Der Villinger Markt bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts (Heinrich Maulhardt)

Der Markt und seine Begründung 

In dem Privileg Kaiser Ottos III. vom 29. März 999 erhielt Graf Berthold das Recht, die allerhöchste Erlaubnis und die Gewalt für seinen Ort Villingen einen öffentlichen Markt mit Münze, Zoll und der gesamten öffentlichen Gerichtsbarkeit abzuhalten und auf Dauer einzurichten1. Der hier verliehene öffentliche Markt hatte im Mittelalter mehrere Bedeutungen. Markt bedeutet in dieser Zeit eine rechtliche Institution, eine Erscheinung des Wirtschaftslebens, es meint aber auch konkret den Platz, auf dem der Markt stattfindet.2 Es handelte sich im Falle Villingens um einen privilegierten Markt, denn es wurden neben dem Marktrecht auch das Münz- und Zollrecht verliehen. Das Münzrecht war besonders wichtig, da Münzen den Handel beförderten, den Tausch der Waren auf dem Markt beschleunigten bzw. den Warentausch überhaupt erst ermöglichten. In Verbindung mit dem Zoll‚ machte diese Marktform den Markthandel zwar abgabepflichtig, beaufsichtigte ihn jedoch, ordnete die erforderlichen Zahlungsmittel und stellte sie für alle Handelstreibenden in akzeptabler Form bereit. Sie zwang die Händler allerdings auch zur ausschließlichen Verwendung der jeweiligen örtlichen Währung am Marktort.

„Marktbesucher und Marktort traten unter königlichen Schutz, der Marktfriede wurde garantiert.“3 Die Entwicklung Villingens zur Stadt war ohne das vorstehende Marktprivileg undenkbar, denn dieses ermöglichte den Einwohnern die materiellen Voraussetzungen für eine städtische Entwicklung zu schaffen. Der Markt war eine Bedingung für das Entstehen und die Entwicklung des städtischen Handwerkerstandes, des Zunftbürgertums und des Warenaustausches von Stadt und Land.

 

 

Abb. 1: Rottweil Kapellenturm und Marktlaube, in: Karl Gruber, Die Gestalt der deutschen Stadt. München 3. Auflage 1977 (1952), S. 67.

 

Die Entwicklung des Marktes 

Anhaltspunkte für die Entwicklung eines Marktes nach der Verleihung des Marktprivilegs sind Villinger Münzen, die im 11. Jahrhundert hergestellt wurden4. Es blieb also nicht nur bei der Pergamenturkunde mit ihren Rechtsinhalten, sondern die Bewohner des Ortes Villingens betrieben im 11. Jahrhundert tatsächlich einen Markt auf der linken Seite der Brigach. Der Villinger Markt wird jedoch erst im 13. Jahrhundert auf der rechten Brigachseite greifbar und schlägt sich in der schriftlichen Überlieferung nieder. Bertram Jenisch gibt in seiner Dissertation einen Überblick: „Die Wochenmärkte wurden dienstags5 auf den Hauptstraßen abgehalten, wobei ein eigentlicher Marktbereich abgegrenzt war, der sich noch in der Brandversicherungsliste von 1766 abzeichnet6. Mit dem beginnenden 14. Jahrhundert wird eine räumliche Einteilung in Einzelmärkte fassbar: Kornmarkt, Rossmarkt, Obst-, Käse-, Anken- (Butter-) und Fischmarkt. Seit derselben Zeit finden immer häufiger Lauben, auf den Straßen freistehende Marktbauten, Erwähnung, die jedoch erheblich älter sein dürften. Seit 1344 begegnet die alte Tuchlaube7, nördlich des Straßenkreuzes in der Oberen Straße. Sie ist gleichzusetzen mit dem Kaufhaus, das Sitz des Marktgerichts und Aufbewahrungsort der Eichmaße war. Der Bau wurde offenbar im 15. Jahrhundert durch die „Neue Laube“ ersetzt8. Ab dem 17. Jahrhundert diente das Gebäude auch als Getreidespeicher. In der Rietstraße stand die Korn- oder Brotlaube, bei der die Bäcker der Stadt auf Brotbänken das Brot anboten. Man muss sich diese Laube als leichtes Gebäude vorstellen, das mitten auf der Rietstraße errichtet war (…) Bei der Brotlaube wurde 1314 eine Brücke über den Stadtbach gebaut, auf der die Bäcker ihr Brot verkaufen durften. Die Bänke mussten jedoch abends entfernt werden, was ihre Leichtbauweise belegt. Wenig östlich davon war über dem Stadtbach die seit 1364 erwähnte Obere Metzig errichtet. In der Niederen Straße, wohl südlich der Einmündung der Brunnengasse, stand ebenso über einem Stadtbach die seit 1361 genannte Untere Metzig. Bei den Stadtmetzigen waren die Fleischbänke der Metzger aufgebaut. Das Kornhaus und die Fleischbänke bestanden bis in das 18. Jahrhundert (…) Neben dem Wochenmarkt gab es zunächst auch zwei Jahrmärkte, die „sant Walpurge mes“ (1. und 2. Mai) 9 und die Herbstmesse am St. Mattäus- und St. Mauritiustag (21. und 22. September)10. Später trat noch die Messe am St.Thomastag (21. Dezember) hinzu. An jedem dieser Termine galt drei Tage vor- und nachher ein besonderer Friedensschutz für die Marktbesucher11.“12

 

Abb. 2: Stadtansicht Villingen 1666 – 86 mit Kaufhaus, Kornlaube und Metzig im Zentrum, Ausschnitt, Generallandesarchiv Karlsruhe H-BS-IV/4.

 

 

 

 

Den ältesten Marktbezirk bildeten die Obere Straße und die Rietstraße. In diesem Bereich dürfte sich schon früh das Marktgericht befunden haben, das in der Urkunde von 999 erwähnt wird. Die Gestalt dieses Gebäudes hat sich wahrscheinlich den ältesten Marktgebäuden angepasst, welche die Gestalt einer Laube haben.13 Dabei handelt es sich um ein ursprünglich aus Holz bestehendes Gebäude mit leichter Bedachung.

Die Bezeichnung „Laube“ blieb auch bestehen, als die Holzbauten durch Fachwerk oder sogar Steinbauten ersetzt wurden. Einen Eindruck von einer spätmittelalterlichen Laube gibt Karl Gruber am Beispiel Rottweil (Abb. 1).14 Die Villinger Marktgerichtslaube dürfte den Standort wie in Freiburg gehabt haben15: Sie befand sich mitten in der Stadt, am Straßenkreuz und ähnelte einer Marktlaube.

 

 

Abb. 3: Stadtgrundriss Villingen, in: Karl Gruber: Die Gestalt der deutschen Stadt. München 3. Auflage 1977 (1952), S. 67, mit Ergänzung von Casimir Bumiller, Untersuchungen zur Geschichte des Alten Rathaus in Villingen, 1995, Manuskript. 4 Rathaus; 5 Kaufhaus; 6a Korn- und Brodlaube; b Obere Metzig; 7 Niedere Metzig

 

 

 

 

 

 

Im Jahre 1439 wird zum ersten Mal das „koufhus“ erwähnt. Im Kaufhaus wurde offensichtlich mit mehreren Produkten gehandelt: Pelze, Leder, Tuche. Darin befand sich die Waage und es hatte die Funktion des städtischen Salzlagers. Das Kaufhaus hatte offensichtlich auch Gerichtsfunktionen16. Die historische Federzeichnung aus dem 17. Jahrhundert (Abb. 2) bildet das Villinger Marktgeschehen ab17: das Kaufhaus in der Oberen Straße, das Kornhaus und die Obere Metzig in der Rietstraße, der Marktbrunnen mit der Säule, auf der Kaiser Ferdinand I. zu sehen ist. Das 1573 errichtete multifunktionale Kaufhaus blieb bis zum Jahre 1827 bestehen, als es abgebrochen wurde. Die im Kaufhaus getätigten Geschäfte wurden in das leerstehende Spitalgebäude an der Rietstraße verlegt.

Der Villinger Markt hatte im Mittelalter einen regionalen Charakter. Hier wurden keine Fernhandelsgeschäfte abgeschlossen wie in den Städten der Hanse. Er diente vor allem dem Warentausch von Stadt und Land, dem Verkauf städtischer Erzeugnisse des Handwerks und dem Verkauf des landwirtschaftlichen Mehrproduktes der Stadt und des vorgelagerten Landes.

Der Ort, die räumliche Gestalt und die Bezeichnung des Marktes

Den Ort des Villinger Marktes haben wir beschrieben: das Straßenkreuz, Teile der unmittelbar anschließenden Riet-, Oberen- und Niederen Straße mit den Gebäuden im Straßenraum. Dieser Bereich war im Mittelalter bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts der Villinger Markt. Als „Markt“ wird dieser Bezirk in den mittelalterlichen Quellen bezeichnet.

Von „Marktplatz“ ist die Rede, als Graf Franz Ehrenreich von Trautmansdorf 1710 die Statue des heiligen Nepomuk der Stadt Villingen schenkte:

„bildnuss des heyligen Joannis Nepomuceni auf einem fein- und guetten weissen stain, wohl verfertiget auf die hierzu gemachte Säuhl glücklichst gestelt 26 Schuech hoch und in Mitte dess allhiesigen Marktplatz aufgerichtet“.18 Der Aufstellungsort der Statue des hl. Nepomuk ist auf dem Stadtplan von Martin Blessing aus dem Jahre 1806 zu sehen (Abb. 4, Buchstabe R).

Als Marktbereich abgegrenzt begegnet er noch in der Brandversicherungsliste von 1766.19 Darin werden folgende Straßenbezeichnungen aufgeführt, die auf den Markt hindeuten: „bey der Mezig“, „auff dem Markt“ und „Marktplatz“. Es werden immerhin drei verschiedene Marktlokalitäten genannt, was ein Beleg dafür ist, dass es sich im Falle Villingens nicht um einen runden Platz oder einen freigebliebenen Wohnblock handelte, sondern um einen Marktplatz mit einer etwas komplexeren Struktur, der sich über mehrere Straßen (-teile) erstreckte.

Das Wort „Platz“ leitet sich von platea = öffentliche Straße her20. In Villingen ist die einfachste Platzform anzutreffen: die verbreiterte Straße mit dem Straßenkreuz als Bestandteil.21 Klaus Humpert hat die bogenförmig verbreiterte Straße im Bereich der Niederen und Oberen Straße durch präzise Messungen festgestellt.22 Auf diesen verbreiterten Straßen standen die Marktlauben. Plätze zur Nutzung als Markt oder Versammlungsort waren als unbebaute Wohnparzellen im ursprünglichen Stadtgrundriß Villingens nicht vorgesehen.23

 

Abb. 4: Stadtplan von Martin Blessing 1806 mit Hinweis auf den Standort der Statue des heiligen Nepomuk, des Marktbrunnens und des Kaufhauses, in: Paul Revellio. Beiträge zur Geschichte der Stadt Villingen. Villingen 1964, S. 68.

 

Zusammenfassung 

Die Villinger beließen es nicht bei dem Text der Urkunde von 999. Sie ergriffen die Initiative und entwickelten das Marktgeschehen, insbesondere als die Besiedlung auf der rechten Brigachseite seit dem 12. Jahrhundert voranschritt. Der Aufschwung des Marktes hat wesentlich zum Prozess der Stadtwerdung beigetragen. Es handelte sich um einen regionalen Markt, bei dem städtische Erzeugnisse des Handwerks gegen das landwirtschaftliche Mehrprodukt ausgetauscht wurden. Der im Mittelalter entstandene Markt hat sich mit seinen Einrichtungen bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts fast unverändert erhalten. Dies trifft auch auf den Marktplatz, den Ort des Marktgeschehens zu, den die vom Straßenkreuz ausgehenden Straßen bildeten. Dazu gehörten die im Straßenraum stehenden Marktlauben, der Marktbrunnen und das Kaufhaus.

Anmerkungen

1 Thomas Zotz: Die Verleihung des Markt-, Münz- und Zollrechts durch Kaiser Otto III. an Graf Berthold für seinen Ort Villingen, in: Villingen und Schwenningen. Geschichte und Kultur. Villingen-Schwenningen 1998, S. 21. f.

2 Artikel „Markt und Stadt“, in: Handwörterbuch zur deutschen Rechtsgeschichte, III. Band, Berlin 1984, S. 330.

3 Walter Schlesinger, in: siehe Anmerkung 2.

4 Vgl. Ulrich Klein: Die Villinger Münzprägung, in: Villingen und Schwenningen. Geschichte und Kultur. Villingen-Schwenningen 1998, S. 26–59.

5 Christian Roder, Oberrheinische Stadtrechte, Villingen, Heidelberg 1905, S. 10.: Zollordnung von 1296.

6 Findeisen, Villingen, S. 12, wie Anm. 19.

7 Pfründ-Archiv Villingen. Hrsg. Josef Fuchs, Villingen-Schwenningen 1982, S. 53, E 3 (1401, Mai 6).

8 Pfründ-Archiv Villingen, S. 54, E 8 (1481, März 15): nuwen louben.

9 FUB I 591.: 1284.- FUB II, 18: 1308.

10 FUB II, 51.:1310.

11 Josef Fuchs: Die Ratsverfassung der Stadt Villingen. Villingen 1972, S. 50–55.

12 Bertram Jenisch: Die Entstehung der Stadt Villingen. Stuttgart 1999, S. 67.

13 Casimir Bumiller, Untersuchungen zur Geschichte des Alten Rathaus in Villingen, 1995, Manuskript, S. 19, nach Schwineköper.

14 Karl Gruber: Die Gestalt der deutschen Stadt. München 3. Auflage 1977 (1952), S. 64.

15 vgl. Bumiller, S. 19.

16 Paul Revellio: Beiträge zur Geschichte der Stadt Villingen. Villingen 1964, S. 188 f.; Bumiller, S. 20.

17 Stadtansicht Villingen 1666–86 mit Kaufhaus, Kornlaube und Metzig im Zentrum Generallandesarchiv Karlsruhe H-BS-IV/4.

18 Inventar über die Bestände des Stadtarchivs Villingen. Villingen 1970, Nr. 2402 (YY5). Eine systematische Durchsicht der Bestände nach „Marktplatz“ konnte nicht geleistet werden.

19 Inventar über die Bestände des Stadtarchivs Villingen, Band II, Villingen 1971, Nr. 3193. Vgl. Peter Findeisen: Ortskernatlas Baden-Württemberg. Stadt Villingen-Schwenningen Schwarzwald-Baar-Kreis. Stuttgart 1991, S. 12.

20 Artikel „Platz“, in: Lexikon des Mittelalters, München 1995, Band VII, Sp. 16.

21 Vgl. Jenisch, S. 164.

22 Klaus Humpert/Martin Schenk: Entdeckung der mittelalterlichen Stadtplanung. Das Ende vom Mythos der „gewachsenen Stadt“. Stuttgart 2001, S. 88 f.

23 Vgl. Jenisch, S. 165.