Die Fresken von Waldemar Flaig in der Kapelle des ehemaligen Villinger Krankenhauses (Alfons Weißer)

 

Bild 1: Maria mit dem Jesuskind.

 

Das im Jahr 1912 erbaute Krankenhaus der Stadt Villingen an der Herdstraße erhielt im Jahr 1930 mit einem Erweiterungsbau auch eine neue Kapelle.

Am 24. April 1931 erteilte das Stadtbauamt Villingen durch die Krankenhauskommission dem im Alten Schloss in Meersburg wohnenden Maler Waldemar Flaig (geboren am 27. Januar 1892 in Villingen) den Auftrag, Wand und Altarnische zu bemalen zum Preis von 2000 RM.

Bereits am Fest Peter und Paul am 29. Juni 1931 konnte die Kapelle mit den Bildern Flaigs geweiht werden. Nachdem Flaig diese Arbeit beendet und sich sein Gesundheitszustand verschlechtert hatte, ermöglichten ihm Freunde einen längeren Erholungsurlaub in Südfrankreich.

Nach seiner Rückkehr schuf Flaig noch für den evangelischen Andachtsraum (Raum Nr. 300) ein Fresko des segnenden Christus. Ob dieses Bild unter Tapete oder Putz noch erhalten oder ganz verschwunden ist, entzieht sich derzeit unserer Kenntnis. Waldemar Flaig starb im Villinger Krankenhaus am 4. April 1932 und wurde auf dem Villinger Friedhof beigesetzt. Im Dezember 1961 wurde die neue Villinger Klinik an der Vöhrenbacher Straße eingeweiht, in das leerstehende ehemalige Krankenhaus ist im Jahr 1963 die Landesberufsschule für das Hotel- und Gaststättengewerbe eingezogen. Der Altarbereich und die Wandbilder der jetzt nicht mehr benötigten Kapelle wurden abgedeckt, der Raum als „Spielraum“ mit entsprechenden Geräten (Tischtennis, Kraftsport) genutzt.

Nach Planungen seit 1988 ist am 14. Dezember 1993 dieser Raum wieder zur Kapelle geworden mit erneuertem Fußboden und neuen Stühlen. Mit Freude und Dankbarkeit können wir wahrnehmen, dass die Fresken Waldemar Flaigs unversehrt sind und dass die Kapelle als Ort der Stille und des Gottesdienstes benützt werden kann.

Bild 2: Auferweckung der Tochter des Jairus.

Durch das Licht der vier großen Rundbogenfenster auf der gegenüberliegenden Seite gut beleuchtet sehen die Besucher der Krankenhauskapelle in den vier Nischen: Maria mit dem Jesuskind (Bild 1), in der Mitte als Doppelbild Jesus den Heiland der Kranken (Bild 2 und 3) und den heiligen Josef (Bild 4). Das Bild in der Mitte (Bild 2), das Jesus als den Größten zeigt, sein Haupt umgeben mit dem goldenen Heiligenschein, erzählt die Auferweckung der Tochter des Jairus (Mk 5, 22-24, 35-47): Jesus, unterwegs vom Synagogenvorsteher Jairus aufgesucht, ist ihm in sein Haus gefolgt, wo das zwölfjährige Töchterlein soeben gestorben ist. Jesus nimmt nur seine Jünger Petrus, Jakobus und Johannes mit sich. Die Eltern knien trauernd, hoffend und betend am Bett des Kindes, das durch Jesu Berührung und sein befehlendes Wort „Talita kum!“ („Mädchen, ich sage dir, steh auf!“) die Augen aufschlägt und sich erhebt.

Bild 3: Jesus wendet sich den Hilfesuchenden zu.

Jesu Augen, die sich voll Güte dem Kind zuneigen, werden sich sogleich den herandrängenden Kranken und Hilfesuchenden zuwenden (Bild 3), denn sein Heilandswort gilt:

„Kommet Alle zu mir, Die Ihr mühselig Und beladen seid“ (Mt 11,28).

Die Menschen verschiedenen Alters, vom Leiden belastet, hoffen auf Hilfe: Der vertrauensvoll betende Greis, die junge Mutter, die ihr Kind Jesus entgegenhält (Lk 18,15), Männer und Frauen in je eigener Haltung – alle, die damals im Krankenhaus Heilung oder Linderung erhofft haben, suchen Zuflucht bei dem, der „unsere Leiden auf sich genommen und unsere Krankheiten getragen hat“ (Mt 8,17).

Maria mit dem Jesuskind (Bild 1) bringt einen freudigen Ton in die ganze Bildfolge: „Mutter und Kind“, und doch von „himmlischer Glorie“ umgeben. Das Zepter weist Maria aus als die Mutter des „Königs der Welt“, der den vom Kreuz überragten Erdball in seiner linken Hand trägt, während seine Rechte zum Segen erhoben ist. Die Sterne zeigen die himmlische Wirklichkeit an, Mondsichel und Erde die Veränderlichkeit und Unbeständigkeit des Irdischen und die Schlange die Bedrohung durch das Böse, das durch Gottes Kraft besiegt wird.

 

Bild 4: Der heilige Josef.

 

Der heilige Josef, der Beschützer Jesu, „der Hausvater“, strahlt Ruhe und Sicherheit aus (Bild 4). Er lädt die Betrachter ein, in Zuversicht ihren Lebensweg weiterzugehen bis zum seligen Ende: Der heilige Josef, auch der Patron der Sterbenden.

Über dem Altar, auf dem in der heiligen Messe das Gedächtnis des Todes und der Auferstehung Jesu gefeiert wird (Bild 5), neigt sich der Gekreuzigte dem Beten zu:

I(esus) N(azarenus) R(ex) I(udaeorum): Jesus von Nazareth, der König der Juden: so sieht man ihn auch mit den „Augen des Leibes“. Den aus unendlicher Liebe sich hingebenden Gottessohn(Heiligenschein und die drei Strahlenbündel versuchen, dies an zudeuten) sehen die „Augen des Herzens“ (Eph 1,18). Die anbetenden Engel neigen sich vor dem Geheimnis der göttlichen Liebe.

 

 

Bild 5

 

Ein gerahmtes Christusbild von Waldemar Flaig (Bild 6), ebenfalls aus dem Jahre 1931, hängt an der Rückwand der Kapelle: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“ (Joh 14,6) sagt der kommende und einladende Herr. Es wäre schön, diese Kapelle gelegentlich den Interessierten zugänglich zu machen, z.B. am „Tag des offenen Denkmals“.

Bild 6: Christusbild von Waldemar Flaig, 1931.

 

Fotos: Thomas Singer-Herzog

Literaturangaben:

Waldemar Flaig 1892–1932: Bilder, Aquarelle, Zeichnungen (Ausstellungskatalog). Hrsg. v. Franziskanermuseum Villingen- Schwenningen (Texte J. Fuchs), Villingen-Schwenningen 1974. Waldemar Flaig 1892–1932: Gedächtnisausstellung. Hrsg. v. Franziskanermuseum Villingen-Schwenningen; Katalog Wendelin Renn, Villingen-Schwenningen 1992.

Darin: S. 5–8: Herbert Muhle, Waldemar Flaig zum hundertsten Geburtstag. Ein Künstlerleben. S. 9–13 Elke Keiper, Das Wesentliche sichtbar machen – oder: Farbe, Licht und blaue Schatten – Die Landschafts- und Porträtmalerei Waldemar Flaigs. S. 41 Bibliographie.

Gustav Heinzmann: Bildkunst vom Schwarzwald und von der Baar. Der Maler und Grafiker Richard Ackermann. Hrsg. v. der Stadt Villingen-Schwenningen, 1979. Darin S. 18 und Abb. III: Waldemar Flaig.

Beruf: Künstler. Arbeit und Lebensverhältnisse Villinger Maler in der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts. Hrsg. v. der Stadt Villingen- Schwenningen und vom Geschichts- und Heimatverein Villingen 1998.

Geschichts- und Heimatverein Villingen. Jahresheft XVII 1992/93, S. 9–13 Gertrud Heinzmann: Zum 100. Geburtstag der Villinger Maler Waldemar Flaig und Richard Ackermann. S. 14–21 Herbert

Muhle: Ein Künstlerleben (Wiederabdruck aus dem Katalog 1992): „…. wird mit dem zur Zeit laufenden, sehr aufwendigen Ausbau und der Erweiterung des Franziskaner-Museums eine Möglichkeit der Dauerausstellung des Œuvre von Waldemar Flaig geplant und realisiert.“

Herzlichen Dank Dr. Hans-Georg Enzenroß für vielfältige Recherchen und Peter Rengel für Auskünfte über die profane Verwendung und die Wiedergewinnung der Kapelle.