Lautlos (Simon Kühn)

Gestern stand sie das erste Mal allein, ganz ohne Hilfe auf eigenen Beinen. In ein paar Tagen werden wir ihren ersten Geburtstag feiern.

Es ist faszinierend zu beobachten, wie gern sie am Klavier steht, sich mit einer Hand hält und mit der anderen spielt. Es geht sogar zweihändig, und mit ein paar Schritten an der Tastatur hangelnd entlang, auch in andere Tonbereiche. Oft singt sie dabei.

Schön, wie ich auf diese Weise mit meiner eigenen Geschichte konfrontiert werde.

Dieses Klavier, glockenähnlich im verstimmten Klang, Ludwig van Beethoven hätte die letzen drei Jahre seines Lebens noch darauf spielen können, hat mich in frühesten Jahren auch so unglaublich interessiert. Gerade dann, wenn mein Vater Beethoven-Sonaten spielte, musste ich oft mein Ohr ans Holz drücken. Ich kann mich sogar noch ein wenig daran erinnern, wie toll ich es fand, den und den nächsten Ton ständig voraushören zu können.

Schon in frühester Zeit kannte ich alle Sinfonien von Brahms, Beethoven und Schubert, die natürlich mein Hören bis heute geprägt haben. Das Klavierspiel habe ich mir mit Unterstützung meines Vaters selbst angeeignet und als wir dann von Karlsruhe nach Villingen-Schwenningen zogen, kam das Cello hinzu.

Die Musik hat sich also mehr und mehr herauskristallisiert. 1990, im Duo mit Sebastian Berweck, gewann ich den 2. Karel-Kunc-Musikpreis beim 6. Südwestdeutschen Kammermusikwettbewerb. Durch die Wettbewerbe „Schüler komponieren“ der Jeunesses Musicales und den mehrfachen Einladungen auf Schloss Weikersheim lernte ich Isang Yun, Hans-Jürgen von Bose und The Brandmüller kennen.

Das Komponieren wurde immer wichtiger und hat meinen Bezug zur Chemie überholt. Von der Chemie zur Klangchemie.

Erste große Aufführungen in der Musikhochschule Lübeck, vor dem Deutschen Musikrat.

1991 begann ich mein Kompositionsstudium bei Prof. Nicolaus A. Huber an der Folkwang- Hochschule in Essen. Seit 1993 forsche und experimentiere ich mit Niederfrequenzen, es entstehen erste Kompositionen mit Low-Frequency Information. Im selben Jahr wurde mein Stück „vorsitzender männlicher figur – mit schwarzer tableta“ in der Alten Abtei in Werden uraufgeführt.

Seit 1996 arbeite ich freischaffend.

1997 war ich Teilnehmer des Meisterkurses für Komposition der internationalen Musikprojekte Bremen unter der Leitung von Prof. Klaus Huber und im folgenden Jahr Stipendiat des Instituts für Neue Musik Darmstadt für die 39. Internationalen Ferienkurse für Neue Musik und Teilnehmer des Kompositionsseminars Prof. Helmut Lachenmann. 1999 bekan ich das Stipendium der Kunststiftung Baden-Württemberg verbunden mit einem zweijährigen Aufenthalt im Haus der Kunststiftung in Stuttgart. Gaststipendium der Akademie Solitude und Uraufführung des Theaterstücks „unendlichkeit angesichts des unheimlichen ichs“ nach Eugène Savitzkaya von Stefan Ludmilla Wieszner auf Schloss Solitude.

Erste Klanginstallation zum Kunst(t)ritt 2001, der langen Nacht der Museen Stuttgart, „installation – korbinian“.

Seit 2001 lebe ich in Berlin-Friedrichshain.

2002 wurde ich Stipendiat des Experimentalstudios der Heinrich-Strobel-Stiftung des Südwestrundfunks und im selben Jahr wurde „atmenderäume – 23 Stufen zum Garten“ für Orchester mit einem Bewegungsschauspieler im Theaterhaus Stuttgart uraufgeführt. Ein Auftragswerk des Südwestrundfunks     mit dem  Radiosinfonieorchester des SWR, Leitung Johannes Debus, Inszenierung Aniara     Amos     (Achim     Freyer-Ensemble Berlin), Bewegungsschauspiel Florian Klellner (Achim-Freyer-ensemble Berlin), Lichtinstallation Olaf Volk, und Digital Masters Stuttgart. 2004 wurde im Auftrag der Stuttgarter Staatsoper mein Stück „les yeux engourdis – audiphonie à Piérre“ für Film und Sechskanaltonspur im Römerkastell Forum Neues Musiktheater aufgeführt, eine Reise in die Tiefe der Erde und der menschlichen Innenwelt, eine apokalyptische Stimmung in eine Zukunft reflektiert, in der die Zivilisation die Natur vernichtet hat und die menschliche Seele angegriffen ist.

Seit einigen Monaten arbeite ich an einem Streichquartett, „sul fondale del paesaggio“ im Grund der Landschaft. Mit Pick-ups, Körperschall und Tonträger.

Ich interessiere mich für die direkten Wirkungsweisen von Musik, den Archetypen von Musik … Wie oft habe ich in den letzten Jahren von der Archaik gesprochen, die mich so fasziniert, von der Entstehung und Herkunft der Musik, von der Existenzberechtigung, von den vielen Abläufen und Dingen, die wir im einzelnen nicht verstehen können, von den Klängen im Grund der Landschaft, dem Grundschwingen großer Städte, von den magischen Kraft- und Klangfeldern. Wie gern wäre ich einmal im Herbst in Venedig, wenn Nebel ist und die Glocken unentwegt auf die Inseln hinweisen, oder die Lichtspiegelungen des Wassers, die die Bäume und Mauern dynamisch verändern. Der weite Raum, diese Unendlichkeit und die Stille, … der vom Wind verwehte Klang, … suspended music.

Ein wichtiger Polarisator in meinen Arbeiten sind all die körpereigenen Klanglichkeiten, die Ausweitung des Frequenzbandes hinaus über die spieltechnischen Möglichkeiten. Im schalltoten Raum, in tiefster Ruhe, in der Einsamkeit, in manch introspektivem Moment, in körperlichen Extremsituationen ist manchmal der eigene Kreislauf und der Herzschlag zu hören. Auf Frequenzberiche unter 16 Hz und über 20 kHz wirkt unsere Wahrnehmung reizunempfindlicher, da wir sonst einer ständigen Reizfortleitung ausgesetzt wären. Diese Frequenzbereiche von Außen auf den Körper reagieren, bewirken eine Vielzahl musikalischer Phänomene. In der Nacht geht alles leichter, das Atmen, Zuhören, Sprechen, das Vorausdenken in die Zukunft und das Erinnern, die Zärtlichkeit kommt wieder, die Hände sind ruhig, nachts wird das Gehör viel weniger beansprucht, wird das Auge nicht gereizt. Der Tag ist anonym, die Nacht ist privat.