Vom Schwarzwaldhof zur Bildhauerwerkstatt (Werner Huger)

Die europäische Wasserscheide über den Schwarzwald unmittelbar südlich, eingekerbt zwischen dem Mosenberg im Osten sowie dem Mühlenberg im Westen, mit deren Höhengrenze um 1000 Meter, nimmt von der hochgelegenen Quelle aus der Prisenbach seinen nördlichen Weg nach Triberg zur Gutach hinunter. Von ihm leitet sich der Name des Zinkens „Prisen“ ab. Komunalpolitisch gehört der Winkel zu Schönwald, obwohl die wirtschaftliche Anbindung vorwiegend bergabwärts nach Triberg führt.

Neun Gehöfte säumen talwärts die kurvenreiche Straße, einst ein befestigter Weg, vom Wald durchs Grün der Hänge mit ihren eiszeitlichen Findlingsblöcken und wieder in den Wald. Nur fünf sind es noch die mit ihrer steilen Topografie und den kargen schwarzwälder Bodenverhältnissen landwirtschaftlich betrieben werden. In den Steillagen dominiert die Weide, während die Felderwirtschaft im Wettbewerb des europäischen Agrarraums kaum mehr Chancen hat.

Mosenberg, 1000 m über dem Meer.

 

Als einer der Bauernhöfe hat sich vor rund 25 Jahren auch der kleine Fallerhof am unteren Talende von seiner agrarischen Funktion verabschiedet. Man wird ihn wohl stets als einen Nebenerwerbsbetrieb sehen müssen.

Der Fallerhof im Prisen.

 

 

56 Jahre lang, so berichtet der Enkel Frank Faller, ging der Großvater täglich, bei Wind und Wetter sowie winterlicher Kälte mit Glätte und Schnee durch den Wald ins Tal, mit deren ersten Naturbobbahn Deutschlands, in die Uhrenfabrik Schatz nach Triberg. Es mögen vier Kilometer gewesen sein: eine Stunde abwärts, abends zwei Stunden bergwärts zurück. Derweil besorgte die Großmutter das Haus mit all den großen und kleinen Tieren, den Garten und das Feld. Die Obstbäume, der Apfel- und Birnbaum mit den Blüten weiß und außen rosa, von den Rosengewächsen der Kirschbaum, das Weiß des Holunders, der nahe Lindenbaum, auf dem sich mit ihrem Schwarz und Weiß des Gefieders eine Elster niedergelassen hatte, sie alle bildeten mit dem Bunt des Hausgartens hinter dem Milchhäusle den farbigen Kranz sommerlichen Schmucks.

Dennoch, ein karges Leben aber eingebettet in Gottvertrauen. So fehlt auch nicht an der äußeren Hauswand sichtbar das Kreuz, das sich als „Siegeszeichen des heilbringenden Leides“ versteht. An einem Haus angebracht wird es für dieses zu einem Weihezeichen, d.h. einem Zeichen des Segens. Auf zwei Sparren des Dachgebälks sind Worte eingebrannt. Die einen lauten „Das Haus steht in Gottes Hand …“.

Das Segenszeichen an der Hauswand

 

 

Sparren des Dachgebälks mit eingebrannter Weihinschrift.

 

Das Haus vergleicht sich nicht mit den gewaltigen Baumassen jener Bauernhäuser, die für würdig befunden wurden in irgendeinem Freilichtmuseum ein totes Dasein zu fristen. Es ist vielmehr die schlichte Ausführung des Schwarzwälder Typs „Gutacher Haus“. Gewiss, wenn die spätmittelalterlichen Bauordnungen noch lehmgetränkte Strohdächer verlangten, so ist doch längst das Ziegeldach an deren Stelle getreten. Anderes ist geblieben. Als Typ Gutacher Haus besitzt es kein Sockelgeschoß sondern ist lediglich „unterfahren mit drei Schuh hohem Mauerwerk“, hinter dem sich Kellerräume verbergen.

Betritt man über die seitliche Erschließung den Hausgang so führt dieser in dem dreiraumbreiten Haustyp von einer Langseite des Hauses querfirstig zur anderen. Die Grundrissaufteilung des Gutacher Hauses bleibt mit späteren Ergänzungen gewahrt. (s. Foto) Der mittäglichen Sonne zugewandt betritt man als erstes gleich links die „vordere Stube“, noch heute die Seele des Hauses. Dann folgt, wie stets, die Küche, deren höhere Deckenlage auf die frühere Rauchkammer verweist. Am anderen Ende des Ganges liegt die „hintere Stube“, die inzwischen als Schlafraum dient. Zurück zur vorderen Stube. Vor dem dreigeteilten südlichen Fenster liegt das Milchhäusle und der Platz, wo die Hausfrau die Wäsche aufhängt.

In früheren Zeiten war unter anderem im Obergeschoß über der „vorderen Stube“ die Schlafkammer der Bauersleute. In der Decke, über dem Kachelofen der Stube befand sich eine Bodenklappe über die die Warmluft der Stube in die Schlafkammer aufsteigen konnte. Was all den Räumen dieses Haustyps gemeinsam ist, sind die für heutige Verhältnisse niedrigen Raumhöhen. Manches „Opfer“ des heutigen Längenwachstums müsste den Kopf einziehen, aber man sollte nicht übersehen, dass die der Sonne zugewandten niedrigen Räume im klimatisch rauen Schwarzwald einst eine wichtige Wärmefunktion besaßen.

… wo die Hausfrau die Wäsche aufhängt.

 

Der mittlere Teil des rechteckigen Erdgeschosses war einmal der Stall. Darüber lag die Heubühne.

Über die Hocheinfahrt zur Werkstatt.

 

 

Sie war vom Weg, der jetzigen Straße, über eine Hocheinfahrt erreichbar. Inzwischen grüßt vor dem Einfahrtstor zum Dachraum das Schild „Holzbildhauerei“ den Vorübergehenden und kündet davon, dass auch dieses Gutacher Haus eine große Lebenskraft besitzt.

Mit dem Enkel ist es der noch junge Könner seines Faches, Frank Faller, der in das Domizil eingezogen ist. Über einen Meisterbrief der Handwerkskammer Freiburg i. Br. ist er als Holzbildhauer ausgewiesen. Immer wieder sind es die vorübergehenden Wanderer, die sich von seiner Kunstfertigkeit überzeugen lassen und mancher Auftrag bleibt zurück.

Frank Faller, ein Meister seines Fach’s.

 

Nichtsdestoweniger hat die moderne Zeit Einzug gehalten. Das Internet wird zum Fenster zur Welt. Es ist nicht nur der weltbekannte Schraubenhersteller, der eine Palette Holzpokale bestellt, es ist nicht nur der Umsatz über Symposien und Ausstellungen, nein selbst aus Paris, England, ja sogar von Australien sind Aufträge in der Werkstatt eingegangen.

Wanderer mit Kunstverstand.

 

Das einzig Beständige, sagt man, sei der Wandel. Gewiss, er vermag aber auch zu bewahren. So ist in der Person des Frank Faller, dem Enkel, eine neue Zeit eingekehrt.

Möge das Kreuz an der Hauswand und der Segensspruch im Dachgebälk ebenfalls bewahrend beitragen: „Das Haus steht in Gottes Hand“.

abstrakt …

 

… und gegenständlich.