Mittelalterliche Handschriftenaus der Bibliothek des Benediktinerklosters St. Georgen in Villingen (Michael Buhlmann)

Bildung und Kultur in Deutschland stehen neuerdings zum Verkauf. Im „Kulturgüterstreit“ („Handschriftenstreit“) zwischen der Badischen Landesbibliothek in Karlsruhe und der baden-württembergischen Landesregierung um eine eventuelle Veräußerung von Handschriften hat die Politik wieder einmal jegliches Fingerspitzengefühl vermissen lassen. Ein Verkauf der Handschriften scheint als Folge des nationalen und internationalen Protestes zwar abgewendet, doch ist weiterhin Misstrauen gegenüber solchen politischen Entscheidungen angebracht. Auch Handschriften des ehemaligen Klosters St. Georgen im Schwarzwald bzw. des frühneuzeitlichen Benediktinerklosters in Villingen wären von einem Verkauf betroffen gewesen. Das Folgende will daher nachdrücklich aufmerksam machen auf die mittelalterlichen Codices einer Klosterbibliothek, die vom 17. bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts in Villingen beheimatet war.

I. Villingen und das Kloster St. Georgen

Schon bald nach seiner Entstehung (1084) besaß das Benediktinerkloster St. Georgen im Schwarzwald Besitz in Villingen und auf der Baar. Gerade das sich zur Zähringer-, Reichsund Territorialstadt entwickelnde Villingen sollte sich in den folgenden Jahrhunderten des hohen und späten Mittelalters zu einem wichtigen Bezugsort der Mönchsgemeinschaft entwickeln. St. Georgener Hausbesitz in der Stadt ist erstmals zu 1291 bezeugt, ist weiter im ältesten Villinger Bürgerbuch verzeichnet (1336) und lässt sich auch in den jüngeren Bürgerbüchern nachweisen. Damit verbunden war das Villinger Bürgerrecht für die Mönchsgemeinschaft. Der St. Georgener Pfleghof, der eine wichtige Bedeutung als Zentrale für den Klosterbesitz auf der Baar hatte, war das heute so genannte Abt-Gaisser-Haus in Villingen, angelehnt an die nordwestliche Stadtmauer, entstanden 1233/34.

Infolge von württembergischer Landesherrschaft und Reformation (1536) verlegten im Jahr 1538 die katholisch gebliebenen Mönche ihr Kloster in den Pfleghof nach Villingen, das somit nochmals eine gesteigerte Bedeutung für die Benediktiner aus St. Georgen bekam. Daran änderte auch nichts die zwischenzeitliche Rückkehr der Mönche nach St. Georgen im Zuge des Augsburger Interims (1548–1556/66) und während des Dreißigjährigen Krieges (1630–1648). Am 1. Dezember 1588 schloss der Konvent des Georgsklosters mit der Villinger Bürgerschaft über die Rechte und Pflichten der geistlichen Gemeinschaft in der Stadt einen Vertrag, der Pfleghof (Alte Prälatur) wurde ab 1598 nochmals erweitert und umgestaltet. Bis 1666 entstand ein viergeschossiges Konventshaus mit Sakristei, Kapitelsaal, Refektorium und Bibliothek, zwischen 1688 und 1725 bzw. 1756 erbaute man die barocke Klosterkirche, ab 1650 war mit dem Kloster ein Gymnasium verbunden. Die bis zur Säkularisation letzten Äbte des Klosters St. Georgen sollten in der barocken Klosteranlage in Villingen residieren.

Villinger Georgskloster (1805).

 

Probleme mit der habsburgisch-vorderösterreichischen Stadt, in der die katholischen Mönche also solcherart Unterschlupf gefunden hatten, gab es immer – z.B. 1774/75 um den Erhalt des Benediktinergymnasiums –, aber im Großen und Ganzen kam man miteinander aus. Das Georgskloster in Villingen wurde im Jahr 1806 säkularisiert und aufgehoben.

II. Klosterbibliothek

Schon die Regel des heiligen „Mönchvaters“ Benedikt von Nursia († 547) setzt wie selbstverständlich den Gebrauch der Heiligen Schrift etwa bei Tischlesungen oder bei der geistlichen Lektüre der Mönche voraus, setzte zudem voraus, dass Mönche das begriffen, was sie sprachen und sangen, mithin dass die Kirchensprache Latein verstanden und gesprochen wurde. Gerade das Christentum als „Buchreligion“ bedurfte seit jeher der Heiligen Schrift und ihrer Auslegung (etwa durch die Kirchenväter), die mittelalterliche Liturgie wäre ohne das in Büchern auf Latein formulierte undenkbar gewesen. So finden sich diesbezüglich aus Mittelalter und früher Neuzeit biblische und liturgische Texte vielfach überliefert. Die Menge der liturgischen Texte, die altund neutestamentliche Bücher wie Psalmen oder Evangelien aufnahmen, ist bezeichnend: Neben Psalter, Evangeliar (mit den vier Evangelien) und Evangelistar (Perikopenbücher; mit den Evangelientexten in der Reihenfolge des Kirchenjahres) finden sich Sakramentar, Missale und Epistolar mit gottesdienstlichen (Evangelien-) Texten, Graduale, Hymnar, Sequentiar und Antiphonar mit liturgischen Gesängen, Brevier, Diurnale und Matutinale als Bücher für das Stundengebet und Benedictionale, Rituale und Prozessionale für Weihehandlungen. In das Umfeld klösterlichen Gebetsgedenkens gehören die kalendarisch geordneten Martyrologien, Nekrologien und Kalendarien. Letztere bildeten das chronologische Rückgrat für die Liturgie im Kirchenjahr. In Klöstern vorhanden war ebenfalls theologische und Erbauungsliteratur, waren Werke der Naturlehre, der Jurisprudenz sowie der Geschichtsschreibung oder Bücher von antiken (lateinischen) Autoren.

Klösterliche Bildung in Mittelalter und früher

Neuzeit drehte sich um Schriftlichkeit und Buch und war präsent in Bibliothek und Skriptorium. Eine Schreibstube in St. Georgen können wir schon unter Abt Theoger (1088–1119) annehmen, über die mittelalterliche Bibliothek des Benediktinerklosters St. Georgen im Schwarzwald ist aber nichts oder kaum etwas bekannt. Verschiedene Klosterbrände (1224, 1338, 1391, 1474) und der erzwungene Umzug des Klosters nach Villingen werden sich nicht günstig auf den Buchbestand ausgewirkt haben. So finden sich seit dem 17. Jahrhundert erste Informationen zu Handschriften und Büchern aus dem Georgskloster in Villingen: über eine Bibliothek auf Wanderschaft, zum Teil eingelagert in anderen Klöstern, über die (teilweise?) Vernichtung des Villinger Buchbestandes durch Brand (1637), über den Erwerb und Aufbau einer neuen Bibliothek durch Abt Georg II. Gaisser (1627–1655) durch Kauf, über die Katalogisierung der Bücher und Handschriften. Auch Abt Gaissers Nachfolger bemühten sich um Sicherung und Ausweitung des Buchbestandes, zumal in der 2. Hälfte des 17. Jahrhunderts die erweiterten Villinger Klostergebäude einschließlich der Räumlichkeiten für die Bibliothek bezogen werden konnten. Im 18. Jahrhundert vergrößerte sich der Buchbestand – trotz mancher Rückschläge wie dem erzwungenen Verkauf der Musica Theogeri („Musikschrift Theogers“) an das Kloster St. Blasien (1743) – weiter. Bei der Säkularisation des Georgsklosters (1806) kamen dann die gedruckten Bücher zum großen Teil an die Universität Freiburg, die 111 (Pergamentund Papier-) Handschriften gelangten an die großherzoglich-badische Hofund Landesbibliothek, die heutige Badische Landesbibliothek in Karlsruhe, wo sie einen umfangreichen und geschlossenen Teilbestand des dort gelagerten Schrifttums bilden. Doch ging auch manches der ursprünglich wohl 20.000 Werke zählenden Klosterbibliothek verloren, bei der Säkularisation, in den darauf folgenden Jahren, aber auch durch Kriegseinwirkungen im 20. Jahrhundert.

Was 1806 und 1807 an die badischen Großherzöge kam, waren von 2900 ausgewählten schließlich 1340 gedruckte Bücher der Kloster bibliothek. Die Handschriften aus dem Georgskloster, nummeriert von I bis CXI, unterteilt in Pergamentund Papiercodices, nochmals unterteilt in lateinische und deutsche Manuskripte, waren unterdessen vom Bibliothekar Coelestin Spegele katalogisiert worden; Spegele schloss den Katalog am 30. März 1807 ab. Die St. Georgener Handschriften in der heutigen Badischen Landesbibliothek Karlsruhe sind zu ca. 45 Prozent lateinisch, zu 55 Prozent deutschsprachig, 38 Prozent sind Pergamentcodices, 62 Prozent Handschriften aus Papier.

III. Handschriften

Codex Nr. 36, fol. 1r: St. Georgener Prediger.

 

Wir nennen – wie in der germanistischen und historischen Forschung üblich – die mittelalterlichen Handschriften, die sich im Villinger Georgskloster der frühen Neuzeit befanden, St. Georgener Handschriften, da zwischen der Mönchsgemeinschaft in St. Georgen und der in Villingen selbstverständlich eine historische und rechtliche Kontinuität bestand. Bei den 111 Codices hauptsächlich des 15. Jahrhunderts, die 1806 der Klostersäkularisation zum Opfer fielen und an die badischen Großherzöge kamen, handelt es sich zumeist um liturgische Texte wie Psalter, Antiphonare, Breviere, Stundenund Gebetbücher; Heiligenlegenden, Geschichtsschreibung wie das Werk Ulrich Richentals über das Konstanzer Konzil, das „Gedicht von Christus und der minnenden Seele“ sind darunter, eine Handschrift enthält einen Artes-liberales-Zyklus, es gibt medizinisch-naturwissenschaftliche Sammelhandschriften. Die berühmte St. Georgener Predigtsammlung, der sog. St. Georgener Prediger aus dem endenden 13. Jahrhundert, beinhaltet Predigten und Traktate auf Alemannisch. Manche der Handschriften sind einmalig, fast alle lassen sich in größere Überlieferungszusammenhänge stellen. Die Predigtsammlung des St. Georgener Predigers, um beim Letzteren zu bleiben, ist enthalten im Codex St. Georgen Nr. 36 der Badischen Landesbibliothek Karlsruhe, eingebunden in einen roten Ledereinband, verschließbar mit zwei Schnallen. Der Codex besteht aus 109 Pergament Folioseiten der Größe 21,6 cm x 14,2 cm. Die Seiten sind zweispaltig aufgebaut mit 37 bzw. 38 Zeilen, jeweils eine große Initiale im Fleuronné-Stil („geblümt“, zweifarbig, Buchstabenschaft mit ornamentaler Aussparung) leitet eine neue Predigt ein. Bei den Majuskeln im Text, die Satzanfänge und Einschnitte markieren, wechseln sich meist die Farben rot und blau – auch gemäß dem Fleuronné-Stil – ab. Die Minuskelschrift ist (gebrochen-) gotisch (Textura), die einzige Ausstattungsform der Handschrift eben die Kennzeichnung durch Initialen und Majuskeln, Abbildungen fehlen. Die Handschrift wird auf das endende 13. Jahrhundert bzw. die Zeit um 1300 datiert, ist ostalemannisch und auf Grund der Sprachmerkmale wahrscheinlich im südöstlichen Schwarzwald oder in angrenzenden Gebieten entstanden.

 

Codex Nr. 89, fol. 1r: Gedicht von Christus und der minnenden Seele.

 

Codex Nr. 89, fol. 82v: Christus mit den sieben Laden.

Die Handschrift enthält 39 deutsche Klosterpredigten und Traktate, wahrscheinlich     für     einen     (benediktinischen) Nonnenkonvent bestimmt. Die Predigten im engeren Sinne, religiöse Traktate und Erbauungstexte ohne Predigtform, haben mitunter theologisch anspruchsvolle Themen zum Inhalt wie Trinität, Christologie, Mariologie, Abendmahl und mystische Erfahrungen. Als Makulatur fand sich, auf dem hinteren Buchdeckel der Handschrift aufgeklebt, ein beschnittenes Pergamentblatt mit einem Trierer Reliquienverzeichnis aus dem Jahr 1117.

Ein Antiphonarium cisterciense ist das aus der Bibliothek des Villinger Georgsklosters stammende Wonnentaler Antiphonar, das auf die 1. Hälfte des 14. Jahrhunderts datiert wird. Die Handschrift Codex St. Georgen Nr. 5 wurde irgendwo im Breisgau wahrscheinlich für den Zisterzienserinnenkonvent Wonnental geschrieben. Das Chorgesangbuch führt die für die kirchliche Liturgie so wichtigen lateinischen Wechselgesänge des Chorgebets auf, wobei die zeitliche Anordnung der Gesänge sich nach der Liturgie des Kirchenjahres richtet. Auf 260 Pergamentblättern enthält die Handschrift zahlreiche ornamentale Initialen sowie figürliche Anfangsbuchstaben und Randillustrationen.

Aus dem Nonnenkonvent Amtenhausen des 17. oder 18. Jahrhunderts stammt der St. Georgener Codex Nr. 64, der das Werk von den „Vierund zwanzig Alten“ des Erbauungsschriftstellers Otto von Passau († nach 1386) wohl am unmittelbarsten enthält. Die Papierhandschrift wurde im Jahr 1383 niedergeschrieben, wie Datierung und Kolophon am Schluss des 230 Blätter zählenden Manuskripts zeigen, der Text enthält viele Änderungen aus dem 16. Jahrhundert. Wir werden hinsichtlich der Herstellung des Codex auf den Freiburger Raum verwiesen, wie die 23 erhaltenen Miniaturen der Alten zeigen; die Miniatur des ersten Alten fehlt, ebenso der Anfang der Lebenslehre. Inhaltlich handelt es sich bei den „Vierundzwanzig Alten“ um eine Erbauungsschrift, um eine christliche Lebenslehre, eine Sammlung, die Sentenzen (Gedanken, Meinungen) von mehr als hundert christlichen und antiken Autoren enthält. Dabei spricht jeder der 24 Alten der biblischen Apokalypse (die dem Evangelisten Johannes zugeschrieben wurde) zu einem Thema, jede Rede beginnt mit einem Buchstaben in der Abfolge des Alphabets.

Die Handschrift St. Georgen Nr. 89 enthält auf 99 kleinformatigen Folioblättern das „Gedicht von Christus und der minnenden Seele“, eine mystische Schrift, einen Dialog zwischen der Seele als Braut und Christus als Bräutigam, sowie die Erbauungsschrift „Christus mit den sieben Laden“. Auf Folio 99 verso finden sich Federproben. Die Papierhandschrift ist 14,50 cm hoch, 10,70 cm breit und ist um die Mitte des 15. Jahrhunderts entstanden. Die beiden im alemannisch-schwäbischen Dialekt verfassten Texte enthalten eine Reihe von farbigen Bildern. Die Handschrift ist in schwarzer Tinte geschrieben, die Initialen sind rot, ein roter Ledereinband schützt die Blätter. Im Text „Christus mit den sieben Laden“ fungiert Christus als Fuhr und Kaufmann, der einen Einsiedler durch Aufzeigen der inneren Werte in den „köstlichen Laden“ auf den rechten asketischen Weg zurückführt.

Die Handschrift St. Georgen Nr. 7 stammt aus dem 15. Jahrhundert, hat eine Größe von 33 cm auf 22,5 cm und enthält auf 122 zweispaltig angelegten Blättern u.a. ein Martyrolog, ein Nekrolog sowie die Benediktregel. Martyrolog und Nekrolog waren Bestandteile einer klösterlichen Erinnerungskultur um das Totengedenken (memoria), das eine Gemeinschaft der Lebenden und der Toten schuf. Zusammen mit der Benediktregel machen sie dieses Kapiteloffiziumsbuch aus.

Codex Nr. 7, fol. 98r: Benediktregel.

 

 

Codex Nr. 28, fol. 28r: Stundenbuch, Christus am Kreuz.

 

Der Vielzahl von liturgischen Handschriften und Erbauungsliteratur – hierzu lassen sich noch aus der Klosterbibliothek das „Leben Christi“ Ludolfs von Sachsen († 1378) (Codex St. Georgen Nr. 67) und lateinische Stundenbücher zählen (u.a. Codex St. Georgen Nr. 28) – stellen wir nun noch Handschriften mit profanweltlichen Inhalten zur Seite. Die in einem braunen Ledereinband eingebundene Papierhandschrift St. Georgen Nr. 63, die Chronik des Konstanzers Ulrich von Richental († 1437) stammt aus der Zeit vor 1472, hat eine Größe von 29,7 cm auf 21,2 cm und enthält auf 268 zweispaltig angelegten Blättern auszugsweise die Geschichte des Konstanzer Konzils (1414–1418). Der Codex besitzt viele Illustrationen, u.a. als Vollund Doppelvollbilder, viele Wappen, zum Teil unvollendet, und farbige Initialen. Bekannt ist die bildlich umgesetzte Szene des „Papststurzes“ Johannes‘ XXIII. (1410–1415). Johannes war einer der drei Päpste, die sich im Großen Kirchenschisma (1378–1417) gegenüberstanden. Auf der Anreise nach Konstanz kippte der Wagen mit dem Papst um, Johannes blieb aber unverletzt und konnte den Weg fortsetzen.

Der St. Georgener Codex Nr. 81 ist eine 74 Blätter umfassende Papierhandschrift, ca. 21,2 cm mal 14,7 cm groß, ist zwischen 1420 und 1440 entstanden und stammt – der alemannischen Mundart zufolge – aus dem südwestdeutschen Raum. Von einem Schreiber wurde hier ein „Hausbuch mit astronomisch-medizinischen Texten“ niedergeschrieben, ein am Beginn des Codex stehender Kalender später durch Einträge zur gesunden Lebensführung ergänzt. Die Handschrift enthält eine Vielzahl von Rubrizierungen (bei Überschriften, Initialen usw.), dem Text sind zahlreiche Illustrationen beigegeben. Auf fünf Blättern des Codex findet sich dann ein sog. Artes-liberales Zyklus, der als „zyklische Formation des Wissens“

Informationen über die artes liberales, also die (mittelalterlichen) „sieben freien Künste“, bebildert und volkssprachlich transportierte. Im gereimten, in Strophen zu 10 Versen unterteilten Artes-liberales-Zyklus werden die Fächer der Artes nacheinander vor- und mit diesen die sie repräsentierenden Lehrer und Gelehrten auch bildlich dargestellt: Priscian (Grammatik), Aristoteles (Logik), Marcus Tullius Cicero (Rhetorik), Boethius (Musik), Algus (abgeleitet von Algorismus und dem arabischen Mathematiker al-Hwarizmi, Arithmetik), Euklid (Geometrie) und Ptolemäus (Astronomie). Der Artes-liberales-Zyklus verweist indes nicht auf die Wissenschaften, die Weisen und Lehrmeister legen ihre Disziplinen höffelichen aus, beziehen sie auf den Minnedienst, auf den werbenden Umgang des Mannes mit der auserwählten Frau. Die Artes werden so zur ars amatoria, zur ars amandi, zur Liebeskunst, die über den Wissenschaften steht, sie überbietet. Der Text ist somit parodistisch, erotisch und mehrdeutig-eindeutig.

Wir erwähnen abschließend noch an St. Georgener Handschriften: die 20 antike Bücher umfassenden „Etymologien“ des spanisch-westgotischen Bischofs Isidor von Sevilla († 636), die für das gesamte Mittelalter antikes Wissen, u.a. betreffend die artes liberales, zur Verfügung stellten und daher zu dem Nachschlagewerk dieser Epoche wurden (Codex St. Georgen Nr. 10); medizinische Sammelhandschriften, u.a. enthaltend „dz buoch der gesunthait“, in dem u.a. Aderlassregeln, die Bedeutung des Mondes für die Gesundheit, ein Kräuterverzeichnis, sowie Blut-, Wasser-, Pferdeund Wurmsegen zu finden sind (Codex St. Georgen Nr. 73).

IV. Zusammenfassung

Die im frühneuzeitlichen Villinger Georgskloster gesammelten geistlich-christlichen Handschriften haben uns einen tiefen Einblick gegeben in die christliche Glaubenswelt des späten Mittelalters (und der frühen Neuzeit). Die St. Georgener Codices sind auch heute noch aktuell und verweisen – über die Beschäftigung mit den Büchern als solche hinaus – auf das Denken und die Mentalität in der Epoche des 13. bis 15./16. Jahrhunderts („literarisches, soziales und religiöses Klima“ des späten Mittelalters). Eine verstärkte Schriftlichkeit in Land und Stadt ermöglichte es nun auch den Laien, gebildeten Frauen wie Männern aus Adel und Bürgertum, im Zuge einer Laienfrömmigkeit, geistlich-religiöse Texte in ihrer Muttersprache zu lesen. Dabei kam im Bereich der Klöster der Nonnenbildung eine nicht zu unterschätzende Bedeutung zu. Manch einer der Codices der St. Georgener Bibliothek stammte nicht von ungefähr aus den Frauenprioraten des Villinger Benediktinerklosters.

Unser Einblick in die frühneuzeitliche Bibliothek des Villinger Georgsklosters ergab dann das Vorhandensein folgender Handschriftentypen: biblische Texte (Psalter), dem klösterlichen Umfeld verpflichtete liturgische Codices für Gottesdienst und Stundengebet, Erbauungsliteratur (Predigten, Heiligenlegenden), wissenschaftliche Texte (Geschichtsschreibung, artes liberales). Die Werke auf Deutsch machten über die Hälfte der Handschriften der St. Georgener Klosterbibliothek aus. Gerade der letzte Aspekt hat dazu geführt, dass sich immer wieder die germanistische Forschung mit den deutschsprachigen Handschriften der Villinger Mönchsgemeinschaft beschäftigt hat. Der St. Georgener Prediger, wohl die berühmteste Handschrift des Georgsklosters, hat zuletzt im allgemeinen Zusammenhang mit den „St. Georgener Predigten“ eine entsprechende Würdigung erfahren, der Artes-liberales-Zyklus im St. Georgener Codex Nr. 81 ist untersucht worden. Über die „Vierundzwanzig Alten“ des Otto von Passau und über den mystischen Traktat „Christus und die minnende Seele“ wird unter maßgeblicher Berücksichtigung der St. Georgener Handschriften zurzeit geforscht. Die mittelalterlichen St. Georgener Codices in der Badischen Landesbibliothek stehen damit auch heute für benediktinische Gelehrsamkeit im 17. und 18. Jahrhundert. Darüber sollte nicht vergessen werden, dass die St. Georgener Bibliothek mit der 1743 verkauften Musica Theogeri ein sehr altes Manuskript beherbergte, das auf den Zusammenhang zwischen klösterlicher Bildung und Reformmönchtum des hohen Mittelalters verwies.

Für die Bibliotheksbestände des Villinger Georgsklosters bedeutete die Säkularisation von 1806 eine ebenso große Zäsur wie genau zweihundert Jahre später der glücklicherweise abgewendete Handschriftenverkauf von 2006. Nicht nur die Geschichte des Klosters St. Georgen, sondern auch die des frühneuzeitlichen Villingen, das die Mönchsgemeinschaft über einen langen Zeitraum beherbergte, hätte Schaden erlitten, waren doch die hier vorgestellten Handschriften vom 17. bis zum 19. Jahrhundert ein wichtiger Bestandteil Villinger Kultur.

Literaturverzeichnis

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