Theaterkulissen –mehr als Illusion und Unterhaltung (Ursula Köhler)

Fotos: Daniela Heidinger, Stuttgart

 

In einem Bürgerhaus in der Villinger Altstadt wurde vor einigen Jahren bei Renovierungsarbeiten ein außergewöhnlicher Fund gemacht: 167 beidseitig bemalte Holzpaneelen entpuppten sich als Theaterkulissenfragmente aus dem 18. Jahrhundert. Es ist ein Glücksfall, dass die bemalten Weichholzbretter überhaupt als Kulturgut erkannt wurden. Nach ihrer gut 200jährigen Umnutzung zu Deckenbohlen befinden sie sich zwar in einem konservatorisch heiklen Zustand, aber selbst bei den unrestaurierten Versatzstücken ließen sich Motivgruppen für Typendekorationen, wie sie seit der Renaissance bühnenüblich waren, unterscheiden. Sowohl die Dicke der Holzbretter als auch die darauf befindlichen, verschiedenen Malschichten sprechen für einen intensiven Gebrauch.

Umso ungewöhnlicher ist es, dass sie nicht nur die lange Umnutzung, sondern auch die vorherige Nutzung überstanden haben, denn Kulissen besitzen als Garanten der Illusion nur eine begrenzte Haltbarkeit. Selbst aus dem höfischen Bereich sind nur wenige Beispiele einer Bühnenausstattung bekannt. Im schwedischen Drottningholm etwa hat das Schlosstheater im ursprünglichen Zustand – von der Architektur über die Bühnenmaschinerie bis hin zur Dekoration – überdauert. Eine Ahnung spätbarocker Aufführungsatmosphäre vermitteln die süddeutschen Hoftheater von Ludwigsburg, Schwetzingen und Bayreuth. Aber für das sakrale oder schulische Theaterspiel fehlt die Überlieferung von Kulissen fast vollständig. Die Gründe dafür liegen auf der Hand, bei Ausstattungen aus diesen Zusammenhängen stand der erbauliche oder erzieherische, nicht aber der künstlerische Aspekt im Vordergrund.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

So ließ sich über das Aussehen von Schultheaterkulissen bisher meist nur spekulieren, da die Szenenangaben in den gedruckten Programmen mit dem Text des gespielten Stücks, den so genannten Periochen, zu allgemein gefasst sind. Erhaltene Bühnenausstattungen sind für den Ordensbereich allein im oberösterreichischen Stift Lambach bekannt, das wie Kremsmünster als theatralisches Zentrum des Benediktinerordens gilt. In Lambach existieren neben dem Theaterraum mit Ausstattungsresten auch einige Bühnenbildentwürfe.

Da der Auffindungsort der Villinger Kulissenfragmente nur wenige Schritte von den Benediktiner- und Franziskanerklosterschulen entfernt liegt, dürften hier die Nutzungsorte zu vermuten sein, zumal etliche Textbücher und Periochen das dortige Klosterschultheaterspiel belegen. Die vier Handlungsorte, die für das Spiel zur Verfügung standen, entsprechen den didaktischen Vorstellungen der Ordensschulen. Eine mehrachsige Stadtszenerie, deren Straßenzüge auf Triumphportale zulaufen, bietet sich für die Tragödie an. Ein reich dekorierter Saal mit fein proflierten Säulen und Loggien ist für Innenszenen geeignet; auch für Szenen, die in der kultivierten oder wilden Natur spielen sollten, können ein Garten mit Hecken und Bäumchen im Formschnitt und ein Wald rekonstruiert werden. Es sind die späten Nachfahren der an der Antike orientierten festen Bühnenbilder für die drei Schauspielgattungen: Tragödie, Komödie und Satyre, die seit den theoretischen Abhandlungen des Architekten Sebastiano Serlio als verbindlich galten. Von Italien aus eroberten sie die nordeuropäischen Spielstätten. Andrea Palladio und Vincenzo Scamozzi gelang mit dem ersten eigenständigen Theaterbau, dem Teatro Olimpico in Vicenza, die Formulierung für die perspektivisch gestaltete Dekoration im Dienste der Bildung. In England sorgte Inigo Jones für die Popularität der Serlioschen Bühnenausstattung und in Deutschland übernahm der Ulmer Architekt Joseph Furttembach diese Aufgabe. Fortan wurden diese Bühnenbilder variiert und in zahllosen Publikationen konserviert. So ist es nicht verwunderlich, dass schließlich in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts eine allgemeine Kenntnis der Typendekoration bestand und sie im Schultheater angekommen war.

Die Aufführungspraxis in Ordensschulen diente, wie schon in gegenreformatorischer Zeit, auch im 18. Jahrhundert nicht in erster Linie der Unterhaltung, sondern als Erziehungsmittel. Im Theaterspiel sollten die rhetorischen Fähigkeiten der Schüler gesteigert und die moralische Bildung unterstützt werden. Didaktisch wurde auf die Vorbildfunktion der tugendhaften Helden aus römischer Antike und christlicher Überlieferung gesetzt, indem die Heiligenlegenden oder historische Themen gespielt wurden. Aufführungsanlässe waren die „ludi autumnales“, die großen Abschlussveranstaltungen zum Ende des Schuljahrs, zu deren Publikum neben den Eltern, die Honoratioren der Stadt und Prälaten befreundeter Nachbarklöster gehörten. Aufführungen fanden zu Ehren adliger Mäzene und Würdenträger statt, zu den Geburts- und Namenstagen der Äbte, bei der Durchreise hoher Gäste, aber auch an Fastnacht.

Mit dem Kulissenfund schließt sich nicht nur eine Lücke innerhalb der Bühnengeschichte, sondern er ist zudem ein visueller Beleg für die reiche Schultheatertradition auf dem Schwarzwald.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Vom benachbarten Kloster St. Peter; für dessen Schultheater der Villinger Maler Schilling als Bühnenbildner im Jahr 1770 belegt ist, kennt man neben zahlreichen Musikstücken auch die Aufführungsorte im Gästesaal und Refektorium nur aus schriftlicher Überlieferung. Besondere Beachtung verdienen die Kulissen, da sie in der robusten Machart Verwandtschaft zu noch recht zahlreich erhaltenen Heilig Grab-Installationen aufweisen, die im Zuge von Passionsspielen in der Karwoche in die Altarräume integriert wurden und Figurengruppen aufnahmen. Eine solche Heilig Grab- Ummantelung ist aus dem Villinger Münster überliefert und nun im Chor der ehemaligen Franziskanerkirche, heute Teil des Museums, ausgestellt. So sind mit dem Heilig Grab- Ensemble und den Szenenbildfunden zwei typische allgemeine Einsatzbereiche für Kulissen aus dem ehemals vorderösterreichischen Villingen erhalten. Mit diesen landesgeschichtlich relevanten Schultheaterkulissen aus dem 18. Jahrhundert verfügt das Land Baden-Württemberg sowohl über ein singuläres theatergeschichtliches Repertoire als auch über eine landespolitische Besonderheit – wie aktive Bezüge im Theaterbereich zwischen den Häusern Fürstenberg und Habsburg. Zusammen mit den dazu gehörenden reichen Textquellen und den archivalischen Belegen schließen sie eine Überlieferungslücke zwischen bürgerlichem Theaterleben und den höfischen Pendants.

Sie sind der ideale Ausgangspunkt für eine umfangreiche theater- und kulturhistorische Ausstellung und ein übergreifendes Kulturangebot – vorausgesetzt die notwendige Restaurierung lässt sich realisieren.