Das Theater am Turm/ Villinger Sommertheater, ein Kleinod der Villinger Kulturszene (Andreas Erdel)

Wer am Samschdigmorgê uf dê Märd ins Schdädle got, isch immer ufêm neuschdê Schdand. „Bisch du au scho dêrd gsi, do muêsch na, des muês mo g’sehe han; spitze sag i dir“.

Des isch Villinge. Die beste Werbung für unser Theater ist unser eigenes Publikum. Vorankündigungen, Programme, Plakate und Presse können die Menschen nicht annähernd so inspirieren, was die Mund zu Mundpropaganda erreicht. Und wenn die Leute sagen: „Jetzt hond si scho widder ufg’hört …, die kinnê doch voelängerê“, dann lässt das das Herz eines jeden Amateurschauspielers höher schlagen.

Eigentlich fing alles eher betrüblich an. So emotional man vom Publikum in den Himmel gehoben wird, so vernichtend wird das Urteil gefällt, wenn die Vorführung nicht den Geschmack desselben getroffen hat.

Der Katzenmusikball 1987 „Die Schwarzwaldklinik“ verfehlte die närrischen Vorstellungen der Katzenschar gänzlich. „Des häd doch ninnt me mit dê Fasnêt z’due“. In der Tat waren die Ballmacher Eberhard Zimmermann, Andreas Erdel und Thomas Moser übers Ziel hinausgeschossen. Das Positive daran war, dass dieser Ball das Sprungbrett zur Gründung des Villinger Sommertheaters wurde. Eberhard Zimmermann griff die Idee von Kulturamtsleiter Dr. Walter Eichner auf, den Monat Juli durch Theaterveranstaltungen kulturell aus der Region zu beleben. Mit einem kleinen Haufen Schauspieler traten wir im Innenhof der Karl Brachat Realschule an.

Die meisten von uns hatten ja Spielerfahrung bei den Fasnachtsbällen erworben, nur Eberhard Zimmermann war uns voraus, der bereits im Zimmertheater Rottweil zu glänzen wusste.

Insgesamt 300 jubelnde Zuschauer sahen das erste ,Villinger Sommertheater‘ „Die deutschen Kleinstädter“ von August von Kotzebue.

Wir hatten einen Riesenspaß und befreiende Spiellaune. Eberhard Zimmermann war Motor und Leiter dieser Truppe und kaum zu bremsen. Er spielte und inszenierte, setzte Ideen um, wie sie bisher in Villingen noch nicht zu sehen waren. So nutzen wir 1988 die Gunst der Stunde, als die „Lebenshilfe“ ihren Sitz in der wunderschönen Junghansvilla am arenbach aufgab und das Gebäude leer stand. Zur Aufführung gelangte die tolle Inszenierung „Der Talisman“ von Johann Nestroy. Teuerste Investition war die Klavieraufzeichnung auf Tonband eines Pianisten von der Musikhochschule Trossingen mit ca. 300 DM. Lifemusik hätte damals den Bankrott bedeutet. Beflügelt von der Anerkennung der Zuschauer folgten weitere Sommertheaterstücke im Kur- und im Komödiengarten am Franziskanerkloster. 1990 wollten wir wieder etwas Neues ausprobieren. In diesem Jahr gab es die große Diskussion um den Abtreibungsparagraphen 218 und es war Fußballeuropameisterschaft. Wir gingen tatsächlich das Wagnis ein, das Thema ,Abtreibung‘ als Sommer theater aufzunehmen. Uns wurde nach wenigen Vorstellungen klar, wo die Interessen bei wem lagen. Das Drama von Friedrich Wolf, in dessen Inhalt es um die vielen illegalen Abtreibungen mit Cyankali in den 20er und 30er Jahren ging, wurde sehr unterschiedlich wahrgenommen. Die Frauen besuchten den Komödiengarten und widmeten sich dem Drama, und die Männer vor dem Fernseher dem Fußball.

Hin und wieder mischten sich doch noch einzelne folgsame Ehemänner unter das Frauenpublikum im Verhältnis 100 :3. Das war eine klare Botschaft der Männer: „näschd Jôôr schbillêd do widder êbs luschdigs, no kummê mer au widder“. Der Zufall bestimmte im darauf folgenden Jahr das weitere Schicksal des Theaters.

Aus dem ‚Villinger Sommertheater‘ wurde im November 1991 das sesshafte ,Theater am Turm‘ (TaT) an der Stadtmauer neben dem Kaiserturm. Jürgen (Schorsch) Hess, unser früherer Präsident, hatte das Probelokal der Guggenmusik in der hiesigen ehemaligen Buchdruckerei Müller in der Schaffneigasse aufgegeben und Hans-Peter Müller, kurz „Müller-Dick“, hatte Eberhard diese Räumlichkeiten als Theater kostengünstig angeboten.

Mit 30 000,00 DM je ein Drittel Stadt-, Land und Theater selbst wurde bis auf die elektrische Anlage der Umbau in Eigenleistung federführend durch Edgar Riehle und Martin Müller vollzogen.

Und so wurde das Unglaubliche wahr! Villingen hatte von nun an ein Kleinkunsttheater. Das Eröffnungsgastspiel präsentierte das Zimmertheater Rottweil mit „Love Letters“, gefolgt von der ersten Eigenproduktion „Es war die Lerche“ von Ephraim Kishon. Idealismus und Enthusiasmus prägten weiterhin das Ensemble des TaT. Erfolgreich aufgeführte Stücke reihten sich aneinander. Das Geheimrezept lag vermutlich in der Unbefangenheit gepaart mit Professionalität, ein großes Spektrum aus allen Bereichen des Theatergenre anzubieten. Vom Kindertheater über Komödien, Tragödien, Kriminalstücke, sozialkritische Schauspiele, Podiumsdiskussionen, Hörspiele, bis zu den kabarettistischen Festspielen zur 1000 Jahrfeier der Stadt Villingen wurde alles gespielt.

Gemeinschaftsproduktionen mit dem ,Zimmertheater Rottweil‘, „Virginia Wolf“ und „Antigone“, die „Dreigroschenoper“ mit dem Theater am Ring- Ensemble um Kulturamtsleiter Herbert Müller signalisierten die Offenheit nach allen Seiten. Sowohl professionelle Schauspieler wie Marc Cevio aus Rottweil in „Jedermann“ oder als „Hauptmann von Köpenick“ einerseits, als auch unsere jungen Talente, unsere Nobodies wie Dorothe Gieseler in „Anne Frank“, Tobias Hess in „Kein Platz für Idioten auf Villingerisch“ oder „Amadeus Mozart“ und Daniel Gissel im „Regenmacher“ brillierten auf der Bühne und waren Beispiele für die große Flexibilität. Es werden keine Unterschiede zwischen Profis, Leihen und Amateuren gemacht. Die Integration der verschiedenen Qualitäten schauspielerischen Könnens war stets eine Herausforderung. Allerdings blieb der eine oder andere nach einmaligem Versuch, sich auf der Bühne zu profilieren, auf der Strecke.

Sandra Sorgatz, Andreas Erdel in „Außer Kontrolle“ im Sommertheater 2007

 

2001 sorgten wir für viel Bewegung in der Presse. Noch nie konnte man in den hiesigen Zeitungen so viele unzensierte Leserbriefe und seitenlange Kolumnen mit Diskussionen, Kritiken, unterschiedlichen Meinungen und Auffassungen über das Theaterstück „Krach im Hause Gott“ von Mittermeier lesen. Auch in der Öffentlichkeit wurde das Thema Religion, Glaube, Katholizismus, Christentum und die provozierende Darstellung der Dreifaltigkeit und des Teufels in der Inszenierung von Eberhard Zimmermann erbittert diskutiert. Es demonstrierten sogar einzelne Überzeugte vor dem Theater gegen die weitere Aufführung.

Zwei weitere Ereignisse gehen in den Annalen des Theater am Turm ein.

2003 fanden im Theater an 6 Veranstaltungen die ,Highlights der Villinger Kneipenfasnacht‘ statt. Es vereinigten sich auf Initiative von Gunther Schwarz und Henry Greif die Gruppen, die sonst immer am „Fasnêtssamschdig in dê Kneipe un in dê Stüble aufgetreten sind. An einem Samstag gegen 10.00 Uhr sollte der Kartenvorverkauf beginnen. Die ersten waren Katzenmusiker und Glonkiwieber, die bereits morgens gegen 6.00 Uhr die wartende Schlange eröffneten, die sich bis kurz vor 11.00 Uhr auf eine Länge von 150 m ausdehnte. Und dann geschah, was es wohl nur in Villingen gibt: nach 45 Minuten waren alle Blechkarten weg.

Ein Jahr später kündigte ein riesiges Plakat am Kaiserturm die Komödie „Ein seltsames Paar“ von Neil Simon an. Für uns unfassbar waren 2 Wochen vor der Premiere alle 12 Aufführungen ausverkauft. Es war ein erhebendes Gefühl. Nun wird man sich fragen, wo steht das Theater am Turm heute nach 20 Jahren? Das Theater hat 95 Sitzplätze, bewirtet werden unsere Gäste vom ,Müller-Dick‘, es finden jährlich 90 –100 Aufführungen statt und 3/4 davon sind eigene Produktionen. Seit fast 5 Jahren wird das Theater von mir geleitet, und ich habe es mir zur Aufgabe gemacht, dieses nette kleine Theater im Sinne meiner Vorgänger Eberhard Zimmermann, Christa Paul und Henry Greif als Kleinod für unsere Stadt zu bewahren.

Die Kraft schöpfen wir aus dem gemeinsamen Spaß, Theater zu spielen, dem Rückhalt der Sponsoren und der Gunst unserer Zuschauer.

Es wird weiterhin Balsam für unsere Seele sein, wenn das Publikum unser Engagement mit dem Satz krönt: „Scheen honers g’macht“.