Die Zittauer Fastentücher (Marianne Kriesche-Karuth)

Zittau, unsere Partnerstadt in der Oberlausitz, hat manche Gemeinsamkeiten mit Villingen- Schwenningen, besonders die, dass beide in einem Dreiländereck liegen.

Für Zittau ist es heute das Dreieck Deutschland, Polen, Tschechien, das viele historische Verbindungen der früheren Regionen Oberlausitz, Niederschlesien und Nordböhmen bewahrt hat.

Die gesamte Region ist nicht nur landschaftlich äußerst reizvoll, sondern besitzt auch durch ihre historischen Bauten und Kunstwerke eine herausragende Bedeutung und eine besondere touristische Attraktivität.

Eine rund 550 km lange ringförmige Route – zugleich Symbol für das Verbindende zwischen den drei aneinander grenzenden Ländern – führt zu den einzelnen Stationen der sg. „Via Sacra“, die insgesamt 16 großartige Zeugnisse gemeinsamer Kultur- und Glaubensgeschichte enthält, Kirchen, Klöster und sakrale Kunstwerke.

Für den Gast, der einzelne Stationen besuchen möchte, ist Zittau ein idealer Startpunkt, da man von dort aus sternförmig alle Stationen in den drei Ländern erreichen kann. Dabei ist sich Zittau durchaus seiner historischen Rolle als Brücke zwischen Ost und West bewusst.

Zittau sollte auch deswegen der Ausgangspunkt für die Reise auf der „Via Sacra“ sein, da es zwei Zeugnisse sakraler Kunst bietet, die einzigartig sind: die beiden Fastenstücher.

Mit dem Großen Fastentuch aus dem Jahre 1472 und dem Kleinen Fastentuch von 1573 besitzt die Stadt Schätze von europäischer Bedeutung. Fachleute betrachten das Große Fastentuch neben dem Teppich von Bayeux als eines der ein druckvollsten Textilwerke der europäischen Überlieferung.

Das Kleine Fastentuch steht dem großen Tuch in seinem kulturgeschichtlichen Rang nicht nach, ist es doch ein Kunstwerk, das in seiner Gestaltung einmalig in Deutschland ist.

Der liturgische Gebrauch von Fasten- oder Hungertüchern in der christlichen Kirche des westlichen Abendlandes war im Mittelalter üblich und weit verbreitet. Erste Belege dafür finden sich um das Jahr 1000.

Das Fastentuch, in seiner lateinischen Bezeichnung „velum quadragesimale“, wurde in England und Frankreich, aber auch in den deutschen Landen, insbesondere im Alpenraum, während der vierzigtägigen Fastenzeit verwendet.

Der Gedanke war, dass zur körperlichen Buße des Fastens eine seelische treten sollte: auch das Auge hatte zu fasten. Daher wurden die Altäre mit Tüchern verhängt und damit dem Blick der Gläubigen entzogen. Vom Aschermittwoch oder spätestens vom ersten Fastensonntag an schieden die Vela den Altarraum vom übrigen Kirchenraum und verhinderten damit auch das Schauen der Messe.

Da sie bis zu 100 qm groß waren, konnten sie in der Tat den gesamtem Chorraum verhüllen. Im 11. Jh. und frühen 12. Jh. waren die aus Leinen gefertigten Tücher zunächst schmucklos und einfarbig. Ab der Mitte des 12. Jh. wurden die Tücher dann bestickt oder mit volkstümlichen Darstellungen aus dem Alten und Neuen Testament bemalt. So konnten sie einen weiteren Zweck erfüllen, nämlich die Gemeindemitglieder, die damals nicht lesen oder schreiben konnten, im Glauben zu unterweisen.

Im Laufe der Zeit entwickelten sich die Tücher zu wahren Bilderbibeln. Von hunderten solcher Zeugnisse volkstümlicher Frömmigkeit sind heute nur noch wenige erhalten. Zittau besitzt mit seinen Fastentüchern, die beide in Tempera auf Leinen gemalt sind, die einzigen überlieferten Exemplare ihrer Art in Deutschland und mit die bedeutendsten überhaupt.

Großes Zittauer Fastentuch (1472), Foto: Abegg-Stiftung Riggisberg, Christoph von Virág, copyright: Verein Zittauer Fastentücher e.V.

 

Das Große Fastentuch wurde in dem bereits genannten Jahr 1472 von dem Gewürzhändler Jacob Gürteler der Zittauer Hauptkirche gestiftet und diente 200 Jahre lang seinem ursprünglichen Zweck.

1573 schaffte man sogar noch ein zweites Fastentuch an, wohl, um einen 1566 angefertigten zweiflügeligen Schnitzaltar damit zu verhüllen. Bei einer Größe von rund 15 Quadratmetern kann es nur im Vergleich zum Großen Fastentuch von 56 Quadratmetern berechtigterweise das „Kleine Fastentuch“ genannt werden.

Erstaunlich ist, dass beide Tücher in der inzwischen längst evangelischen Kirche bis zum letzten Drittel des 17. Jh. in Gebrauch blieben, obwohl sich Luther gegen diese Tradition der Sakralkunst als „Gaukelwerk“ ausgesprochen hatte. Dies zeigt, dass in der Oberlausitz, also auch in Zittau, der Prozess der Kirchenreform nicht mit Bildersturm verbunden war, sondern tolerant vor sich ging. Eine Erklärung für die Weiterverwendung der Fastenstücher liegt sicher auch darin, dass in Zittau nach der Einführung der Reformation verstärkt Wert auf eine nur der Hl. Schrift gemäße Christenlehre gelegt wurde. Dafür konnte besonders das bilderreiche Große Fastentuch als Lehrmittel dienen. Mit einer Höhe von 8,20 m und einer Breite von 6,80 m stellt dieses Velum das drittgrößte erhaltene Fastentuch seines Typs überhaupt und das einzige in Deutschland dar. Von seiner Art, d. h. dem Feldertyp gibt es nur noch 18 Exemplare weltweit. Wie das Guiness Buch der Rekorde belegt, wird unser Tuch in der Kirche zum Heiligen Kreuz in Zittau in der größten Museumsvitrine der Welt aufbewahrt.

Man ordnet es dem Feldertyp zu, da auf 90 Feldern das Alte Testament wie das Neue Testament mit je 45 Bildern gleichgewichtig dargestellt werden. Der Bogen spannt sich von der Schöpfungsgeschichte und dem Sündenfall, den Folgen der Sünde, dem Leben der Patriarchen und den Mosesgeschichten bis zur Kindheit Jesu, seinem öffentlichen Wirken, dem Leiden und Tod Christi bis zur Vollendung der Zeit im Jüngsten Gericht.

Großes Zittauer Fastentuch, Bild IX/3, „Seht da, Pilatus lässt ihn geißeln!“, Foto: Abegg-Stiftung Riggisberg, Christoph von Virág, copyright: Verein Zittauer Fastentücher e.V.

 

Erläuterungen des Dargestellten sind in schlichten mittelhochdeutschen bzw. frühneuhochdeutschen Reimversen in gotischer Minuskel unter die Szenen geschrieben. So erscheint das Tuch als eine Einheit von Text und Bild.

Der Zittauer Chronist und Geschichtsschreiber Benedict Carpzov stellt den Gebrauch des Tuches und seine Gestalt, wie folgt dar: „Hierbey kan denen Liebhabern der Antiquitäten nicht unvermeldet bleiben, dass vormals nach Päpstischen Gebrauch das so genannte Hunger Tuch in der Kirchen zu sehen gewesen, welches anno 1472 Jacob Gürteler ein Gewürz Krämer verfertigen lassen und in die Kirche verehret. Es war ein großes auf Leinwandt gemahltes Gemählde, worauf 90 Biblische Geschichte alten und neuen Testamentes entworffen … Dieses Tuch ward alle Jahre in der Fastnacht aufgehenckt, und mitten in dem großen Gang der Kirchen, bis oben hinauff gezogen, von einem Pfeiler die quer bis zum anderen, allwo es bis auf den guten Freytag hengen bliebe. Nachdem es 200 Jahre gehangen hatte, wurde es anno 1672 abgeschafft …“

Kleines Zittauer Fastentuch (1573), Foto: Abegg-Stiftung Riggisberg, Christoph von Virág, copyright: Städtische Museen Zittau.

 

Zum kleinen Tuch bemerkt der gleiche Autor: „Inngleichen ward in der Fasten vor das Altar ein Tuch aufgehänget, worauf Christus am Creutz nebst einem Engel, in der Hand einen Becher haltend, abgebildet; unterm Creutze stund Maria, oben und unten aber waren alle Instrumenta passionis Christi nebst des Verräthers Juda Kopff und Beutel zu sehen. Dieses Tuch ist ao. 1573 gemacht und nachdem es ao. 1684 zu letzt gehangen, abgeschafft worden.“

Dieser Beschreibung hinzuzufügen wäre noch, dass am Himmel Gottvater dem Gekreuzigten seine rechte Hand entgegengestreckt und dieser seine linke dafür öffnet. Neben Maria blicken Johannes und die kniende Maria Magdalena zu dem Sterbenden auf. Außer dem erwähnten Judaskopf umrahmen mehr als 40 Passionssymbole die Darstellung u. a. Ruten, Dornenkrone, Schweißtuch der Veronika, Nägel, Lanze, Essigschwamm. Damit vertritt das Werk eines unbekannten Künstlers den sogenannten Arma Christi Typ der Fastentücher. Arma Christi, lat. Waffen Christi, wird als Bezeichnung für die Passionswerkzeuge gebraucht, die im Zusammenhang mit dem Leidensweg Christi stehen. In das Kunstwerk wurden Motive großer zeitgenössischer Künstler wie Dürer, Grünewald und Michelangelo aufgenommen. So erinnert z. B. die o. g. Gottvaterszene an das berühmte Motiv der „Erschaffung des Adam“ in der Sixtinischen Kapelle.

Außer dem kleinen Zittauer Fastentuch sind außerhalb Deutschlands nur noch sechs weitere Exemplare des Arma Christi Typs überliefert. Daher rührt seine besondere kulturhistorische Bedeutung. Die Geschichte seines Fortbestandes ist weit weniger dramatisch als die des Großen Fastentuches.

Nach der Einstellung seines gottesdienstlichen Gebrauches ging das Kleine Tuch in den Bestand des Stadtmuseums über und wurde bis in die 60er Jahre des 20. Jh. dauerhaft und später nur noch zu besonderen Anlässen gezeigt. Das ältere Tuch befand sich, wie man annimmt, bis etwa 1700 unbenutzt in der Johanniskirche. Glücklicherweise muss es noch vor dem großen Stadtbrand von 1757, der diese zerstörte, in das Gebäude der Ratsbibliothek, dem heutigen Hefterbau, gebracht worden sein. Lange Zeit lag es dort unbeachtet, bis man die große Tuchrolle 1840 wieder entdeckte. Von 1842 bis 1876 lieh man das Tuch dem Königlich Sächsischen Altertumsverein in Dresden, der es in seinem Museum ausstellte.

Weil im Zittauer Museum Platz für eine ständige Ausstellung fehlte, wurde das Große Tuch bis zum Beginn des zweiten Weltkrieges nur siebenmal im Rahmen von Sonderausstellungen gezeigt. Dagegen befand sich Kleine Tuch ab 1937 in dem als Museumsgebäude umgebauten Ostflügel des ehemaligen Fransziskanerklosters und war Bestandteil der Ausstellung. Das Große Fastentuch wurde kurz vor Kriegsende 1945 mit anderen kostbaren Stücken der Zittauer Sammlungen in das Museum auf dem Berg Oybin ausgelagert. Hier fiel es sowjetischen Soldaten in die Hände, die es in 4 Teile zerschnitten und es zwei Wochen lang als Badestubenverkleidung benutzten. Dann ließen sie es im Wald zurück, wo es ein Oybiner Holzsammler fand und dem Museum zurückgab. Jahrelang blieb es dann zerrissen und verschmutzt im Museumsdepot. Im Jahre 1974 begann man mit Konservierungsarbeiten, in deren Verlauf man das Tuch für die chemische Reinigung noch zusätzlich den Originalnähten nach in insgesamt 17 Teile zertrennte. Zu den Verlusten in der Malerei durch die Witterungseinflüsse kamen auch noch jene, die die Reinigung verursachte. So ist die Malerei im Mittelteil heute stellenweise bis zur Unkenntlichkeit verblasst.

Seit dem Jahr der Wende 1989 bemühte man sich – zunächst allerdings vergeblich – um eine Restaurierung. Die Kosten dafür waren unerschwinglich. Glücklicherweise kam aber dann ein Kontakt zur Abegg-Stiftung in Riggisberg/Schweiz zustande, die in der Textilrestaurierung weltweit anerkannt ist. Dort wurden die beiden Zittauer Fastentücher 1994/95 als „hervorragende Kunstwerke“ unentgeltlich konserviert bzw. gereinigt und 1995 in der Sonderausstellung „Meisterwerke der Textilkunst“ gezeigt. 1996 wurden beide Tücher in Sankt Peter zu Köln nicht nur ausgestellt, sondern im ursprünglichen liturgischen Gebrauch während der Messfeiern in der Fastenzeit verwendet.

Ebenfalls im Jahre 1996 gründete man das Kuratorium „Zittauer Fastentücher“, das das Ziel hatte, würdige Ausstellungsräume zu schaffen, um die beiden textilen Kunstwerke der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Dies gelang. Seit 1999 haben Kunstfreunde aus aller Welt nun die Möglichkeit, das Große Fastentuch in einer ständigen Ausstellung zu bewundern. Mit Unterstützung der Kulturstiftung der Länder, der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, der Bundesregierung, des Freistaates Sachsen und zahlreicher privater Spender wurde ein geeigneter Ausstellungsort geschaffen: die säkularisierte und zu einem Museum umgebaute Kirche zum Heiligen Kreuz. Selbst ein Baudenkmal böhmisch beeinflusster gotischer Architektur mit ihrem Ursprung um 1410 erhält sie ihren besonderen Reiz durch ihre Konstruktion als Einstützenkirche. Ein einziger, mitten im fast quadratischen Langschiff stehender Pfeiler trägt das gesamte Kirchengewölbe. Die frühbarocke Ausstattung im Innern fügt sich harmonisch in das gotische Mauerwerk ein.

Das Große Zittauer Fastentuch (1472) im Museum Kirche zum Heiligen Kreuz. Foto: René Egmont Pech, copyright: Verein Zittauer Fastentücher e.V.

 

Durch die Restaurierung dieser Kirche und des sie umgebenden Friedhofareals mit den prunkvollen Gruftbauten einst reicher Zittauer Bürger wurde es möglich, das große Tuch nun in einem klimatisierten Raum in einer schützenden Vitrine dauerhaft auszustellen.

Die Restaurierungsarbeiten in der Kirche sowie im Bereich des Friedhofes müssen freilich noch fortgesetzt werden.

Parallel zur Restaurierung des großen Tuches war das Kleine Fastentuch von der Abegg-Stiftung nur gereinigt worden. Die textile Konservierung stand noch aus. Sie erfolgte durch ein internationales Team unter Leitung der Schweizer Spezialistin Dr. Mechthild Flury-Lemberg im Jahr 2001. Die Restaurierungsarbeiten schlossen ab mit Farbretuschen am oberen Bildteil, die im Sommer 2005 an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden vorgenommen wurden.

Nach dem Vorbild des Großen Fastentuches wurde auch für das Kleine Fastentuch ein eigenständiger Ausstellungsraum benötigt. Dazu konnte man im Kulturhistorischen Museum Franzikanerkloster Zittau eine bauliche Lösung schaffen, die die musealen und denkmalpflegerischen Ansprüche voll berücksichtigt. In einem schlichten Raum im nördlichen Anbau des Klosters kommt das Tuch hinter einer hängenden Verglasung von 35 qm voll zur Geltung. Inzwischen haben beide Ausstellungen bereits mehrere hunderttausend Besucher aus dem In- und Ausland angezogen.

In einer Zeit verstärkter Sinnsuche der Menschen bieten sie durch ihre Ausstrahlung dem Betrachter die Möglichkeit, zu Ruhe, Besinnung und innerer Einkehr zu finden.

Die Tradition des Fasten- oder Hungertuches wurde durch die Aktion „Misereor“ 1976 wieder belebt und im deutschen Sprachraum in die Pfarreien getragen. Besonders ideenreich gestaltete Fastentücher, die von zeitgenössischen Künstlern oder von Schülern und Jugendlichen geschaffen wurden, finden sich in Oberösterreich, Kärnten, der Steiermark und Wien ebenso wie in Bernau bei Berlin und im Bonner Münster und werden dort in der Fastenzeit verwandt.

Diese Entwicklung zeigt, dass durch die Neuentdeckung des Fastentuches und seine Wiederverwendung im Gottesdienst Frömmigkeit und religiöses Brauchtum weiter hineingetragen wurden bis in das 21. Jahrhundert.

Literatur:

1. Carpzov Benedikt, Analecta fastorum Zittaviensium, Zittau 1716, Bd. 1 Kap. 1, §, S. 63-65

2. Das Kleine Zittauer Fastentuch (1573), Hg. Kuratorium „Kleines Zittauer Fastentuch“ Verlag Günter Oettel, Görlitz/Zittau 2004 3. 525 Jahre Großes Zittauer Fastentuch – und wie weiter? Mitteilungen des Zittauer Geschichts- und Museumsvereins, Bd. 27, 1997

4. „Kreuzkirche und Fastentuch“, Zittauer Geschichtsblätter, Sonderheft 1, Verlag Günter Oettel, 2002

5. http://de.wikipedia.org/wiki/Fastentuch 30.8.2008