Villingen baut ein Gymnasium Bernd Schenkel

So sieht das Gymnasium heute aus (August 2008).

 

1. Vorgeschichte

Höhere Schulen in Villingen sind keine Entwicklung des 20. Jahrhunderts. Höhere Bildung gab es hier schon im späten Mittelalter. Im 18. Jahrhundert existierten in Villingen zwei Gymnasien. Eines wurde von den Franziskanern unterhalten, das andere von den Benediktinern – eines zuviel für die kleine Stadt Villingen. Die vorderösterreichische Regierung in Freiburg entschied 1774, nur die Benediktiner sollten weiterhin ein Gymnasium betreiben. Den Franziskanern wurde die Normalschule, damals meist ‚Hauptschule‘ genannt, übertragen. Die Schülerzahl im Gymnasium schwankte zwischen 50 und 70 Schülern. Mit dem Ende der Zugehörigkeit Villingens zu Österreich wurden die letzten Klöster – 1806 auch das Benediktinerkloster – aufgelöst. Nur das Ursulinenkloster überlebte, da es die Mädchenbildung in der Stadt übernommen hatte. Das Ende des Benediktinerklosters bedeutete auch das Ende des Gymnasiums in Villingen. Es folgte ein letztlich erfolgloses Bemühen des Rats der Stadt und des Bürgermeisters, das Gymnasium doch noch zu erhalten. Konkurrent war das Gymnasium in Donaueschingen. Die großherzogliche Regierung entschied sich 1809 für den Erhalt des Gymnasiums in Donaueschingen. Villingen behielt ein Rumpfgymnasium mit 5 Klassen – ‚Pädagogium‘ genannt. 1817 kam vom badischen Innenministerium der Beschluss, das ‚Pädagogium‘ aufzuheben und in eine Realschule umzuwandeln. Die Stadt gab noch nicht auf. In einer Bittschrift wies die Bürgerschaft darauf hin, dass Villingen seit Jahrhunderten Sitz wissenschaftlicher Lehranstalten gewesen sei. Eine bloße Real- oder Bürgerschule sei für die Stadt unzureichend. Die Villinger hatten erneut keinen Erfolg. Solche Enttäuschungen erklären, warum die Villinger ihrem alten Landesherrn, Österreich, nachtrauerten und sich mit der Zugehörigkeit zu Baden nicht anfreunden wollten.

Zwei Wünsche ziehen sich im 19. Jahrhundert wie ein roter Faden durch die Kommunalpolitik der Stadt: Villingen wollte wieder eine Höhere Schule, ein Gymnasium, und Villingen wollte Garnisonsstadt werden. Der Wunsch nach einer Garnison wurde erst 1913/14 mit der späteren Richthofenkaserne, der heutigen Lyautey-Kaserne, erfüllt. Mit der Höheren Schule ging es etwas schneller. Es gab dabei zahlreiche Zwischenschritte. Einer davon war 1834 die Gründung der Gewerbe- und höheren Bürgerschule. Die höhere Bürgerschule umfasste zunächst drei Klassen und wurde in den 1850er und 1860er Jahren um zwei weitere Klassen erweitert. 1872 sollte die Umwandlung der höheren Bürgerschule in ein Realgymnasium beantragt werden. Der Antrag scheint Erfolg gehabt zu haben, denn 1875 wurde zum ersten Male von einem ‚Großherzoglichen Realgymnasium‘ in Villingen gesprochen – allerdings mit nur sechs Klassen und in den nächsten Jahrzehnten meist ‚Realschule‘ genannt; – ein Realgymnasium blieb das Ziel. Der nächste Schritt erfolgte 1902, als die Realschule eine 7. Klasse bekommen sollte. Die Stadt ließ nicht locker und stellte in Karlsruhe schon den Antrag auf Einrichtung einer 8. Klasse, einer Unterprima.

Der Jahresbericht der ‚Realschule Villingen (7 Klassen)‘ konnte im Sommer 1905 stolz notieren: „Mit Beginn des Schuljahrs ist in Untertertia [Klasse 8] die erste Klasse der realgymnasialen Abteilung mit Reformlehrplan ins Leben getreten. Damit ist die Anstalt in ein neues Stadium der Entwicklung gekom-men, die eine glückliche Lösung der für die hiesige aufstrebende Stadt so wichtigen Schulfrage herbeizu führen verspricht.“

Der entscheidende Schritt zu einem vollwertigen Gymnasium war zweifellos der Beschluss des Gemeinderats im Jahre 1905, beim Großherzoglichen Oberschulrat zu beantragen, die Realschule zu einer 9-klassigen Anstalt auszubauen. Villingen hätte dann, nach 100 Jahren stetigen Bemühens, wieder eine Schule, die zum Abitur führt und damit zum Hochschulstudium berechtigt.

Es dauerte immerhin noch zwei Jahre, bis am 8. Juli 1907 im „Villinger Volksblatt“ berichtet werden konnte:

„Das Großh. Ministerium der Justiz, des Kultus und Unterrichts hat genehmigt, dass an Stelle der bestehenden Realschule dahier ein Realgymnasium mit Realschule gegründet wird. Die neue Anstalt ist in der Weise eingerichtet, dass von einem dreiklassigen Realschulunterbau aus ein sechs Jahrgänge umfassender realgymnasialer und ein vier Jahrgänge umfassender Realschul-Ast sich abzweigen, so dass die Anstalt ein 9-klassiges Realgymnasium und eine 7-klassige Realschule umfaßt. Die Anstalt erhält 1 Direktor, 7

Professoren, 3 Reallehrer. Hinzu kommen noch die nicht etatmäßigen Anstaltslehrer. Die Erweiterung der Realschule zu einem Realgymnasium bedeutet ohne Zweifel eine sehr wesentliche Verbesserung der hiesigen Mittelschulverhältnisse.“

Interessant ist bei dieser Lösung, dass Realschüler und Gymnasiasten die ersten drei Jahre zusammen unterrichtet wurden. Heute wäre ein solcher Ansatz in Baden-Württemberg geradezu revolutionär. Ungewöhnlich aus heutiger Sicht ist auch, dass die Realschüler bis zur 11. Klasse unterrichtet wurden und nicht schon nach der 10. Klasse Schluss war.

Mit diesem Bescheid aus Karlsruhe ist ein lange gehegter Wunsch der Villinger in Erfüllung gegangen. Es passt in die Dynamik jener Jahre, dass wenige Tage später die große ‚Schwarzwälder Gewerbe- und Industrie-Ausstellung‘ in Villingen eröffnet wurde. Die Dynamik zeigt sich auch in der Bevölkerungsentwicklung. Im Jahre 1907 hat Villingen mit 10.050 Einwohnern eine wichtige Grenze überschritten. Innerhalb von zwei Jahren hat die Bevölkerung um 470 Personen zugenommen. Anders als in den Jahrzehnten der Stagnation – im 18. und frühen 19. Jahrhundert – hat die Stadt seit den 1850er Jahren einen Aufschwung genommen. Mit einem vollwertigen Gymnasium war offensichtlich das Ziel des Bürgertums erreicht, neben wirtschaftlichem Erfolg auch im Bildungsbereich Fortschritte zu dokumentieren. Für ihre Söhne wurde damit der Universitätszugang deutlich erleichtert.

Werfen wir noch einen Blick auf die Schülerzahlen im damaligen Villingen. Der Jahresbericht der Realschule 1907 gibt eine detaillierte Übersicht:

Schülerzahl: 226 – 205 Knaben, 21 Mädchen

Konfession: 153 katholisch; 67 evangelisch; 6 israelitisch

Nationalität: 214 Badener; 9 Reichsangehörige; 3 Reichsausländer

Wohnort: 174 mit Wohnsitz in Villingen; 19 Auswärtige mit Verpflegung in Villingen; 33 Auswärtige

Das Lehrerkollegium setzt sich zusammen aus 9 festangestellten (‚etatmäßigen‘) Lehrern, 3 Lehramtspraktikanten und 4 Hilfslehrern.

Ganz anders sehen die Zahlen für die Villinger Volksschule aus: 670 Knaben und 615 Mädchen besuchen diese Einrichtung. Eine Erklärung für das Ungleichgewicht zwischen Buben und Mädchen findet sich nicht.

2. Von der Ausschreibung bis zur Grundsteinlegung

Man war in Villingen sicher, dass der Antrag auf ein vollwertiges Gymnasium Erfolg haben werde. Für eine solche Schule war ein neues Schulgebäude nötig. Das bisherige Gebäude in der Schulgasse platzte offensichtlich aus allen Nähten. Als in der Realschule 1907 die Obersekunda (Klasse 11) eingeführt wurde, musste der Gemeinderat Anfang Juli beschließen, durch den Bau einer Zwischenwand ein zusätzliches Klassenzimmer zu gewinnen.

Zuständig für ein solches Jahrhundertwerk waren damals wie heute die politischen Gremien. Im Großherzogtum Baden ging es noch etwas aufwändiger zu als im Land Baden-Württemberg. In den Städten und Gemeinden gab es eine Art Zwei- Kammer-System, den Gemeinderat und den Bürgerausschuss – geleitet wurden beide Gremien vom Bürgermeister, damals war Dr. Braunagel Villinger Bürgermeister. Der Gemeinderat war das kleinere, aber wichtigere Gremium. Die Gemeindeordnung von 1871 bezeichnet ihn als ‚Verwaltungsbehörde‘. Er wird in unmittelbarer und geheimer Wahl auf sechs Jahre gewählt. Er tagt meist wöchentlich. Kleinere Dinge entscheidet der Gemeinderat direkt. Bauvorhaben und Personalentscheidungen und den Haushaltsplan bereitet der Gemeinderat vor und legt sie dem Bürgerausschuss zur Entscheidung vor.

Der Bürgerausschuss kann bis zu 96 Mitgliedern umfassen – in Villingen waren es damals 72, im Jahr 1909 wurde die Zahl auf 84 erhöht. Er wird nach einem Drei-Klassen-Wahlrecht auf sechs Jahre gewählt. Die Stimme der Hochbesteuerten hat drei Mal mehr Gewicht als die Stimme der Niedrigbesteuerten. Der Bürgerausschuss tagt meist nur ein Mal pro Vierteljahr im Ratssaal des Alten Rathauses. Die Vorlagen sind vorbildlich in einem Heft von etwa 20 Seiten zusammengestellt. Heute, 100 Jahre später, haben die monatlichen Vorlagen den 10-fachen Umfang!

Die erste wichtige Entscheidung war die Frage: Wo soll die neue Schule stehen?

1906 wurden unterschiedliche Grundstücke heiß diskutiert. Bauplätze in der Waldstraße, der Schützenstraße (die heutige Von-Rechberg-Straße), der Schillerstraße, der Mönchweiler Straße (das heutige Grundstück von Kendrion/Binder Magnete) und im Klosterring (gegenüber der Klosterring Schule) kamen für den Neubau in Frage. Bebaut werden sollte aber letztendlich der Platz nördlich der Kalkofenstraße – so hieß damals der heutige Romäusring an der Frontseite der Schule noch.

Die Entscheidung fiel am Montag, dem 3. Dezember 1906. Der Bürgerausschuss traf sich um 5 Uhr. Einziger Tagesordnungspunkt: Neubau der Realschule. Der Antrag ist sehr vorsichtig gefasst:

„Die für den Neubau einer Realschule gefertigten Vorprojekte haben ergeben, dass auch auf dem Platze am Klosterring der Neubau einer Realschule erstellt werden kann. Bevor nunmehr endgültige Pläne und Kostenvoranschläge ausgearbeitet werden, ist es notwendig, eine bestimmte Wahl des Bauplatzes zu treffen.“

Und ein zweiter Antrag war zu entscheiden:

„Verehrlicher Bürgerausschuss wolle zur Erlangunggeeigneter Entwürfe für den Realschulneubau den Betrag von 3.500 Mark bewilligen, der aus Anlehensmitteln bestritten werden soll.“

In einer späteren Sitzungsvorlage für den Bürgerausschuss wird auf die Entscheidung vom 3.12.06 Bezug genommen. Es heißt dort: „Der Neubau für die Realschule soll nach dem Beschluss des Bürgerausschusses vom 3. Dezember 1906 auf dem sog. Bügeleisen am Romäusring erstellt werden.“

Auch das Geld für die Ausschreibung war bewilligt worden. Es wurde landesweit ausgeschrieben, d.h. nur Architekten aus Baden konnten sich an der Ausschreibung beteiligen

Ein Blick in die Ausschreibung lohnt sich, weil hier die zukünftige Struktur der Schule klar zum Ausdruck kommt:

„Aus dem Ausschreiben.

Der Ideen-Wettbewerb zur Erlangung von Entwürfen für einen Realschulneubau der Stadt Villingen soll unter den badischen Architekten stattfinden. Für den Neubau ist der im Lageplan mit a b c d e bezeichnete Platz bestimmt.

Von dem Romäusring und der Kalkofenstrasse ist das Gebäude soweit zurückzustellen, dass es noch genügend zur Geltung kommt. Der Haupteingang soll von einer der vorgenannten Strassen aus angeordnet werden.

Das Schulhaus ist, einschließlich des Erdgeschosses, dreistöckig gedacht. Zur Herbeiführung von vorteilhaften Gruppierungen können teilweise auch zweistöckige Gebäudeflügel vorgesehen werden. Eine räumliche Trennung der Real- und Gymnasialklassen ist nicht erforderlich. Die Aborte für die Lehrer und Schüler sind im Hauptgebäude anzuordnen. Die Aborteingänge für Schüler und Schülerinnen sind getrennt zu halten. Die Dienerwohnung soll von den Schulräumen vollständig getrennt, event. auch in einem besonderen Gebäude oder Anbau untergebracht werden.

Im übrigen sind die Vorschriften der Verordnung des Ministeriums der Justiz, des Kultus und Unterrichtes vom 14. Nov. 1898, die Schulhausbaulichkeiten betr., genau einzuhalten.

An Räumen sind erforderlich:

1. Lehrzimmer

Lehrzimmer für Sexta     9,50 m lang

“     für Quinta     9,50 m lang

“     für Quarta     9,00 m lang

“ für Untertertia Real-Abteilung 8,00 m lang

“ für Untertertia Gymnasial-Abteilung 6,50 m lang

“ für Obertertia Real-Abteilung     8,00 m lang

“ für Obertertia Gymnasial-Abteilung     6,50 m lang

“ für Untersekunda Real-Abteilung     7,00 m lang

“ für U.-Sekunda Gymnasial-Abteilung 6,50 m lang

“ für Obersekunda Real-Abteilung     7,00 m lang

“ für O.-Sekunda Gymnasial-Abteilung 6,50 m lang

“ für Unterprima Real-Abteilung     6,50 m lang

“ für Unterprima Gymnasial-Abteilung 6.00 m lang

“ für Oberprima Real-Abteilung     6,50 m lang

“ für Oberprima Gymnasial-Abteilung 6,00 m lang

 

Die Breite der Lehrzimmer darf nicht weniger als 6,50 m, die Höhe 4 m betragen Bezüglich der vorgenannten Längen ist gestattet, wenn die einzelnen Grundrisslösungen es bedingen, dieselben etwas zu überschreiten. Keinesfalls dürfen dieselben jedoch geringer sein. Sexta, Quinta und Quarta müssen im Erdgeschoss untergebracht werden. Die realen und gymnasialen Abteilungen der einzelnen Klassen sollen möglichst beisammen in einem Stock zu liegen kommen.

Für die Tagesbeleuchtung sämtlicher Klassenzimmer (Sexta bis Oberprima) ist die Fensterlage gegen Nordosten, Norden und Nordwesten unzulässig.

… … …“

Hier wird deutlich, dass die Stadt sich nicht mit einem Gymnasium mit neun Klassen und einer Realschule mit sieben Klassen zufrieden geben will. Es sollen in der neuen Schule ein neunjähriges Realgymnasium und eine neunjährige Oberrealschule nebeneinander bestehen. Die Größe der Klassenzimmer macht deutlich, dass mehr Schüler in der ‚Real-Abteilung‘ – also der Oberrealschule – erwartet werden.

Die Ausschreibung lässt offen, ob der Baukörper nach Westen oder Süden ausgerichtet sein soll. Bei einer Ausrichtung nach Westen läge der Haupteingang dann gegenüber der heutigen Turnhalle.

 

Um der optischen Wirkung willen sollte das Gebäude von den beiden Straßen abgerückt werden.

Schon zwei Monate nach dem Beschluss des Bürgerausschusses konnte das Preisgericht tagen. Der Gemeinderat beschloss in seiner Sitzung vom 31. Januar 1907:

„Das Preisgericht für die Wettbewerbspläne für den Realschulneubau tritt am 8. Februar zusammen. Als Preisrichter werden die Herren Professoren Beck und Stürzenacker in Karlsruhe, Bauinspektor Hauser in Mannheim, Bürgermeister Dr. Braunagel und Gemeinderat Grüninger benannt. Am 11. und 12. Februar werden die eingegangenen Projekte in der Tonhalle zur allgemeinen Besichtigung ausgestellt werden.“

Das öffentliche Interesse an diesem Projekt ist offensichtlich groß. Zwei Mal – am 13. und am 19. Februar – berichtet das ‚Villinger Volksblatt‘ über die Entscheidung des Preisgerichts.

In der Architektur-Zeitschrift „Deutsche Konkurrenzen, Nr. 257 Realschule für Villingen“ sind nicht nur die Beurteilungen des Preisgerichts abgedruckt, sondern auch die Pläne, die von den Architekten eingereicht wurden. Insgesamt wurden 43 Arbeiten eingereicht. Fünf davon erhielten Preise oder wurden von der Stadt angekauft.

Der 1. Preis ging an die Architekten Wellbrock und Schäfers aus Karlsruhe.

 

 

 

 

Das Gebäude ist – anders als unsere heutige Schule – nach Westen, also Richtung Hubenloch ausgerichtet. Das Urteil der Preisrichter lautete:

„1. Preis 1200 Mark einstimmig. Es soll nicht unerwähnt bleiben, dass Grundriss und Aufbau in den Zeichnungen nicht vollständig übereinstimmen, und dass ein Versetzen der Wände in dem vorgesehenen Maße bei diesem, wie bei vielen anderen Entwürfen für die Ausführung nicht angezeigt wäre. Eine formelle andere Ausbildung des Abortausbaues wäre vorteilhaft gewesen. Immerhin fügt sich der Entwurf dem Bauplatz derart an, dass ein durch die Bäume geschützter, reichlich großer Spielplatz gegen Süden verbleibt. Der Charakter der Architektur erscheint dem Orte und Bauplatz trefflich angepasst. Nach dem Erläuterungsbericht ist eine Ausführung der Fassaden in Haustein vorgesehen.“

Der 2. Preis ging ebenfalls an die Architekten Wellbrock und Schäfers. Das Gebäude ist ähnlich gestaltet, aber es ist stärker nach Süden ausgerichtet, so wie das heutige Schulgebäude steht.

 

 

 

 

Das Urteil der Preisrichter:

„2. Preis 800 Mark. Eine weitgehende Verwandtschaft des Aufbaues und der Formgebung mit dem vorgenannten Entwurf ist nicht zu verkennen, immerhin erscheint er durch die wesentlich andere Grundrisslösung als selbständiger Entwurf. Die Lage des Gebäudes ist vorteilhaft, weniger dagegen die Ausbildung des Grundrisses im einzelnen. Bezüglich der äußeren Formgebung gilt das gleiche wie das vom Erstprämiierten Gesagte. Der Variante wurde deshalb vor dem Hauptentwurf der Vorzug gegeben, weil sie sich im Rahmen der vorgeschriebenen Kostensumme hält.“

 

Der 3. Preis ging an den Villinger Architekten K. Nägele.

 

 

 

Die Beurteilung dieses imposanten Entwurfs, bei dem die Klassenzimmer wieder nach Westen ausgerichtet sind, lautete:

„3. Preis 500 Mark. Weist eine sehr gute Grundrisslösung, die sich sehr glücklich in den Platz einfügt, auf. Bei weitem nicht auf der gleichen Höhe steht die Fassadenbildung. Die Lage der Zeichensäle ist ungeeignet.“

Dieser Entwurf der Architekten Drexel und Ummenhofer (er stammt aus Villingen) erhielt keinen Preis, wurde aber von der Stadt angekauft.

 

 

 

 

 

 

 

 

Bei der Begründung des Ankaufs wurde vermerkt:

„Der Entwurf musste von der Preisverteilung wegen Überschreitung der Kostensumme ausscheiden, die aber durch eine Verminderung der allzuhohen Dächerund reichliche Grundmasse der Verbindungsräume leicht hätte vermieden werden können. Die äußere Erscheinung ist überaus glücklich und Platz und Ort angepasst.“

Ebenfalls angekauft wurde der Entwurf des Villinger Stadtbaumeisters A. Seibert, den er zusammen mit seinem Bruder, einem Architekten in Darmstadt, erarbeitet hatte.

 

 

 

Begründet hat das Preisgericht den Ankauf mit der kurzen Bemerkung:

„Der Entwurf ist in Grundrissanlage und in Stellung dem Platz vortrefflich angepasst, während die äußere Gestaltung demgegenüber zurücktritt.“

Da wir unschwer erkennen, dass dieser Entwurf zur Ausführung gelangte, füge ich zwei weitere Ansichten des Gebäudes bei, wie sie von den Architekten mit eingereicht wurden.

 

 

 

Mit der Preisvergabe war aber noch nicht entschieden, welcher der Entwürfe umgesetzt werden sollte. Um zu sehen, ob nun, im Frühjahr 1907, eine öffentliche Diskussion über diese Entwürfe entstand, wurde das ‚Villinger Volksblatt‘ aus dem Jahre 1907 herangezogen. Das ‚Villinger Volksblatt‘ war die Tageszeitung der katholischen Zentrumspartei. Es war im Kaiserreich üblich, dass die Lokalpresse ganz offen Parteipresse war. Das Gegenstück der liberalen Parteien in Villingen war die Tageszeitung ‚Der Schwarzwälder‘. Es verging kein Tag, in dem ‚Das Villinger Volksblatt‘ nicht scharfe Attacken gegen die Liberalen und den‚Schwarzwälder‘ ritt. Heute ist es kaum noch verständlich, dass auf politischer wie auch gesellschaftlicher Ebene eine abgrundtiefe Gegnerschaft zwischen Katholizismus und Liberalismus bestand.

Es entstand um die Frage der Umsetzung der Pläne offensichtlich hinter den Kulissen ein Gerangel. Im Lokalteil des ‚Villinger Volksblatts‘ wurde dies allerdings nicht thematisiert. Investigativen Journalismus in Sachen Realschul- Neubau gab es nicht. Es wurden allerdings schon Leserbriefe geschrieben, „Offener Sprechsaal“ nannte sich die Leserbrief-Spalte im ‚Villinger Volksblatt‘. Leserbriefe waren damals im Vergleich zu heute selten: zwei oder drei im Monat – mehr war das nicht. Im Unterschied zu heute waren die Leserbriefe nicht mit Namen unterschrieben. Eher stand darunter „Ein besorgter Bürger“.

Am 19. Februar 1907 erschien ein erster Leserbrief. Der Verfasser lässt erkennen, dass es schon viele Diskussionen um das Realschulprojekt gegeben hat. Er spricht von dem „vielumstrittenen Realschulgebäude“ – und „Betreffs der Platzfrage sind bis heute die Ansichten geteilt.“ Dann macht er deutlich, dass der 3. Preis – der Entwurf des Villinger Architekten Karl Nägele – seine Zustimmung finde. Er passe sich am besten dem Straßenverlauf an, „auch wird die Schönheit unserer Anlagen am wenigsten beeinträchtigt“. Die Preisrichter hätten auch bei Nägeles Entwurf den Grundriss besonders gelobt, während bei den Projekten des 1. und 2. Preises „eine Umarbeitung im Grundrisse notwendig erscheine“. Er spricht sich dafür aus, dass das Gebäude nach den Plänen Nägeles ausgeführt werden solle und erwähnt zum Schluss:

„Architekt Nägele ist außerdem ein Sohn unserer Stadt und zweifelsohne verdanken wir seinem Können viele Gebäude, die zur Zierde der Stadt beitragen.“

Am 23. Februar 1907 meldete sich die ‚Gegenseite‘ zu Wort. Der Verfasser des Leserbriefs nennt sich einen „erfahrenen Fachmann“. Er findet es vorteilhaft, dass bei den Entwürfen von Wellbrock und Schäfers die Gebäude weiter von der Straße zurückgesetzt seien. Das Schulgebäude erziele so eine bessere Wirkung.

Ein dritter Leserbriefschreiber entgegnet am 26. Februar dem zweiten Brief. Der Verfasser nennt sich „ein hiesiger erfahrener Fachmann“. Die Wellbrock/Schäfers-Entwürfe seien zu weit in den Anlagen, das führe durch die hohen Bäume zu „ungünstigen Lichtverhältnissen“. Die beiden Entwürfe seien zu sehr auf Wirkung und zu wenig auf Zweckmäßigkeit bedacht. Er sieht bei den Grundrissen dieser beiden Entwürfe deutliche Mängel, die den Preisrichtern nicht bekannt gewesen seien. Über den Autor des zweiten Leserbriefs schreibt er: „Das Wohl der Firma Wellbrock scheint ihm dabei näher zu liegen als das der Stadt Villingen.“

Der Gemeinderat entscheidet jedoch am 28. Februar 1907 anders. Die Bearbeitung des Projekts Realschulneubau wird dem Stadtbauamt übertragen. Bestätigt wird der Ankauf der beiden Entwürfe von Stadtbaumeister Adam Seibert und den Architekten Drexel und Ummenhofer. Für die Bearbeitung der Pläne und die Bauaufsicht wird Dipl. Ing. R. Ammann beim Stadtbauamt eingestellt. Alle Pläne des Neubaus – sie sind beim Stadtbauamt Villingen-Schwenningen noch im Original erhalten – tragen seine Unterschrift. Neben Herrn Amman wurde im September 1907 noch der Bautechniker Petersen aus Achern als Bauführer für den Neubau des Realgymnasiums eingestellt.

Am 8. April 1907, nachmittags 3 Uhr tagte der Bürgerausschuss im Alten Rathaus. Tagesordnungspunkt 4 war ‚Der Neubau einer Realschule‘. Bürgermeister Dr. Braunagel stellte die Pläne die umgesetzt werden sollten – es waren die von Stadtbaumeister Seibert – dem Gremium vor. Die Vorderseite sollte eine massive Fassade erhalten. Für die Rückseite war Putz vorgesehen. Die Gesamtkosten sollten 320.000 Mark betragen. 11

Gemeinderäte, so berichtet das ‚Villinger Volksblatt‘, nahmen an der Diskussion teil. Am heftigsten wurde darüber diskutiert, ob der Fußboden mit Linoleum oder mit Parkett belegt werden sollte. Der Bürgermeister stellte eine Kommission zur weiteren Diskussion des Bauvorhabens in Aussicht. Damit waren die Wogen geglättet und die Vorlage wurde einstimmig angenommen.

Wo und warum die Entscheidung zu Gunsten des Seibert-Entwurfs fiel, war aus der Zeitung nicht zu erfahren.

Ein letzter Schlagabtausch im ‚Offenen Sprechsaal‘ erfolgte eine Woche später, am 13. April. Der Leserbriefschreiber kritisiert, dass die Entwürfe der beiden Preisträger Wellbrock/Schäfers und Nägele nicht angekauft worden seien. Er kritisiert auch, dass die Bauleitung dem Stadtbauamt und nicht einem erfahrenen Architekten – er dachte dabei an Karl Nägele – übertragen worden sei. Am Entwurf Seiberts wird grundsätzlich kritisiert, dass alle Klassenzimmer nach Süden ausgerichtet seien. Im Sommer sei das „eine Qual für Lehrer und Schüler“. (Dies ist ein Argument, das die Lehrer und Schüler auch heute noch durchaus akzeptieren können.) Der Entwurf von Nägele hatte demgegenüber die Klassenzimmer nach Westen ausgerichtet.

Am 15. April antwortet Stadtbaumeister Seibert auf diese Kritik und die Redaktion notiert, dass damit die Debatte über dieses Thema beendet sei.

Wie das ‚Villinger Volksblatt‘ selbst zum Ausbau der Realschule zu einem zweigliedrigen Gymnasium stand, ist aus der Lektüre des Lokalteils nicht klar erkennbar. Dass man mit der Schulpolitik, vor allem dem Prüfungswesen in den höheren Schulen, nicht einverstanden war, zeigen zwei kurze Berichte im Villinger Lokalteil. Am 24. Mai 1907 wird das Abiturexamen kritisiert. Die Hauptaussage lautet:

„Gegen das Abiturexamen hat sich der in Karlsruhe tagende ‚Deutsche Verein für Schulgesundheit‘ sehr entschieden ausgesprochen. Die Vorteile des Examens würden weit überwogen durch die Nachteile, die in körperlicher und geistiger Schädigung der Schüler, in Begünstigung des Drills, in Verleitung zum Betrug beständen.“

Auch über das Realschulexamen, die Mittlere Reife, gibt es am 1. Juni einen kritischen Kommentar:

„Villingen 1. Juni. Durch Verfügung der Reichsschulkommission in Berlin ist bestimmt worden, dass Schüler der Untersekunda hier einer Prüfung sich unterziehen müssen. (Wozu diese bürokratische Maßnahme? Red.)“

Ist das nur eine Kritik am überzogenen Prüfungswesen? Schwingt da vielleicht auch etwas Kritik am höheren Schulwesen überhaupt mit? Könnte durch das Gymnasium etwa liberales Gedankengut in die katholischen Köpfe der Kinder Eingang finden? Es sind Spekulationen.

Ein Leserbrief im ‚Offenen Sprechsaal‘ vom 22. Juni 1907 weist in eine andere Richtung: Der Autor ermahnt das Stadtbauamt, die Vorarbeiten zum Realschulgebäude „nicht ganz beiseite“ zu stellen. Er weist darauf hin, dass „viele Eltern“ auf die gymnasiale Oberstufe warten.

Ein Grund für die Verzögerung des Baubeginns war in jenen Wochen die große Gewerbe- und Industrieausstellung in Villingen. Dies war im Sommer 1907 das Großereignis in Villingen. Vom

13. Juli bis zum 12. September war sie geöffnet, hatte 212.000 Besucher, und das ‚Villinger Volksblatt‘ berichtete täglich auf der ersten Seite – nicht im Lokalteil – über Aussteller und Besucher. Selbst der greise Großherzog besuchte die Ausstellung am 30. August, wenige Wochen vor seinem Tod.

Ganz wurde der Neubau der Realschule nicht zurückgestellt. Am 23. Juli wird von den ersten Vergaben berichtet. Die Eisenbetonarbeiten gehen an eine Firma in Freiburg, die Erd- und Maurerarbeiten an den Villinger Maurermeister Laufer und an die Villinger Firma Kurz & Gaiser. Am 31. Juli beschließt der Gemeinderat die Vergabe an den Steinhauermeister Leonhard Hanbach in Mannheim.

Am 21. August kritisiert das ‚Villinger Volksblatt‘ in einem eigenen Artikel den langsamen Fortgang der Bauvorbereitungen.

„Allenthalben frägt man sich, warum der Realschulneubau nicht ernstlich begonnen werde, warum die schönste Zeit zum Bauen vorübergeht, ohne dass etwas geschieht.“

Die Gewerbeausstellung, so meint das Blatt, könne nun nicht mehr als Entschuldigung gelten.

Am 26. August 1907 erfolgte der erste Spatenstich, am 5. September konnte die Zeitung berichten, dass bei der Grundsteinlegung des Realgymnasiums im Oktober eine kleine Feier stattfinden werde und am 23. September konnte sie befriedigt feststellen:

„Nachdem nunmehr der Realschulneubau die Genehmigung der Behörden gefunden hat, schreiten die Arbeiten rüstig voran. Schon in wenigen Tagen findet die Grundsteinlegung statt, mit welcher der Gemeinderat eine kleine Feier zu verbinden gedenkt. Der Baugrund, auf dem das Gebäude steht, hat sich als sehr günstig erwiesen, und es ist zu hoffen, dass, wenn wir ein gutes Spätjahr haben, der Bau ziemlich gefördert werden kann.“

Dann zitierte das Volksblatt ausführlich einen Artikel aus der Zeitschrift ‚Das Schulhaus‘, in dem die Architektur des Gymnasiums in den höchsten Tönen gelobt wurde. Zum Schluss wurde das Gebäude als „schönes Denkmal städtischer Opferwilligkeit“ bezeichnet – die „heißumstrittene Realschulfrage“ sei nun geklärt.

Auf seiner Sitzung am 30. September sollte der Bürgerausschuss unter anderem auch die ‚Organisation der Realschule‘ beschließen. Da zu Sitzungsbeginn allerdings nur 40 der 72 Mitglieder des Gremiums anwesend waren, der Bürgerausschuss nach damaliger Gemeindeordnung also nicht beschlussfähig war, wurde die Sitzung vertagt.

Am 16. Oktober kündigte das ‚Villinger Volksblatt‘ an:

„Morgen Nachmittag um 1/2 4 Uhr findet aus Anlass der Grundsteinlegung des Realschulgebäudes eine kleine Feier statt. Der Realschuldirektor Prof. Weis hat zur Grundsteinlegung eine Urkunde verfasst, deren Wortlaut wir den werten Abonnenten in morgiger Nummer zur Kenntnis bringen.“

Nun stellt sich die Frage, ob Ihnen, liebe Leser, diese Urkunde auch zur Kenntnis gebracht werden soll? Hier die ersten Abschnitte im Wortlaut:

„Urkunde zur Grundsteinlegung beim Villinger Realschulneubau“

Verfasst von Herrn Direktor Prof. Weis

Die Welt steht im Zeichen des Friedens und die europäischen Herrscher versichern einander durch Handschlag und Friedenskuss, dass niemand des Krieges begehre. Nur in dem alten Araberstaat, in Marokko sind Wirren entstanden, und die Regelung der Dinge bereitet den europäischen Staatsmännern nicht geringe Sorgen. Der Franzose würde gerne sich die Beute erjagen, wenn andere Mächte, und Deutschland vor allem, ihn ruhig gewähren ließen. Während einer langen Friedenszeit ist das seit 1870 wieder geeinigte deutsche Vaterland eine Weltmacht geworden und steht gewaltig da in Wehr und Waffe. Auch zur See weht stolz der deutsche Adler trotz des Neides der Briten und schützt den deutschen Fleiß der Heimat und der Ferne. Im Innern hat es ein reiches Leben auf allen Gebieten der Kultur entwickelt, Dampf, Elektrizität und Wunderwerke der Technik haben der Zeit ein neues Gepräge verliehen. Ein mächtig pulsierendes Leben bewegt die Zeiten und Völker. Das Dampfross trägt dich in rasender Schnelle durch die Länder dahin, und dein Wort vermittelt in Schrift und Laut der Draht in Blitzesschnelle in die weitesten Fernen der Erde. Es gibt keinen Raum und keine Entfernung mehr, sogar die Luft wagt der Mensch schon auf lenkbaren Fahrzeugen zu durcheilen. Immer nach Neuem strebt er, immer neue Rätsel sucht sein Geist zu lösen, nirgends ist Ruhe in dem brausenden Leben; was der Tag schafft, verändert der Tag oft wieder, und in rascher Flucht drängen die Ereignisse sich, schnell sind Taten und Menschen vergessen, ein rasch lebendes Geschlecht geht dahin. Gewaltiger als je tobt der Kampf ums Dasein, als wollte die Welt sich zu Tode hetzen und jagen.

Wenn aber der Mensch sein Sinnen und Sehnen aufs Irdische nur richtet, fehlt großes, ideales Streben und Schaffen. In der Kunst und Literatur herrschte bis vor kurzem noch die naturalistische Richtung. Nervös wie das Leben und der Mensch war auch die Kunst geworden, kaum ein Zug imponierender Größe. Der Kultur höherer Wert ist das Wachsen des Menschen nach höheren Zielen. Wenn der äußere Mensch wächst, möge der innere nicht sinken! Und wohin der Zug geht, wer kann es wissen! Aber wir schreiten doch mutig und ohne Zagen der Zukunft entgegen, es sinken und steigen die Wogen. Noch sind gewaltige, unversiegbare Kräfte im deutschen Volk verborgen, und begeistert können wir noch das Herz zu den Höhen des Himmels erheben.

So denkt auch unser Kaiser Wilhelm II. Gott schenkte ihm hohen Sinn, reichen Verstand, die Gabe der Rede, Weisheit und Kraft. Im 20. Jahr regiert er in Frieden sein Volk. Es soll einig und stark wachsen und blühen. Sein Schwert hält er bereit, doch umwunden vom Ölzweig. Er rüstet zum Krieg um Werke des Friedens zu schaffen. Deutsches Wesen soll wachsen und vordringen und die Welt erobern. Aber zu heftig hadern im innern oft Deutschlands Söhne in der politischen Arena, des Vaterlandes wahres Wohl im lärmenden Streit der Meinungen vergessend. Vergangenen Zeiten gedenkend gemahnt gar oft und eindringlich ein anderer Fürst zum inneren Frieden, um das mit Blut und Eisen errungene herrliche Gut des geeinten Vaterlandes mit vereinten Kräften zu wahren. Und Weisheit und Erfahrung eines langen und ereignisreichen Lebens sprechen aus ihm. Wer kennt ihn nicht, den milden und gütigen Fürsten? Jung und alt, hoch und niedrig jauchzt ihm entgegen, wo er sich zeigt. Der Großherzog Friedrich, der Herr des badischen Landes. Am 9. September feierte er sein Wiegenfest, und zum 81sten Mal hat ihn vor wenigen Wochen das badische Volk die Glückwünsche zum Geburtstag entgegengebracht. Seit dem 24. April

1852 regiert er in Glück und Segen sein Land. Am 20. September vorigen Jahres waren 50 Jahre verflossen, seit er mit Luise von Preußen den Bund fürs Leben geschlossen. Auch die Fürstin hat die Liebe des Volkes gewonnen und widmet ihr Leben den Werken christlicher Liebe. Während seiner langen Regierungszeit und unter dem Schutze des Reichsadlers ist das badische Land herrlich aufgeblüht und hat an dem inneren Aufschwung des großen deutschen Vaterlandes teilgenommen, an der Umgestaltung des Alten und der Herausbildung des modernen Lebens. Die allgemeine Volksbildung hat sich gehoben, die höhere Schulbildung ist durch zahlreiche Gründungen von Mittelschulen weiten Schichten des Volkes zugänglich gemacht worden. Blühende Städte bedecken das Land, und tätiger Fleiß regt sich über all. Noch lange walte der Fürst badischen Landes! Ich schreibe dies Wort. Horch! Was tönt die Glocke vom Turme so tief und ernst? Hülle dich in Trauer, badisches Volk, dein Fürst ist tot. Auf dem Eiland im Bodensee, der lieblichen Mainau, verschied er soeben. Es ist der 28. September, da wir schreiben Eintausend neunhundert und sieben. Der Sommer ist geschieden, der Herbst ist gekommen, milder Sonnenschein liegt über dem Land und Gottes heiliger Frieden“.

Der Text zeigt, dass Prof. Karl Friedrich Weis im Trend seiner Zeit liegt. Deutschland ist stolz auf seine wirtschaftlichen und technischen Leistungen, es ist gerade dabei, England zu überholen und vom Platz als stärkste Industrienation in Europa zu verdrängen. Diese Entwicklung wird ausgekostet und die Stärke Deutschlands gepriesen. Prof. Weis hält sich an die Maxime des Staatsphilosophen Thomas Hobbes. ‚Si vis pacem para bellum‘ – wenn Du Frieden willst, bereite den Krieg vor. Den anderen Großmächten zeigt er das Schwert – Frankreich in Marokko, England zur See. Er preist den Frieden, spürt aber nicht, dass Deutschland dabei ist, den Frieden zu verlieren. Die großen Feinde der letzten Jahrhunderte waren England und Frankreich. England wollte zur Zeit Ludwigs XIV. und Napoleons eine französische Hegemonie verhindern, und im 18. Jahrhundert stritten sich England und Frankreich um Nordamerika und Indien, im 19. Jahrhundert um Afrika. Diese eigentlichen ‚Erbfeinde‘ hatten 1905 ihr Kriegsbeil begraben und eine Entente geschlossen, 1907 hatte Russland sich ihr angeschlossen, und Deutschland hatte noch gar nicht bemerkt, dass es sich aus diesem Entspannungsprozess ausgeklinkt hatte. Prof. Weis verkörpert – wie sein Kaiser Wilhelm II. – den Forschrittsglauben der Zeit. Eingebettet in diesen Optimismus übt Prof. Weis auch etwas Kulturkritik – alles stürmt zu schnell voran, das Materielle ist wichtiger als die Ideale und die Kunst lässt die Größe früherer Zeiten vermissen. Aber solchen Gedanken hängt er nicht lange nach. Das Tempo des Fortschritts trägt dazu bei, das große Ziel zu verwirklichen: „Deutsches Wesen soll wachsen und vordringen und die Welt erobern.“

Die Grundsteinlegung am Donnerstag, dem 17. Oktober 1907, war dann wohl mehr als die „kleine Feier“, als die sie angekündigt worden war. Das ‚Villinger Volksblatt‘ räumt dem Bericht über diese Feier am folgenden Tag die ganze erste Seite ein. Der Gemeinderat und ein Großteil der Mitglieder des Bürgerausschusses waren anwesend – eine Sitzung des Bürgerausschusses fand an diesem Tag „ungewöhnlich spät, erst um „1/2 7 Uhr“ statt. Dabei waren auch die Professoren der Schule, die Schülerinnen und Schüler, die Geistlichkeit und, wie das Blatt schreibt, „eine ziemlich große Zahl sonstiger Einwohner und Freunde der Schule“. Eröffnet wurde die Feier durch den Schulchor mit dem Lied ‚Mit dem Herrn fang Alles an‘, im Mittelpunkt der Feier stand aber zweifellos die Rede des Direktors. Vorgetragen wurde sie von Prof. Hügele, da Direktor Weis erkrankt war. Seine Rede erinnert zunächst an die große Geschichte der Stadt. Das Erbe der Väter zu erhalten und es zu vermehren sei die heutige Aufgabe. Dazu müsse man „mit der Zeit voranschreiten und Neues schaffen“. Dieser Fortschrittsglaube ist ein Grundelement der Rede:

„Auch in Villingen ist eine neue Zeit angebrochen. Was Dampf und Elektrizität und Maschinen an Fortschritt und Bequemlichkeit bringen, wird auch hier überall zu Nutzen gemacht. Alles auf Erden ist in ewigem Wechsel. Der menschliche Geist ruht nimmer, immer neue Kräfte weiß er ins Leben einzuführen, immer neue Quellen zu öffnen, neue Lebensbedingungen zu schaffen. Noch ragen die alten Festungstürme hier auf und ein Teil des ehemaligen Mauerrings steht noch, aber neues Leben hat den alten Ring gesprengt, die Festungswälle sind verschwunden, schattige Anlagen zieren statt ihrer ringsum die Stadt und weit über den ehemaligen Ring hinaus hat diese mit freundlichen Häusern und Straßen sich ausgedehnt. Die Zahl der Bewohner hat sich in wenigen Jahren fast verdoppelt, bald erkennt man das alte Villingen nicht mehr.“

Ein zweites Grundelement der Rede ist der nationale Gedanke. Nationalismus und Imperialismus standen in voller Blüte und führten wenige Jahre später Europa in die Katastrophe des Ersten Weltkriegs. Wohl werden die Ideale des Humanismus beschworen, aber die Erziehung zum Nationalismus, zur Opferbereitschaft für das Vaterland spielen in der Rede eine wichtige Rolle. Hier einige Redeausschnitte:

„Möge das neu zu gründende Haus eine Stätte edlen Strebens, idealer Begeisterung und Humanität werden, wo die Lehrer ganz von ihrer heiligen Aufgabe erfüllt auch die Jugend für die höchsten Güter des Lebens zu entflammen wissen, dann wird sie gern zu ihren Füßen sitzen, dann werden gar manche im späteren Leben sagen: Hier in diesen Hause habe ich arbeiten und schwitzen müssen, aber meine junge Seele hat auch an frischem Born Erquickung getrunken, Schönes und Großes hat sich meinem Geist geoffenbart, gesegnet sei die Stätte. Für deutsches Wesen, deutsche Tugend, deutsche Kraft wollen wir unsere Jugend begeistern und erziehen. Das deutsche Volk besitzt die herrlichsten Kräfte des Geistes und Herzens. Bilden wir diese Kräfte, pflegen wir sie mit Liebe und Sorge. Wir bleiben immer auf nationalem Boden, wenn wir auch die Schätze fremder Völker uns zu eigen machen. So wird in unserem Haus die Jugend in die tiefe Gedankenwelt des Altertums eingeführt, es werden in ihm die modernen fremden Zungen ertönen, aber wir wollen keine Römer und Griechen, keine Franzosen und Engländer erziehen, sondern Deutsche mit heiligem, glühendem deutschen Herzen. Was bedeutet die deutsche Jugend für das deutsche Vaterland? Sie hat die heiligsten Güter dereinst zu wahren, zu schützen, zu mehren. Deutschlands Macht und Stärke beruht auf der inneren Gesundheit, Kraft und Tüchtigkeit ihrer Kinder.“

„Möge der große herrliche Gedanke unseres schönen Vaterlands, seiner Größe und Macht, sie alle fest zusammenhalten! Wie schon hervorgehoben, beruht die deutsche Macht auf der inneren Kraft, auf dem deutschen Idealismus, auf der Hingebung und Opferwilligkeit seiner Söhne. Sorgen wir dafür, dass die deutsche Jugend nicht erschlafft, dass sie stets ihre sittliche Spannkraft bewahrt, dass sie in der Arbeit und in dem Streben nach dem schönen Guten ihre Freude und Ehre findet, dass sie froh und frei der Zukunft entgegenschaut und an des Lebens innerer Kraft sich erfreut und wenn es sein muss, auch mit Mannesmut zum Schwerte greift, dann wird das deutsche Reich fester stehen als Stein und Erz. Und dazu sollen auch wir mithelfen und dazu wird auch das neue Haus jetzt gebaut, auch ein Grundstein für das große Haus des deutschen Vaterlandes.“

Heute klingen diese Phrasen hohl. Zu sehr ist uns bewusst, dass sieben Jahre später die Jugend, die Direktor Weis hier anspricht, ihre ‚Opferwilligkeit‘ unter Beweis stellen musste und in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs verblutete. Eine Gedenktafel im Schulgebäude erinnert an die Opfer unter den Schülern und Lehrern.

Aber damals hat Direktor Weis in seiner Rede den Zeitgeist getroffen. Am 22. Oktober 1907 veröffentlichte das ‚Villinger Volksblatt‘ folgenden kurzen Bericht:

„Die in diesem Blatte veröffentlichte Rede des Herrn Direktor Weis anlässlich der Grundsteinlegung der Realschule in Villingen macht allweg einen vorzüglichen Eindruck. Formell ein Kabinettsstück der Beredsamkeit, entwickelt sie die herrlichsten Ideen und Grundsätze betreffs der Jugendbildung und -erziehung. Wo in diesem Geiste das heranwachsende Geschlecht erzogen wird, ist das Wohl des Vaterlandes auf soliden Grund gebaut.“

3. Die innere Struktur der Schule

Die Entscheidung, dass aus der Realschule mit sechs Klassen eine Oberschule mit neun Klassen werden solle, wurde in Karlsruhe beim Großherzoglichen Oberschulrat und letztlich vom Großherzoglichen Ministerium der Justiz, des Kultus und Unterrichts getroffen. Aber auch Gemeinderat und Bürgerausschuss wurden in die Entscheidungen einbezogen. Die Weichenstellung wird schon am 5. Oktober 1905 bei einer Sitzung des Bürgerausschusses deutlich. Der Tagesordnungspunkt 7 lautete: „Genehmigung eines Nachtrags zu den Satzungen der Realschule“. Hier der Text der kurzen Vorlage:

„Die hiesige Realschule, welche bereits eine realgymnasiale Abzweigung von der Quarta [Klasse 7] an hat, soll allmählich zu einer 9-klassigen Anstalt ausgebaut werden.

Für das nächste Jahr ist die Angliederung der realgymnasialen Untersekunda [Klasse 10], für übernächstes Jahr die der Obersekunda [Klasse 11] vorgesehen. Für die neuen Klassen sind zwei weitere Lehrkräfte erforderlich. … “

Eine neue Schule braucht auch eine neue Schulordnung. Schon 1904 hatte die Realschule einen Entwurf nach Karlsruhe geschickt. Am 29. Juni 1907 kam die Zustimmung vom ‚Großh. Badischen Oberschulrat‘. In den Schulakten befindet sich ein in Schönschrift geschriebenes Exemplar dieser Schulordnung. Es geht zunächst um Anmeldung, Abmeldung und Zeugnisse. Interessant sind die Paragraphen, die sich mit dem Verhalten der Schüler befassen. Hier die wichtigsten Abschnitte:

„§ 10 Die Schule vermittelt ihren Zöglingen nicht nur die zu ihrem künftigen Lebensberufe wichtigen wissenschaftlichen Kenntnisse und Fertigkeiten, sondern sie hat auch die Aufgabe, an ihrer sittlichen Erziehung mitzuarbeiten in der Gewöhnung an die Ordnung, Gehorsam und Fleiss, an ein anständiges höfliches Betragen, in der Bildung des Sinnes für das wahrhaft Grosse, Schöne und Gute, in der Pflege der Ehrfurcht vor Gott und dem Heiligen, der Liebe zu den Menschen und dem Vaterland, der Wahrhaftigkeit, inneren Reinheit und Wertschätzung eines guten Gewissens. Es erscheint angemessen, dass diese Bestrebungen vonseiten der Schüler und deren Eltern nach Kräften unterstützt wird.

§11 Die Schüler sind den Anordnungen der Schule Gehorsam, ihren Lehrern Achtung und Folgsamkeit schuldig und zur Beachtung von Ordnung und Anstand in und ausserhalb der Schule verpflichtet.“

§ 12 Die Schüler werden in durchaus sauberer und anständiger Kleidung zur Schule kommen. Vor dem Betreten der zu ihren Klassenzimmern führenden Gänge werden sie die etwa notwendige Reinigung der Schuhe vornehmen. Sie werden unbedingt vermeiden, Gänge und Treppen etwa durch Ausspucken zu verunreinigen. Papier, Brotteile, Obstabfälle und dergleichen dürfen in den Schulzimmern, Gängen und Treppen nicht herumliegen. Das Springen auf den Gängen und Treppen, alles lärmende und tumultartige Benehmen im Schulgebäude und vor demselben ist untersagt.

§ 13 Während des Unterrichts werden die Schüler eine würdige und den Anforderungen der Gesundheit und der körperlichen Entwicklung entsprechende Haltung beobachten. Sie werden dem Unterricht in gespannter Aufmerksamkeit folgen und alles vermeiden, wodurch eine Störung derselben hervorgerufen werden könnte. Ihre Hausaufgaben werden sie pünktlich und gewissenhaft besorgen, in der Führung der Hefte und im Gebrauch der Schulbücher Ordnung und Sauberkeit beobachten.

§ 14 Es ist den Schülern untersagt, nach Eintritt der Dunkelheit sich ausserhalb des Hauses herumzutreiben. …“

Am Tag der Grundsteinlegung, dem 17. Oktober 1907, wurde in einer Sitzung des Bürgerausschusses unter Tagesordnungspunkt 5 die

„Organisation der Realschule Villingen“ behandelt. Die Vorlage verweist zunächst auf den Erlass vom

7. Juni 1907, in dem das Ministerium der Justiz, des Kultus und des Unterrichts der Umwandlung der Realschule in ein Realgymnasium mit Realschule zugestimmt hatte. Auf einen drei-klassigen Realschulunterbau baut sich sowohl die sechs-klassige realgymnasiale wie auch die vier-klassige Realschulabteilung auf. Einige Regelungen aus der 13-seitigen Satzung sollen hier wiedergegeben werden.

Beim Klassenteiler war man damals nicht zimperlich. Eine Unterstufenklasse wurde erst ab 45 Schülern geteilt. In der Mittelstufe war der Klassenteiler 40 und in der Oberstufe 30.

Das Kollegium war damals noch sehr übersichtlich. Neben der Direktorenstelle waren sieben Professorenstellen und drei Reallehrerstellen vorgesehen. Dazu kamen weitere „nicht-etatmässige Anstaltslehrer oder Nebenlehrer“, deren Zahl nicht festgelegt war. Das Anfangsgehalt der Reallehrer betrug 1.800, das der Professoren 2.000 und das des Direktors 2.800 Mark jährlich. Für Überstunden und Vertretungsstunden erhielten wissenschaftlich gebildete Lehrer 3 Mark, die anderen Lehrer 2 Mark vergütet. Lehramtspraktikanten, also die heutigen Referendare, erhielten etwa 1.500 Mark im Jahr.

Die Gehälter wurden vom Staat Baden bezahlt. Die Verpflichtungen der Gemeinde sind in § 7 festgelegt:

„Die Gemeinde ist verpflichtet, die für die Anstalt erforderlichen Räumlichkeiten zur Verfügung zu stellen und einzurichten, ferner die Unterhaltung der Baulichkeiten und Einrichtungen, sowie die Heizung und Beleuchtung der Anstaltsräume, den Aufwand für Reinigung, Beleuchtung und ähnliche Ausgaben aus Gemeindemitteln bezwse durch Einzahlungen in die Schulkasse zu bestreiten.“

Diese ‚Einzahlungen in die Schulkasse‘, also das Schulgeld, wurde jährlich in drei Teilbeträgen entrichtet. Die Höhe legte das Ministerium fest. 1907 betrug das Schulgeld für die Klassen 5 bis 7 (Sexta bis Quarta) 18 Mark, für die Klassen 8 und 9 (Untertertia und Obertertia) 24 Mark und ab Klasse 10 (Untersekunda) 30 Mark. Immerhin gab es Befreiung vom Schulgeld. Der entsprechende Abschnitt lautet:

„Dürftige und befähigte Schüler, deren Fleiss und Betragen nicht beanstandet sind, können durch den Beirat der Anstalt von der Zahlung des Schulgeldes ganz oder teilweise befreit werden. Gegen seine Entscheidung bleibt den Beteiligten der Rekurs an den Oberschulrat und von diesem an das Ministerium der Justiz, des Kultus und Unterricht vorbehalten.

Ohne Genehmigung des Gemeinderats dürfen jedoch diese Befreiungen den zehnten Teil des Gesamtschulgeldes – alle Schüler als zahlend betrachtet – nicht überschreiten.“

Ausführlich wird erläutert, dass die Gemeinde verpflichtet sei, dem Direktor der Schule „eine entsprechende Dienstwohnung in dem Anstaltgebäude oder in dessen unmittelbarer Nähe zu beschaffen“. Kleinlich durfte die Gemeinde dabei nicht sein, denn die Satzung legt fest:

„Die Wohnung soll mindestens 6 Wohnräume, davon 4 mit je 20–25 qm Grundfläche und heizbar, die übrigen von je 15–18 qm Grundfläche, ferner eine Küche und die sonst noch erforderlichen Haushaltungsräume umfassen und muss von der Oberschulbehörde als diesen Anforderungen entsprechend anerkannt sein.“

Der erste Schulleiter des neuen Realgymnasiums erhielt dann auch das geräumige Haus Romäusring 16, das sogenannte Bantlin’sche Haus, das die Stadt von der Münstergemeinde für 1.400 Mark Jahresmiete anmietete – einschließlich des 7 Ar großen Zier- und Gemüsegartens.

In § 15 und § 16 der Satzung ist Aufgabe und Zusammensetzung eines Beirats festgelegt. Der Beirat soll bei der Leitung und Beaufsichtigung der Schule mitwirken. Vorsitzender des Beirats ist der Bürgermeister, der Schulleiter ist sein Stellvertreter, ein Lehrer wird von der Lehrerkonferenz in den Beirat gewählt. Der Gemeinderat ernennt drei weitere Vertreter der Gemeinde und einen ortsansässigen Arzt. Der Ratschreiber ist für das Protokoll zuständig und erledigt „überhaupt sämtliche Kanzleigeschäfte des Beirats“.

Interessant ist die Stundentafel, die der Satzung beigefügt ist und die hier vollständig – mit den heute gängigen Klassenbezeichnungen – wiedergegeben wird.

Ein paar Dinge fallen im Vergleich zu heutigen Stundentafeln auf: Trotz der Dominanz der Sprachen im gymnasialen Zweig ist Mathematik das Fach mit der höchsten Stundenzahl. Statt der 43 Stunden (plus 6 Stunden darstellende Geometrie) vor 100 Jahren werden heute meist nur 34 Jahreswochenstunden unterrichtet. Bei den Sprachen fällt auf, dass vor allem in den Anfangsklassen eine sehr hohe Stundenzahl vorgesehen ist. Dies erscheint mir ein sehr sinnvoller Ansatz. Die Schüler spüren den raschen Fortschritt und haben doch genügend Zeit zum Üben.

Lehrplan für das Realgymnasium mit Realschule in Villingen
Fach Unterbau Realgymnasialer Zweig Realschulzweig
Klasse 5 6 7 8 9 10 11 12 13 8 9 10 11
Su Su
Religion 2 2 2 2 2 2 2 2 2 18 2 2 2 2 14
Deutsch 5 5 4 3 3 3 3 3 3 32 4 4 4 4 30
Latein 10 10 6 5 5 5 41
Französisch 6 6 6 3 3 3 3 2 2 34 6 5 5 4 38
Englisch 6 5 4 4 19 4 4 4 4 16
Geschichte 2 2 2 2 2 2 3 15 2 2 2 3 11
Erdkunde 2 2 2 2 2 10 2 2 10
Naturgesch. 2 2 2 2 2 10 2 2 10
Chemie 2 2 4 2 2 4
Physik 2 2 2 2 8 2 2 3 7
Mathematik 5 5 5 4 4 5 5 5 5 43 5 5 5 5 35
Darstell. Unterricht 2 2 2 6 2 2 4
Zeichnen 2 2 2 2 2 2 2 2 2 18 2 2 2 2 14
Schreiben 2 2 2 6 6
Turnen 2 2 2 2 2 2 2 2 2 18 2 2 2 2 14
Wochenstd. 28 28 29 32 32 33 33 33 34 31 32 32 33

 

Die Naturwissenschaften sind dagegen noch schwach vertreten. Naturgeschichte (Biologie), Physik und Chemie kommen im gymnasialen Zweig auf 22 Jahreswochenstunden – heute sind es auch beim achtjährigen Gymnasium etwa 35 Jahreswochenstunden, im naturwissenschaftlichen Zweig deutlich mehr.

Einige der heutigen Fächer fehlen im Kaiserreich noch, etwa Gemeinschaftskunde oder Wirtschaftslehre. Das Fach Musik kommt in dieser Stundentafel ebenfalls nicht vor, obwohl ein Musiklehrer an der Schule tätig war. Vor allem hat es einen Chor gegeben, der im öffentlichen Auftreten der Schule eine wichtige Rolle spielte. Das Fach Griechisch erscheint in der Stundentafel ebenfalls nicht, doch zeigen die Schulakten, dass in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg auch Griechischunterricht erteilt wurde.

Das Realgymnasium mit Realschule war nur ein Zwischenschritt. Mit Beginn des Schuljahres 1908/09 wurde die Schule erneut aufgewertet. In der Sitzung des Bürgerausschusses am 14. Mai 1909 wurde die Satzung der neuen Schule diskutiert und verabschiedet.

 

 

 

 

 

 

 

Die einführenden Sätze der Sitzungsvorlage lauten – etwas holprig nach heutigen Sprachgefühl:

„Die hiesige Realmittelschule ist mit Beginn des laufenden Schuljahrs zum Realg ymnasium mit Oberrealschule ausgebaut worden. Es fällt deshalb die Vereinbarung neuer Satzungen der staatlichen Unterrichtsverwaltung und der Stadtgemeinde Villingen notwendig. Die neuen Satzungen sind in der Anlage abgedruckt. Es wird ergebenst beantragt: Verehrlicher Bürgerausschuß wolle der anliegenden Satzung für das Realgymnasium mit Oberrealschule seine Zustimmung erteilen.“

Die Schule besaß damit zwei unterschiedliche Züge, die aber beide auf neun Schuljahre angelegt waren und beide zum Abitur führten. Dies ist in der Satzung folgendermaßen formuliert:

§ 1. Die Anstalt erhält auf einem gemeinsamen dreiklassigen Unterbau einen weitere sechs Klassen umfassenden realg ymnasialen und einen weitere sechs Klassen umfassenden Realschul-Ast, sonach ein neunklassiges Realgymnasium und eine neunklassige Ober-Realschule.“

Gegenüber der Satzung von 1907 gibt es wenige Änderungen. Der sehr hohe Klassenteiler wird beibehalten. Die Aussagen zu Schulgeld und Schulgeld-Befreiung sind identisch, ebenso die Zusammensetzung des Beirats. Die Gehälter der Lehrer werden angehoben. Der „seminaristisch und technisch gebildete Lehrer“ erhält 2.000 Mark, der „wissenschaftlich gebildete Lehrer“ 2.400 Mark und der Direktor 3.500 Mark Jahresgehalt. Die Unterrichtsverpflichtung für die ‚wissenschaftlich gebildeten Lehrer‘ – also die Professoren – betrug 21 Wochenstunden, heute sind es 25.

In einem zweiten Tagesordnungspunkt geht es um die „Genehmigung der Mittel für die innere Einrichtung“ der Schule. Insgesamt sind dafür 37.620 Mark angesetzt. Das Faksimile aus der Vorlage zeigt die Kosten der Fachräume. Obwohl das Fach Chemie nur in zwei Jahrgangsstufen unterrichtet wird, ist die Ausstattung mit einem ‚Schülerlaboratorium‘ sehr fortschrittlich.

Der Aufstieg der Schule von der Realschule zum Realgymnasium hatte auch für den bisherigen Schulleiter, Herrn Prof. Karl Friedrich Weis, erfreuliche Folgen. Er ist mit der Schule aufgestiegen. Im Jahresbericht 1906/07 des Schulleiters war zu lesen: Mit Allerhöchster Staatsministerialentschließung Seiner Königlichen Hoheit des Großherzogs vom 19. Juli 1906 wurde dem Unterzeichneten der Direktortitel verliehen.“ Und eine besonderen Ehrung seiner Person konnte Direktor Weis im Jahresbericht 1908/09 erwähnen: „Seine Königliche Hoheit der Großherzog haben sich unter dem 15. Dezember 1908 gnädig bewogen gefunden, dem Unterzeichnenden das Ritterkreuz I. Klasse des Ordens vom Zähringer Löwen zu verleihen.“

Aber auch für die Lehrer der Schule brachten die beiden Zweige ‚Realgymnasium‘ und ‚Oberrealschule‘ Vorteile. Die drei Klassen der Unterstufe – Sexta, Quinta und Quarta – hatten wohl oft 40 und mehr Schüler. Ab der Untertertia (Klasse 8) sank durch die Teilung in zwei Züge – aber auch durch Austritte – die Schülerzahl deutlich. Die Klassen hatten meist nur 10 bis 20 Schüler.

Zusammen mit dem geringen Deputat von 21 Stunden müssen die Verhältnisse am jungen, modernen Villinger Gymnasium einem heutigen Gymnasiallehrer als ‚traumhaft‘ erscheinen.

4. Die Einweihung: Villingen feiert sein Gymnasium

Das Jahr 1908 war ein Jahr emsiger Bautätigkeit. Die verschiedenen Gewerke wurden ausgeschrieben, und natürlich erhoffte sich das ‚heimische Gewerbe‘ – genau wie bei heutigen Projekten der Stadt – möglichst viele der zu vergebenden Aufträge. Im Ganzen gesehen erfüllten sich diese Hoffnungen auch.

Der Bürgerausschuss behandelte immer wieder das Realgymnasium betreffende Themen. Gelegentlich wurde die Bauausführung bemängelt. Architekt Karl Nägele, Mitglied des Bürgerausschusses, schaute genau hin. Schließlich war er einer der Preisträger des Wettbewerbs – die Stadt hatte sich aber für den Entwurf von Stadtbaumeister Seibert entschieden. Als Karl Nägele die Ausführung der Plafondarbeiten – also der Deckenarbeiten – als nicht fachgerecht kritisierte, wuchsen die Spannungen. In der Sitzung des Bürgerausschusses vom 4. Juni 1909 kam es zum Schlagabtausch. Nägele warf dem Stadtbauamt vor, seit er Kritik geäußert habe würden seine Baugesuche besonders kleinlich geprüft. Das Stadtbauamt sei insgesamt zu teuer und zu umfangreich. Stadtbaumeister Seibert, unterstützt vom Bürgermeister, verteidigte sich. Architekt Nägele bekam aber Zuspruch aus dem Gremium: man finde es gut, wenn ein Fachmann den Bau kritisch begleite. In diesen beiden Jahren stand der Bau ganz im öffentlichen Interesse. Über Schüler und Lehrer wird in der Tageszeitung selten berichtet. Am 23. November wird im ‚Villinger Volksblatt‘ berichtet, dass der Etat der Realschule genehmigt worden sei und „die Gesuche um Schulgeldbefreiung wurden verbeschieden“. Am 7. Dezember 1907 findet sich die Notiz, dass das Ministerium die neue Direktorenstelle und zwei Professorenstellen genehmigt habe. Von den Schülern ist eher die Rede, wenn sie reglementiert werden. So las man am 4. November 1907 in der Tageszeitung:

„Den Realschülern wurde heute morgen bekannt gegeben, daß sie nach der neuen, vom Oberschulrat unterm 23. Juli genehmigten Schulordnung der hiesigen Anstalt, nach Eintritt der Dunkelheit sich nicht mehr auf den Straßen und Plätzen herumtreiben dürfen.“

Positiver werden vom ‚Volksblatt‘ sogenannte Spielenachmittage beurteilt. Damit waren meist Wanderungen gemeint, die einer der Lehrer mit seinen Klassen unternahm. Vor allem unter gesundheitlichen Gesichtspunkten und dem Aspekt der Ertüchtigung wurden diese Unternehmungen begrüßt – aber: „Das regelmäßige Einkehren und auch das Bahnfahren bei diesen Wanderungen möchten wir verpönen.“ Und da war noch das Fußballspielen auf der Schützenwiese. Diese Wiese lag nicht weit entfernt, südlich des neuen Realgymnasiums. Einem Mitglied des Bürgerausschusses war das ein Dorn im Auge und, so berichtet die Zeitung am 5. Juli 1909: „Alb. Kammerer hält es für ein Spiel, das nicht zur Verfeinerung des Gemüts bei der Jugend beiträgt.“ Der Bürgermeister stimmt ihm zu, und nur Architekt Nägele weist darauf hin, dass man über Fußball verschiedener Ansicht sein könne – jedenfalls sei es heute modern. (Immerhin war ein Jahr zuvor der FC 08 gegründet worden.)

Eine Anfrage im Bürgerausschuss vom 26. Mai 1909 bezog sich auf die Kosten, welche die Schüler der Stadt verursachten. Das Mitglied des Ausschusses, Herr H. Müller, wollte wissen, wie teuer die Stadt ein Realschüler im Vergleich zu einem Volksschüler komme. Bürgermeister Braunagel bezifferte die Kosten eines Realschülers auf etwa 250 Mark jährlich. Kämmerer Schüßler ergänzte, dass ein Volksschüler pro Jahr Kosten von 25 bis 27 Mark verursache. Damit gab sich Herr Müller zufrieden, und es wird dem heutigen Leser nicht klar, was hinter der Frage stand – Lob oder Kritik.

Die Einweihung der neuen Schule warf auch in der Lokalpresse ihre Schatten voraus. Ein Artikel im ‚Volksblatt‘ vom 28. Mai 1909 soll hier zitiert werden:

„Der Neubau des Realg ymnasiums mit Oberrealschule – es dürfte sich empfehlen, sich allmählich an diese Bezeichnungen zu gewöhnen und nicht von ‚Realschule‘, ‚Realschulgebäude‘ und ‚Realschülern‘ zu sprechen und zu schreiben, da das der Anstalt, nach außen wenigstens, schadet – wird demnächst dem Unterrichtsbetrieb übergeben werden. Die neue Schule wird mit vielen schönen Dingen ausgestattet sein. Es wird aber auch so manches fehlen. Dazu wird auch eine Anstaltsfahne gehören, deren Anschaffung man der Stadt nicht wird zumuten können. Ginge es da nicht an, wenn vielleicht in der verehrlichen hiesigen Damenwelt dem Gedanken der Stiftung einer Fahne näher getreten werden könnte. Das Geschenk würde mit tausend Dank aus schönen Händen in Empfang genommen werden.“

Wie schön, dass man schon damals an die Corporate Identity dachte, auch wenn der Begriff noch nicht gängig war.

Der Umzug von den Schulräumen im Benediktiner in den Neubau begann am 1. Juni 1909. Die freiwerdenden Schulräume wurden der Knaben-Volksschule zugewiesen. Als erster hatte der Schuldiener, also der Hausmeister, seine Wohnung über der Turnhalle bezogen. Dass der Hausmeister der Schule – damals und bis nach 1945 war es Joseph Meder – in dieser Wohnung wohnt, wurde bis zum großen Umbau der Schule in den 1970er Jahren beibehalten und hat sicher viele Vorteile.

Für Dienstag den 8. Juni wurde in der Zeitung in der Vorwoche angekündigt, dass an diesem Tag die Schule von 1 bis 3 Uhr besichtigt werden könne – von Jedermann, ausgenommen Kinder unter 14 Jahren! Diese Besichtigung durch die Bevölkerung war ein riesiger Erfolg. Am Tag danach wird berichtet:

„Die Zahl der Besucher des neuen Realgymnasium- Gebäudes war gestern Nachmittag um 3 Uhr bei Schluß der Lokalitäten noch eine derart große, dass viele kaum den ersten Stock besichtigen konnten.“

Dies zeigt, welch ein Prestigeprojekt diese Schule war. Nicht nur die etwa 150 Eltern, die ihre Kinder bisher auf die Realschule geschickt hatten, interessierten sich für den Neubau. Es war die ganze Stadt, die wusste, dass nun das einhundertjährige Bemühen Villingens, wieder eine höhere Schule zu besitzen, endlich von Erfolg gekrönt war.

Wie sich das Schulgebäude damals dem Besucher präsentierte, zeigen die Zeichnungen und Pläne, die noch heute im Original beim Stadtbauamt der Stadt Villingen-Schwennigen vorhanden sind.

 

Hier zunächst die Frontansicht – links die Turnhalle mit der Hausmeisterwohnung im Dachgeschoss.

 

 

 

Hier eine Detailansicht des Portals. Dieser ehemalige Haupteingang ist nach der Sanierung in den 1970er Jahren geschlossen worden. Die Treppe wurde entfernt, was das Gesamtbild erheblich gestört hat. Bis 2009 wird der ursprüngliche Zustand wieder hergestellt werden.

 

 

Die Ost- und Westfront des Gebäudes.

 

 

Die Ansicht von der Hofseite her.

 

Am 4. Juni 1909 war auch die offizielle Einladung der Stadt zum ‚Festakt‘ in allen Tageszeitungen zu lesen.

Am Tag vor der offiziellen Einweihung widmet das ‚Villinger Volksblatt‘ der Geschichte und Beschreibung des Baues einen ausführlichen Bericht. Bisher war die Realschule zusammen mitder Knabenvolksschule im Benediktinerschulhaus, also der heutigen Karl-Brachat-Realschule, untergebracht. Beide Schulen hätten sich in den Jahren zuvor ausgedehnt, sodass ein Neubau für das entstehende Realgymnasium dringend notwendig geworden sei. Erinnert wird auch nochmals an die heiß umstrittene Bauplatzfrage und den Architektenwettbewerb.

 

Aus der Beschreibung der Schule seien hier nur einige Abschnitte zitiert, die an Räume erinnern, die seit der großen Sanierung mit den Umbauten in den 1970er Jahren so nicht mehr bestehen:

„Die Dienerwohnung ist im Mansarden-Dachraum über der Turnhalle eingebaut. Die Wohnung besteht aus drei Zimmern und Küche mit von der Schule getrenntem Zugange.“

„Im Schulgebäude sind folgende Räume enthalten: Im Untergeschoß der Fahrradraum mit besonderem Zugang vom Schulhof, der Kesselraum mit zwei Frisch- und Heizluftkammern und Raum für Brennmaterialien, die Werkstätte für den Diener, ein Garderoberaum zur Turnhalle für die Schüler, ferner zwei disponible Kellerräume.

Im Dachgeschoß zwei Zeichensäle, der Gesangssaal und der Karzer. Für den Einbau weiterer Räume ist noch Platz vorhanden.

 

 

 

 

 

 

 

 

Über der Turnhalle ist noch die Schülerbibliothek und ein Lehrmittelraum unterbebracht.“

Hier noch einige Besonderheiten der Bauausführung, die heute nicht mehr existieren, bzw. nicht mehr zu sehen sind:

„Alle Decken sind massiv in Eisenbeton hergestellt und zwar in den Gängen als Könen’sche Voutendecken, über den Klassen als Könen’sche Plandecken.

Die Haupteingangshalle, die Turnhalle, das Direktionszimmer und das Lehrerzimmer haben eine reichere Ausgestaltung erhalten.“ …

„Die Beheizung des Gebäudes erfolgt durch eine Niederdruckdampfheizung mit vorerwärmter Ventilationsluft und Abführung der verbrauchten Luft über das Dach.

Die Klassenräume und die Räume für die Direktion sowie für die Lehrer erhalten Gasbeleuchtung, erstere mit indirekten Beleuchtungskörpern. Die Physik-, die Chemie- und die

Naturgeschichtsräume haben elektrische Beleuchtung; bei den erstgenannten sind außerdem noch Anschlüsse für elektrischen Strom zur Ausführung von Experimenten vorgesehen. Auch in ihrer sonstigen Einrichtung entsprechen diese Räume allen Anforderungen der Neuzeit. In jedem Stockwerk ist ein Marmorwandbrunnen für Trinkzwecke.“

„Die Bauleitung oblag dem Stadtbauamt unter Stadtbaumeister Seibert.

Die Ausarbeitung der Ausführungspläne erfolgte in der Hauptsache durch Diplom-Ingenieur Amann und teilweise durch Werkmeister Walter und Bautechniker Vogt.

Mit der Bauaufsicht war in der Rohbauperiode Bauaufseher Petersen und später Werkmeister Walter beauftragt.“

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Diese Abschnitte zeigen, dass die Schule solide und modern gebaut worden war und deshalb auch die ersten 100 Jahre gut überstanden hat. Bei dem Stromanschluss in den Naturwissenschaften muss man sich vergegenwärtigen, dass Villingen, als die Schule geplant wurde, gerade seit einem Jahr ein Elektrizitätswerk besaß. Auch die Lüftung hat viele Jahrzehnte gute Dienste getan. Schade dass die Marmorwandbrunnen schon seit Jahrzehnten abgestellt sind. Das Wasser aus den Quellen des Wieselsbachtals, mit dem die Weststadt versorgt wird, wäre frischer und besser als das Wasser, das heute viele Schülerinnen und Schüler in Plastikflaschen mit sich herumtragen. Beispielhaft ist auch, dass für den Schulhausbau ein kleines Team von Fachleuten eingestellt wurde, den Bau zu betreuen. (Sollten wir dieses Vorgehen den Verantwortlichen beim Neubau des Zentralklinikums weiterempfehlen?)

Zum Schluss noch ein Zitat aus der Baubeschreibung, in der eine Hoffnung ausgedrückt wird, die leider bis heute nicht in Erfüllung gegangen ist.

„Das Dach ist mit Schiefer eingedeckt und wird durch einen turmartigen Dachreiter aus Kupfer gekrönt. Der letztere kann auch zu astronomischen Zwecken Verwendung finden.“

Wo also ist der Mäzen, der dieses hübsche Türmchen – ich hatte es beim Schreiben dieser Seiten ständig im Blick – so ausbaut, dass es zu astronomischen Zwecken‘ Verwendung finden kann?

 

In 33 Positionen folgt nun im ‚Volksblatt‘ die Aufzählung aller Firmen, die am Bau des Realgymnasiums beteiligt waren. Bei 26 Positionen waren Villinger Firmen beauftragt worden, und da bei manchen Gewerken mehrere Firmen Aufträge erhielten, waren etwa 40 Firmen aus Villingen am Bau und seiner Ausstattung beteiligt. Nur sehr spezielle Dinge wurden nach draußen vergeben. Die Schulmöbel etwa kamen – wie auch heute gelegentlich noch – aus Schönau und Tauberbischofsheim. Die Dampfheizung wurde von einer Karlsruher Firma geliefert und die Einrichtung der Fachräume Physik und Chemie einer Chemnitzer Firma übertragen. Insgesamt konnte das ‚heimische Handwerk‘ mit den Aufträgen für dieses ‚Großprojekt‘ zufrieden sein.

Der Festakt zur Einweihung der Schule am 8. Juni 1909 war zweifellos ein großer Tag für Villingen – vor allem für das Bildungsbürgertum der Stadt. Das ‚Villinger Volksblatt‘ drückt das in dem Satz aus: „Das im Allgemeinen wohl gelungene Werk legt das beste Zeugnis ab von dem Können seiner Schöpfer, gereicht ihnen und der opferwilligen Gemeinde zur hohen Ehre und bildet eine weitere Zierde und Sehenswürdigkeit in unserer schönen Schwarzwaldstadt.“ Alles was Rang und Namen hatte in der Stadt – und weit darüber hinaus – versammelte sich in der Tonhalle, die damals noch fast neu war: der Gemeinderat, die Geistlichkeit, die Lehrerschaft, die Bürgerausschussmitglieder, geladene Gäste aus der Schulverwaltung, Vertreter der Schulen und der Gemeinden aus dem Umland und die Schüler.

Im Jahresbericht 1908/09 der Schule ist der Ablauf der Feierlichkeiten beschrieben: „Die Einweihungsfeier fand am 8. Juni in der schön geschmückten Festhalle von vormittags 9 bis halb 12 statt. Die Beteiligung des Publikums war außerordentlich stark.“

Hier das Programm, wie es im Jahresbericht der Schule steht:

1. Marsch (Stadtmusik) …….. Kaiser

2. Alles mit Gott (Schülerchor) …….. Grobe

3. Ansprache von Herrn Bürgermeister Dr. Braunagel

4. Mein Baden (Schülerchor) …….. Neuert

5. Festrede von Direktor Professor Weis

6. Schulweihe (Schülerchor)

7. Die Kraniche des Ibykus Deklamation und Klavier (Schiller)

8. Ouverture (Stadtmusik) ….. Conradi

9. Deutscher Gruß (Schülerchor) …….. Kriegeskotten

10. Schülerorchester Ouverture zu Rosamunde v. Schubert

11. Die Ehre Gottes (Sängerbund) …….. Beethoven

12. Divertissement (Stadtmusik) …….. Maillart

Wenn wir uns auf den Zeitungsbericht im ‚Villinger Volksblatt‘ stützen, muss die Veranstaltung etwa folgendermaßen abgelaufen sein. Nehmen wir an, Bürgermeister Dr. Emil Braunagel, seit 1903 im Amt, war ein ähnlich pünktlicher Mann wie unser gegenwärtiger Oberbürgermeister, dann hat der Festakt fünf Minuten nach 9 Uhr begonnen. Und wie beginnt ein solcher Festakt – natürlich mit dem Chor des Realgymnasiums. Der Chor sang ‚Alles mit Gott‘ – möglicherweise eine Bearbeitung der Bachkantate ‚Alles mit Gott und nichts ohn‘ ihn“. Es folgte die Rede des Bürgermeisters. Ein wesentlicher Teil der Rede bestand in der Begrüßung aller Gäste – auch alle diejenigen, die sich entschuldigt hatten, wurden erwähnt. Die beste Entschuldigung hatte zweifellos Oberschulrat Dr. Oster, der „im Auftrag des auswärtigen Amts die deutschen Schulen in Bukarest und Konstantinopel zu prüfen hat“. Auch der „Herr Reichtagsabgeordnete Gutsbesitzer Duffner aus Furtwangen“ war verhindert und übermittelte seine Glückwünsche schriftlich.

Es folgten die Dankesworte an alle, die diesen Bau ermöglicht und ausgeführt hatten. Die Schüler wurden zur Dankbarkeit ermahnt für die Opfer, welche die Stadt erbracht habe. Nicht nur die Stadt Villingen sondern auch das Vaterland, das Badnerland und der Großherzog waren zentrale Begriffe der Rede. Anknüpfend an den Satz über dem Eingangsportal der neuen Schule führte er aus:

„Non scholae, sed vitae. nicht für die Schule, sondern für das Leben, steht über dem Portal des Neubaus eingemeißelt. Ich möchte noch hinzufügen: et patriae, d.h. und für das Vaterland. Das Vaterland, die Heimat, es sind köstliche Güter, zu deren Wahrung hier unsere jungen Freunde berufen sind. Das müssen sie stets beherzigen. Wie schön ist unser deutsches Vaterland, welche Perle darin ist unsere badische Heimat. An deren Spitze steht ein verehrungswürdiges Herrscherpaar, unser Großherzog Friedrich und unsere hochverehrte Großherzogin Hilda.“

 

 

 

 

Direktor Weis hielt die Festansprache – in „bekannt vorzüglicher, markiger Sprache“. Sein Thema war ‚Die monistische und die idealistische Weltanschauung‘. Monismus wird von ihm mit Materialismus, Biologismus, Naturalismus und Sozialismus gleichgesetzt. Monismus bedeutet für ihn Entseelung der Menschheit, Verzicht auf eine sittliche Geistesordnung: „Keine himmelansteigende Begeisterung, kein weltenbauender Glaube, keine selbstlose Liebe, keine Aufopferung, keine Entsagung.“ Deshalb schlägt sich Direktor Weis auf die Seite des Idealismus. Mit Schiller will er ihn den Schülern nahe bringen. Er stellt den hohen ethischen Wert der Arbeit heraus: „Durch die Arbeit bekommt das Leben erst Sinn.“ Damit wird er auch bei der heutigen Lehrerschaft Zustimmung finden. Mit seinem zweitem Schlüsselwort, dem Kampf, dürften wir Nachgeborenen unsere Schwierigkeiten haben. – Die Schule sei dazu da, die christliche Weltanschauung zur Geltung zu bringen und die materialistische Weltanschauung fern zu halten. (Basta!)

Danach trat nochmals der Schulchor mit ‚Mein Baden’‚ und ‚Die Schulweihe‘ in Aktion. Das Gedicht ‚Die Kraniche des Ibykus‘ wurde – mit Klavierbegleitung – von zwei Schülern vorgetragen.

Nach weiteren Darbietungen der Stadtmusik und des Sängerbunds zog die Festversammlung von der Tonhalle zum Gymnasium. Es folgte die feierliche Schlüsselübergabe und eine Besichtigung der neuen Schule. Erst danach kehrte die Festversammlung zur Tonhalle zurück, zum „zwanglosen Zusammensein“.

Man diskutierte vielleicht zum letzten Male, ob nicht doch der Bauplatz am Klosterring oder der an der Mönchweilerstraße günstiger gewesen wäre. Denn immer wieder war in den Reden und Zeitungsartikeln darauf hingewiesen worden, dass man über den Standort ‚heftig gestritten‘ habe. Vielleicht wurde auch nochmals erörtert, ob nicht doch die prämiierte Planung von Architekt Nägele, mit seinem wuchtigen Baukörper und der Westausrichtung, architektonisch mehr ‚hergemacht‘ hätte. Aber es war sicher auch der Tag, alte Auseinandersetzungen zu begraben und sich gemeinsam zu freuen: Villingen hatte wieder ein Gymnasium – sein Gymnasium.

Ich bedanke mich für die freundliche Unterstützung von Frau Ute Schulze und Herrn Dieter Baumann vom Stadtarchiv und Herrn Hansjörg Fehrenbach vom Stadtbauamt.

Zum 100-jährigen Jubiläum dieses markanten Gebäudes wird im Jahre 2009 eine Festschrift erscheinen, auf die ich Sie heute schon aufmerksam machen möchte.

 

Die Schule im Jahr ihrer Fertigstellung.

 

 

 

 

Im Jahresbericht 1908/09 der Schule sind diese beiden Bilder wiedergegeben.

 

Literaturangaben

Roder, Christian: Das Schulwesen im alten Villingen; ZGO NF 31, 1916

Rodenwaldt, Dr. Ulrich (Hrsg.): Das Leben im alten Villingen Teil II; Villingen 1990

Materialen des Stadtarchivs – vor allem die Sitzungsunterlagen des Bürgerausschusses aus den Jahren 1907-09 (Signatur VI.2b, 25) Jahresberichte der Realschule – Jahresberichte des Realgymnasiums mit Oberrealschule; Schuljahre 1904/05 bis 1908/09 (Stadtarchiv)

Materialien des Schularchivs des heutigen Gymnasiums am Romäusring

Originalpläne und Ansichten des Neubaus des Realgymnasiums (Stadtbauamt der Stadt Villingen-Schwenningen) ‚Villinger Volksblatt‘ vor allem die Jahrgänge 1907 und 1909

Deutsche Konkurrenzen, Band XXII, Heft 5, Nr. 257 Realschule für Villingen; o.J.

Das Schulhaus, Band 8; 1907 S. 49 f., S. 132, S. 168