommen haben, dass dieselben so stark seien. Deshalb sind die Gegner von den Unsrigen angegriffen worden. Sie wurden aber von den Feinden umringt und konnten nicht mehr fliehen. Die Villinger haben sich tapfer gewehrt, dass der Feind vier Wagen mit Toten in Richtung Rottweil hinwegführen musste.

Die Rottweiler haben es uns erzählt, wie brav sich die Villinger gehalten hätten. Von unseren Soldaten und Bürger sind 25 getötet worden und 50 in Gefangenschaft24 geraten. Die Wagen mit der Frucht mussten unsere Leute deshalb stehen lassen. Der Feind hat alles verbrannt und ebenso zwei Höfe mit allem was darinnen war.

Alle Tage haben sich die Feinde trotzig vor der Stadt sehen lassen. Auch kamen dann noch viele Truppen dazu. Aber unser Obrist Aescher ist dem Feind entgegen gekommen und hat (fol. 45v) 20, 30 oder 15 Feinde erschossen und die Übrigen mit Spott verjagt. Item, am Tag der Empfängnis unserer allerheiligsten Jungfrau und Gottesmutter Maria (8.12.) ist ein württembergischer Hauptmann, Schärttle genannt, stolz und prächtig auf dem Bickenberg hin und her geritten, um dann abwärts in Richtung Stadt zu reiten. Sein Pferd hat unter ihm getanzt und er hat den Turmwächtern Spott- und Schimpfworte zugerufen. Er hat geglaubt alles wagen zu dürfen und in seinem Sinn frei zu sein. Doch Gott ist ein starker und mächtiger Held. Keiner kann sich ungestraft gegen ihn stellen. Die Unsrigen haben vom Oberen Tor aus einen Schuss abgefeuert und den Schärttle gleich in die Seite getroffen. Da er eine Kette mit vielen Talern um sich hängen hatte, wurde ihm ein Taler in die Eingeweiden geschossen. Daran ist er gestorben. Unsere Leute haben noch etliche Taler gefunden und hergebracht.

Rottweil ist belagert und der Feind plündert die Dörfer und Auen. Alles brennt! Gott möge sich erbarmen! Die Rottweiler Bürger wehren sich und wollen auch nicht aufgeben. Doch sie werden vom Feind schrecklich bedrängt, der jedoch noch nicht so stark ist. Es sind etliche Offiziere umgekommen, wie der „Silbertaler Schärttle“. Dadurch hat der Feind große Probleme. Doch am Ende hat sich Rottweil ergeben müssen, aber man hat gleich von Anfang an gesagt, dass es nicht lang sei. Gott helfe uns! Da der Feind so viel mit Rottweil zu schaffen hat, ist unser Obrist Aescher am 17. November mit unserem kleinen Völkle und den Bürgern ausgezogen, um in Schwenningen etliche Gegner umzubringen. Viele wurden gefangen, andere vertrieben und drei Häuser niedergebrannt ohne einen Schaden der Unsrigen. Der Feind hat gedroht, er wolle dies nicht ungerächt lassen. Er ist in unsere Flecken um Villingen eingedrungen und hat auch unsere Dörfer gebrandschatzt und verlangt 800 Reichstaler. Als dies Obrist Aescher erfährt, droht er dem württembergischen Obersten Heinrich von Offenburg, Kommissar General, (fol. 46r), wenn auch nur ein Hof zerstört wird, will er dafür ein Dorf verbrennen lassen. So musste es Heinrich von Offenburg unterlassen, und es wurden von ihm für 10 württembergische Dörfer eine Brandsteuer von 3300 Reichstaler gefordert. Breisach ist blockiert und Freiburg belagert, Gott helfe uns. Der Pass ist überall verlegt, so dass niemand heraus noch hinein kann. Die Boten werden gefangen und aufgehalten. Man sagt, dass mehr Volk zur Verteidigung kommen werde, aber es ist der Feind, der kommt. Obrist Aescher wurde von dem Fürsten zu Preußen abberufen, um dort und in Freiburg zu helfen. Aber es ist Gottes Wille gewesen, dass er nicht fortkommen konnte. Man hat in der Nacht Boten ausgeschickt. Freiburg ist überwältigt worden und in des Feindes Hand. Uns wurde heftig gedroht wie einer fetten Henne. Wir sind in großer Angst und ringsherum belagert. Wir haben wenig Volk. Gott helfe uns gnädig! Wir sind in großer Gefahr und Angst. Man sagt, der Feind gehe schändlich und grausam mit den Leuten um, besonders mit den Geistlichen.

Item, am 29. November 1632 wird unsere Stadt von zwei Trompetern unter Androhung von Pech und Schwefel zur Übergabe aufgefordert. Es ist der Abend vor dem St. Andreastag gewesen. Daraufhin hat man angeordnet, dass sich alle Häuser in der Stadt mit Wasser auf den Dächern versehen müssen. In unserem Kloster haben wir auf alle Speicher und Dächer Zuber und große Waschgelten gestellt. Mit großem Schrecken, unter Weinen und Seufzen, haben wir Wasser hinaufgetragen. Am Andreastag (30. Nov.) haben wir die größten Waschgelten im Garten mit Wasser gefüllt und dort aufgestellt. Es sind keine Kübel und Gelten mehr im Haus gewesen, die nicht mit Wasser gefüllt waren. Wir haben keinen Augenblick gewusst, wann uns der Feind überfällt. Wir haben auch Viehhäute in Gelten gelegt und in Wasser eingeweicht, damit wir das ausbrechende Feuer ersticken können (fol. 46v). Zwei Tage lang haben wir genug Wasser getragen, neben dem Chorgebet und der Hausordnung, denn trotz der Angst und dem Schrecken haben wir unsere Gebete und die Hausordnung eingehalten. Wir haben wenig gegessen und geschlafen und sind alle in der Konventsstube gelegen. Keine von uns hat ruhig schlafen können. Unsere ehrwürdige Frau Mutter Äbtissin hat angeordnet, dass wir alle die Habite tragen sollen, um jeder Zeit für alle Fälle gerüstet zu sein.

Unser ehrwürdiger Beichtvater Pater Johannes Kneyer und unser wohlehrwürdiger Pater Ludwig sind oft zu uns gekommen, um uns zu trösten. Der wohlehrwürdige Pater Ludwig hat auch für die ganze Stadt das heilige Dreikönigswasser geweiht, ganze Zuber und Waschtröge voll, dass man damit die Häuser und Gemächer besprengen kann. Es ist schädlich für das Feuer, das nicht so schnell brennen kann und es wird durch die Besprengung des Weihwassers gelöscht.

Am selben Andreastag haben wir noch unser Armütle und die besten Sachen, so gut wir konnten, versteckt. Im äußeren Haus, das für die Not vorgesehen war, wenn wir nicht mehr durch die Pforte gehen konnten, haben wir an diesem Tag ein Loch gebrochen. Falls der Weg zur Pforte versperrt wäre, könnte man uns hier zu Hilfe kommen, oder der Beichtvater zu Kranken oder zum Versehen. Wir haben eine kranke Mitschwester, Katharina Gintherin, gehabt, die todkrank daniedergelegen ist.

Der Feind ist jeden Tag haufenweise vor die Stadt und auf den Bickenberg gekommen. Unsere Leute haben alle Tage gegen ihn gekämpft25 und viele Gegner getötet, bis diese mit großer Übermacht angekommen sind. Der Feind schreibt dem Obrist Aescher, er solle sich mit ihm verständigen. Gleichzeitig wolle er ihn warnen, denn das ganze Elsass, der ganze Breisgau und auch Preußen seien in seiner Hand. Uns mangle Unterstützung (fol. 47r) und die notwendigen Verteidigungsmittel. Wenn er wolle (Anm. Aescher), könne er sich eine Weile vergeblich wehren. Allerdings müsse er dann erfahren, dass wir großen Schaden erleiden würden. Späte Reue und Leid würden dann nichts mehr nützen. Obrist Aescher versammelt daraufhin die ganze Bürgerschaft und den Bürgermeister wieder in der Barfüßerkirche und trägt der Versammlung dies vor. Jeder erschrickt und hat große Furcht. Die Obrigkeit ist unsicher und schwankt, doch wartet sie auf einen Vorschlag des Obristen Aescher. Dieser sagt, dass er nicht Willens sei, die Stadt zu übergeben. Er wolle dem Fürsten nach Preußen, der ihm unsere Stadt anbefohlen habe, berichten. Bis er den Bescheid desselben habe, würde er einen Waffenstillstand verlangen, wie es ehrlichen Soldaten zustehe. Dem Feind aber ist es dringend und sehr ernst. Er schickt wieder zwei Trompeter und einen Obristen mit Namen Helmstätter. Sie überbringen ein Schreiben, in dem bekannt gegeben wird, dass er sich wohl traue, die Stadt zu erobern, denn es kämen zwei starke Armeen. Obrist Aescher solle sich vorsehen, dass er sich nicht selbst und die Stadt ins Verderben stürzen und zu Grunde richten würde. Dies geschieht, wenn er sich nicht ergeben würde. Im Fall einer Übergabe aber verspreche er (Anm. Helmstätter), dass er (Anm. Aescher) und seine Soldaten auch die Stadt bei ihren Unternehmungen und Freiheiten belassen würde. Es sei doch keine Hilfe zu erwarten. So sitzen wir, wie es heißt, zwischen Tür und Angel und werden bedrückt. Alle Menschen sind in großen Ängsten und Nöten. Die einen wollen sich wehren, die anderen wollen die Stadt übergeben.

Wir im Kloster beten und singen und rufen Gott an, denn etliche Soldaten haben schon gesagt, wie sie mit den Klosterfrauen umgehen wollen. Wir haben den großen Psalter gebetet (Anm., die 150 Psalmen, wie Ursula Haider sie nach der Erscheinung der Muttergottes zu beten anordnete), den Kindlein Jesu Psalter, etliche Ecce Homo (Anm. je 1000 Vater unser) und auch die 800 000 Anrufungen, die 24 000 Ave Maria und andere große Gebete. Wir sind geistlich nach Einsiedeln gereist, haben das goldene Krongebet und den Kreuzweg verrichtet. Wir sind wie die Fliegen (fol. 47v.) an der Wand gewesen, keine hat sich selber mehr gleich gesehen. Die Bedrohung und die Einschließung dauern gar so lang.

Doch unser Obrist hat sich nicht erschrecken lassen, noch Furcht gezeigt. Er ist beständig geblieben. Er hat die Bürger getröstet und sie beherzt gemacht und dem Feind geantwortet und geschrieben, dass es sich für ihn nicht gezieme, seinen Eid zu vergessen. Wenn er schon von siegreichen Feinden umgeben sei und keine Verstärkung komme, so wolle er doch auf die Barmherzigkeit Gottes und die Hilfe der Mutter Gottes hoffen und vertrauen, die ihm in einer Nacht einen größeren Succurs und mächtigere Hilfe schicken können, als je zu erwarten sei. Dadurch hat sich „seine Herrlichkeit“ und die ganze Bürgerschaft zufrieden gestellt und haben den Angriff des Feindes mit Geduld und Schrecken erwartet. Doch Gott hat große Hilfe geschickt. Die eine Armee ist abberufen worden. Sie musste nach Schwaben ziehen, um gegen den Aldringer zu kämpfen und ihn abzuwehren. Also haben wir es jetzt nur noch mit dem Württemberger zu tun, falls kein neuer Verbündeter dazu kommt. Rottweil ist jetzt schwedisch. Der Feind hat dort Geschütz und Munition genug, so wie er meint, gegen Villingen zu gebrauchen. Obrist Michael Rau hat gedroht, Villingen innerhalb 24 Stunden einzunehmen.

GLAK J/E: V:3. Ausschnitt: Belagerung der Stadt Villingen am 11. Januar 1633.

 

Am 11. Januar 1633 zieht Rau mit großer Macht gegen unsere kleine Stadt, die er nur das „Ratzennestle“ nennt, und belagert sie. Den ganzen Tag ist ein so unerhörter und dicker Nebel gewesen, dass man in der Stadt mit allen Glocken, wie bei einem Gewitter, dagegen geläutet hat. Der Feind war gleich vor unserem Tor bei der Bickenkapelle und hat schon vorbereitete Schanzkörbe gebracht. Er hat sich unserer Lieben Frauen Kapelle bemächtigt und darin gehaust. Die Unsrigen strömen unter dem Schutz des Nebels aus, vertreiben den Feind aus unserer Lieben Frauen Kapelle und töten 40 Feinde. In dieser Verwirrung hat der Feind seine eigenen Leute für die Unsrigen gehalten (fol 48r.) und so haben sich die Feinde gegenseitig erschlagen und von der hl. Kapelle vertrieben. Um dem Angreifer zu schaden, haben unsere Leute die heilige Kapelle in Brand stecken müssen. Es ist ein schönes, zierliches Gotteshaus gewesen und erst vor einigen Jahren umgebaut und vergrößert worden26. Durch den Brand wurde der Feind zurückgetrieben und hat auf freiem Feld Schanzen aufgeworfen. Gleich am oberen Hag unseres Gartens, so weit und lang wie unsere Kirche und unser Kloster, ist ein Schanzkorb neben dem anderen gestanden, alle mit Steinen, Sand und Erde gefüllt. Der ganze Tag war mit Gefechte führen und Schießen erfüllt, dass sogar unsere liebe Mitschwester Katharina Gintherin, die in Todesnöten lag, gefragt hat: „Ach, was schießt man da so?“ Wir antworten ihr: „Die Unsrigen sind draußen und kämpfen mit dem Feind.“ Wir haben nicht gewusst, dass der Feind schon mit solcher Gewalt angreift. Unsere liebe Mitschwester stirbt eines seligen Todes. Gott sei ihrer lieben Seele und allen Seelen gnädig und barmherzig. Es war am Morgen zwischen 8 und 9 Uhr. Ein Teil der Schwestern betet bei der Verstorbenen, ein anderer Teil bereitet sich zum Ankleiden vor und der dritte Teil schaut in den Nebel und horcht auf das Schießen. Wir haben wegen des Nebels keinen Menschen sehen können, aber wir hörten nur Schießen und Schreien. Unsere viel geliebte Mutter Äbtissin war über den Nebel, das Geschrei und das Schießen beunruhigt. Man sagte ihr, dass der Feind gegen unseren Obristen Aescher und unsere Leute kämpfen würde.

Unser wohlehrwürdiger Herr Beichtvater empfahl uns bereit zu sein, da er zur Vesperzeit unsere Mitschwester begraben wolle. Am nächsten Morgen solle das Opfer sein. Es ist ein Jammer über Jammer. Man brennt die äußere Mühle bei unserem Garten, die Spitalmühle und das Gutleuthaus, nieder. Es war ein solches Feuerwerk vor unserem Tor, dass es in unserem (fol. 48v.) Kloster ganz hell war, wohin man auch gegangen ist. Kein Mensch hat zu Nacht gegessen oder ist zu Bett gegangen. Es sind alle in der Konventstube gelegen. Ein Teil hat die Mette gebetet, der andere Teil hat etwas ruhen wollen, damit sie um 11 Uhr in die Mette gehen könnten. Wir haben mit großer Furcht um 11 Uhr die Mette gehalten. Es war aber ein solches Geschrei auf dem Feld, dass wir uns sehr gefürchtet haben und wir keine Ruhe finden konnten. Wir haben nicht gewusst, was die Feinde mit uns anfangen würden. Viele kamen an unsere Pforte. Auch unsere ehrwürdigen Väter Pater Ludwig (Ungelehrt) und Pater Jacob Weigle27, der Feldprediger, sind bis abends 8 Uhr bei uns im Kloster gewesen. Wir haben die ganze Nacht an der Pforte gewacht, um Leute zum Löschen hereinzulassen, wenn der Feind Feuer in unser Kloster werfen sollte. In der Nacht des 12. Januar um 2 Uhr haben die Feinde mit dem Angriff begonnen und haben in die Stadtmauer ein großes Loch geschossen. Wir sind alle aus der Kirche gegangen und haben die Mette nicht fertig beten können, da die Kirche an vielen Stellen beschossen wurde. Die Feinde fingen an mit großen Stücken zu 3/4, halben und viertel Kartaunen28 und zwei Feuermörsern die Stadt zu beschießen.

Morgens zwischen 5 und 6 Uhr ist in unserer äußeren Kirche auch schon ein großes Loch gewesen. Wir haben noch die Chorbücher und die Orgel in der Kirche gehabt. Die Kerzen an den Altären brannten noch, wie auch an der Krippe. Wir sind wieder in die Kirche gegangen, um die besten Sachen und die Chorbücher herauszuholen. Es war aber ein solcher Rauch und Staub, dass wir glaubten die Kirche würde brennen. Kaum waren wir aus der Kirche ging das Schießen weiter. Hätten wir nur ein wenig gesäumt, dann wären unsere liebe Mutter Priorin, Katharina Hillesönin, und Schwester Apollonia Waidmännin erschossen worden. Als unsere Schwester Apollonia unter der Tür des kleinen Schlafsaals stand, hat ein Schuss die erste Bettstatt getroffen. Es war der 12. und letzte Schuss vor der neuen Ladung. Dadurch konnte sich unsere Schwester Apollonia retten. Aber sie war so erschrocken, dass sie wie eine (fol. 49r) Leiche ausgesehen hat. Unsere Mutter Priorin ist gerade durch den Kreuzgang in die Stube gegangen, sonst wäre es um sie geschehen gewesen. Wir dachten nicht, dass die Feinde so nahe am Kloster seien, da sie kurz vorher noch auf der anderen Seite des Tores bei St. Johann gekämpft haben. Sie sind aber gleich auf unsere Seite herangerückt. In großem Schrecken sind wir alle durcheinander gelaufen. Jede hat ihre Kleinigkeiten bei der Bettstatt holen und versorgen wollen, damit sie nicht zerstört würden. Unsere Sr. Klärle ist auch an ihre Bettstatt gegangen, um ein kleines Jesuskind29 zu holen. Während sie es nimmt, wird gerade über ihrer Bettstatt ein Loch in die Mauer geschossen, dass ihr die Steine an den Kopf gesprungen sind und die Kugeln über sie herflogen. Gottlob ist ihr nichts geschehen. Sie hatte nicht gemerkt, dass die Feinde so nah am Kloster waren, erst als die Steine ihr um den Kopf flogen. Wir konnten an keinem Ort mehr sein und sind deshalb im Kreuzgang und in der Konventstube geblieben. Es war draußen ein solcher Qualm und Lärm, dass wir nicht mehr wussten wo wir dran sind. Die Prim, Terz und Sext30 konnten wir vor Schrecken nicht beten.

Um 7 Uhr morgens kommt unser wohlehrwürdiger Beichtvater, Herr Johannes Kneyer, in die Konventstube und will uns das letzte Mal vor dem Tod die Beichte hören. Jede geht in ein Winkelchen, wo sie glaubt vor den Kugeln sicher zu sein und bereitet sich vor. Ich, Schwester Juliana Ernstin, bin mit Sr. Brigitta Hanemännin in das Nebenhaus gegangen, um dort unsere arme Habe, so gut wir konnten, hinter den Brettern und Balken zu versorgen. Da kommt unsere Jungfrau (Novizin) Jacoble Aichenlaub und sagt, dass der Herr Beichtvater in der Konventstube zum Beichthören sei, und dass wir auch kommen sollen. Ach, sind wir in Ängsten gewesen, wir haben gemeint, wir müssen in dem Haus unser Leben lassen. So stark war das Schießen auf das Bickentor und das Kloster. Wir schicken die Jungfrau Jacoble Aichenlaub fort und sagen, dass wir bald fertig seien und kämen dann sofort. Sie ging und kam wieder … („sy gatt vnd kombt wider …“).

Hier endet die Chronik der damaligen Priorin Juliana Ernstin.

Um den Bericht der Klarissin Juliana Ernstin zu ergänzen, werden einige Passagen aus der Turmknopfurkunde31 des Jahres 1655 übertragen und angefügt. Die Schreiberin war Schwester Agnes Kaiserin, die Juliana Ernstin 1665 als Äbtissin nachfolgte.

Am 11. Januar des Jahres 1633 hat der Feind – teils der Krone Schwedens, teils Württemberg zugehörig – begonnen, die Stadt tyrannisch zu beschießen. Weil der Beschuss es ausschließlich auf unser Kloster und unsere liebe Kirche abgesehen hatte, haben allmählich die höllischen Granaten die Mauern zerrissen, dass wir nirgends im ganzen Kloster mehr unseres Lebens sicher sein konnten. Der wohlweise Magistrat und eine liebe Bürgerschaft haben verschiedentlich zu uns geschickt, ob man nicht dem Feind die Stadt übergeben solle, oder ob man lieber das Kloster in Grund und Boden schießen lassen wolle. Wir haben jedes Mal geantwortet, dass wir der Bürgerschaft zu Liebe alles verlassen wollten, nur soll die Stadt erhalten bleiben. Sie sollen mit bürgerlicher Treue und mit Waffen streiten, wir aber mit dem heiligen Rosenkranz.

Wegen der unaufhörlichen Beschießung haben wir armen, eingeschlossenen Kinder – die Mauer fing schon an niederzufallen – unser liebes Gotteshaus mit Schmerzen verlassen und uns zu unseren ehrwürdigen Väter Franziskaner, den Konventualen der minderen Brüder, in ihr gut gebautes Kloster begeben müssen. Wir sind von ihnen mit großem Mitleid und väterlicher Treue aufgenommen worden. So haben wir unser liebes Kloster und Kirchlein im Stich gelassen, als Brustschild für die ganze Stadt.

Der Feind hat mit solcher Gewalt diese schrecklichen Granaten herein geschossen, dass wir alle Kirchengüter zurücklassen mussten, ausgenommen das Allerheiligste Sakrament, das ein gottseliger Franziskaner, namens Pater Jacob Weigle, in höchster Eile, er war dazumal Feldprediger unter dem Obristen Aescher, aus der Kirche geholt hatte.

Die Orgel und die Glocke, die unser getreuer Schaffner mit Hilfe lieber Bürger unter Gefahr für Leib und Leben in finsterer Nacht, ohne Licht und Lichtschein, herunterbrachte, mussten wir trotzdem verlassen, denn wir wurden ermahnt, unser Leben zu retten.

Am nächsten Tag, am 12. Januar 1633 war die liebe Kirche in Grund und Boden gelegt worden, wie wenn sie den Stadtgraben hätte ausfüllen sollen. Welchen Schmerz wir deshalb empfanden, möchte ich jedem mitleidigen Herzen zu bedenken geben.

Anmerkungen

1 A.B. BB 8.

2 hier: Tagebuch.

3 Fastnachtsküchle = der zur Zeit der Fastnacht gegessene Krapfen. Bedeutet hier wohl besonders wichtige Städte, die der Schwede unbedingt einnehmen wollte.

4 Salmenschweil = Im Tagebuch des Abts Gaisser: Salmensweiler.

5 Retribution = Erstattung.

6 Württemberg hatte sich mit den Schweden verbündet.

7 „Item, die wirtenbergisch vnd schwedishe jst alles ains…“

8 Kontribution = ein von der Bevölkerung eines besetzten Gebietes erhobener Geldbetrag.

9 „…sind wider komen vnd sind dar vor gelegen vff die 9 wochen…“

10 Im Original: „succurs“.

11 Im Original: „actord = accord.“

12 Im Original: „wirdenbergisch folckh“.

13 Leopold Wilhelm, Regent der Vorlande. Oesterreichischer

Erzherzog und Feldherr, der 1640 die Schweden zurückschlug.

14 Rondell = vorspringender runder Turm des Klosters an der Stadtmauer. Nicht identisch mit der Schanze, die zur Vettersammlung gehörte.

15 hier: Habseligkeiten.

16 Kneyer kam ebenfalls aus Speyer und wurde in Villingen Guardian.

17 Im Original: „leibnarung“.

18 Im Krugkeller wurden die Wein- und Mostkrüge aufbewahrt.

19 Im Original: „ker“.

20 Im Original : für Leinwand „bilachen“, für Bettbezüge „ziechen“.

21 Kindle = Fätschenkind (Fatschenkind) = Wickelkind. Dieses „Kindle“ wurde als Erinnerung an das Jesuskind in Frauenklöstern hergestellt. Dabei wurde Wachs in eine Form gegossen, die Figur getrocknet und in Tücher oder Binden gewickelt. Formen zur Herstellung dieser Fätschenkinder befinden sich noch heute im Kloster St. Ursula.

22 Im Original: „grisch“.

23 Bei Abt Gaisser: Steidelin.

24 Im Original: „gefencklich quattier“.

25 „…die vnßerigen hie jn der statt sind alle tag vßgefallen vnd mit jhnen geschamiziert…“

26 In der Chronik der Klarissin Eufrosina Some steht, dass „am Mentag vor santt Elsbetten tag, do ze mol (1585), ist das gnadrich Bicken cäpele gewicht worden“ (A.B. BB 7) Im Jahr 1624 wurde die Bickenkapelle neu aufgebaut.

27 Bei Abt Gaisser: Pater Jacob Wibelius, der nach den Aufzeichnungen des Abtes Gaisser am 17, März 1633 getötet wurde. „… Niedermachung des Feldpredigers des Obristen Aescher, Pater Jacob Wibelius …“.

28 Geschütz des 15./16. Jahrhunderts.

29 Entweder ein Fätschenkind oder eine Nachbildung des „Prager Jesuskindes“.

30 Teile des Stundengebetes.

31 A.B. BB 23a.

Quellen

A.B. BB 8. A.B. BB 7. A.B. BB 23a.

Tagebuch des Abt Michael Gaisser der Benediktinerabtei St. Georg zu Villingen. Bd. 1.

In maschinenschriftlicher Vervielfältigung, Auszug des Stadtarchivs Villingen.

 

 

 

Bildnachweis:

Kloster St. Ursula, Generallandesarchiv Karlsruhe.