Gedenken an Hans Hauser (Edgar Hermann Tritschler)

Der Villinger Mundartdichter wurde vor 100 Jahren geboren 

Über den alemannischen Mundartdichter Hans Hauser wurde schon zu seinen Lebezeiten geschrieben; Ehrungen für sein Schaffen durfte er in vielfältiger Weise persönlich entgegen nehmen. Seine Dichtkunst erlangte aber erst eine gewisse Popularität als Hans Brüstle, ein seinerzeit bekannter Villinger Lehrer, über ihn im Ekkhart- Jahrbuch1 von 1968 schrieb und ihn in einen größeren Kontext alemannischer Mundartdichtung hineinstellte. Brüstle erkannte in seinem Aufsatz eine „Villinger Stadtsprache“, deren Charakteristik sich im wesentlichen bis heute erhalten hat und die etwas Abgeschlossenes, Eigenwüchsiges hat. Diese Sprache – so Brüstle – sei die Muttersprache Hans Hausers, denn aus seinen Gedichten spreche die Sprache seiner Mutter, die ihr Leben lang die städtische Mundart gesprochen habe. „Und nur im Umgang mit der Mutter, deren Vorfahren seit einigen Jahrhunderten in der Stadt ansässig waren, konnten sich Ohr und Zunge in der zuverlässigsten Weise an das heimische Idiom und in seinen sprachlichen Schöpfungen Klang und Gestalt finden.“ Die persönlichen und sprachlichen Wurzeln von Hans Hauser werden Gegenstand der weiteren Betrachtungen in diesem Aufsatz sein.

Als Hans Hauser sein bis dahin vorliegendes Œuvre mit dem Bändchen „Dief i de Nacht“2

publizierte, war der aktuelle Stand seines Schaffens dokumentiert. Dennoch konnte diese Veröffentlichung weder sein Gesamtwerk enthalten, noch seine Persönlichkeit widerspiegeln, was auch nicht seiner Absicht entsprach. Denn ohne das Drängen von Hans Brüstle wäre der Gedichtband im Jahr 1970 noch nicht erschienen, denn – wie er rückblickend feststellte – hätte er an dem einen oder anderen Gedicht gerne noch „gefeilt“ und weitere Gedanken, die er mit sich herumtrug, in Versmaß gebracht.

Gedichtband „Dief i de Nacht“ (1970 erschienen).

 

In den seit 1973 erscheinenden Jahresheften des Geschichts- und Heimatvereins Villingen sind die Gedichte Hans Hausers regelmäßig erschienen, sie bildeten oft sinnfällige Brücken zu den vielfältigen Themen in dieser für die Villinger Stadtgeschichte und -kultur bedeutenden Publikationsreihe.

Den Aufgaben und Zielen des Geschichts- und Heimatvereins war Hans Hauser als langjähriges Vorstandsmitglied besonders verbunden. Aus Anlass seines 75. Geburtstages, am 11. Juni 1982, wurde er im Rahmen eines würdigen Festaktes im Foyer des „Theater am Ring“ zum Ehrenmitglied ernannt.3 Mit der Zuerkennung der Verdienstmedaille des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland im Jahr 1983 erfuhr Hans Hauser eine weitere hohe Ehrung für sein Lebenswerk.4

Als Hans Hauser am 4. März 1991 im 83. Lebensjahr verstorben war, widmete ihm der Geschichts- und Heimatverein einen ehrenden Nachruf 5 und der „Südkurier“ einen ausführlichen Bildbericht.6

Das Werk Hausers auf Tonträger

Der Verfasser dieser Zeilen berichtete 1995 in der „Badischen Heimat“7 über den Festakt, der anlässlich des 4. Todestages von Hans Hauser am 4. März 1995 im St. Georgs-Saal des Münsterzentrums in Villingen begangen wurde und hielt fest: „… Vier Jahre nach seinem Tode war es aber seltener geworden, dass seine Gedichte noch zu lesen oder zu hören waren. Die eigentlich schmerzliche Lücke bestand aber darin, dass die von Hauser geschriebene Dichtung in baaremer Mundart kaum mehr in Reinform zu hören war, ja, dass sie in der Gefahr stand, allmählich in den Fluten der Verhochdeutschung der heimischen Sprache unterzugehen. Die Mundart in den archaischen Formen der Hauserschen Dichtersprache würde allenfalls noch verstanden, wohl aber bald nicht mehr gesprochen und zu hören sein. Darum war es an der Zeit, die Medien, die an der Nivellierung der Regionalsprachen mitwirkten, auch für deren Erhalt einzusetzen. Die Idee, die Hausersche Dichtung auf Tonträger lebendig zu erhalten, lag damit nahe.

Hans Hauser.

 

 

Programm zum Festakt

 

Der Verfasser dieses Aufsatzes lernte Hans Hauser durch seinen Onkel Hermann Tritschler schon als Jugendlicher kennen, der über 30 Jahre lang Hausers Freund und beruflicher Wegbegleiter war. Er wusste, dass kaum jemand wie Hermann Tritschler die Gedichte Hausers so authentisch vortragen kann, war er doch in all den Jahren, in denen ein Großteil des Werks entstanden ist, Ohrenzeuge. Ja er war tagtäglich um Hans Hauser herum und hörte oft als erster, was in Wochen, Monaten und teils in Jahren an Dichtkunst entstanden ist. Oft war er derjenige, der nach produktiven Phasen Hausers der erste war, der hören sollte, wie neu gefundene Zeilen auf andere wirken.

… Nachdem es dem Autor mit Unterstützung der Familie von Hans Hauser gelungen war, Lebensweg und -werk zu recherchieren, folgten konzeptionelle und produktive Projektschritte, die zum 4. März 1995, dem 4. Todestag Hans Hausers, ihren Abschluss finden sollten: alemannisches Gesamtwerk und Biographie Hausers auf CD und MC.

Hermann Tritschler kam der Bitte, als Sprecher der alemannischen Gedichte zu wirken, mit Freude nach. Vor dem Hintergrund der dargestellten engen persönlichen Verbindung zu Hauser wirkt sein Beitrag gerade deswegen, weil er als nichtprofessioneller Sprecher mit der Begeisterung des am Werk passiv Beteiligten die dichterischen Arbeiten seines Freundes rezitiert, besonders authentisch. Er verkörpert in vielleicht idealer Weise die Villinger Mundart, da auch er fast sein ganzes Leben in seiner Heimatstadt verbracht hat und mit dieser ebenfalls durch tiefe familiäre Wurzeln verbunden ist. Vor allem aber war der 73jährige Hermann Tritschler8 in der Lage, das archaische Idiom der Hauserschen Dichtung oder – anders ausgedrückt – die alemannische oder baaremer Mundart noch so zu sprechen, wie sie als Ackerbauernsprache vielleicht um die Jahrhundertwende auf den Villinger Gassen gesprochen wurde.

 

Gedenktafel am Haus Kanzleigasse 9.

 

… Besonders eindrucksvoll war für die abendliche Festgesellschaft die posthume Ehrung des Dichters Hans Hauser durch den Oberbürgermeister der Stadt. Er führte aus: „Im Namen der Stadt Villingen-Schwenningen widme ich dem Haus Kanzleigasse 9, dem Lebens- und Wirkungsort des Dichters Hans Hauser, eine Gedenktafel. Diese Tafel, die von dem Villinger Kunstschmied Klaus Walz gefertigt wurde, soll an das dichterische Lebenswerk Hans Hausers auf Dauer erinnern, dem ich auch für die Zukunft den gebührenden Platz in der Heimat- und Literaturgeschichte wünsche.“

Hans Hauser und seine Mutter

Auf die persönlichen und sprachlichen Wurzeln von Hans Hauser war bereits oben hinzuweisen. Dr. M. Maier wies in seinem Nachwort zum Gedichtband „Dief i de Nacht“ darauf hin, dass „der Autor (Hans Hauser) … mit vollem Bedacht als Ausklang seiner Gedichtfolge das von der ‚Mottersproch‘ gewählt hat.“

Mi Mottersprooch

Mi Mottersprooch hockt, alt und schii,

im Spittelhof und sunnet si.

Wer kennt si noh? Wer frait si drab?

Si brosemet wie d’Ringmuur ab,

si tricknet mit de Brünne n ii,

machts nimme lang, so mantes mi.

Mengmol, wenn i nint z’triibe hau,

bliib i e Wiili binere stau,

si woest, daß i si liide ma

und lacht mi us de Stockzaih a:

 

Di Riet im Obedsunneschii, wa isch des für e Hoemet gsi!

Vum Törli unne bis zu iis

hond Kinder ballet dotzedwiis,

hond d’Bure ’s Veah a d’Brünne glau

und Heu verzettlet, Mischt und Strauh.

Und elli Kriizstöck, wie mers denkt,

sind volle rote Nägili ghängt.

 

Din Turn, i Dine Buebejohr

e langi Ziit e n earnsti Gfohr.

Woesch noh, wies sellmol gange n isch,

wo de dra uffi klimmet bisch?

De bisch z’mols obe n abe keit

und hesch der ’s Muul und d’Nas verheit.

So, het es ghoese, jetz hesch Rueh,

worsch’s welleweag moern nimme due.

 

Guck dert im Ahoern überm Tor sing überluut wie närrsch en Stoor.

Dert hesch di mengmol umme druckt und dief in bruuni Äugli guckt.

I Mon, wenn si Di gnomme het, si hets bi Dir nit schleachter ghet;

’s kunnt anneweag nit wie mers denkt, wem mer sich an e Mannsbild hängt.

 

Jetz isches still ums Obedrot.

Koe Kindergschroe, kon Brunne goht,

es fliegt koe Schwälmli meh ums Huus,

es nachtet, und Di Spiil isch us.

I hör Di Motter wie im Troom:

„Es liitet Bättziit, kumm jetz hom!“

 

Maier schreibt weiter: „Das Ende kehrt zum Anfang zurück, zu den ‚Müttern‘, zu der Mutter. Sie ist, wie er (Hans Hauser) einmal sagte, der tiefere Ursprung seiner Bindung und Bildung gewesen. Nicht nur ihre Mundart, auch der Umkreis ihrer Welt ist ihm in mehr als sechzig Jahren zuinnerst zugewachsen. Diesen Kreis hat Hans Hauser in schicksalhaft hingenommener Selbstbeschränkung auch als Künstler nicht verlassen. Was an Bild und Sinnbild in der Mundartdichtung des Autors lebt, hier hat es seinen Ursprung, in den Mauern der alten Stadt Villingen, über der das Münster steht, gefügt aus schweren, bräunlichroten Quadern voll innerer Leuchtkraft.“

Hans Hauser hob anlässlich der erwähnten Ehrung im Jahr 1982 hervor, wie sehr sein Elternhaus für sein ganzes späteres Leben prägend war. Es entsprach seiner tiefen Bescheidenheit, wenn er zu seinem dichterischen Schaffen meinte, „er wisse nicht, ob das Geschaffene eine Leistung war.“ Er hielt das Erzählen in Reimen, das Dichten über seine geliebte Stadt „für ein Spiel, das uns die Mütter in die Wiege gelegt haben.“ Das Spiel des Dichtens sei „die ersten zwölf Jahre seines Lebens von seiner Mutter gelenkt worden.“ Er führte dankbar aus: „Sie war eine unermüdliche Erzählerin, deren Geschichten aber keine Könige, keine Prinzessinnen und keine Zauberer gekannt haben. Es waren die Legenden zum eigenen Geschlecht; es waren die Anekdoten um unsere Großväter und Großmütter bis in’s 16. Jahrhundert zurück. Sie alle– die einen mehr, die anderen weniger – haben mitgewoben und mitgeknüpft am Teppich unserer Stadt.“

 

Agatha Hauser geb. Grüninger.

 

Seine Mutter habe alles, was an Bräuchen und Sitten noch in der Erinnerung war, mit ihren Kindern9 durchgespielt und damit lebendig erhalten. So sei er gleichsam spielend über seine eigene Familiengeschichte zur Stadtgeschichte und zur Geschichte und Sprache des süddeutschen Raumes gekommen. Da Hans Hausers Vater bereits in seinem fünften Lebensjahr starb, trug seine Mutter die ganze Last einer zehnköpfigen Familie. Sie sei eine sehr starke Frau gewesen, betonte Hauser immer, wenn er von seiner von ihm stets hochverehrten Mutter sprach. Sie habe ihr Schicksal mit unerschütterlichem Gleichmut und natürlicher Einfachheit gemeistert und trotz der täglichen Mühsal Zeit und Muße gefunden, ihren Kindern eben jene geistige Zuwendung angedeihen zu lassen, aus der er die grundlegende Inspiration für sein späteres dichterisches Schaffen bezog.

Hans Hauser wurde am 16. Oktober 1907 in Villingen geboren; er wuchs als jüngstes von neun Kindern seiner Eltern in der Villinger Rietgasse auf. Das dortige Haus Nr. 8 war ihm Heimat und Mittelpunkt seiner Kindheit und Jugend. Die überschaubare, vertraute Welt dieser Gasse, die – innerhalb der historischen Stadtmauern gelegen – ein zentraler Ort über tausendjähriger Stadtgeschichte ist, war für ihn der Platz, an dem seine persönliche und dichterische Entwicklung die stärksten Wurzeln hatte.

Seine Mutter erscheint in mehreren Werken: In dem Zwiegespräch „Motter

Bue:     Motter, i sell Känsterli, moni, ghört e Helgli nii.

Motter: Sell kost Geld und ich hau koes, hesch je Farbe, mool der oes. …“

kommen persönliche Kindheitserinnerungen zum Vorschein.

Ob er sich im Gedicht „s’Büebli

„Motter, ’s Büebli isch verwacht …“ etwa an eine seiner Schwestern erinnert?

Im Gedicht De Herter lässt er seine Mutter sagen, was er in Kindertagen beim Zubettgehen sicher oft selbst gehört hat.

Wenn er das Gedicht Ab de Liechtmeß, Ostere zue im letzten Vers mit einer Aufwachszene enden lässt, schließt er an die heimelige Kleinkinderwelt gedanklich an. Wenn er dieses Gedicht mit

„Es Agetli löscht d‘ Lampe n us, …“

beginnen lässt, so schließt er mit der Nennung des Vornamens seiner Mutter an die häuslichen Gepflogenheiten an.

Im Schnaiker sinniert er

„Jedi ischere Motter Kind, …“

und rundet sein Werk Mi Mottersproch mit einer

Hommage an seine Mutter ab und hört sie sagen

„Es liitet Bättziit, kum jetz hom!“

Über Hans Hauser ist kaum bekannt, dass er bereits im „Frühling 1928“ seinen ersten Gedichtband veröffentlichte. Der Gedichtband „Das erste Lied – Sturm und Stille“10 aus der Feder des gerade Zwanzigjährigen enthält 27 Gedichte, die zwischen Überschwang und tiefer Depression, zwischen Hoffnung und Verzweiflung hin- und her irren und in leidenschaftsvoller Poesie von lauten Klagen bis hin zu ganz leisen und offenbar persönlich adressierten Liebesversen reichen.

Dieses bemerkenswerte Zeugnis des dichterischen Frühwerks von Hans Hauser war auch in Villingen wohl ebenso in Vergessenheit geraten wie die Tatsache, dass der alemannische Mundartdichter seine ersten und auch spätere Arbeiten in hochdeutsch verfasst hatte. Schon in einem dieser Frühwerke lesen wir:

Du warst vor tausend Jahren schon, mein Kind, erdacht …

und wieder tausend Jahre sind

mit dir erwacht.

Du weißt,

was Deine Ahnen schon gewußt,

denn tausendjähriges Schicksal ruht

in deiner Brust.

Und was vor dir, vor deinen Ahnen war,

gleicht dem nach tausend Jahren auf ein Haar.

 

So fügst als Glied du dich der Kette an

und schließest tausend Glieder selbst daran.

Und alles was du nach und vor der Zeit

im Wahne tuest und getan du nennst es Ewigkeit.

 

Wenn auch der Schluss dieses Gedichts etwas kryptisch anmutet, so schließt dieses Jugendgedicht Hausers in weiten Passagen an die oben erwähnte Feststellung an, dass seine Mutter nicht von Königen, Prinzessinnen und Zauberern erzählte, sondern „die Legenden zum eigenen Geschlecht und die Anekdoten um unsere Großväter und Großmütter bis in’s 16. Jahrhundert zurück. Sie alle– die einen mehr, die anderen weniger – haben mitgewoben und mitgeknüpft am Teppich unserer (tausendjährigen) Stadt.“ Die in diesem Gedicht erwähnten Ahnen wurden also bewusst tradiert und Hans Hauser wusste schon früh, dass er über seine Mutter mit einem berühmten Villinger Geschlecht nah verwandt war:

Hans Hauser, ca. 1927.

 

 

Diese Übersicht konzentriert sich aus den dargelegten Gründen hauptsächlich auf die mütterlichen Vorfahren von Hans Hauser. Sie stellen einen vorläufigen Stand der Erkenntnisse dar und könnte Grundlage für eine systematische genealogische Erforschung sein. Die väterliche Linie endet hier (aus Gründen der Übersichtlichkeit) bei Hans Hausers Großeltern in Dauchingen. Bekannt sind als weitere Vorfahren: Christian Hauser und Gertrud Weisshaar als Eltern von Johann Nepomuk Hauser.11 Die Eltern von Christian Hauser sind Dominikus Hauser und Priska Hirth, die Eltern von Gertrud Weisshaar sind Michael Weisshaar aus Gunningen (Oberamt Tuttlingen) und Emerentia Kupferschmid aus Oberflacht. Die Eltern von Hans Hausers Großmutter väterlicherseits, Prisca Emminger, sind Johann Emminger und Scholastika Hirth. In dieser weiteren Vorfahrenreihe sind Mathias Emminger, Franziska Schneckenburger aus Deisslingen sowie Josef Hirth und Maria Stern zu nennen.

Über die Glockengießerei und Familien Grüninger ist in der Villinger Literatur schon Vieles veröffentlicht worden. Michael Hütt hat im neuesten Heft des Geschichts- und Heimatvereins einen Beitrag zur Villinger Glockengeschichte12 mit einer umfangreichen Bibliographie vorgelegt. Zahlreiche weitere Aufsätze beziehen sich auf die verschiedenen Produktionsstandorte innerhalb der Villinger Stadtmauern sowie auf wirtschafts- und familiengeschichtliche Zusammenhänge. So ging Kurt Kramer, Orgelinspektor der Erzdiözese Freiburg, in seinem Aufsatz über „Die Glockenlandschaft der Baar“ ausführlich auf die „Glockengießerdynastie der Grüninger“ ein.13 Auch in den beiden Jahresbänden „Das Leben im alten Villingen“14 finden sich zahlreiche Hinweise auf Verwaltungsvorgänge, die sich mit dem Unternehmen befassen. Eine neuere Arbeit15 geht auf einen Neubau der Glockengießerei unter der Leitung des Villinger Architekten Karl Naegele ein.

Mit dieser familiengeschichtlichen Betrachtung schließt sich der Kreis zum dichterischen Lebenswerk von Hans Hauser, das vielfältige Bezüge zu seinen familiären und lokalen Wurzeln aufweist. Seines einhundertsten Geburtstages als Dichter baaremer Mundart zu gedenken, bedeutet auch, seine besonders im Gedicht „Mi Mottersprooch“ formulierten Sorge aufzugreifen:

„Mi Mottersprooch hockt, alt und schii, im Spittelhof und sunnet si.

Wer kennt si noh? Wer frait si drab? Si brosemet wie d’Ringmuur ab,

si tricknet mit de Brünne n ii, machts nimme lang, so mantes mi.“

Stellvertretend für ihn fragen wir also heute: „Wer kennt si noh? Wer frait si drab?“ Die Antwort darauf ist nicht einfach. Schon die Diktion der heutigen Mundartdichter unterscheidet sich nicht nur regional. Wie schreibt und spricht man eigentlich richtiges „Alemannisch“ oder „Baaremerisch“ oder „Villingerisch“? Wer setzt die Normen, setzt sie überhaupt jemand oder gilt die regulative Kraft des Faktischen, indem als richtig gilt, was irgendje mand sagt oder schreibt? Der Autor dieser Zeilendarf sich nicht anmaßen, zu urteilen; er meint nur, vor dem Hintergrund der Kenntnis der in Jahrzehnten gewachsenen Intentionen und Leidenschaften des Dichters diese Fragen aufwerfen zu sollen.

Diese Fragen stellen sich heute anders als noch vor 20 oder 30 Jahren; die Stichworte Europäisierung, Internationalisierung und Globalisierung mögen genügen, um zu verdeutlichen, dass auch unsere Hochsprache einem rasanten Wandel unterworfen ist. Diesen aufhalten zu wollen, wäre Unfug und von der Zielsetzung her zum Scheitern verurteilt. Denn: Welche Fragen stellen sich für die sprachliche Regionalkultur, wenn Menschen in den Unternehmen der „Hoamet“ nicht mehr nur kein Villingerisch mehr reden, geschweige denn schreiben können, sondern ihnen von Konzernvorständen aufoktroyiert wird, selbst im Kollegenkreis nur noch in Englisch zu kommunizieren.

 

 

 

 

 

Eine einzige Antwort darauf finden zu wollen, wäre zu einfach, zu kurz gegriffen. Denn, zu der aus der Sicht von Regionaldialekten zu erkennenden Metaebene des Hochdeutschen wird ja schon heftig genug „die verkaufte Sprache“ beklagt. Selbst das Hochdeutsche verschwindet allmählich in einer „Hybridsprache, die nicht nur Fluten fremder Wörter aufgenommen hat, sondern auch in der Grammatik mehrfach überformt wurde“. Daraus folgt, dass „eine Sprache … sich nur dort tradieren lässt, wo ein allgemeiner Konsens über die Inhalte eines weithin unbekannten Regelwerks besteht.“16

Denn Dialekt setzt voraus, dass es eine allgemein akzeptierte Hochsprache gibt, von der er sich abgrenzt, zu der er im Kontrast steht und zu dem die Menschen einen Zugang über ihre Mütter haben. Wenn Hochsprache sich verflüchtigt, kennt auch der Dialekt seine Leitplanken nicht mehr.

Mit der Erinnerung an den einhundertsten Geburtstag Hans Hausers soll er posthum als ein großer Villinger Dichter geehrt werden. Sein hinterlassenes Werk steht uns zur Verfügung, um es zu benutzen, zu bewahren und weiterzugeben. Es ist ein fortwährender Gruß an die Mundartdichter, die nach ihm Villinger Stadtgeschichte und -geschehen poetisch verarbeiten und damit zum Nachdenken anregen. Es ist aber auch ein fortwährender Auftrag, mit der Muttersprache, gleichermaßen als Hochsprache wie als Mundart, pfleglich umzugehen.

Die 1995 vertonten Gedichte Hans Hausers sind für die Mitglieder des Geschichts- und Heimatvereins Villingen über die Geschäftsstelle als CD oder als MC kostenlos erhältlich (solange Vorrat reicht).

Anmerkungen

1 Brüstle, Hans: „Hans Hauser, ein Villinger Mundartdichter“, in: Badische Heimat, Ekkhart Jahrbuch für das Badner Land 1968, S. 86 ff.

2 Hauser, Hans: „Dief i de Nacht, Alemannische Gedichte“, Verlag H. Müller, Villingen, 1. Auflage 1970.

3 Vgl. Jahresheft VII (1982) des Geschichts- und Heimatvereins Villingen, S. 38 ff.

4 Vgl. Jahresheft VIII (1983/84) des Geschichts- und Heimatvereins Villingen, S. 59.

5 Vgl. Jahresheft XVI (1991/92) des Geschichts- und Heimatvereins Villingen, S. 68 f.

6 Vgl. „Südkurier“ Nr. 54 v. 5. März 1991, S. 19.

7 Vgl. „Badische Heimat“, Zeitschrift für Landes-, und Volkskunde, Natur-, Umwelt- und Denkmalschutz, 75. Jahrgang, Heft 4, Dezember 1995, S. 611 ff.

8 Hermann Tritschler (* 20.10.1921, † 02.06.2001).

9 Adolf (gef. 1914), Wilhelmine (verh. Elsäßer), Karl, Berta, Sophie (verh. Essig), Albertine (verh. Staudacher), Anna, Johann Nepomuk und Johann Baptist (Hans).

10 erschienen im Selbstverlag, hergestellt durch Buchdruckerei Wilhelm Engelberg, Inh. Karl Friedrich Wolber, Haslach i.K.

11 Vgl. Sturm, Joachim: „Dauchingen. Ein Gang durch die Geschichte“, Gemeinde Dauchingen (Hrsg.), 1994, S. 162; dort wird Johann Hauser für die Zeit vom 19.08.1870 bis 06.11.1888 als Bürgermeister genannt.

12 Hütt, Michael: „Zum Beispiel Glocken. Schätze aus den Museen“, in: Villingen im Wandel der Zeit, Geschichts- und Heimatverein Villingen, Jahrgang XXX / 2007, S. 43 ff.

13 Kramer, Kurt: „Die Glockenlandschaft der Baar; die Glockengießerdynastie der Grüninger“, in: Almanach 1993 Schwarzwald- Baar-Kreis, S. 241 ff.

14 Rodenwaldt, Ulrich: „Das Leben im alten Villingen im Spiegel der Ratsprotokolle des 17. und 18. Jahrhunderts“, Villingen, 1976 und Rodenwaldt, Ulrich: „Das Leben im alten Villingen, Geschichte der Stadt im Spiegel der Ratsprotokolle des 19. Und 20. Jahrhunderts“, Villingen, 1990/1991.

15 Jehle, Gerhard: Stätten der Arbeit, Stätten der Verwaltung, Wohnstätten: Die Industriearchitektur in Villingen und Schwenningen bis 1945 (Hochbauten), Diss., Freiburg, 2001, S. 32.

16 Vgl. Jessen, Jens: „Die verkaufte Sprache“ und Zimmer, Dieter E.: Alles eine Sache des Geschmacks? Von wegen!, in: DIE ZEIT Nr. 31 v. 26. Juli 2007, S. 41 ff.