Die Welvert-Kaserne (Bernd Schenkel)

on der militärischen Nutzung zum attraktiven Wohngebiet

Zur Orientierung

Dieses Luftbild, das der Südkurier am 8. August 2007 veröffentlicht hat, eignet sich gut zur Orientierung. Der folgende Beitrag beschäftigt sich vor allem mit der Entwicklung der Welvert-Kaserne, die 1935/36 als Boelcke-Kaserne gebaut wurde – im Luftbild mit „1“ bezeichnet. Das Gelände mit der „2“ ist die heutige Lyautey-Kaserne, die 1913/1914 erbaut wurde und in den 1920er Jahren den Namen Richthofen-Kaserne erhielt. Die Hauptgebäude stehen heute unter Denkmalschutz. In den Jahrzehnten, in denen die Kasernen gebaut wurden, entstand und entwickelte sich die Firma Saba – das Gelände „3“ auf dem Luftbild. Zwischen der Welvert- und der Lyautey-Kaserne ist deutlich die Kirnacher Straße zu erkennen. Auch die Kreuzung der Kirnacher Straße mit der Dattenberg- und Richthofenstraße ist gut erkennbar. Am oberen Bildrand sieht man die große Kreuzung Kirnacher/Peterzeller Straße.

Soldaten, aber keine Kasernen

Bewaffnete hat es in Villingen seit Gründung der Stadt im Hohen Mittelalter gegeben. Jeder Bürger war, wenn die Stadt verteidigt werden musste, auch Soldat und hatte zusammen mit seinen Zunftgenossen einen bestimmten Mauerabschnitt zu verteidigen. Dass Villingen auch Bewaffnete für den jeweiligen Stadtherrn zur Verfügung stellen musste, ist bekannt. Zahlen finden wir etwa beim ‚Haslacher Anschlag‘ von 1326, als die Villinger mit 150 bewaffneten und berittenen Männern ihren fürstenbergischen Stadtherren nach Haslach folgten – in eine Falle, wie sich herausstellen sollte. Auch in späteren Jahrhunderten stellte die Stadt dem nun habsburgischen Landesherrn ein Aufgebot. 1599 etwa verzeichnete die Musterungsliste 435 Mann. In den europäischen Kriegen des 17. und 18. Jahrhunderts – vor allem im Dreißigjährigen Krieg (1618–48) und dem Spanischen Erbfolgekrieg (1701–14) – genügte es nicht mehr, den Bürgern die Verteidigung der Stadt zu überlassen. Es waren Truppen des habsburgischen Landesherrn in der Stadt stationiert. Etwa bei der Sommerbelagerung des Jahres 1633 war es eine in der Stadt stationierte Reitertruppe, die am 17. September mit einem Ausfall den Belagerungsring der Württemberger sprengte und entscheidend zum Ende der Bela gerung beitrug. Kasernen für die Landsknechte gab es damals nicht. Sie waren in den Bürgerhäusern einquartiert. Auch bei der Tallard’schen Belagerung von 1704 hat neben der Bürgerschaft der Artillerie Kommandeur Baron von Wilstorf mit seinen Truppen die Verteidigung der Stadt bewerkstelligt.

Als 1744 im Österreichischen Erbfolgekrieg die Franzosen wieder vor Villingen erschienen, hatte Habsburg die Stadt ohne Besatzung gelassen. Villingen musste seine Tore kampflos öffnen. Nachdem die Franzosen auch Geschütze und Munition mitgenommen hatten, war die Stadt keine Festung mehr. Das heißt aber nicht, dass die Stadt keine Soldaten mehr gesehen hätte. Während der Französischen Revolutionskriege und der Napoleonischen Kriege waren in Villingen ständig Soldaten einquartiert. Es begann 1791 mit österreichischen Truppen. Die Einquartierung war für die Villinger Bürger zunächst durchaus lohnend: Für jeden Soldaten wurden 12 Kreuzer pro Tag bezahlt. Im Jahr darauf waren es vor allem französische Emigranten, die Truppen anwarben. Im Jahr 1794 waren es dann wieder kaiserliche Truppen, darunter Regimenter aus Kroatien. Der Name ‚Krawatzi‘ für die südliche Gerberstraße – dort hatten sie ihre Quartiere – ist bis heute geblieben. Immerhin, das Kost und Quartiergeld wurde weiterhin bezahlt, sodass die Einquartierungen sowohl für die Bürger als auch für die Stadt als ganzes eine beträchtliche Einnahmequelle darstellten.

Ganz anders wurden die Einquartierungen in Napoleonischer Zeit gehandhabt. Im Jahre 1801 mussten französische Soldaten auf Kosten der Bürgerschaft untergebracht und versorgt werden. Und selbst als die Soldaten Ende des Jahres nach Freiburg in neu errichtete Kasernen verlegt wurden, musste die Stadt weiterhin 2.500 Gulden monatlich für sie aufbringen. Im Winter 1813 zogen dann auch noch russische Kosaken durch Villingen. Erst der Wiener Kongress 1814/15 schloss diese für Villingen bitteren Jahre ab.

(Fast) Keine Soldaten und keine Kasernen

In den Kriegsjahren hatte sich auch der Übergang von der vorderösterreichischen Landstadt zur badischen Provinzstadt vollzogen. Als die Truppen abgezogen waren, war Villingen um vieles ärmer geworden – politisch, vor allem aber auch materiell. Auch kulturell war Villingen verarmt – man denke nur an die Ausplünderung der Klöster durch württembergische und dann durch badische Truppen. Gab es nun, nachdem 1814/15 wieder Friede eingekehrt war, wirklich keine Soldaten mehr in Villingen? Badische Truppen gab es nicht. Villingen war keine Garnisonsstadt. Aber es gab eine Tradition, die alle Verwerfungen überdauert hatte. Nach 1744 war die Stadt ‚wehrlos‘ geworden und das Bürgeraufgebot hatte seine bisherige Aufgabe – die Verteidigung der Stadt – verloren. Auch die militärische Ausbildung der angehenden Bürger wurde nicht weitergeführt. Das Bürgeraufgebot bestand aber weiter, zur Aufrechterhaltung von Ordnung und Sicherheit – etwa durch nächtliche Wachen und Streifen. Wichtig war das Bürgermilitär, wie es im 19. Jahrhundert meist genannt wurde, bei festlichen Anlässen. So wurde der Vertreter des neuen württembergischen Landesherrn am 28. Mai 1806 mit dem Bürgermilitär empfangen. Wenige Monate später, am 11. September 1806 – Villingen war inzwischen badisch geworden – wurde der badische Kommissar, Baron von Drais, von Magistrat und Bürgermilitär am Oberen Tor empfangen. Auch in den folgenden Friedenszeiten blieb das Bürgermilitär erhalten und gliederte sich nach der Bürgermilitärordnung von 1818 in ein Kavalleriekorps, ein Grenadier und ein Musikkorps. Das Bürgermilitär bestand bis zur Märzrevolution 1848. Waffen und Musikinstrumente wurden der neu gebildeten revolutionären Bürgerwehr übergeben. Als Traditionsverein hat die Historische Bürgerwehr noch heute einen hohen Stellenwert im städtischen Vereinsleben.

Nach dem Ende der Revolution 1848/49 begannen für Villingen Jahre des Aufschwungs. Der wirtschaftliche Aufschwung zeigte sich in der Gründung des Gewerbevereins, der ersten großen Gewerbe-Ausstellung, dem Bau der Schwarzwaldbahn. Politisch hatte Villingen sich in Baden arrangiert. Wie sehr man sich inzwischen als Badener fühlte, zeigt die große Begeisterung, mit welcher der Landesherr und Mitglieder der großherzoglichen Familie in Villingen immer wieder begrüßt und bejubelt wurden. Am deutsch-französischen Krieg 1870/71 nahmen 125 Villinger als Teil der Badischen Division teil. Und natürlich haben sie sich heldenhaft geschlagen, damals, am 15. Januar 1871 bei Belfort – gegen eine mehrfache französische Übermacht.

Es wundert deshalb nicht, wenn die Stadtverwaltung darauf sann, das Ansehen Villingens aufzuwerten – durch eine Garnison. Ein erster Hinweis findet sich bei Rodenwaldt (S. 290):

Zugleich bat die Stadt in Karlsruhe um Belegung mit einer badischen Truppe, vermutlich um dadurch eine preußische Besatzungstruppe vermeiden zu können.

„1. 10. 1849: Mündlicher Vortrag über die wiederholte Bewerbung beim Grh. Kriegsministerium zu Karlsruhe um Zuteilung einer Garnison mit Beantragung der Abtretung des Benediktinerklosters als Kaserne.

1. Es solle eine wiederholte Vorstellung an Grh. Kriegsministerium um Zuteilung einer Garnison mit Anerbieten des Benediktinerklosters eingereicht werden.

2. Zur Unterbringung der Schüler wird vorläufig eine Kommission, bestehend aus Gemeinderat Konstanzer, Gemeinderat Engelbrecht Blessing, Xaver Riegger, Schreiner, und Gewerbelehrer Schleicher ernannt.“

Mit der badischen Garnison klappte es damals nicht. Es wurden jedoch preußische Truppen in die Stadt gelegt. Soll man sie als „Besatzungstruppen“ bezeichnen? Schließlich hatten sie die demokratisch-republikanische Revolution in Baden niedergeworfen, die auch in Villingen viele Anhänger und Sympathisanten hatte. Das Verhältnis der Villinger und der Preußen war offenbar leidlich. Am 25. Oktober 1850 wurde Prinz Wilhelm von Preußen, der ‚Kartätschen-Prinzen‘, der zwanzig Jahre später deutscher Kaiser werden sollte, mit großem Pomp empfangen – „ohne rächtet der kärglichen Verhältnisse der Finanzen.“ Im Jahre 1852 war dieses Zwischenspiel beendet. Die preußischen Truppen zogen ab.

Im Jahre 1872 bot sich erneut die Möglichkeit, eine militärische Einrichtung in die Stadt zu holen. In Baden sollte auf Wunsch des preußischen Kriegsministeriums ein Remontehof eingerichtet werden. Auf einem solchen Hof wurden junge, dreijährige Pferde innerhalb eines Jahres auf ihre Militärtauglichkeit vorbereitet und dann an die Truppe abgegeben. Das Badische Handelsministerium hatte Villingen als Standort vorgeschlagen und fand bei der Stadtverwaltung große Unterstützung. Immerhin war mit einer Pacht von 14.000 Gulden jährlich zu rechnen und dazu noch mit Aufträgen für die heimische Bauwirtschaft. (Irgendwie erinnern diese Überlegungen von damals an die Argumente bei der Ansiedlung von XXXLutz 135 Jahre später!)

Unter der Bürgerschaft wurde die Frage auch heftig diskutiert. Der Remontehof sollte auf einem Teil der bisherigen Allmende angesiedelt werden. Die Allmende wurde von den Ackerbürgern der Stadt vor allem als Viehweide genutzt. Eine Abstimmung unter den nutzungsberechtigten Bürgern ergab eine Ablehnung des Projekts mit 286 : 351 Stimmen. Hinter der Ablehnung standen auch anti-preußische Ressentiments. Schließlich hatten preußische Truppen die badische Revolution niedergeworfen, die in Villingen viele Anhänger hatte. Und das Badische Wiegenlied (1849) von Ludwig Pfau (1821–1894) war sicher vielen Bürgern noch im Ohr:

Badisches Wiegenlied

Von Ludwig Pfau

Schlaf ‚, mein Kind, schlaf leis‘,

Dort draußen geht der Preuß‘,

Deinen Vater hat er umgebracht,

Deine Mutter hat er arm gemacht,

Und wer nicht schläft in guter Ruh‘,

Dem drückt der Preuss‘ die Augen zu.

Schlaf ‚, mein Kind, schlaf leis‘,

Dort draußen geht der Preuß‘,

 

Schlaf ‚, mein Kind, schlaf leis‘,

Dort draußen geht der Preuß‘,

Der Preuß‘ hat eine blut’ge Hand,

Die streckt er über’s badische Land,

Und alle müssen stille sein

Als wie dein Vater unterm Stein

Schlaf ‚, mein Kind, schlaf leis‘,

Dort draußen geht der Preuß‘,

 

Schlaf ‚, mein Kind, schlaf leis‘,

Dort draußen geht der Preuß‘,

Zu Rastatt auf der Schanz‘,

Da spielt er auf zum Tanz,

Da spielt er auf mit Pulver und Blei,

So macht er alle Badener frei.

Schlaf ‚, mein Kind, schlaf leis‘,

Dort draußen geht der Preuß‘,

 

Schlaf ‚, mein Kind, schlaf leis‘,

Dort draußen geht der Preuß‘,

Gott aber weiß, wie lang er geht,

Bis daß die Freiheit aufersteht,

Und wo dein Vater liegt, mein Schatz,

Da hat noch mancher Preuße Platz.

Schrei, mein Kindlein, schrei’s:

Dort draußen liegt der Preuß!

 

 

 

 

 

Auf der anderen Seite wurden die Siege im deutsch-französischen Krieg gebührend gefeiert. Am Sedantag (2. September) – er erinnert an den Sieg der preußischen Truppen über Kaiser Napoleon III. – wurde 1875 das Kriegerdenkmal vor dem Bezirksamt aufgestellt, wo es noch heute in den Ringanlagen steht. Wir sehen also, die Einstellung zu Preußen und den preußischen Militäreinrichtungen war durchaus ambivalent.

Einen weiteren Anlauf, eine militärische Einrichtung nach Villingen zu holen, unternahm die Stadtverwaltung in den Jahren 1876/77. Sie hatte die Hoffnung, dass das Landeswehrbezirkskommando von Donaueschingen nach Villingen verlegt würde. Die Hoffnungen wurden letztlich enttäuscht. Offensichtlich hatte Donaueschingen über den Fürsten von Fürstenberg die besseren Drähte nach Berlin.

Kasernen und Soldaten

Seit 1886 betrieb die Stadt – zäh und mit sehr langem Atem – die Einrichtung einer Garnison. Dahinter standen praktische wirtschaftliche Überlegungen: Der Einzelhandel sollte belebt werden und die Auftragslage des Bauhandwerks sollte verbessert werden. Jahrzehntelang wurden alle Eingaben an die badische Regierung und das Kriegsministerium in Berlin abschlägig beschieden. Erst 1913 stellte sich der Erfolg ein. Im Vorfeld des Ersten Weltkriegs kam es zu einer Vergrößerung des Heeres, und Villingen bekam seine Garnison. Das 8. Badische Infanterie-Regiment 169 wurde um ein Bataillon vergrößert. Das neue Bataillon umfasste 21 Offiziere und 804 Mann. Am 25. September 1913 trat der Bataillonsstab zusammen. Bataillonskommandeur war Major von Lilienhoff-Zwowitzky. Am 1. Oktober wurde das III. Bataillon des Infanterie-Regiments Nr. 169 feierlich in Villingen begrüßt. Mit einer Parade auf dem Münsterplatz und mit einem Festessen in der „Blume-Post“ wurde das Ereignis gebührend gefeiert.

Villingen war endlich Garnisonsstadt geworden.

Weitere Informationen über die Geschichte dieses Bataillons finden sich in einem Artikel des ‚Schwarzwälder Tagblatt‘ vom 24. September 1938: „Das Villinger Heldenbataillon III.169 feiert seinen 25. Gründungstag“. Die Kaserne für die Garnison sollte nördlich der Kirnacher Straße gebaut werden. Gelände wurde angekauft, unter anderem auch 60 Ar vom Spital für 2.200 Mark.

 

 

 

 

 

Erst nach Kriegsbeginn wurde die Kaserne fertig gestellt. Für die vorläufige Unterbringung der Garnison wurden südlich der Kirnacher Straße Baracken gebaut – also auf dem Gelände der heutigen Welvertkaserne. Nach dem Umzug der deutschen Soldaten in die Kaserne, die spätere Richthofenkaserne, wurden die Baracken als Offiziers-Gefangenenlager genutzt. Die Postkarte aus dem Stadtarchiv gibt einen Eindruck von diesem ‚Barackenlager‘.

Der Name ‚Richthofenkaserne‘ taucht zum ersten Mal in den von Rodenwaldt zitierten Ratsprotokollen für das Jahr 1920 auf. Dort findet sich die Notiz;

„Für den Fall, daß die hiesige Kaserne die Bezeichnung Richthofenkaserne erhält, wird in Erwägung gezogen, eine nach der Kaserne führende Straße Richthofenstraße zu benennen.“ (Rodenwaldt, S. 305)

Nach den Bestimmungen des Versailler Vertrags (1919) musste ein Streifen 50 km östlich des Rheins entmilitarisiert werden. Villingen lag knapp außerhalb dieser Zone, konnte also seine Garnison behalten. Da das deutsche Heer auf 100.000 Mann reduziert werden musste, blieb Villingen nur eine kleine Garnison – die 16. Ausbaukompanie des Infanterieregiments 14.

Die Kurze Geschichte der Boelcke-Kaserne (1936–1945)

Eine Erweiterung erhielt das Kasernengelände im „Dritten Reich“. In den Jahren 1934 und 1935 kaufte die Stadt im Bereich der Richthofenkaserne 6,8 Hektar Gelände auf und überließ dem Deutschen Reich insgesamt 10,9 Hektar – unentgeltlich. Als es in den letzten Jahren um die Konversion der Flächen ging, stellte sich natürlich auch die Frage: Muss die Bundesrepublik bei der Preisgestaltung für das Gelände nicht berücksichtigen, dass Villingen die Flächen dem Deutschen Reich damals geschenkt hat?

Eine Anfrage beim Amt für Stadtentwicklung wurde wie folgt beantwortet:

„Die Überlassung des Grundstückes der Stadt an das Deutsche Reich hat heute keine Auswirkungen auf den Kaufpreis. Die Stadt VS hat seinerzeit auf die Weiterverfolgung des Rückübertragungsanspruches aufgrund der Einschätzung des Juristischen Dienstes verzichtet. Die Kaufpreisfindung für die Welvert- Kaserne ist frei verhandelbar zwischen dem Bund (Bundesanstalt für Immobilienaufgaben) und einem Erwerber.“ (5.7.2007)

Im Stadtarchiv, in der ,Villinger Jahreschronik 1924–44′, findet sich eine „Darstellung der Lasten, die der Stadt aus Anlaß der Standorterweiterung erwachsen“. Auf vier Seiten wurden die Grundstückskosten, die Entschädigungen, die Ausgaben für die Straßen und die Vermessungskosten zusammengestellt. Die Endsumme betrug „RM 823.452,50“. Das Schriftstück trägt das Datum vom 13. Mai 1935. Seit Mai 1934 hatte die Stadt mit der Reichsheeresverwaltung über die Flächen verhandelt. Zunächst wurde eine Fläche von sieben Hektar für eine ‚Kraftfahrerkaserne‘ angefordert – endgültig wurden es dann über 11,5 Hektar. Eine so große Fläche hatte Villingen nicht im Eigenbesitz. Die Stadt musste weitere private Flächen dazukaufen. In zähen Verhandlungen hat die Verwaltung erreicht, dass die zusätzlichen 4,5 Hektar bezahlt wurden – mit 84 Pfennig pro Quadratmeter, was den Betrag von 38.555,– Reichsmark ergab. Aber die Stadt hatte an private Grundstückseigner mehr bezahlt und versuchte in Nachverhandlungen etwa 110.000,– RM zu erlösen. Damit war der Bogen offensichtlich überspannt. Immerhin einigten sich Stadtverwaltung und Wehrmacht auf 58.818,13 RM, und am 14. 12. 1936 konnte die Kreiswehrverwaltung V dem Villinger Bürgermeister Schneider mitteilen, die zusätzlichen 20.236,– RM würden angewiesen.

In einem Schreiben der Stadt an das Badische Bezirksamt vom 29. April 1936 wird auch ein Rückfallrecht für das unentgeltlich zur Verfügung gestellte Gelände erwähnt. Offensichtlich konnte sich die Stadt hier nicht durchsetzen, wie der letzte Satz des Schreibens andeutet: „Bei der Frage des Rückfallrechts, das der Reichsfiskus der Stadt einräumen muss, wäre zu berücksichtigen, dass seitens der Wehrmacht Gebäude im Wert von einigen Millionen auf dem von der Stadt zur Verfügung gestellten Gelände erstellt wurden, zu denen der Grundstückswert in keinem Verhältnis steht.“

In einer anderen für Villingen wichtigen Sache hatte die Stadtverwaltung in der Vereinbarung vom 23. Mai 1934 ihre Interessen deutlich formuliert:

“ 5. Verpflichtung der Heeresverwaltung Die Heeresverwaltung wird im Rahmen der für sie geltenden Bestimmungen dafür Sorge tragen, dass bei den Vergebungen der Bauarbeiten das ortsansässige Handwerk bevorzugt berücksichtigt wird und sämtlichen Unternehmern die Verpflichtung auferlegt wird, einheimische Arbeitskräfte einzustellen, unter in Inanspruchnahme des Arbeitsamts und Fürsorgeamts. Die Stadt legt Wert darauf, das wie bisher auch bei der stärkeren Belegung die Belieferung der Truppenküche durch Geschäfte am Platz erfolgt.“

Auf der andern Seite war die Stadt der Garnison entgegengekommen und hatte die kostenlose Mitbenutzung von Sportplatz und Schwimmbad zugestanden und für die Beschaffung von Familienwohnungen für „Offiziere, Beamte, Unteroffiziere und Mannschaften“ Bauplätze „kosten- und lastenfrei“ zur Verfügung gestellt. Für die Handwerker und Geschäfte der Stadt war die vergrößerte Garnison ein noch wichtigerer Wirtschaftsfaktor geworden. Allein die Bauinvestitionen wurden im Mai 1934 auf 1,8 Millionen Reichsmark geschätzt.

Die Postkarte mit Erläuterung „Reichswehrkaserne Villingen, Flugzeugaufnahme“ stammt vermutlich noch aus den 20er Jahren – der ‚Saba- Hochbau‘ von 1933 steht noch nicht. Das Bild zeigt die Richthofen-Kaserne und davor die Fläche, auf der die Boelcke-Kaserne gebaut wurde. Das Gelände war damals offensichtlich in Gärten und Felder aufgeteilt.

Die von der Stadt erworbenen Flächen wurden für zwei Erweiterungen genutzt. Der Ausbau der Kaserne erfolgte 1935/36: Eine weitere Infanteriekaserne wurde östlich der Richthofenkaserne auf dem ehemaligen städtischen Fest- und Messeplatz der Stadt gebaut. Sie erhielt den Namen ‚Neue Richthofenkaserne‘ – heute ,Quartier Mangin‘. Südlich der Kirnacher Straße entstand eine ‚Kraftfahrerkaserne‘. Diese Kaserne erhielt den Namen Boelcke-Kaserne – heute Welvert-Kaserne. In Villingen wurden somit die Namen der drei erfolgreichsten Jagdflieger des Ersten Weltkriegs ins Bewusstsein der Bevölkerung gerückt:

Manfred Freiherr von Richthofen (1892–1918), erfolgreichster deutscher Jagdflieger im Ersten Weltkrieg; Oswald Boelcke (1891–1916) gilt neben Max Immelmann als „Senior“ der deutschen Jagdflieger und Max Immelmann (1890 –1916) selbst. Immelmann wurde Namensgeber des Villinger Realgymnasiums, das seit 1938 Immelmann-Schule hieß.

 

 

 

 

 

Wie schon bei der Garnison 1913 waren auch für die Boelcke-Kaserne die Soldaten in Villingen eingetroffen bevor die Kasernengebäude fertiggestellt waren. Das ‚Schwarzwälder Tagblatt‘ vom 16. Gilbhard 1936 (die Zeitung gebrauchte also den germanisch klingenden Monatsnamen ‚Gilbhard‘ statt ‚Oktober‘ mit seinen lateinischen Wurzeln) berichtete ganzseitig vom Empfang der ‚Panzer- Abwehr-Abteilung‘ in Villingen. Hier ein paar Kostproben aus dem Text:

„Villingen. Der 15. Oktober reiht sich würdig so manchem großen Tag in der ruhmreichen Geschichte unserer Stadt an. Villingen hat sein festlichstes Kleid angelegt. Golden färbt sich das Laub vor den Toren und das herbstliche Leuchten der Baar-Landschaft mit den schwarzen Tannen im Hintergrund, ließ allein schon die Herzen der Kameraden höher schlagen, die von Würzburg in weitem Landmarsch herkommend, sich ihrer neuen Garnison näherten. Eine große Ehrenpforte in der Schwenninger Straße entbot den ersten Willkommgruß der neuen Garnison. In drei geteilten Kolonnen fuhren die Abteilungen mit ihren Fahrzeugen durch das Bickentor, das Riettor und durch die mit frischem Tannengrün bekleidete Ehrenpforte in der Niederenstraße. So hielt die neue Truppe von drei Seiten her pünktlich zur festgesetzten Zeit ihren Einzug in unserer alten Stadt. Mit Girlanden und Kränzen, mit dem Wappen der Stadt Villingen waren die Stadttore reich geschmückt. Die Formationen der Bewegung, die gesamte Bevölkerung, sämtliche Schulklassen, alt und jung, bildeten Spalier und alle Herzen schlugen lauten, frohen Schlag. Jubelnd klangen die Glocken von allen Türmen, und die feierliche Ergriffenheit bemächtigte sich aller, nachdem die festliche Parade-Aufstellung der neuen Truppen auf dem Marktplatz beendet war. Das war ein herrliches, eindrucksvolles Bild; wie wir es auf einer unserer Aufnahmen festhalten.

Hier auf dem Marktplatze ging nun auch die offizielle Begrüßung vor sich. – Bürgermeister und Kreisleiter, Pg. Schneider, sowie der Ortsgruppenleiter, Pg. Reichert hatten die Panzer-Abwehr-Abteilung 5, schon vorher den Willkommensgruß entboten, indem Beide der Abteilung auf dem Wege nach Schwenningen entgegenfuhren, um sie in ihre neue Garnison zu geleiten.

SA., SS., Politische Leiter, Hitler-Jugend, Bund deutscher Mädel, Jungvolk und Jungmädel, RLB., Kriegskameradschaft, Freiw. Feuerwehr usw. hatten das festliche Spalier gebildet, durch das die Abteilung ihren Einzug hielt. …“

Und der Kernsatz aus der Rede von Bürgermeister Schneider lautete: „Die Bevölkerung der Stadt Villingen ist stolz auf ihre Soldaten, weil sie soldatisch empfindet.“

Mit den Rekruten des Jahrgangs 1914, die am 30. Oktober 1935 in Villingen eintrafen, wuchs die Panzer-Abwehr-Abteilung 5 auf immerhin 6.000 Mann an.

Faksimile aus ‚Der Schwarzwälder‘ vom 17. April 1936; Seite 7

 

Nachdem die Soldaten zunächst in der Richthofen-Kaserne untergebracht wurden, war es im April 1936 so weit: Die neue Kaserne war fertiggestellt und erhielt den Namen Boelcke-Kaserne.

‚Der Schwarzwälder‘ berichtete in seiner Ausgabe vom 17. April 1936 darüber. Normalerweise wurden lokale Ereignisse, welche die Garnison betrafen, groß aufgemacht. Der Bericht über die Fertigstellung der neuen Kaserne ist erstaunlich schlicht. Dies könnte damit zusammenhängen, dass die Panzerjäger, die nun die Kaserne bezogen, schon seit 1935 in Villingen untergebracht waren.

Beim Namensgeber der Kaserne herrschte im ‚Schwarzwälder‘ eine gewisse Unsicherheit. Einmal wurde er ‚Oswald Bölke‘ und dann ‚Oskar Bölke‘ genannt – Namensgeber war aber zweifellos der Jagdflieger Oswald Boelcke. Auch die 40 erwähnten Abschüsse waren wohl übertrieben. ‚Wikipedia‘ spricht von 20 Abschüssen und 40 Luftsiegen.

Die fünf Gebäude – ihr heutiges Aussehen dürfte dem von 1936 noch weitgehend entsprechen – werden bei Till E. Kohler (S. 55) wie folgt beschrieben:

„Die drei Mannschaftsgebäude an der Ostgrenze des Geländes entstanden 1936. Sie sind voll unterkellert und verfügen jeweils über drei Vollgeschosse und ein Dachgeschoß. In den Untergeschossen befinden sich Lager- und Abstellräume, die Erdgeschosse weisen je zwei Küchen, einen Waschraum, drei WC-Räume sowie einen Unterrichtsraum und Mannschaftsunterkünfte auf. In den Obergeschossen existieren jeweils ein Waschraum, drei WC-Räume sowie mehrere Mannschaftsunterkünfte. Die Gebäude sind jeweils über zwei Treppenhäuser und Mittelgänge erschlossen.

Das längs zur Kirnacher Straße orientierte Wirtschaftsgebäude wurde ebenfalls 1936 erbaut. Es ist unterkellert und hat zwei Vollgeschosse sowie ein Dachgeschoß. Das Untergeschoß weist Lager- und Abstellräume auf, im Erdgeschoß existiert eine Küche mit Nebenräumen ein Speisesaal mit Nebenraum, ein Verkaufsraum mit Vorratsräumen und ein WC-Raum.

… Das Wirtschaftsgebäude ist über Treppenhäuser von drei Seiten erschlossen. Deshalb und auf Grund der großen Räume sind die mittig angeordneten Gänge eher kurz.“

Das Stabsgebäude, das den Kasernenplatz im Westen abschließt, wurde der Franzosen- Zeit nach 1945 zugeordnet. Friedrich-Otto Blumers schreibt in seinem Gutachten von 1999: „Stabsgebäude Nr. 1; 1949 massiv in Ortbauweise errichtetes, voll unterkellertes Stabsgebäude mit drei Vollgeschossen …“ Auch Till E. Kohler schreibt in seiner Diplomarbeit von 2001: „Das Stabsgebäude westlich des baumbestandenen Platzes wurde erst 1949 in seiner jetzigen Form errichtet.“ Diese zeitliche Zuordnung lässt sich nicht aufrechterhalten. Dieser Teil der Kasernenanlage ist ebenfalls 1935/36 errichtet worden. Dafür sprechen nicht nur das Erscheinungsbild und die Bauweise, die bei allen fünf Kasernengebäuden identisch ist. Es existiert beim Staatlichen Vermessungsamt ein Luftbild von Villingen, auf dem das Kasernengelände klar zu erkennen ist – auch das Stabsgebäude ist deutlich auszumachen. Das Luftbild findet sich bei Till E. Kohler auf Seite 164. Auch im Stadtplan, der den Hinweis „Bearbeitung: Städtisches Vermessungsamt 1935“ enthält, zeigt das Kasernengelände schon mit den fünf großen Gebäuden. Der Stadtplan ist im Archiv unter 5.22 Chronik V 614 eingestellt. Hier ein Ausschnitt aus dem Stadtplan:

Ausschnitt aus dem Stadtplan: 1 = Richthofen Kaserne, 2 = Neuer Richthofen Kaserne, 3 = Boelcke Kaserne, a = Stabsgebäude, b = Wirtschaftsgebäude, c, d, e = Mannschaftsgebäude, f = ‚Exerzierhaus‘ (Turnhalle), g = Kraftfahrzeugwerkstätte, h = Kraftfahrzeughallen

 

Unter 5.22 Chronik V814 findet sich im Archiv eine undatierte, vergrößerte Postkarte, die einen guten Eindruck der neue errichteten Kaserne vermittelt. Im Vordergrund sind die drei Mannschaftsgebäude zu sehen, die das Kasernengelände nach Osten abschließen. Das Stabsgebäude an der Westseite des Platzes ist ebenfalls gut erkennbar. Da die Sporthalle am linken Rand des Bildes noch teilweise eingerüstet ist, wurde die Postkarte vermutlich noch 1936, dem Jahr der Fertigstellung der Kasernengebäude, aufgenommen.

Diese Fotos vom Sommer 2007 können zusätzlich einen Eindruck vermitteln, wie die Kaserne 1936 ausgesehen hat: Mit drei Kasernen spielte die Garnison in Villingen eine zunehmend wichtige Rolle. Wenn man den Villinger Lokalteil der Tageszeitung „Der Schwarzwälder“ durchblättert, verstärkt sich der Eindruck, dass die Garnison für Villingen eine Einrichtung geworden war, die im Leben der Stadt eine bedeutsame Rolle spielte. Über das Einrücken neuer Rekruten etwa wurde im Oktober 1936 an mehreren Tagen ausführlich berichtet. Hier ein Beispiel:

Das Wirtschaftsgebäude, das entlang der Kirnacher Straße steht – vom Innenhof her aufgenommen.

 

Die drei Mannschaftsgebäude an der Ostseite des Kasernenareals – Blick von Westen.

 

Das Eingangstor dürfte Original sein. Das Hakenkreuz im Kranz unter dem Reichsadler wurde 1945 entfernt.

„Villingen, 14. Okt. Mit klingendem Spiel zur Kaserne

Der Haupttransport der neuen Rekruten für die Truppen unseres Standorts traf gestern Nachmittag mit den fahrplanmäßigen Zügen aus Richtung Konstanz, Freiburg, Offenburg und Rottweil ein. Je ein Ehrenzug ‚alter Leute‘ der Infanterie und der Panzerabwehr sowie der Bataillonskapelle hatten sich zum Empfang am Bahnhof eingefunden. Auch die Bevölkerung war zahlreich vertreten, um ‚ihre‘ neuen Soldaten, die jetzt 2 Jahre hier in Villingen verbringen werden, zu begrüßen. …

Ausführlich beschreibt der Bericht den Weg durch die Stadt, den Empfang in der Kaserne, die Verteilung der Spinde bis zur Einkleidung!“

Anmerkung: ‚Alte Leute‘ sind die Soldaten des vorhergehenden Jahrgangs. Die Wehrpflicht betrug damals zwei Jahre.

Noch ausführlicher fällt der Bericht vom 22. 10. 1936 unter der Schlagzeile „Rekruten leisten den Fahneneid“ aus. Besonders präsent war die Garnison in den Tagen vor Weihnachten. Ein Erlass von Reichspropagandaminister Goebbels hatte in den Wochen zwischen dem 15. Dezember und dem 15. Januar öffentliche Veranstaltungen untersagt – außer natürlich von Partei und staatlichen Einrichtungen. Der Zeitungsleser musste in den 10 Tagen vor Weihnachten den Eindruck bekommen, nur die Gliederungen der Partei und die Wehrmacht veranstalteten Weihnachtsfeiern. Am 17.12. erschien ein großer Bericht über die Weihnachtsfeier der 3. Kompanie des Infanterie-Regiments 75 im „Schwarzwälder“. Am 18.12. folgte der Bericht über die Weihnachtsfeier der 2. Kompanie – beide Male wurde in der Tonhalle gefeiert. Hier ein kurzes Zitat aus diesem Artikel: „Hauptmann v. Grambusch hob außerdem die vorbildliche Verbundenheit zwischen Wehrmacht und Zivilbevölkerung, wie sie hier in Villingen bestehe, hervor und schloß mit einem dreifachen Sieg-Heil auf den Führer.“ – Es folgte das Singen von ‚Stille Nacht‘.

Am 19.12. schließlich zwei Berichte über die Panzer-Abwehr-Abteilung 5, die in der neuen Boelcke-Kaserne untergebracht war. „Soldaten machen den Weihnachtmann“ berichtete, wie die Soldaten ‚aus eigenen Mitteln Kinder bedürftiger Volksgenossen‘ beschenkten. Der zweite Bericht zur eigentlichen Weihnachtsfeier soll auszugsweise zitiert werden:

Villingen 19. Dez.

Weihnachten der 1 Komp. PAA-5

Im freundlichen Mannschaftsraum der Boelckekaserne hat gestern abend die 1. Kompanie der Panzer-Abwehr-Abteilung 5 im ‚engsten Familienkreis‘, dem sich noch einige Zivilfreunde der Kompanie angeschlossen hatten, ihre Kompanie- Weihnachtsfeier veranstaltet, die in solch schöner, kameradschaftlicher Harmonie verlief, wie dies eben nur im ‚engsten Familienkreise‘ möglich ist. Ein mit Kerzen und Silber geschmückter Tannenbaum und an jedem Platz ein reich ausgestatteter Weinachtsteller mit Christstollen, Gebäck, Äpfeln, Nüssen und Schokolade sorgten schon äußerlich für die weihnachtliche Stimmung, während ein gemeinsames Abendessen die Grundlage schaffte für all das, was in so reicher Folge und Mannigfaltigkeit im Verlaufe des Abends geboten wurde. Der Kompaniechef, Hauptmann Dr. Allmendinger, erinnerte in seiner Ansprache an die Kompanie besonders die älteren Kompanieangehörigen an die vorhergegangenen Weihnachtsfeiern, die 1934 noch in Münsingen und im letzten Jahr dann als neu eingerückte Truppe bereits hier in Villingen stattgefunden hatten. Die Rekruten, die nun die erste und härteste Zeit der militärischen Ausbildung hinter sich hätten, gemahnte er daran, dass der gute Wille bei allem ausschlaggebend sei, und dass mit gutem Willen die Militärzeit für jeden zu dem werde, woran er sich später einmal mit Freude und Stolz zurückblicken könne. Der gute Wille auch sei es, der unser Vaterland zu einer Insel des Aufbaus und Friedens im Durcheinander der Welt werden ließ. Darauf dürfen wir stolz sein. …

Auch nach Kriegbeginn wurden die Beziehungen zwischen den Truppen im Feld und der Bevölkerung im Heimatstandort gepflegt. Im ‚Schwarzwälder Tagblatt‘ vom 22.9.1939 findet sich folgender Beitrag, der vollständig wiedergegeben werden soll.

„Feldpostbrief von Villinger Bataillon

Von dem Kommandeur des Villinger Bataillons geht uns nachfolgender, an die Bevölkerung des Heimatstandorts gerichteter Feldpostbrief zu, den wir hiermit gerne bekannt geben. Er lautet: „Der Villinger Bürgermeister und der Kreisleiter haben das Villinger Bataillon vor einigen Tagen im Einsatzgebiet besucht und Grüße aus der Heimat überbracht. Die Villinger Soldaten waren darüber sehr erfreut und haben bei diesem Anlaß die Bitte ausgesprochen, von der Saba-Stadt einige Rundfunks-Empfangsgeräte zu erhalten, um auch in vorderster Linie die ruhmvollen Ereignisse der Gegenwart mithören und miterleben zu können.

Frau Schwer, als Ehrenbürgerin Villingens, und die Stadtverwaltung selbst haben uns in so hochherziger Weise mit Radioapparaten und weiteren Liebegaben erfreut, das alle Villinger Soldaten – Offizier, Unteroffizier und Mann – ihren Dank hiermit öffentlich und herzlich zum Ausdruck bringen. Wir sehen in diesem Gruß und Geschenk der Heimat einen Beweis, dass Front und Heimat, Bürger und Soldat im Dritten Reich eine unverbrüchliche Gemeinschaft und Kameradschaft bilden werden.

Es wird uns Frontsoldaten unvergesslich bleiben, dass wir mit Hilfe der durch Bürgermeister Berckmüller heute überbrachten Empfangsgeräte als erstes die weltgeschichtliche Ansprache unseres Führers aus der befreiten Stadt Danzig hören durften. Wir stehen zwar nicht an entscheidender Front, aber die Worte des Führers und obersten Befehlshabers haben uns aufs neue unser Ziel gezeigt: ‚Die deutsche Infanterie steht unerreicht, und Deutschland wird nie wieder kapitulieren!‘

In kameradschaftlicher Dankbarkeit grüßen wir die Volksgenossen in unserer Heimatgarnison.

Heil Hitler!“

Die ganze Bevölkerung ist sicher über diese Grüße und die ausgezeichnete Stimmung unserer Feldgrauen hocherfreut. Sie weiß sich durchaus eins mit ihnen und hofft und wünscht, dass ihnen die Radioapparate stets nur die besten Nachrichten von Front und Heimat übermitteln und ihnen viele schöne Stunden bereiten.“ Das Letzte, was von den Kasernen zur Zeit des ‚Dritten Reichs‘ zu berichten ist: Am 20. April 1945, die Franzosen rückten schon nach Villingen vor, wurde die Lagerhalle der Garnison von der Bevölkerung geplündert. Allerdings war die Lagerhalle nicht auf dem Gelände der Boelcke-Kaserne, sondern in der ‚Neuen Richthofen-Kaserne‘. Auf dem Kasernengelände gleich hinter dem Eckgebäude Kirnacher-/Pontarlierstraße mit der breiten Hofzufahrt an der Pontarlierstraße steht noch heute das hohe Depotgebäude mit den zwei großen hölzernen Toren zur Hofseite hin, wo die Fülle der Versorgungsgüter (Mehl, Reis, Teigwaren, Zucker, Süß- sowie Tabakwaren usw.) gelagert waren. Herrmann Riedel gab in seinem Buch (S. 159/160) die ‚Bestände des Heerverpflegungslagers in Villingen‘ wieder. Ob diese riesigen Mengen alle in der Lessingstraße gelagert waren, oder ob es auch in der Boelcke- und Richthofen-Kaserne noch Vorratslager gab, war nicht festzustellen.

Die Welvert-Kaserne

Mit dem Einmarsch der Franzosen in Villingen am 20./21. April 1945 war die Geschichte der Boelcke-Kaserne schon zu Ende, und für über 50 Jahre wird die Kaserne von französischen Truppen genutzt. Der neue Namensgeber, Marie-Josef-Edmond Welvert (1884–1944), war französischer Offizier und meist in den Kolonien stationiert. 1940 wurde er General und kommandierte eine Division in Tunesien. Dort ist er 1944 gefallen. Über den Einmarsch der Franzosen berichtet Hermann Riedel in seinem Buch „Villingen 1945“. Die Truppen, die Villingen besetzten, gehörten zum 27. französischen Infanterieregiment, das zur 4. Marokkanischen Division gehörte. Die Offiziere kamen überwiegend aus der französischen ‚Résistance‘. Riedel berichtet, dass die Offiziere und Unteroffiziere meist in Privatwohnungen einquartiert wurden. Ob die Soldaten sofort die Kasernen bezogen, ist nicht festgehalten. Riedel weist darauf hin, dass Truppen in Villingen blieben – Villingen also weiterhin Garnisonsstadt war. Daneben seien auch verschiedene militärische Dienststellen in Villingen eingerichtet worden – z.B. das ‚Centre de Récupération‘ (Stelle zur Rückführung französischen Eigentums) in der Richthofenkaserne. Wie sehr damals das Verhältnis zwischen Besatzungsarmee und Zivilbevölkerung von tiefem Misstrauen geprägt war, zeigt eine Verhaltensanweisung an Französische Soldaten, die bei Riedel zitiert wird:

„Französischer Soldat, misstraue:

… dem Deutschen der behauptet, dein Freund zu sein,

… der deutschen Frau, die dir zulächelt.

Sie betreiben vielleicht dein Verderb …

Auf jeden Fall, sie sinnen auf Rache.

Bedenke, dass du im Feindesland bist.

Französischer Soldat!

Du hast den Krieg gewonnen, du musst den Frieden gewinnen.

Von deinem jetzigen Verhalten hängt das Schicksal deiner Kinder ab.

Jeder Deutsche, jeden Alters, jeden Geschlechts, ist dein Feind, dem alle Mittel recht sind.

Kind, Frau und Greis, die um dein Mitleid flehen, sind Naziagenten. …

Misstraue dem Boden, auf den du deinen Fuß setzt, dem Wasser das du trinkst, der Frau, die dir zulächelt, dem Ausländer, der vorgibt, dein Freund zu sein. Er ist ein Naziagent.

Deshalb ist dir jeder Kontakt mit einem Deutschen untersagt. …

Dein Hass und deine Überlegenheit als Sieger sollen aus deiner Haltung hervorgehen, nicht aber zu Ausschreitungen oder Gewalttätigkeiten führen; Plünderungen und Vergewaltigungen sind schwere militärische Vergehen, die mit dem Tode bestraft werden. … “

Auch nachdem sich die Spannung der ersten Nachkriegsmonate gelegt hatte, kam es zwischen französischer Garnison und Stadt bestenfalls zu einem korrekten Nebeneinander. Erst in den 1960er Jahren trat ein fühlbarer Wandel ein. Vorbereitet wurde dies in der ‚Großen Politik‘ durch den Beitritt der Bundesrepublik zur Nato (1955), durch das Stationierungsabkommen von 1960 und vor allem durch den Deutsch- Französischen Freundschaftsvertrag von 1963. Auf der lokalen Ebene wurde dieser Wandel deutlich, als Villingen und Pontarlier 1964 Partnerstädte wurden. Mit dem Ziel, das Verhältnis zwischen Garnison und Bevölkerung in Villingen zu verbessern, wurde 1966 die Deutsch-Französische Gesellschaft gegründet.

1963 hatte sich auch in der Garnison ein Wechsel vollzogen. Das 6. Marokkanische Schützenregiment wurde aufgelöst und das 19. Jägerregiment, die ‚Chasseurs‘, zogen nun in die Kasernen ein.

Ein kurzer Beitrag von Wolfgang Meinhardt zu diesem Thema findet sich in dem von der Stadt herausgegebenen Buch „1939/1949 – Fünfzig Jahre Kriegsausbruch – Vierzig Jahre Bundesrepublik Deutschland“.

Die „19ième Groupe de Chasseurs“ – also das 19. Jägerregiment – blieb bis zu seiner Auflösung 1997 in Villingen. Es wurde tatsächlich aufgelöst und nicht nach Frankreich zurückverlegt. Die französische Armee war damals in einer tiefgreifenden Umstrukturierung. Die Allgemeine Wehrpflicht wurde abgeschafft. Die französischen Streitkräfte wurden im Jahr 2000 zur reinen Berufsarmee. Das 19. Jägerregiment wurde überwiegend in der Lyautey-Kaserne untergebracht. In der Welvert- Kaserne war bis 1975 das 53. Artillerie-Regiment stationiert. Danach wurde die Welvert-Kaserne von der 12. Ausbildungskompanie belegt, die den ‚Chasseurs‘ zugeordnet war. Die Rekruten dieser Kompanie wurden für spezielle Aufgaben im technischen Bereich oder im Bereich des Service ausgebildet. Die Gesamtstärke der Garnison betrug bis Ende der 70er Jahre etwa 3.000 Mann. Danach gehörten noch ungefähr 1.500 Militärangehörige zur Garnison.

Wenn ein junger Rekrut in die Villinger Garnison kam, verbrachte er in der Regel seinen gesamten Wehrdienst in unserer Stadt. Bis in die 1970er Jahre waren das 18 Monate, die schließlich auf 12 Monate verkürzt wurden. In den 1990er Jahren betrug die Dienstzeit nur noch 10 Monate. Viele der Rekruten kamen aus dem Elsass, sodass für sie ein Wochenendurlaub zu Hause kein Problem war.

Die Ausrüstung der französischen Truppen war in den 80er und 90er Jahren immer wieder Anlass für Teile der Bevölkerung, sich kritisch mit der französischen Garnison auseinander zu setzen. Zur Ausrüstung gehörten auch Raketenwerfer mit den dazugehörigen Raketen – darunter auch Atomraketen. Vier Rampen mit den entsprechenden Fahrzeugen waren in Villingen stationiert. Ende der 80er Jahre wurden die Rampen verschrottet, die Fahrzeuge verkauft und die Raketen abgezogen. In den 80er Jahren kam es zu ersten Demonstrationszügen von der Innenstadt zu den Kasernen. Die letzte Aktion am 11. September 1995 richtete sich gegen die französischen Atombombentests auf dem Mururoa-Atoll. Aufgerufen hatte die ‚Internationale Vereinigung der Ärzte zur Verhütung des Atomkriegs (IPPNW)‘. Unterstützt wurde die Demonstration von verschiedenen politischen Gruppen und Vertretern der Kirchen. Wie schon bei früheren Demonstrationen hielt sich die Standortkommandantur völlig zurück. Selbst die Wachmannschaften, so berichtete der ‚Schwarzwälder Bote‘ am 12.9.2007, hätten sich zurückgezogen.

Bautätigkeit hat es in den Jahren der Nutzung durch französische Einheiten immer wieder gegeben. Die Zahl der Garagen wurde vergrößert, und an der Westseite des Geländes entstanden große, nach Osten offene Hallen. Die Sporthalle wurde noch in den 90er Jahren renoviert.

In den 1980/1990er Jahren sah der Lageplan und die Gebäudenutzung der Welvert-Kaserne folgendermaßen aus:

 

 

 

Aus: Kohler, Anhang 9: Die Nutzung der Gebäude: 1 = Büros, Arrestzellen, Heizungszentrale, 2 = Unterrichts- und Schulungsräume; Büros der Offiziere, 3–5 = Unterkünfte für die Kompanie, Küchen und Essräume im Erdgeschoss, z.T. 1. OG, 6 = Sporthalle, 7 = „Le Mât des Couleurs“ – also der Flaggenmast auf dem Appellplatz, 8 = Die langgestreckten, einstöckigen Gebäude waren meist Garagen, an der Westseite auch große offenen Hallen, dazu eine Kfz-Werkstatt. Die schmalen Gebäude dienten auch als Kleiderkammern.

 

Heute – im Jahre 2007 – stehen alle Gebäude noch; 2008 sollen die einstöckigen Gebäude abgetragen werden – deshalb noch ein Blick auf einige dieser Gebäude:

 

 

Eine der zahlreichen Garagenzeilen.
Le Mât de Couleurs – der Flaggenmast.

 

Die Sporthalle an der Südseite des Geländes.

 

Einer der riesigen Hangars an der Westseite.

 

 

Kfz-Werkstatt.

 

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Ganz im Westen dringt die Natur wieder vor.

 

Kasernen, aber keine Soldaten mehr

Ab 1995 wurde die Welvert-Kaserne geräumt. Es wurde dann noch abgeräumt und ausgeräumt, aber mit dem Jahre 1997 war die militärische Nutzung der Kaserne endgültig zu Ende. Die Lyautey-Kaserne erlebte nochmals eine kurze Renaissance, als von 1998 bis zum Jahr 2000 200 Soldaten der Panzerkompanie     550     aus     Immendingen     in Villingen untergebracht waren. Am 28. Juni 2000 war auch dieses Zwischenspiel beendet. Die Bundeswehr hatte schon zuvor deutlich gemacht, dass eine weitere Nutzung nicht in Frage komme. Damit war die 87-jährige Geschichte der Villinger Garnison zu Ende.

In der Welvert-Kaserne erinnerte noch ein Panzer im Eingangsbereich eine Weile an die militärische Vergangenheit dieses Geländes. Es war ein Panzer, aus Jura-Sandstein gemeißelt. Bei einer Besprechung des Landesdenkmalamts vom 24. 01. 2002 wird dieser Panzer folgendermaßen beschrieben:

„Das auf einer hohen Stele mit rechteckigem Querschnitt an der Einfahrt der Kaserne aufgestellte Steinmodell eines Panzers entspricht fast detailgenau dem Panzer-Kampfwagen I in der Ausführung A, wie er ab dem Jahr 1934 bis 1936 von den Firmen Henschel und MAN gebaut wurde. Dementsprechend kann das Modell frühestens 1934/35 entstanden sein, wohl auch nicht später als 1937. Der Panzer datiert somit aus der Erbauungszeit der Welvert-Kaserne. Sie entstand in den 30er Jahren als Kraftfahrzeug- Kaserne.“

Schon am 18.9.2001 hatte sich der ‚Verein der Freunde und Förderer des Panzermuseums Munster‘ an das Bundesvermögensamt in Freiburg gewandt, mit der Bitte um Überlassung des Panzers. Die Stadt Munster in der Lüneburger Heide betreibt zusammen mit der Panzertruppenschule der Bundeswehr ein Panzermuseum. Da der Panzer im Rahmen der Konversion abgebaut werden sollte, stimmte das Bundesvermögensamt dem Abbau des mehrere Tonnen schweren Steinpanzers zu. Denkmalschutz bestand für diese ‚Kunst am Bau‘ nicht.

Für die beiden Gebäude an der Einfahrt – das Stabsgebäude und das Wirtschaftsgebäude – begann nun eine rege und vielfältige Zwischennutzung, die auch 2007 andauert. Vor allem Vereine aus ganz Villingen-Schwenningen fanden hier für viele Jahre eine Bleibe.

Was sollte mit den beiden ehemaligen Kasernen geschehen? Besitzer war die Bundesrepublik Deutschland, und verwaltet wurde dieser Besitz von der Bundesvermögensverwaltung – heute der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben. Schon beim Abzug der letzten Truppen nach Immendingen hatte die Stadt klar gemacht, dass sie nicht in der Lage sei, die beiden Kasernenkomplexe zu erwerben. In dem Bericht „Kaserne endgültig verwaist“ im ‚Südkurier‘ vom 29.6.2000 findet sich der Hinweis: „Nach Hochrechnungen würden Erwerb und Umnutzung allerdings rund 58 Millionen Mark kosten. … Knackpunkt ist dabei die Schadstoffbelastung.“

Auch wenn die Stadt nicht Eigentümerin des Geländes werden wollte, musste sie doch Vorstellungen entwickeln, wie die ehemaligen Kasernen genutzt werden sollten. Die Planungshoheit liegt bei der Stadt.

Interessant ist in diesem Zusammenhang eine Diplomarbeit im Prüfungsfach Städtebau, die an der Technischen Universität München erstellt wurde. Till Eric Kohler beschäftige sich in dieser Diplomarbeit mit dem Thema „Städtebauliches und freiraumplanerisches Entwicklungskonzept für den Bereich der Kasernenstandorte Villingen“. Erarbeitet hat Herr Kohler das Entwicklungskonzept im Jahre 2000 – am 11. März wurde die Arbeit eingereicht.

Till E. Kohler will durch seine Nutzungskonzeption für das Kasernengelände – wobei er auch das Gebiet der ehemaligen Saba und das Quartier Mangin mit einbezieht – einen Beitrag zur Stärkung des Oberzentrums leisten. Nach einem historischen Rückblick und einer umfassenden Bestandsaufnahme – die Arbeit ist 180 Seiten stark – unterbreitet er seine Vorstellungen: Eine ideale Nutzung für die Lyautey-Kaserne wäre eine Hochschule, etwa 2000 Studenten könnten bei Erhaltung der denkmalgeschützten Gebäude und mit einigen zusätzlichen Neubauten unterrichtet werden. Über die Zukunft der Welvert-Kaserne schreibt Till E. Kohler in seiner Schlusszusammenfassung:

„Das Quartier Welvert wird zu einem Wohngebiet entwickelt. Dabei sollten die Mannschaftsgebäude sowie das Stabs- und Wirtschaftsgebäude im Osten des Areals saniert und für Wohnzwecke umgenutzt werden. Darüber hinaus sind auf dem Gelände umfassende Neubaumaßnahmen geplant.

Innerhalb des Entwicklungskonzepts werden zusätzliche städtische Freiräume mit Grün- und Wegeverbindungen geschaffen, um das Freiraumpotential des Gebietes zu optimieren und eine gute Erreichbarkeit der erholungsrelevanten Bereiche im Westen der Stadt sowie des Stadtzentrums zu gewährleisten.“ (S. 147)

Till E. Kohler ging davon aus, dass auf dem Areal der Quartier Welvert 566 Wohnungen entstehen könnten.

Auch die Gremien des Gemeinderats befassten sich mehrfach mit der Zukunft der Kasernengelände. Schon am 16. Dezember 1997 fasste der Gemeinderat einen „Beschluss über die Durchführung von vorbereitenden Untersuchungen und über die Einleitung städtebaulicher Entwicklungsmaßnahmen“. Im März 1998 wurde die Landes-Entwicklungs-Gesellschaft (LEG) beauftragt, eine Machbarkeitsstudie zur Konversion der Kasernenareale zu erstellen. Im Jahre 2003 lag diese Studie vor und wurde im Technischen Ausschuss (17.6.2003) und im Gemeinderat (25.6.2003) erörtert. In der Sitzungsdrucksache 1309 vom 19.5.2003 sind die Ergebnisse zusammengefasst. Es ging dabei um die Altlasten im Boden, um die Gebäude und vor allem um die Kosten einer Konversion – also der Rückentwicklung des militärisch genutzten Geländes in ein normales ziviles Baugebiet. Die Voraussetzung für eine Konversion war ein Schreiben der Bundesvermögensabteilung Freiburg vom 2. Juli 2001 an die Stadtverwaltung über die endgültige Aufgabe der militärischen Nutzung. Die beiden Kasernenareale waren damit entwidmet und konnten einer zivilen Nutzung zugeführt werden.

Die Altlasten im Boden der Welvert-Kaserne waren nicht ganz so gravierend wie befürchtet. Ein großräumiger Bereich um die ehemalige Tankstelle war stark mit Kohlenwasserstoffen und CKW verunreinigt. Schädliche Bodenverunreinigung fand sich auch unterhalb des Stabsgebäudes, in dessen Keller die Heizzentrale untergebracht war. Daneben wurden noch sechs kleinere belastete Bereiche festgestellt.

Radikal war die Beurteilung der Gebäude im Bereich der Welvert-Kaserne. Fast alle einstöckigen Gebäude wurden als ‚abbruchreif ‚ eingestuft. Auch über die fünf großen Mannschafts- und Verwaltungsgebäuden wurde der Stab gebrochen. Wegen der „nicht vorhandenen Nachfrage und der Unwirtschaftlichkeit einer Umnutzung“ müssten sie abgebrochen werden.

Vom Kasernen-Areal zum Wohngebiet

Bei der zukünftigen Nutzung zeichnete sich damals folgendes ab, und Bürgermeister Fußhoeller bestätigte das in der Sitzung des Technischen Ausschusses: Die Welvert-Kaserne sollte zu einem reinen Wohngebiet entwickelt werden. Das Areal der Lyautey-Kaserne sollte in ein Gewerbe- und Mischgebiet umgestaltet werden. Die Frage war, ob die Stadt die Kasernen von der Bundesrepublik erwerben solle. Die Stadt hätte dann die Konversionskosten zu tragen gehabt, hätte dann aber das Gelände anschließend selbst vermarkten können.

Die Zahlen des LEG-Gutachtens sprachen hier eine deutliche Sprache. Die Gesamtausgaben für die Sanierungsmaßnahmen des Welvert-Areals würden 17,5 Millionen betragen. Da die Stadt diese Kosten über Kredite hätte finanzieren müssen, wären Vorfinanzierungskosten von 5,3 Millionen dazugekommen. Die anschließenden Einnahmen wurden von der LEG auf 16,3 Millionen geschätzt. Die Stadt hätte also einen Verlust von etwa 6,5 Millionen Euro erlitten. Damit war klar, dass Sanierung und Entwicklung der Kasernen-Areale nur mit privaten Investoren möglich sein würde.

Im Beschluss des Gemeinderats, der mit nur einer Gegenstimme gefasst wurde, lauten die entscheidenden Sätze:

„Die Verwaltung wird beauftragt, die mit dem Bundesvermögensamt Freiburg und privaten Investoren begonnenen Gespräche weiterzuführen. … In Abhängigkeit der Gesprächsergebnisse mit dem Bundesvermögensamt Freiburg bzw. mit privaten Investoren sind die weiteren Verfahrensschritte festzulegen.“

Bürgermeister Rolf Fußhoeller führte die Gespräche mit dem Bundesvermögensamt und privaten Interessenten. Es war damals, im wirtschaftlich schwachen Jahr 2003, keineswegs so, dass die Investoren Schlange standen. Gespräche mit Investoren von außerhalb führten zu keinen konkreten Ergebnissen. Die Stadt setzte eher auf örtliche Träger der Wohnungswirtschaft. Rolf Fußhoeller sah einen Vorteil der Bauträger und Wohnungsbaugesellschaften aus der Stadt in ihrer genauen Marktkenntnis und ihrem Bekanntheitsgrad. Sie könnten, so meinte er, den Verkauf leichter in Gang bringen als Firmen von außerhalb. Im Laufe der Verhandlungen gelang es auch, die zunächst unrealistisch hohen Preisvorstellungen der Bundesvermögensverwaltung auf ein akzeptables Maß zurückzuführen. Das Problem für die örtlichen Bauträger war jedoch die Größe des Baugebiets.

Der Investor, der schließlich den Zuschlag erhielt, war zunächst noch nicht unter den Interessenten. Gregor Braun, bekannter Architekt des Oberzentrums, entwickelte erst im Sommer 2004 seine erste Vision, wie das Welvert-Gelände einmal aussehen könnte. Gregor Braun ist kein Neuling in dem Geschäft, nicht nur einzelne Häuser, sondern ganze Wohnviertel zu planen. Mit den erfolgreichen Wohngebieten ‚Steinkirch‘ und ‚Strangen‘ haben er und seine Kollegen Erfahrungen gesammelt, die jetzt dem ‚Welvert-Projekt‘ zu Gute kommen. Ein erstes offizielles Gespräch über seine Visionen und Ideen führte der Architekt am 21. September 2004 mit Bürgermeister Fußhoeller. Nach einer ersten Planungsphase, in der ein städtebauliches Leitbild für die Nutzung und Bebauung des Welvert-Geländes erstellt wurde, gab der Gemeinderat in seiner Sitzung vom 25. Oktober 2006 Grünes Licht für die Einleitung eines Bebauungsplanverfahrens. Im September 2007 beschloss der Gemeinderat die Offenlage des Bebauungsplans und im Dezember 2007 wird der Satzungsbeschluss erfolgen. Dann erst kann die praktische Umsetzung der Pläne beginnen. Im Januar 2008 werden die Bagger anrücken, um die Fahrzeughallen und Garagen abzureißen und die Altlasten zu beseitigen.

Als die Kaserne 1935/36 gebaut wurde, lag sie außerhalb der Stadt. In den folgenden 70 Jahren wurde sie allmählich durch neue Baugebiete der Stadt umschlossen. Das Wohngebiet Erbsenlachen und die Hammerhalde entstanden, nördlich der Kasernen entwickelten sich Gewerbegebiete, vor allem die ‚Saba‘, und die Sebastian-Kneipp-Straße wurde bebaut. Die Kasernen dazwischen wurden zu Fremdkörpern. Die Umwandlung des Welvert- Areals ist für unsere Stadt ein Glücksfall. Hier kann ein Baugebiet entstehen, das wieder viel innen- stadtnäher ist als alle Neubaugebiete der letzten Jahrzehnte. So ist es auch verständlich, dass das Interesse an diesem Wohngebiet groß ist und der Architekt wöchentlich einige Anfragen erhält: „Wir haben Interesse. – Wann geht es denn los?“ Der Vorentwurf vom 29. März 2007 nennt die Vorteile dieser Neuplanung:

„Vermeidung von Wohnbauflächen ,auf der grünen Wiese‘ (Bodenschutzklausel) § 1a Abs. 2 Punkt 1 BauGB mit den Aspekten:

• Innenentwicklung vor Außenentwicklung

• Wiedernutzbarmachung von Flächen

• sparsamer Umgang mit Grund und Boden

• Reduzierungen der Aufwendungen für Erschließungen

• Nutzungsauslastung bestehender infrastruktureller Einrichtungen

• geringe Umweltbelastung

• Reduzierung des motorisierten Verkehrs durch „kurze Wege“;

l> Stärkung des Stadtbezirkes Villingen als Wohn und Arbeitsstandort mit der positiven Folge der Kaufkraftbindung in der Kernstadt;

l> Reduzierung von Verkehrsbewegungen durch räumliche Nähe von Wohnen, Arbeiten, Einkaufen, Freizeitnutzungen, soziale Infrastrukturen;

l> Deckung des Wohnbauflächenbedarfs für Villingen-Schwenningen;

l> Schaffung eines integrierten lebendigen Wohn- und Dienstleistungsangebotes für den Stadtbezirk Villingen, um

• Abwanderungen insbesondere von einkommensstärkeren Haushalten ins Umland / Mantelgemeinden entgegen zu wirken,

• eine am Bedarf orientierte Entwicklung zu fördern,

• eine nachhaltige städtebauliche Entwicklung für diesen Teilbereich des Stbz. Villingen sicherzustellen.

l> Mit der Beseitigung dieser Stadtbrache werden auch positive Ausstrahlungseffekte auf die Entwicklung der Umgebungsbebauung und -nutzungen erwartet.“ Aus: Städtebauliches Konzept Bebauungsplan „Wohngebiet Welvert“ S. 3

Gerade gegen den Grundsatz „Innenentwicklung vor Außenentwicklung“ ist in unserer Stadt in den letzten Jahren zu oft verstoßen worden. Manche der kleinen Stadtbezirke sind hemmungslos in die Felder hinaus gewuchert, und auch in den großen Stadtbezirken geht man etwa mit dem Baugebiet ‚Hankenberg‘ oder dem neuen Klinikstandort den falschen Weg. Hier bietet ‚Welvert‘ ein positives Gegenbeispiel, eine gute Alternative: urbanes Wohnen. Dieses Baugebiet kommt auch dem Trend der letzten Jahre entgegen, dass junge Familien wie auch ältere Menschen wieder von der ländlichen Wohnlage zurück in die Stadt streben.

Wie soll nun die 11,4 Hektar große Kasernenfläche in Zukunft aussehen?

Auch Gregor Braun ging zunächst davon aus, dass alle Gebäude abgerissen werden müssten.

Inzwischen arbeitet er an einer Lösung, welche die fünf großen Kasernengebäude in eine moderne Nutzung mit einbezieht. Dabei sind für diese Gebäude neben Wohnnutzung auch Dienstleistungen, Gastronomie, Verwaltungseinrichtungen und Seniorenwohnungen vorgesehen. Im Bereich der Kirnacher Straße sind ein ‚Nahversorger‘, ein Bürgertreff und ein großer Spielplatz geplant. Die große übrige Fläche wird reines Wohngebiet und soll möglichst viele Bevölkerungsgruppen ansprechen – Familien, Alleinstehende, alte oder behinderte Menschen, Wohngemeinschaften. Es werden Mehrfamilienhäuser, Reihenhäuser und Einzelhäuser entstehen. Es wird unterschiedliche Eigentumsformen geben: Miete, Einzeleigentum, Teileigentum und genossenschaftliches Eigentum. Architekt Gregor Braun und sein Kollege Gerhard Janasik, der für den städtebaulichen Entwurf verantwortlich zeichnet, wollen möglichst vielen individuellen Bedürfnissen der zukünftigen Bewohner gerecht werden.

Die Planung von 2007 geht von etwa 600 Wohnungen aus. Im Wohngebiet werden etwa 1.500 Menschen wohnen. Damit die Menschen ruhig wohnen können, ist zur Kirnacher und Peterzeller Straße ein Lärmschutzwall vorgesehen. Ökologisch könnte das Wohngebiet Welvert ein Vorzeigeprojekt werden. Das Regenwasser wird in offenen Rinnen zu einem kleinen See geführt und soll dort versickern. Die Energieversorgung übernimmt ein Blockheizkraftwerk, das Holzhackschnitzel verbrennt. In unserer Gegend ist das eine ideale Energieversorgung. Der Energieträger Holz kommt aus der näheren Umgebung, die Verbrennung ist CO2-neutral und ein modernes Filtersystem reduziert die Feinstaubemission auf ein Minimum. Das Blockheizkraftwerk versorgt über ein Nahwärmenetz die Häuser nicht nur mit Heizungswärme und warmem Wasser, sondern erzeugt auch einen Großteil des Stroms für das Wohngebiet.

Das Gebiet, das auf den alten Gewannkarten als ‚Untere und Obere Erbsenlachen‘ bezeichnet wird, hat eine interessante Entwicklung durchgemacht. Über viele Jahrhunderte gehörte es zur Allmende,wurde also als Weide für das Vieh aus der Stadt genutzt, dann waren Gärten und Felder angelegt, 1913 entstanden hier Baracken – zunächst als provisorische Unterkunft für die erste Garnison in Villingen, dann für Kriegsgefangene des Ersten Weltkriegs genutzt. Sie wurden wieder entfernt.

1935/36 entstand auf dieser Fläche die Boelcke- Kaserne, die nach 1945 von den Franzosen unter dem Namen ‚Quartier Welvert‘ weiter genutzt wurde. Es folgte eine zehnjährige Zwischenphase

1997–2007. In zwei Kasernengebäude zogen vor allem Vereine und kleine Gewerbebetriebe ein. Auch die Garagengebäude waren teilweise vermietet. Und nun, Ende 2007/Anfang 2008 spricht alles dafür, dass hier ein attraktives, modernes und ökologisch durchdachtes Wohngebiet entsteht.

Die folgenden Entwürfe, die von Gregor Braun zur Verfügung gestellt wurden, geben ein plastisches Bild des zukünftigen „Wohngebiet Welvert“.

Dies ist eine Fotografie der Modells des ‚Wohngebiet Welvert‘. Zur besseren Orientierung sind die Straßen und wichtigen Gebäude bezeichnet: 1 = Kirnacher Straße; 2 = Dattenbergstraße; 3 = Peterzeller Straße; a, b, c, d, e = die ehemaligen fünf Kasernengebäude; f = ‚Nahversorgung‘ (Supermarkt)

 

So etwa könnte der Eingangsbereich aussehen. Links das ehemalige Wirtschaftsgebäude (im oberen Modell ‚b‘); rechts eines der drei ehemaligen Mannschaftsgebäude (im Modell ‚c‘)

Literaturverzeichnis

Revellio, Paul: Beiträge zur Geschichte der Stadt Villingen; Villingen 1964 Villingen, Faszination einer Zeitreise; Villingen 1998

Rodenwaldt, Ulrich: Leben im alten Villingen; Geschichts- und Heimatverein Villingen, Jahrbuch XV 1990/91

Riedel, Hermann: Villingen 1945; Villingen 1968 Stadt Villingen-Schwenningen (Hrsg.): 1939/1949 – Fünfzig Jahre Kriegausbruch Vierzig Jahre Bundesrepublik Deutschland; Villingen-Schwenningen o.J. (1989)

Kohler, Till Eric: Städtebauliches und freiraumplanerisches Entwicklungskonzept für den Bereich der Kasernenstandorte Villingen; Diplomarbeit; Freising-Weihenstephan 2001

Blumers, Friedrich-Otto: Gutachten zur Ermittlung des Verkehrswertes der Gebäude der Welvert-Kaserne; Stuttgart 1999

KommunalPlan: ‚Wohngebiet Welvert‘, Städtebauliches Konzept, Vorentwurf; 29.03.2007 Sitzungsdrucksache 1309: Machbarkeitsstudie zur Konversion der Kasernenareale Lyautey und Welvert; 19.05.2003 „Der Schwarzwälder“ (‚Villinger Tageblatt‘), vor allem der Jg. 1936 Materialien des Stadtarchivs Villingen-Schwenningen – vor allem die Villinger Jahreschronik 1924–1944

 

Hier der Plan des ‚Wohngebiets Welvert‘, auf dem die unterschiedlichen Haus- und Wohnformen zu erkennen sind.

 

Ich bedanke mich bei Herrn Dr. Heinrich Maulhardt, bei Frau Ute Schulze und Herrn Dieter Baumann vom Stadtarchiv für ihre Unterstützung und ihre Hinweise.

Zusätzliche Informationen erhielt ich von Herrn Pierre de Surmont, Herrn Hansjörg Fehrenbach, Herrn Werner Huger. Besten Dank.

Ein Beitrag zu diesem Thema ist nie richtig abgeschlossen. Es leben noch viele Bürgerinnen und Bürger in Villingen-Schwenningen, die als Zeitzeugen manche Information geben und auch manches richtig stellen können. Ich freue mich, wenn ich auf diese Weise mehr über das Thema Boelcke/Welvert-Kaserne erfahren kann.