Alte Jungfere –vom strengen Regiment zum Teamgeist (Evi Blaser)

Das älteste Foto der Alte Jungfere entstand kurz nach der Gründung durch die damalige Rabenwirtin Luise Schleich (vorne sitzend). In der oberen Reihe von links nach rechts: Mathilde Oberle, Josefine Oswald, Paula Wetzel, Luise Gerhold, Hermine Fischer, Amalie Hässler und Emma Färber. Unten: Frau Müller, Luise Schleich, Emma Bechert, Therese Wöhrle.

 

Am Schmotzige Dunschtig des Jahres 1927 fanden sich elf Villingerinnen mittleren Alters in altmodischer Kleidung im „Café Raben“ ein. Die „Alte Jungfere“ waren geboren. Die Idee zur Gründung hatte die damalige Café-Besitzerin Luise Schleich. Sie und ihre „närrischen Wiiber“ verstanden ihren Fasnachtsabend als Gegenstück zu den sonst von Männern dominierten Veranstaltungen – Fastnacht von Frauen für Frauen. Der Name „Alte Jungfere“ war allerdings bereits damals nicht ernst zu nehmen. Die Frauen waren meist verheiratet und auch ihre Verkleidung entsprach nicht dem Alltagshäs, sondern wurde aus alten Schränken und Kommoden zusammengetragen.

 

Hanni Erles – 2002.

 

 

Margot Schaumann – 2007.

 

Die Leitung obliegt seither einem Kreis aus gestandenen Villinger Frauen, an deren Spitze die Prinzessin mit ihrer Oberjungfer fungieren. Bevorzugt aufgenommen wurden in den Kreis der Alte Jungfere jene Damen, die auf ein altes Villinger Geschlecht zurückblicken konnten und katholisch waren. Dadurch erwiesen sie sich automatisch würdig für diese privilegierte Gruppe. In den sechziger Jahren wurde dieses Prinzip etwas gelockert und man rekrutierte vor allem Talente, die sich bereits bei Pfarrfasnachten auf der Bühne hervorgetan hatten. Wichtig war, dass man villingerisch sprach. Als Beispiel sei hier Trudi Wursthorn (Prinzessin von 1977 bis 2000, ab 1992 bis 2000 auch gleichzeitig Oberjungfer) angeführt, die bereits mit 29 Jahren in den Kreis der Alte Jungfere aufgenommen wurde, obwohl sie aus Pfaffenweiler stammte und in den Augen der altgedienten Jungfere ein junges Mädchen war – ein Novum in der Geschichte der Alte Jungfere. Hanni Erles (Oberjungfer 1977 bis 1992) war die Partnerin von Trudi Wursthorn bei den Münsterwiibern, und so war diese Paarung auch für lange Zeit bei den Alte Jungfere höchst erfolgreich. Auch mit der Aufnahme von Margot Schaumann im Jahr 1990 mussten sich die Alte Jungfere überwinden – sie ist die erste evangelische Alte Jungfer.

Eine überdurchschnittliche Portion schlagkräftigen Humors ist Voraussetzung, um bei den Alte Jungfere auf der Bühne stehen zu können. Erwartet wird auch, dass alle Mitwirkenden das ganze Jahr über wachsam sind. Kein Ereignis inner- und außerhalb der Stadt bleibt unbeachtet. Das öffentliche und private Leben steht unter „ihrer Aufsicht“. Selbst die lieben Bekannten und Verwandten sind vor diesen „lebenden Aufzeichnungsgeräten“ nie sicher. Die gesammelten Informationen werden stets gerne in den Vorträgen verarbeitet. Wer sich im Programm wieder erkennt, hat keine andere Wahl, als über sich selbst zu lachen.

Kiri Lauterbach – 2006.

 

 

Evi Blaser – Contessa Barbera – 2008.

 

Paula Schreitmüller (91) und Lisbeth Neugart (87), heute Seniorinnen bei den Alte Jungfere, erzählen, dass man sich früher am 11. 11. zur ersten Sitzung getroffen habe und erwartet wurde, dass der Text zu diesem Zeitpunkt bereits vorliege. Auch erzählen die beiden, dass ein äußerst strenges Regiment herrschte und von Teamgeist keine Rede sein konnte. Man musste seine Vorträge vorlesen und dann wurde zensiert. Ein Ausdruck, wie z. B. „Fiddle“ war unmöglich, der wurde sofort gestrichen mit der Bemerkung: „Im Publikum sitzen die Damen vom Frauenbund und die Alte Jungfere sind schließlich nicht die „Katzemusik“. Die Hauptprobe war damals bei Therese Wöhrle und man musste ohne Bühnenkostüm den Text vortragen. Die restlichen Damen saßen mit „Polizeiblick“ da, von Fasnachtsstimmung keine Spur. Die Feuertaufe vor den eigenen Damen war mindestens so aufregend, wie die Aufführung vor dem Publikum am Jungfere Obed. Am Fasnetmentig trat ein Teil der Alte Jungfere – ausgesucht von Prinzessin und Oberjungfer – mit Auszügen aus dem Programm im Bären, im Ott, im Kloster und im Fidelisheim auf. Paula Schreitmüller erinnert sich noch gut an die Atmosphäre im Ott, wenn man auf zwei Sprudelkästen mit Standmikrofon neben dem „Storze Ernscht“ und seiner dauernd klingelnden Kasse aufgetreten ist. Als einmal ein Pater während des Jungfere-Auftritts die ganze Zeit schwätzend am Tisch saß, ging die damalige Prinzessin, Bertel Buttmi, zu ihm hin und fragte: „Du Pater, los emol, derf mer bi dir bi de Predigt au schwätze?“ Als dieser verneinte, meinte Bertel Buttmi: „Dann halt jetzt emol di Gosch!“

Marianne Rieger – Jungfere-Singdrossel.

 

Diese Auftritte am Fasnetmentig gibt es nicht mehr. Seit die Alte Jungfere 1995 vom Hotel Ketterer ins Hotel Diegner umgezogen sind, finden zwei Jungfere Obede, und zwar am Mittwoch vor und am Freitag nach dem Schmotzige Dunschtig statt. Diese Regelung bleibt auch 2009 erhalten.

Mit dem Ende der Regentschaft von Prinzessin Trudi Wursthorn im Jahr 2000 und der Einführung von Prinzessin Marianne Rieger und Oberjungfer Margot Schaumann im Jahr 2001 hat ein Generationswechsel stattgefunden. Die früheren Mitstreiterinnen Lina Huber, Maria Storz und Lina Walz (gestorben 2003) hatten ihre aktiven Karrieren bei den Alte Jungfere beendet. Sie gesellten sich auf das „Rentnerbänkle“ zu Toni Ummenhofer, Paula Schreitmüller, Lisbeth Neugart und Hanni Erles (gestorben 2003). Die Alterspräsidentin war bis zu ihrem Tod im Jahr 2007 die allseits beliebte und geschätzte Toni Ummenhofer, die den Alte Jungfere mit ihrem Humor und unerschöpflichen Wissen aus der Vergangenheit sehr fehlt.

Eine Besonderheit in der Geschichte der Alte Jungfere war der zum 75. Jubiläum veranstaltete „Männerobed“. Das Publikum bestand am 12. 01. 2002 nur aus Männern. Selbst die Alte Jungfere vom „Renterbänkle“ ließen sich aktivieren und traten in diesem Jahr als Damenfeuerwehr noch einmal auf. Hanni Erles bedankte sich in ihrer unvergleichlichen Weise mit einem Monolog von über fünf Minuten und Lisbeth Neugart trug ihr Gedicht vom Aussichtsturm vor. Auch die „Jungen“ Marianne Rieger, Margot Schaumann, Hildegard Reiser, Evi Blaser, Rose Späth, Heike Görlacher liefen zur Hochform auf – ein Abend voller Begeisterung und Emotionen auf Seiten des männlichen Publikums und der Alte Jungfere.

Seither werden die Alte Jungfere von der Männerwelt geplagt und gefragt: „Wann ist der nächste Männerobed?“ – wer weiß, vielleicht 2027 oder … Kiri Lauterbach wird ab 2009 die neue Prinzessin bei den Alte Jungfere sein. Oberjungfer ist weiterhin Margot Schaumann. Unter ihrer Führung wird es ein Anliegen der Alte Jungfere bleiben, die Jungfere-Obede ihrer Tradition gemäß weiter zu pflegen. Die Mode vom Biedermeier bis Anfang des letzten Jahrhunderts wird sich immer ein Stelldichein geben. Jabots, Rüschenkrägen, Straußfedernhüte, perlbestickte Mantillen. Ein Rausch aus Samt und Seide ist weiterhin ein Muss, wenn man an den Jungfere Obede teilnehmen möchte. Prinzessin Kiris Hofstaat besteht aus Margot Schaumann, Hildegard Reiser, Evi Blaser, Rose Späth, Heike Görlacher und Ulrike Merkle. Dieses Team arbeitet jedes Jahr darauf hin, ein spritziges, mit Lokalkolorit gespicktes Programm auf die Beine zu stellen. Der Boom auf die Jungfere Obede ist ungebrochen. Dies ist jedes Jahr beim Verkauf der Buttons – die immer in Rekordzeiten von unter zehn Minuten vergriffen sind – und beim Anstehen am Tage der jeweiligen Jungfere Obede im Diegner, festzustellen.

Im Jahr 2009 werden die Alte Jungfere ins Foyer des Theater am Ring umziehen.

Als Neuerung sollen die Plätze an den Tischen bereits im Vorverkauf reserviert werden können, so dass das „Anstehen“ am Jungfere Obed wegfällt. Die Tradition, dass die Männer ihre Damen nach dem Programm abholen, bleibt erhalten.

Von 1927 bis heute hat sich viel geändert – doch eines werden die Alte Jungfere immer sein: Ein Glanzpunkt der Villinger Fasnet.

Alte Jungfere 2009 – von links nach rechts: Rose Späth, Heike Görlacher, Evi Blaser, Prinzessin Kiri Lauterbach, Oberjungfer Margot Schaumann, Ulrike Merkle, Hildegard Reiser.