125 Jahre Historische Narrozunft Villingen (Karl-Heinz Fischer)

– Gegründet 1882 –

Eine Fasnet, die schon Jahrhunderte alt ist, der Verein aber erst 125 Jahre besteht. Warum diese Divergenz?

Es ist nachgewiesen, dass die Villinger Fasnet bis ins Jahr 1494 zurückreicht. Damals hielt am 13. Februar Franziskanerpater Johannes Pauli vor den Nonnen des Bickenklosters eine Predigt, die niedergeschrieben ist und somit auch der Nachwelt erhalten blieb. Darin taucht zum ersten Mal für Villingen das Wort Fasnet auf und das gleich mehrfach! Diese Originalaufzeichnungen befinden sich heute in der Berliner Staatsbibliothek.

Es dauerte also fast 400 Jahre, bis die Villinger Bürger die Organisation und den Ablauf ihrer „höchsten Tage“ einem Verein übertrugen. Man vermutet, dass zuvor über lange Zeit ein großes Interesse an einem geordneten Fasnachtsspektakel bestand, zumal nicht nur in Villingen, sondern auch in vielen anderen Städten alles strengen Vorschriften und auch Verboten durch die Obrigkeit unterworfen war. Ungefähr ab Mitte des 19. Jahrhunderts finden sich in den Aufzeichnungen erstmals Ansätze organisierter Fasnacht. Immer wieder wird von Komitees berichtet, die große und aufwendige Umzüge auf die Beine stellten. Sie standen z.B. unter folgendem Motto: „Die Eröffnung des Suezkanals“, „Wallensteins Lager“, „Der Einzug des Schahs von Persien“, „Die Reisen des Prinz von Wales in Indien“, usw.

Die eigentliche Geburtsstunde der Narrozunft schlug dann an einem Fasnachtssamstag, 18. Februar 1882. Im Verkündigungsblatt „Schwarzwälder Boten“ erschien folgende Anzeige: „Narro-Versammlung im „Felsen“ Sonntag Abend punkt halb sieben!! Daß Alles klappt, dass ja Nichts fehlt, Auf pünktliches Erscheinen zählt. Die Narro-Zunft und Villingen.“

 

Anzeige im „Der Schwarzwälder“ aus dem Gründungsjahr 1882.

 

Damit ist auch zum ersten Mal der Name Narrozunft schriftlich erwähnt. Am folgenden Fasnachtsmontag wurde in einer feierlichen Ansprache und mit der Enthüllung der neuen Narro-Fahne auf dem Marktplatz die Gründung untermauert. Albert Fischer, (1874–1952) langjähriger Zunftmeister und Historiker der Narrozunft, hielt in seiner Broschüre mit dem Titel: „Villinger Fastnacht von einst und heute“, erschienen 1922, dazu fest:

„In beträchtlicher Zahl hatten sie sich eingefunden, all‘ die Narros jener Tage, und mit dem zu Pferde paradierenden Narrovater an der Spitze, bewegte sich unter allgemeinem Glockengeläut (Rollen schütteln) der Zug durch die Niedere Straße nach dem Marktplatz, wo zunächst der humorvolle Obernarro jener Tage, Fabrikant August Bracher, nach einer der Würde des Tages entsprechenden Ansprache dem Narrovater (Singer, gen. „Nagler-Xaveri“) das neue Zunftbanner übergab. Auf seinem blinden Schimmel reitend, trug der Narrovater das neue Banner der Zunft an der Spitze der Narros durch die Straßen der Stadt und Groß und Klein freute sich, dass durch die Gründung der Zunft der Fortbestand des altersher beliebten Villinger Narro gesichert war“.

Josef Ummenhofer, 1813–1891, genannt „Bregl“, Gründungsmitglied und bekannter Schemenschnitzer.

 

Diese erste Narrofahne ist heute noch erhalten und befindet sich als Dauerleihgabe in der Fasnachtsabteilung des Villinger Franziskaner- Museums. Zu den Gründungsmitgliedern der Narrozunft gehörten:

August Bracher, Fabrikant und Obernarro, Xaver Singer, Landwirt und Narrovater, Josef Ummenhofer (gen. Bregl) – Steinbildhauer und Wirt des Gasthaus Felsen, Schwämmle (Vornamen nicht bekannt) – Bäcker, Valentin Fleck – Metzger, August Fleig – Schuhmacher, Norbert Mauch – Schreiner, Gustav Fischer – Maler, Emil Sieber – Steinhauer, Franz Sieber – Uhrmacher, Valentin Kaiser – Zimmermann und Martin Hey – Ausläufer.

Nach der Gründung 1882 fand dann alljährlich am Morgen des Fasnachtsmontag ein Narroumzug statt, der allerdings durch den Ausbruch des ersten Weltkrieges für 6 Jahre ausfiel. Nachdem ab 1920 die Narrozunft erneut Umzüge organisierte und durchführte, machten ihr schon Anfang der 30-er Jahre die Auswirkungen der neuen NS-Regierung zu schaffen. Der für lange Jahre letzte Umzug im Jahre 1939 stand unter dem Motto: „Die Welt im Narrenspiegel“. Die Zunft erinnerte damit an das Fasnachtsverbot von 1849. Einige Narros hängten sich Fensterflügel um und zeigten damit, wie 1849 das Fasnachtsverbot umgangen wurde.

Nach Ende des Zweiten Weltkrieges erfolgte dann am 11. Januar 1947 die Wiedergründung der Narrozunft im Gasthaus „Hirschen“. Man versuchte, „das Kind wieder auf die Beine zu bringen“ wie aus dem Bericht von Albert Fischer hervorgeht. Noch im selben Jahr gab es mit dem Kinderumzug eine „kleine Fasnacht“. Im Jahr darauf, also 1948, feierte Villingen erstmals wieder eine richtige Fasnacht mit Umzug. Aus Dankbarkeit für diese Möglichkeit übergab Zunftmeister Albert Fischer dem damaligen französischen Gouverneur der Stadt auf dem Münsterplatz ein Präsent.

Letzter Umzug vor dem Krieg 1939 mit dem Verweis auf das Fasnachtsverbot von 1849.

 

Mit dem Wirtschaftsaufschwung der 50er und 60er Jahre erlebte die Fasnacht einen wahren Boom, der nicht nur zum Vorteil gereichte. Immer wieder drohte eine Verwässerung des Brauchtums, bedingt durch eine neue große Zahl von Hobbyschnitzern und Häsmalern, die „auf den Markt drängten“ und sich nicht exakt an die vorgegebenen Fakten hielten. Darin sah und sieht die Narrozunft eine ihrer Hauptaufgaben, womit sich auch der aus Ratsherren gegründete Brauchtumsausschuß vehement auseinandersetzt. Durch Gespräche und Aufklärung ist zwischenzeitlich wieder eine Trendwende eingetreten, sonst hätte kaum die Chance bestanden, das jahrhundertealte Brauchtum in der bisherigen, bekannten Form unseren Nachfahren zu übergeben. Die Gründungsväter der Narrozunft brauchten sich im 19. Jahrhundert noch nicht mit diesen Problemen auseinanderzusetzen, dafür wollten sie der Willkür der Obrigkeit in Form vieler Vor schriften und auch Fasnachtsverboten geschlossen entgegentreten. Insofern liegt in der relativ späten Gründung der Narrozunft seit Bestehen der jahrhundertealten Fasnacht keine Divergenz, sondern eine zeitgerechte und sinnvolle Organisation zum Wohle unserer historischen Fasnacht.

Ein Jubiläumsjahr mit vielen Höhepunkten

Als erstes ist hier das neue, große Buch mit dem Titel „masquera“ zu nennen. Ein hervorragendes Nachschlagewerk über die Geschichte der Narrozunft und der Deutung unserer Fasnacht. Im Vorwort schreibt Dieter Wacker hierzu u.a.:

„… Dieses Buch über die historische Villinger Fasnet verfolgt die Fasnachtsspur zurück bis in das 15. Jahrhundert, es beschreibt einen langen und auch steinigen Weg bis in die Neuzeit und es zeigt aktuelle Bilder, die lebendiger nicht sein könnten“. Die letzte Chronik der Historischen Narrozunft erschien 1984 zum Jubiläum „400 Jahre Villinger Narro“ und bedurfte jetzt einer Neuauflage. Dies nahmen die Verantwortlichen der Zunft zum Anlass, insbesondere die Geschichte des Vereins aufzuarbeiten, was dem Zunftarchivar Hansjörg Fehrenbach trefflich gelungen ist. Er hat seine neuen Erkenntnisse in einem ausführlichen Artikel in diesem Buch festgehalten. Wenn es um die Deutung der Fasnacht in Villingen und allgemein geht, gibt es keinen profunderen Kenner als Prof. Dr. Werner Mezger. In seinem Artikel zeigt er das Ergebnis seiner aktuellen Fasnachtsforschung auf, wozu er auch noch mit einem Vortrag im Franziskaner-Konzertsaal Gelegenheit hatte, auf den noch eingegangen wird. Daneben werden in weiteren Abhandlungen verschiedene Fakten der Villinger Fasnet beschrieben.

Dieses neue Buch „masquera“ fand nicht nur in der Presse, sondern auch über die Grenzen der Stadt hinaus große Beachtung und stieß auf reges Interesse. Vor genau 5 Jahren konzipierte die Narrozunft eine Ausstellung mit dem Titel „Häser, Kleidle, Rollen, Gschell“ mit allen „Weißnarrenzünften“ im schwäbisch-alemannischen Raum. Was lag also im Jubiläumsjahr näher, als eine Fortsetzung mit den selben Vereinen, aber jetzt mit alten und neuen Masken. Sie stand unter dem Motto: „Schemen, Masken, Larven“ und war vom 12. Januar 2007 bis 25. Februar 2007 im Franziskanermuseum zu sehen. Die Ausstellung war Mittelpunkt der Feierlichkeiten im Jubiläumsjahr und ist als Kooperation zwischen Narrozunft und Franziskanermuseum entstanden. Um die 240 Masken von 16 Fasnachtsvereinen zeigten einen Querschnitt vom 17. Jahrhundert bis zur Neuzeit.

Das ist die älteste Villinger Scheme. Schnitzer vermutlich Anton Josef Schupp.

 

Das älteste Exemplar war eine Villinger Narro-Scheme aus dem frühen 18. Jahrhundert, die im Besitz der Narrozunft und als Dauerleihgabe im Franziskanermuseum zu sehen ist.

Die Ausstellung war in zwei Bereiche gegliedert. Zum einen waren die Masken – Schemen in zwei Räumen zu bestaunen und zum anderen beherbergte das Refektorium die Vereinsgeschichte.

Ein außergewöhnlicher Blickfang war der 20 m lange „Zeitstrahl“. An dieser Wand reihten sich die Anfänge der Masken- und Schemenkunst bis hin zur Neuzeit und dies nicht für jeden ausstellenden Verein separat, sondern quer durch die Landschaft, nur dem Zeitpunkt der Entstehung zugeordnet. Viele alte Schemen aus Villinger Privatbesitz waren auf diese Weise erstmals öffentlich zu sehen und gaben der Ausstellung einen besonderen Reiz. Das zeigte sich auch in der Zahl der Besucher, die bei weit über 7000 lag. Regen Zuspruch fand sie auch bei den Villinger Schulen. Passend zu dieser Masken- und Schemenpräsentation erstellte die Zunft einen Ausstellungskatalog, der auf die Anfänge der Schnitzkunst bis zur heutigen Zeit eingeht. Gezeigt und beschrieben wird darin eine Großzahl der ausgestellten Exponate, angereichert mit zahlreichen Farbbildern.

Wie erwähnt, wurde die Geschichte der Narrozunft im Refektorium, beginnend mit der Gründung, durch zahlreiche Exponate und Aufzeichnungen den Besuchern vermittelt. Abgerundet wurde sie durch die Vorführung verschiedener alter und neuer Fasnachtsfilme.

Ein weiterer Höhepunkt war der Vortrag „Schemen und Geschichte der Fasnet“ von Prof. Dr. Werner Mezger. Vor rund 500 interessierten Zuhörern im Franziskaner-Konzertsaal bot Deutschlands populärster Fasnachtsexperte im ersten Teil einen ideen- und kulturgeschichtlichen Überblick über die Entstehungsgeschichte der Villinger Fasnacht, skizzierte die Entwicklungs linien der Maskierung und zog seine Zuhörer mit faszinierenden Bildern aus halb Europa in seinen Bann. Prof. Mezger ging in seinem historischen Rückblick zurück bis in die griechische und römische Antike. Dort gab es schon die ersten Maskierungen in den Schauspielen. Der Fund eines Reliefs aus der Frankenzeit im 9. Jahrhundert scheint nach seinen Worten darauf hinzuweisen, dass im frühen Mittelalter die antike Maskentradition durchaus vorhanden war.

Zeitstrahl, Schemen aus dem frühen 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart.

 

Sehr ausführlich ging er auf die Entstehungsgeschichte der Fasnacht als das große Fest vor der 40tägigen Fastenzeit, ein, bei dem die Menschen alle Vorräte verzehrten und kräftig feierten.

Um das Jahr 1500 muß es nach seiner Meinung auch die ersten Glattmasken gegeben haben, eine Tradition, in der auch die Villinger Scheme steht. Dies konnte er anhand von alten Gemälden belegen.

Nach der Historie widmete sich Prof. Mezger im zweiten Teil dem räumlichen Bezug. Mit Lichtbildern und Filmausschnitten, von Belgien bis Bulgarien und von Sardinien bis in die Tschechei zeigte er eine verblüffende Übereinstimmung närrischer Brauchtumsformen. „Es sei ein Irrtum, wer glaubt, die schwäbisch-alemannische Fasnet sei singulär“.

Zu einem zweiten, ebenfalls interessanten Vortrag lud die Narrozunft am 8. 2. 2007 ein. Manfred Merz, Meister der Maskenkunst, ging in seinem Diavortrag auf die Villinger Narroschemen ein. Beginnend mit den Anfängen aus dem 15. Jahrhundert, über die bewaffnete Fasnetsrebellion 1717, als rund 40 Burschen ihres Brauches wegen in die Wehr stunden bis hin zu des Volkes Widerstand gegen obrigkeitliche Verbote, spannte er den Bogen bis zur Geschichte und Entstehung verschiedener Schemenformen. Villingens älteste Scheme mit renaissancehaftem Lächeln datiert Manfred Merz um 1650. Vermutlich ein Frühwerk Johann Schupps. Ins Schwärmen gerät er bei den Barocklarven. Aber auch portraithafte, wie z.B. der Narrovater, Schloßbur oder Weberigel waren Bestandteil des Vortrages. Jede Scheme sei ein Genuß, „wie Weinseligkeit ihn schenkt“. Einen breiten Raum nahm auch das Kopierfräsen mit der Folge von Massenerzeugnissen ein, das nicht nur er, sondern auch die Narrozunft absolut nicht duldet.

Im Verlauf seines Vortrages zeigte er auch Bilder von namhaften Schnitzern, wie Josef Ummenhofer, Wilhelm und Emil Sieber, Josef Leute, Eugen Wiedel, Friedrich Moser und zuletzt auch seine eigenen Exponate.

Den Auftakt der eigentlichen Fasnachtstage bildete, zum ersten Mal überhaupt, eine Narrenmesse in „St. Fidelis“. Die Kirche fasste kaum alle Hästräger, obwohl der ökum. Gottesdienst schon vor dem Montagumzug um 7.30 Uhr begann.

Narrenmesse. Blick von der Orgel auf die Narren.

 

Dekan Kurt Müller verstand es in seiner Predigt meisterhaft auf den eigentlichen Sinn dieser Narrenmesse einzugehen. Musikalisch umrahmt wurde die Messe nicht nur von der Orgel, sondern auch von einer Abordnung der Stadt- und Bürgerwehrmusik. Als krönender Abschluß bleibt sicherlich jedem der Narromarsch in Erinnerung, der von der Orgel und den Musikern gespielt wurde.

Der Maschgerelauf am Montagnachmittag war ein Augenschmaus für Schemenkenner. Nach einem Aufruf der Narrozunft entschlossen sich ca. 40 Narros, mit ihren alten Schemen, die sonst nicht mehr getragen werden, den Zug anzuführen.

Beim Anblick dieser schönen, alten Schemen schlägt das Herz eines jeden Narren höher.

 

Ein imposantes Bild, wie auch die Fotos belegen, das einmalig in der Geschichte der Fasnacht und der Zunft war.

Schlussbetrachtung

Die Narrozunft Villingen hat in ihrem Jubiläumsjahr eindrucksvoll unter Beweis gestellt, welchen Stellenwert die historische Fasnet und der Verein selbst mit seinen rd. 3700 Mitgliedern in der Stadt hat. Mit motivierten und sachkundigen Ratsherren wird sie sich auch künftig mit aller Kraft für den Erhalt des altüberlieferten Brauchtums einsetzen. Die vielfältigen Veranstaltungen im Jubiläumsjahr sprechen für sich und legen ein beweisbares Zeugnis ab.

Postkarte von 1902, Aquarell von Albert Säger.

 

Ausschnitt aus dem Fasnachtsfilm von 1925.

 

Narrogruppe mit Mäschgerle.