Renaissance im Alten Rathaus Glasmalereien und Prunkwaffen (Anita Auer)

Eine Ausstellung im Alten Rathaus vom 30.05. bis 13.07.2008

(Tage der offenen Tür 31. Mai und 1. Juni 2008)

Das Alte Rathaus in Villingen wird 2008 Schauplatz einer Ausstellung mit hochwertigen Glasmalereien und Prunkwaffen aus einer einzigartigen Privatsammlung. Ausgehend vom historischen Ratssaal von 1537 wird die Zeitepoche der Renaissance mithile von Kabinettscheiben, flämischen Rundscheiben, den zugehörigen Scheibenrissen und Waffen wie Bidenhänder, Radschlosspuffer und Teschinke verlebendigt. Schon in den Aktionen des Schülerprojektes „Intermezzo“ (2005–2007) wurde mit großer Resonanz diese Zeitebene gewählt, um das Publikum für das eindrucksvolle  Gebäude  und  seine  besondere Ausstattung zu sensibilisieren. Parallel zum Geschichtsspektakel „Bürgertrutz und Pulverdampf“ des Werbekreises Villingen am 31. Mai und 1. Juni 2008 sind Tage der offenen Tür im Alten Rathaus und in der Ausstellung geplant.

Über das Schülerprojekt „Intermezzo“ des Gymnasiums am Romäusring und des Franziskanermuseums wurde bereits berichtet. Es fand im Frühjahr 2007 sein offizielles Ende. In Form von Aktionstagen und öffentlichen Führungen war wieder Leben in das denkmalgeschützte Gebäude eingezogen. Inzwischen finden mehr Veranstaltungen im Alten Rathaus statt. Das Standesamt konnte als Partner gewonnen werden, um im Ratssaal in stimmungsvoller Atmosphäre und mit einer größeren Anzahl von Gästen standesamtliche Trauungen durchzuführen. Ungefähr 20 Paare entschieden sich im Jahr 2007, in den historischen Räumen den Bund der Ehe zu schließen. Der Standesbeamte Dieter Scheu sieht für 2008 sogar eine noch größere Nachfrage voraus. Die Sanierung des Fußbodens im Ratssaal, für die das Schülerprojekt Spenden sammelte, steht unmittelbar bevor. Um weiterhin auf das kulturelle Erbe hinzuweisen, das dieses besondere Gebäude für die Stadt bedeutet, konnte ein privater Sammler gewonnen werden, der Teile seiner Sammlung hier zeigen möchte. Es handelt sich um kostbare Glasmalereien und Prunkwaffen der Zeit um 1600. Einen ersten Einblick in diese Ausstellung soll eine Auswahl an Exponaten geben, gleichzeitig wird hierbei die Verbindung zur Villinger Stadtgeschichte und zum Alten Rathaus aufgezeigt.

Kabinettscheiben zierten traditionell die Fenster von Ratssälen. Die Scheiben, die heute in der Fensterfront des Ratssaals eingebaut sind, stammen aus jüngerer Zeit. Erhaltene Kabinettscheiben der Renaissance, die sich in der Dauerausstellung des Franziskanermuseums befinden, sollen aus dem Besitz der Herrenstube stammen, waren also ursprünglich wohl im „ersten Stockwerk“ des Gebäudes Rietstraße 20 eingebaut. Darüber heißt es im von Ferdinand Förderer verfassten Altertümerrepertorium: „Letzteres bestund in einem großen Vorplatz (Lauben) wo wahrscheinlich getanzt wurde und einem Saal mit doppelthürigem Eingang. Derselbe, das eigentliche Gesellschaftslokal, hatte sechs schmale Kreuzstöcke mit Aussicht in die Riethstraße, von denen jeder mit einer gemalten Scheibe geziert war“. An dieser Stelle des Repertoriums wird auf („1–6“) Kabinettscheiben, die am Anfang des Artikels zur Herrenstube erwähnt werden, verwiesen, allerdings werden nur fünf aufgezählt: „Die Wappenschilder Kaiser Karl V., der Stadt Villingen, des Klosters St. Blasien, der Edlen v. Schellenberg, v. Schwandorf“. Diese sind auch die heute noch Vorhandenen.

Darunter ist eine Wappenscheibe der Stadt Villingen, datiert 1538 (Abb. 1) und dem Freiburger Glasmaler Hans Gitschmann von Ropstein zugeschrieben. Sie zeigt das von Karl V. 1530 verbesserte Wappen (mit rotem Adler und Pfauenschweif!) unter einem Prunktor, wie es im zugehörigen Wappenbrief zu sehen ist (Abb. 2).

 

Abb. 1: Wappenscheibe der Stadt Villingen, vermutlich Werkstatt Hans Gitschmann von Ropstein, Freiburg, datiert 1538.

 

Was im Wappenbrief in Worten beschrieben ist, dass näm-lich dieses Wappen dem Bürgermeister Junker Jakob Betz 1530 in Augsburg wegen der Verdienste um die Niederschlagung der „lutherischen und bäuerischen Empörungen“ verliehen und durch Villinger Bürger heimgeholt wurde, ist im Oberlicht (also über dem Torbogen) des Glasbildes detailreich ins Bild gesetzt.

Abb. 2: Ausschnitt aus dem Wappenbrief Erzherzogs Ferdinands, 1530, Stadtarchiv Best. 2.1 A 24.

 

Von demselben Glasmaler Gitschmann von Ropstein stammt die Wappenscheibe des Wappenstifters Kaiser Karls V., die ebenfalls ins Jahr 1538 datiert und formal eindeutig als Pendant gearbeitet ist. So gleichen sich die damastizierten Hintergründe, vor denen das Wappen jeweils steht, aber auch die Säulen und die gesamte Struktur der beiden Glasgemälde. Die Wappenscheibe Karls V. zeigt im Oberlicht den Kampf des Heiligen Georg mit dem Drachen. Tocha, der sich Gedanken über die Wertung der beiden „Begründungen (für die Wappenverleihung, A. A.), Bauernkrieg und Reformation“ (S. 208) macht, kommt zu dem Schluss „Das Wappen von 1530 ist ein Panier der Gegenreformation!“ (S. 209). Dafür spricht die Darstellung des Georg als „Defensor Mariä“, des Reiters, der die Prinzessin (Maria) mit Lamm (Christus) befreit. Drachenkampfdarstellungen (auch der des Heiligen Michael) symbolisieren den Kampf der (katholischen) Kirche gegen das Böse (Protestantismus) und kommen gehäuft in gegenreformatorischer Zeit vor.

Dem bereits beschriebenen Aufbau, Wappen im Zentrum, gerahmt von Architektur (Torbogen), darunter Kartusche mit Beschriftung, darüber im Oberlicht szenische Darstellungen, folgen alle Kabinettscheiben. Sie waren eine Art Visitenkarte des Auftraggebers, die dieser gerne auch auf Vorrat fertigen ließ, um sie bei entsprechender Gelegenheit zu verschenken. Als Mitglieder der Herrenstube wurden nicht nur die reichen Patrizier der Stadt, sondern auch Landadelige und die Vorstände der Klöster, die sich in der Stadt Villingen „verbürgerten“, aufgenommen. Daher verwundert es nicht, unter den Scheiben der Herrenstube auch die Wappenscheibe eines Abtes von St. Blasien (Abb. 3), die Wappenscheibe Gebhards und Arbogasts von Schellenberg (Abb. 4) und die Wappenscheibe mit dem österreichischen Bindenschild von 1567 (und dem Johanniterwappen) (Abb. 5) zu finden.

 

Abb. 3: Wappenscheibe des Abtes von St. Blasien, datiert 1566.

 

Eine Scheibe, die ursprünglich für die Herrenstube gedacht war, ist allerdings dort nie angekommen, die Wappenscheibe des Georg Kechler von Schwandorf (Abb. 6), Komtur der Johanniterkommende von 1546 bis 1571. Sie kann als Beleg für das unangepasste Verhalten der Ordensmitglieder gelten, welches immer wieder zu Missstimmigkeiten mit der Bürgerschaft führte. Denn der Komtur, der als Mitglied der Herrenstubenzunft um seine Kabinettscheibe gebeten wurde, zog diese wieder zurück, als er hörte, dass er sie auch selbst bezahlen sollte.

Die vier letztgenannten Scheiben sind jünger als die beiden zuerst beschriebenen, datieren zwischen 1566 und 1569. Sie werden allesamt einem Villinger Glasmaler, der mit dem Monogramm „IG“ zeichnete, zugeschrieben (Revellio/1964, S. 236), obwohl nur zwei Scheiben von ihm signiert sind: die mit dem Allianzwappen der Schellenberg und die mit dem österreichischen Bindenschild. Wer sich hinter dem Monogramm verbirgt, konnte bisher nicht eindeutig geklärt werden. Revellio vermutet einen „Johann Glaser …, der 1560 Bürger wird auf Hans Schönsteins des Bürgermeisters halber Scheuer“ (Revellio/1964, S. 236).

Bei der Überprüfung der alten Inventarkarten zu den Kabinettscheiben, die wahrscheinlich von dem Kunsthistoriker Max Wingenroth zwischen 1909 und 1913 inventarisiert wurden, ergab sich allerdings eine kleine Unstimmigkeit. Statt sechs Inventarkarten gibt es sieben, und um dieses „Versehen wettzumachen“, hat ein späterer Bearbeiter (oder eine Bearbeiterin) aus der „7“ eine „6“ gemacht, wodurch zwei Inventarkarten mit der Nummer 6 entstanden. Tatsache bleibt, dass hier eine weitere Scheibe inventarisiert wurde, die heute nicht mehr in der Sammlung ist und auch nirgends in der Sekundärliteratur erwähnt wird: „Glasgemälde“, „Datum: 1569“, „Herkunft: Herrenstubenzunft“, „Frührenaissancesäulen tragen Bogen aus verschiedenem blauen und rotem Rollwerk darunter Frau (sic, A. A.) mit den zwei Wappen (Allianzwappen) des Joerg Schnaitter von Sultz und seiner Frau Marta geb. Sailerin“. Auch eine weitere Kabinettscheibe, die bei Revellio/1964 erwähnt wird und ebenfalls aus der Herrenstube stammen soll, gibt Rätsel auf.

Abb. 4: Wappenscheibe Gebhards und Arbogasts von Schellenberg, datiert 1566.

 

 

Die Wappenscheibe des „Hans Wörner“, Vorfahre „der Uhrenfabrikanten Werner“. Sie ist über einige Unwägbarkeiten inzwischen im Museum in Brixen gelandet (vgl. Huger). „Die Scheibe ist 1576 datiert und zeigte den springenden Löwen als Wappentier und das Motto: Hie gut Österreich. In spanischer Tracht behütet der stattliche Mann eine Landschaft. Der Kopf der Scheibe zeigt ihn noch einmal umgeben von Genien, die ihm mit Pfauenfedern huldigen, rechts von einer Verkündigung Mariae, links von dem hl. Andreas flankiert, dem Namenspatron des Kardinals Andreas von Österreich, des Sohnes des Erzherzogs Ferdinand und der Philippine Welser, der wohl Wörners Gönner war“ (Revellio/1964, S. 236).

Mit dieser Scheibe werden also acht Scheiben der Herrenstube zugeschrieben, die in den „sechs schmalen Kreuzstöcken“ eingebaut gewesen sein sollen. Sechs Scheiben sind in die Zeit 1566 bis 1576 datiert und zwei genau 1538, also kurz nach der „für den heutigen Komplex wohl nachhaltigste(n) Umbaumaßnahme (des Alten Rathauses, A. A.) … um 1536.

 

 

Abb. 5: Wappenscheibe mit dem österreichischen Bindenschild, datiert 1567.

 

 

 

 

Abb. 6: Wappenscheibe des Georg Kechler von Schwandorf, datiert 1567.

 

 

In dieser Zeit wurde in das 1. Obergeschoss des westlichen Lagergebäudes (als welches das Gebäude bis dahin diente, A. A.) der heute vorhandene Ratssaal eingebaut“ (Lohrum, S.11). Die Vertäfelung des Ratsaales kann über den Türsturz (aber auch eine dendrochronologische Untersuchung Lohrums) in das Jahr 1537 datiert werden. In das Fensterband am Ostgiebel wurden sicherlich wie damals üblich Kabinettscheiben eingebaut und zwar solche, die inhaltlich etwas mit dem Ausbau des Ratssaales zu tun hatten. Fragt man nun nach den Gründen dieses Aus- und Umbaus, wo doch der erste Ratssaal im Westen des Gebäudes, direkt nach dem Durchgang von der Herrenstube gelegen, durchaus für die Anzahl der Räte ausgereicht hätte, so findet man sie bei Revellio/1948: „Im Jahre 1534 wurde der gotische Bau von Grund aus umgebaut. Es war eine Zeit gesteigerten Selbstbewusstseins. Die Stadt hatte als eine der wenigen Städte am Oberrhein sich des Bauernsturms erwehrt und hatte darob manche Ehrung von Kaiser und Reich erfahren. So erhielt sie 1530 von Kaiser Ferdinand ein neues gebessertes Wappen mit dem habsburgischen Pfauenschweif als Helmzier …“. Wenn also das gesteigerte Selbstbewusstsein und der Ausbau des Rathauses mit der Wappenverleihung zu tun hatten, warum sollten nicht genau dieses neue Wappen und das Wappen seines Stifters, Karl V., hier in das Fensterband eingebaut gewesen sein? Vielleicht finden sich bis zur Ausstellung noch konkrete Belege für diese These, vorerst macht sie das Thema aus stadthistorischer Sicht auf jeden Fall spannend.

 

 

Abb. 7: Willkommensscheibe des Nicolaus Mutschler und der Elisabeth Helbinn, vermutlich Christoph Maurer I, Reutlingen, datiert 1597.

 

 

Ein Scheibenriss mit dem Wappen der Stadt und der Beschriftung „Villingen …“ von 1581 des Glasmalers Daniel Lindtmayer (abgebildet bei Thöne, S. 53), der im Museum zu Allerheiligen in Schaffhausen aufbewahrt wird (freundlicher Hinweis von Hans-Martin Kaulbach, Staatsgalerie Stuttgart), zeigt nicht nur das „gebesserte Wappen“, sondern im Oberlicht die Szenen „Mucius Scaevola verbrennt seine Hand“ und „Mucius Scaevola ersticht den Schatzmeister des Königs Porsenna“. Bei Gaius Mucius Scaevola handelt es sich um eine Person der römischen Frühgeschichte, welche der Legende nach sich durch besondere Standhaftigkeit auszeichnete, so dass Porsenna die Belagerung abbrach. Da die Darstellungen im Oberlicht meist einen inhaltlichen Bezug zum Besitzer des Wappens aufweisen, wäre dies ein sehr früher Hinweis auf einen stadtgeschichtlichen Topos, der später in den vier Belagerungsbildern (aus der Herrenstube, heute im Franziskanermuseum) zum Ausdruck kommt. Allerdings findet sich auch in den Geschichten um den Stadthelden Romäus bereits das Element der erfolgreichen Verteidigung in aussichtsloser Lage (Küssaburg).

 

 

Abb. 8: Willkommensscheibe des Donny Eichholtz, Ostschweiz, datiert 1565.

 

 

 

Abb. 9: Memento Mori (Kupplerszene), Niederlande, evtl. Antwerpen, um 1550.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Abb. 10: Ceres, Herbst aus Jahreszeitenzyklus, Niederlande, um 1550–1560.

Die Kabinettscheibe eines weiteren Ordensvorstandes konnte das Franziskanermuseum voreinigen Jahren aus dem Kunsthandel erwerben, die des Johannes V. Kern aus Ingoldingen (1530–1566), Abt des Benediktinerklosters St. Georgen. Diese Scheibe, die in das Jahr 1544 datiert, war bisher nicht ausgestellt und wird im Rahmen der Ausstellung erstmals einer breiteren Öffentlichkeit vorgestellt. Geplant ist für die Ausstellung die Kabinettscheibe aus Brixen und den Scheibenriss aus Schaffhausen anzufragen und ebenfalls zu zeigen. Die Scheiben, die im Franziskanermuseum in der Dauerausstellung gezeigt werden, können über ein Kombiticket vor oder nach dem Ausstellungsbesuch im Alten Rathaus besichtigt werden.

Unter den originalen Glasscheiben der Zeit um 1600 aus Privatbesitz, die in der Ausstellung zu sehen sind, befinden sich die Willkommensscheibe des Niclaus Mutschler von 1597 (Süddeutschland) (Abb. 7) und die des Donny Eichholtz von 1565 (Ostschweiz) (Abb. 8). Beide Scheiben zeigen jeweils ein Ehepaar in Renaissancekleidung, wobei der Mann seine Waffe präsentiert, die Frau ihm den Willkommenstrunk reicht. Im Oberlicht finden sich Szenen, die auf den Beruf des Stifters anspielen, im ersten Fall einen Gerber bei der Arbeit, im zweiten einen Weintransport (Tiedemann, S. 14–17). Zwei Beispiele der sog. Roundels seien ebenfalls vorgestellt. Es handelt sich dabei um monolithe Rundscheiben, die nur zweifarbig bemalt sind, und aus den Niederlanden stammen. Sie wurden ehemals in bleiverglaste Fenster von Amtsstuben, Rathäusern, Gerichtsstuben, Schlössern und Klöstern eingesetzt. Das Repertoire reicht von biblischen bis mythologischen und symbolischen Darstellungen. So zeigt die erste Scheibe (Abb. 9) eine Kupplerszene. Ein Paar sitzt bei Tisch: die Frau mit tiefem Dekolleté, offensichtlich eine Prostituierte, hält den reich gekleideten Herrn mit dem linken Arm umschlungen, mit der Rechten bietet sie ihm Wein aus einer Prunkschale an. Wie an der Neigung des Kopfes erkennbar, ist der so Ermunterte nicht mehr ganz nüchtern, hält aber noch tapfer seinen auf den Tisch gelegten Geldbeutel verschlossen. Über dem Mann schwebt ein Skelett, das einen Pfeil auf ihn gerichtet hält, der Tod. Der Hund im Vordergrund könnte ein Symbol der (ehelichen) Treue sein, die der Dargestellte gerade im Begriff ist zu missachten.

Die zweite Scheibe (Abb. 10) zeigt Ceres, die Göttin der Fruchtbarkeit und Symbol des Herbstes aus einem Zyklus der Vier Jahreszeiten. Auch die Göttin ist ganz im Stil der Zeit gekleidet, mit einer aufwändigen, seitlich auslandenden Haube, welche die Stirn bedeckt. In der Rechten hält sie ein Füllhorn mit Ähren, in der Linken ein Sensenblatt, Attribute, die sich aus den im Hintergrund dargestellten Ernteszenen herleiten lassen.

Schon diese wenigen Beispiele zeigen, dass über die Herstellungstechnik, Funktion und das eigentlich auf den Scheiben Dargestellte hinaus sich viele Informationen über den zeitgenössischen Alltag entnehmen lassen: Welcher Art das Ess- und Trinkgeschirr war, wie man sich kleidete, welches Werkzeug und vor allem auch welche Waffen zum Einsatz kamen. Der Prunkharnisch (Abb. 11) kann als Variante der männlichen Bekleidung aufgefasst werden, da die gültige modische Silhouette auch in der Metallausführung gewahrt blieb. Das eng taillierte Korsett, in welches die spanische Mode sowohl die Dame als auch den Herrn zwängte, dürfte sich in dieser Form besonders schmerzhaft bemerkbar gemacht haben. Die Verzierung durch florale Ätzmalerei weist auf einen Gebrauch durch Trabanten oder bei Festlichkeiten hin.

Auf diese Art möchte die Ausstellung ein umfassendes und lebendiges Bild einer weit zurückliegenden Zeit bieten, welches das im Ausstellungszeitraum stattfindende Geschichtsspektakel „Bürgertrutz und Pulverdampf“ des Einzelhandels um einige historische Details und Hintergründe durchaus bereichert. Geschichte für ein breites Publikum erlebbar zu machen, ist die erklärte Intention beider Veranstaltungen, die sich so gegenseitig stützen und bereichern. Außerdem bedeutet die Ausstellung eine Fortsetzung der Bemühungen des Schülerprojektes „Intermezzo“, das Alte Rathaus „aus seinem Dornröschenschlaf“ zu wecken. Dieses Zitat stammt von Bürgermeister Edwin Nägele aus dessen Vorwort zum Führer „Das Alte Rathaus in Villingen im Schwarzwald“: Nach 11/2-jähriger Renovierungsarbeit (der wir unter anderem das Fischgrätparkett unter dem heutigen Teppichboden verdanken) wurde das Alte Rathaus 1948 wiedereröffnet, um es „einer doppelten Zweckbestimmung“ wieder zuzuführen: als Sitzungssaal und Museum. Eine solche mehrfache Nutzung als Trauzimmer, Sitzungssaal und Ausstellungsort wäre auch heute wieder anzustreben. Dann könnte eine „Renaissance“ (Wiedergeburt) in zweifacher Hinsicht im Alten Rathaus stattfinden.

 

Abb. 11: Fußknechtsharnisch, sog. Schwarzweißharnisch, mit offener Sturmhaube, ungemarkt, Süddeutschland, um 1560.

 

Literaturverzeichnis

Anita Auer: Intermezzo – ein Schülerprojekt im Alten Rathaus, in: Villingen im Wandel der Zeit, Jahresheft des Geschichts- und Heimatvereins Villingen, Jahrgang XXIX/2006, S. 103 –105. Ferdinand Förderer: Altertümerrepertorium, unveröffentlichtes Manuskript, um 1876.

Werner Huger: Die Wappentafel der Villinger Familie Werner oder: Die wundersame Reise einer Villinger Glasmalerei vom Museum in Villingen ins Museum nach Brixen (Italien), in: Jahresheft des Geschichts- und Heimatvereins Villingen, Jahrgang VII/1982, S. 26/27. Burghard Lohrum: Altes Rathaus Villingen. Ergebnisse der bauhistorischen Untersuchungen, unveröffentlichtes Manuskript, Ettenheimmünster 1993.

Paul Revellio: Das Alte Rathaus in Villingen im Schwarzwald. Ein Rundgang durch das Heimatmuseum, Villingen 1948.

Paul Revellio: Beiträge zur Geschichte der Stadt Villingen, Villingen 1964.

Klaus Tiedemann: Gemälde aus Glas und Licht. Kabinettscheiben der Renaissance, unveröffentlichter Katalog, Heidelberg o. J.

Friedrich Thöne (Bearb.): Die Zeichnungen des 16. und 17. Jahrhunderts. Kat. Museum zu Allerheiligen, Schaffhausen 1972.

Michael Tocha: Reformation oder katholische Erneuerung. Villingen und Schwenningen im konfessionellen Zeitalter, in: Villingen und Schwenningen. Geschichte und Kultur, Villingen-Schwenningen 1998, S. 202–216.