Das Narrenschiff (Werner Huger)

Eine literarische Kostbarkeit im Stadtarchiv

Narrenschiff.

 

„Niemals bis zu Goethes ‚Werther‘ hin ist einem literarischen Werk deutscher Sprache ein so durchschlagender Erfolg und eine so nachhaltige Wirkung beschieden gewesen wie dem 1494 zu Basel erschienen ‚Narrenschiff ‚ Sebastian Brants …“, heisst es in einem Nachwort zu einem heutigen Nachdruck des Werks.1

Die Bibliothek des Stadtarchivs Villingen- Schwenningens besitzt aus dem überkommenen Altbestand der Stadt Villingen einen Frühdruck des ‚Narrenschiffs‘ von 1507 aus einer der fünf Originalausgaben, die zwischen 1494 und 1509 in Basel erschienen sind.

Die sich rasch ausbreitende Volkstümlichkeit erreichte in den Folgejahren alle europäischen Kulturländer. Das Werk führte zu zahlreichen recht- und unrechtmäßigen Nachdrucken mit Bearbeitungen sowohl in Deutschland als auch in den Übersetzungen der Nationalsprachen von Frankreich, England, Holland mit einer jeweils eigenen Wirkungsgeschichte. Es fand Eingang in die Kreise der Humanisten und wurde auch in seiner latinisierten Form ein europäischer Bucherfolg.2

Sebastian Brant schickt das Buch mit einer Vorrede auf den Weg:

Zu nutz und heylsamer ler / vermanung und

ervolgung der wyßheit / vernunfft und guter sytten:

Ouch zu verachtung und straff der narheyt / blint-

heyt yrrsal und dorheit / aller stät / und geschlecht

der menschen: mit besunderem flyß ernst und

arbeyt / gesamlet zü Basell: durch Sebastianum

Brant, in beyden rechten doctor.3

Die Motivgestalt des Buches ist der Narr. Seinen ideengeschichtlichen Hintergrund gilt es aufzuhellen, wird doch die Narrenfigur mit ihrem Verhalten in unserer Zeit fast ausschließlich mit der des Fastnachtsnarren verbunden oder der Ausdruck „Narr“ nur als inhaltlich unbeschwerte beiläufige Abqualifizierung einer Person gebraucht. Die negativ besetzte Narrenidee durchzieht das ganze Mittelalter. Der Narr als ihr Träger ist darin keine moralische Instanz sondern wird zum Beispiel für sündhaftes menschliches Fehlverhalten. An der Wende vom 15. zum 16. Jahrhundert erlebte die Narrenthematik nördlich der Alpen in kürzester Zeit eine regelrechte Hochkonjunktur und Popularisierung.4

Die personifizierte Narrheit als Phänomen nimmt ihren Ausgang im Psalm 52 (in der lateinischen Vulgata Psalm 53) des Alten Testaments, wo es heisst: Der Tor spricht in seinem Herzen „Es gibt keinen Gott“ (non est Deus). Er stellt sich so außerhalb des göttlichen Heilsplans mit dessen heilsgeschichtlicher Konsequenz und gibt so den Erlösungsgedanken preis. Die Frevelhaftigkeit des Narren ist sündhaft. Der Weg in die Verdammnis ist ihm vorgezeichnet. Darin liegt die Quintessenz der Narrheit.

Wir begegnen der Narrheit in zahlreichen spätmittelalterlichen Illustrationen der Ikonographie. Erstmals sehen wir den Narren, wie bemerkt, in der Abbildung des Initials zum 52. (53.) Psalm aus dem 13. Jahrhundert. König David und der Narr begegnen sich dort frontal von Angesicht zu Angesicht als typologische Konfrontation des idealen erhabenen, weisen Herrschers einerseits und des sündhaften Gottesleugners andererseits. Der Tor oder Narr als Außenseiter und Individuum ohne Einsicht, bzw. dem überheblichen Unverstand, ist in Abbildungen stets an seinen standardisierten Attributen erkennbar: vor allem der schellenbesetzten Eselsohrenkappe und der Narrenkeule oder Marotte, gelegentlich dem Spiegel, als Zeichen törichter Selbstgefälligkeit und Gottesferne.

Dieses bedeutsame Beipiel für die noch vorhumanistische Narreninterpretation gibt das Narzismus-Motiv, also die Selbstverliebtheit des Narren, wieder. Werner Mezger (a.a.O., S.191) schreibt dazu „Personen, die mit einem Spiegel dargestellt werden, galten in aller Regel als verblendet, waren nach mittelalterlicher Auffassung blind für Gott und hatten keinerlei Einsicht in die Zusammenhänge der Heilsgeschichte“.

Von Selbstgefälligkeit „Den Narrenbreis ich nie vergaß, da mir gefiel das Spiegelglas; Hans Eselohr mein Bruder was“

 

Anmerkung:Der originale Holzschnitt zu Kapitel 60 des Villinger Originals von Sebastian Brants Narrenschiff „Selbstgefälliger Narr mit Spiegel“ ist im Spiegelbild (siehe Foto) beschädigt. Zeitlich unbekannt wurde von fremder Hand die Spiegelfläche mechanisch so getilgt, dass im Druck des Werks ein Loch zurückblieb.

Um die Anschaulichkeit zu vermitteln wurde ein Ausschnitt der gleichen Abbildung zu Kapitel 60 aus dem in der Literaturangabe genannten modernen Nachdruck von Reclam danebengestellt.

Man darf die gotteslästerliche Herkunft dieses Antitypus mit der des Teufels in Verbindung setzen. So ist ihm auch die Verachtung Gottes, ja die Gotteslästerung, wesengemäß, wie die Abbildungen zeigen. Die Folgen sind dem Narren im bildbegleitenden Text des Sebastian Brant aufgezeigt. Werner Mezger schreibt: „Als Sebastian Brant 1494 mit dem „Narrenschiff“ an die Öffentlichkeit trat, hatte er dieses zu seiner Zeit schon gut 300 Jahre alte Wissen offensichtlich noch präsent“.5

Grundlage aller Narrheit bleibt das „Es gibt keinen Gott“ (non est Deus), das auch immer wieder in verschiedenen Themen des Narrenschiffs modifiziert dargestellt wird. In der Summe sind es 112Artikel. Sie handeln u.a. sehr weltlich gesehen von alltäglichem Verhalten des Menschen in der Gestalt des Narren. Wir lesen dort „Von Habsucht“,

„Von neuen Moden“, „Von unnützem Reichtum“, „Von Überschätzung des Glücks“, „Vom Ehebruch“, „Von Wollust“, von „Ehre Vater und Mutter“ und Vielem mehr. Überall werden die menschlichen Schwächen und Verfehlungen in der Trägerschaft des Narren, der als sozialer Außenseiter sein Leben lang mit Torheit geschlagen ist, aufgeführt.

Um dem heutigen Leser die stets aktuelle Lektüre zugänglich machen zu können, bedurfte es einer Übertragung der spätmittelalterlichen deutschen Sprache ins Neuhochdeutsche. In unserer veränderten Welt und Weltsicht bleiben dabei manche bildlichen und sprachlichen Darstellungen Chiffren, wenngleich deren Bedeutung nichtsdestoweniger stets dem Wesen des Menschen immanent sind.

 

Von Gotteslästerung „Wer lästert Gott mit Fluchen, Schwören, ´ Der lebt mit Schand und stirbt ohn Ehren; Weh solchen auch, die dem nicht wehren!“

 

Neben der humanistisch-philosophischen und der religions-konfessionellen Seite gibt es eine pädagogisch-lebensreformerische spätmittelalterlich-volkstümliche Seite des Narrenschiffs. Sie ist ohne das aufstrebende städtische Bürgertum, neben der Geistlichkeit und dem Adel, nicht denkbar. Das Schrifttum verbürgerlicht, wie im Falle des „Doctors beider Rechte“ Sebastian Brant, und gewinnt als breiter Bestandteil des Schrifttums für Jahrhunderte einen wesentlich lehrhaften Charakter.6

In den „weltlichen“ Themen, neben denen mit religiösem Bezug – und hier in Sonderheit denen des Narrenschiffs – bietet sich in Bild und Text eine Vielzahl moralischer Regeln und pädagogischer Lebenspraktiken dar, „… zunehmend in negativer Form. Man sagt nicht mehr, was recht ist und wie man handeln soll. Man stellt keine Idealtypen sondern typische Antiideale auf. … Noch um 1500 tritt die gleiche Tendenz einer negativen Pädagogik darin zutage, dass die Figur des Narren, des aus Mangel an Einsicht Fehlhandelnden, zum Spiegel wird, in den das Zeitalter am häufigsten und amüsiertesten blickt“.7

Als Beispiel sei hierzu aus dem Narrenschiff der Artikel 16 in Bild und Text vorgestellt.

Wer seinen Kindern übersieht Mutwillen und sie nicht erzieht, Dem selbst zuletzt viel Leid geschieht.

 

Diese Moral wird im erläuternden gereimten Text wie folgt ausgeführt:

Von Völlerei und Prassen

Der zieht einem Narren (sich selbst) an die Schuh,

Der weder Tag noch Nacht hat Ruh,

Wie er den Wanst füll‘ und den Bauch

Und macht sich selbst zu einem Schlauch,

Als ob er dazu wär geboren,

Dass durch ihn ging viel Wein verloren,

Als müsst ein Reif (verderbender Frost) er täglich sein

Der passt ins Narrenschiff hinein,

Denn er zerstört Vernunft und Sinne,

Des wird er wohl im Alter inne,

Wenn ihm schlottern Kopf und Hände;

Er kürzt sein Leben, ruft sein Ende.

Ein schädlich Ding ist’s um den Wein,

Bei dem kann niemand weise sein,

Wer darin Freud und Lust nachtrachtet.

Ein trunkner Mensch niemandes achtet

Und weiß nicht Maß noch recht Bescheid.

Unkeuschheit kommt aus Trunkenheit,

Viel Übles auch daraus entspringt:

Ein Weiser ist, wer mäßig trinkt. –

Noah (AT 1. Mose 9) vertrug selbst nicht den Wein, Der ihn doch fand und pflanzte ein,

Lot (1. Mose 19) ward durch Wein zweimal zum Tor, Durch Wein der Täufer (AT: Johannes d.T.) den Kopf verlor,

Wein machet, dass ein weiser Mann

Die Narrenkapp aufsetzen kann.

Auf diese Weise fährt in kostbaren Illustrationen und begleitenden Texten Sebastian Brants ‚Narrenschiff ‚ eine ganze Schiffsladung voll Narren rheinabwärts: den Büchernarr, den Venusnarr, den Fastnachtsnarr usw. und alle werden sie – den Menschen von einst und uns – zur Mahnung.

In dieser Form der deutschsprachigen Volksliteratur verbindet sich mit dem „Narrenschiff“ einer der Hauptantriebe jener Epoche.

Leicht wär’s mit Narrheit sich befassen, könnt man auch leicht von Narrheit lassen, doch wenn dies einer auch beginne,

wird er gar vieler Hindrung inne.

Moral:

„In künftige Armut billig gefällt,

wer Völlerei stets nachgestellt

und sich den Prassern zugesellt“

Literatur

Mezger Werner, Narrenidee und Fastnachtsbrauch, Universitätsverlag Konstanz GmbH, Konstanz 1991

Fricke Gerhard, Geschichte der deutschen Dichtung, Hans Menck Verlag, Frankfurt/Main 1954, 3. Auflage

Brant Sebastian: Das Narrenschiff, Philipp Reclam jun., Stuttgart 1964, übertragen von H.A. Junghans

Fußnoten

1 Reclam Narrenschiff, Seite 461

2 Handbuch der historischen Buchbestände in Deutschland, Bd. 9, Baden-Württemberg u. Saarland, Olms-Weidmann, Hildesheim 1994, hier: Villingen-Schwenningen, S. 167; ferner wie Fußnote 1,S. 461 f..

3 wie Fußnote 1, Brants Vorrede

4 Mezger, a.a.0. Seite 51

5 ders., Seite 78

6 Fricke, a.a.o. Seite 52

7 ders., wie Fußnote 6

Dank

An dieser Stelle darf ich mich herzlich bei dem Leiter des Stadtarchivs und der Bibliothek Dr. Heinrich Maulhardt bedanken, dass er mir für die fotografierten Abbildungen das originale „Narrenschiff“ überlassen hat. Ein herzlicher Dank gilt auch Wilfried Steinhart vom GHV für die technische Hilfe.