150 Jahre Treue zum Werk Kolpings (Hermann Colli)

Kolpingsfamilie, einer der ältesten Villinger Vereine

Mitglieder des Vorstandes und des Organisationsteams des Jubiläumsvereins im Kolpingzimmer des Münsterzentrum mit der Büste Adolph Kolpings: (von links) Dieter Fischerkeller, Johann Buchholz, Barbara Weiss, Clemens Lang, Harry Meßmer, Clemens Colli, Christoph Müller und Roswitha Käfer. Nicht im Bild sind Präses Werner Neugart und Clemens Müller.

 

Einer der ältesten Verein Villingens feierte 2008 sein 150jähriges Bestehen: Die Kolpingsfamilie, die bei ihrer Gründung noch Katholischer Gesellenverein hieß. Das war Anlass ein zünftiges Jubiläumsfest zu feiern. Das ging am 13. und 14. September in sehr harmonischer Weise über die Bühne. Höhepunkte des Jubiläums war der Festgottesdienst im Münster mit Altdekan Kurt Müller als Hauptzelebrant und Festprediger und ein Festakt im Münsterzentrum bei dem der langjährige Ministerpräsident von Baden-Württemberg, Erwin Teufel, eine beeindruckende Festrede hielt. Erwin Teufel ist selbst seit Jahrzehnten Kolpingmitglied, er hält seit seiner ersten Kandidatur für den Landtag Baden-Württemberg eine enge Verbindung zu den Villinger Kolpingsbrüdern und Kolpingschwestern. Das Jubiläum ist Anlass, einen Blick in die Geschichte des Vereins zu werfen und den Gründer des großen internationalen Sozialwerkes, Adolph Kolping, in den Blickpunkt zu rücken.

Zum Festgottesdienst im Münster zogen auswärtige Vereine mit ihren Bannern in das vollbesetzte Gotteshaus ein.

 

 

Erwin Teufel, langjähriger Ministerpräsident des Landes Baden-Württemberg war Festredner beim 150jährigen Jubiläum der Kolpingsfamilie Villingen.

 

„Anfangen ist oft das Schwerste – Treu bleiben aber das Beste“. Diese Worte Adolph Kolpings (1813 bis 1865) sind für das Jubiläum der Villinger Kolpingsfamilie wie geschaffen. Sie könnten als Motto über der Geschichte des Jubiläumsverein stehen. Wer in die Historie dieser Bewegung hineinschaut weiß, wie Recht der „Gesellenvater“ hatte als er diese Worte seinen „Söhnen“ ins Stammbuch schrieb.

1858, noch zu Lebzeiten Adolph Kolpings, rief der damalige Vorstand der höheren Bürgerschule, Kaplan Reich, in Villingen den Katholischen Gesellenverein – so hieß die Kolpingsfamilie bis 1933 – ins Leben. Ihm stand als Senior ein junger Mann namens Wieder zur Seite. 26 Mitglieder zählte der Verein im Gründungsjahr. Doch das Villinger Kolpingschiff kam nicht so richtig in Fahrt. Als der Präses andere berufliche Verpflichtungen übernehmen musste, und der Senior heiratete, kam die Vereinstätigkeit zum Erliegen. Auch einem Neuanfang 1867 war kein großer Erfolg beschieden. Erst als 1882 Kaplan Josef Scherer den dritten Versuch wagte, kam die Wende. Josef Scherer, der später Stadtpfarrer in Villingen war und hier 1912 starb, lenkte das Vereinsschiff ins richtige Fahrwasser. Ihm stand ein Gerbergeselle, dessen Name nicht mehr bekannt ist, als Senior zur Seite. Die 18 Mitglieder trafen sich im Vereinslokal „Lilie“. Die Mitgliederzahl wuchs schnell. 42 Aktive und 40 Passive standen 1889 in der Liste. In dem Jahr bekamen die Kolpingbrüder ein eigenes Vereinshaus.

Das Gasthaus „Engel“ vor dem Riettor war einst das Vereinshaus des Katholischen Gesellenvereins, der sich später in Kolpingsfamilie umbenannte. 1917 wurde das Gebäude für 85.000 Mark an die Deutsche Hollerith Maschinen GmbH verkauft. Heute ist – nach einem umfassenden Umbau – die Dresdner Bank hier zu Hause. Die Kolpingsfamilie führte im großen Saal zahlreiche Theaterstücke auf. Die Villinger nutzen die Räumlichkeiten für Familien- und Vereinsfeste.

 

Anton Faller hatte für 14.500 Mark den „Engel“ gekauft. Dort entwickelte sich ein reges Vereinsleben mit vielen Höhe und Tiefen. Im Weltkrieg 1914/18 erloschen die Aktivitäten fast völlig. Viele Mitglieder, die als Soldaten an der Front waren, kehrten nicht in ihre Heimat zurück. Im Kriegsjahr 1917 war der Mitgliederstand auf acht Kolpingsöhne geschrumpft.

Ein Ereignis von weittragender Bedeutung war der Verkauf des Vereinshauses „Engel“ an die „Deutsche Hollerith-Maschinen GmbH“ in Berlin für 85.000 Mark. Der Chronist Ignaz Wiel, der die ersten hundert Jahre des Vereins, in dem er selbst äußerst aktiv war, detailliert aufgezeichnet hat, schreibt dazu: „Dieser unglückselige Beschluss wirbelte viel Staub auf, die Nachricht traf die Gesellen, welche als Soldat im Felde standen, wie ein Keulenschlag, denn sie hatten ihre Heimat verloren …“

Auf eine beachtliche Zahl an Mitgliedern war die Kolpingsfamilie, die damals noch „Katholischer Gesellenverein“ hieß, Anfang der Zwanziger Jahre angewachsen. Im Ersten Weltkrieg war ihre Zahl auf knapp ein Dutzend geschrumpft. Vor dem „Alkoholfreien Restaurant“ von Karl Wacker im Romäusring 18 (gegenüber vom Gefängnis), stellten sich die Mitglieder von Gesellenverein und Lehrlingsverein dem Fotografen. Hier hatten sie, nachdem ihr Vereinshaus „Engel“ in der Vöhrenbacherstraße verkauft worden war, ein neues Zuhause gefunden.

 

 

Erinnerung an das Jubiläum zum hundertjährigen Bestehen der Kolpingsfamilie Villingen im Jahr 1958: Ein großartiger Festzug mit zahlreichen Wagen, die an die alten Handwerkerzünfte erinnerten, oder in Motivwagen das Werk Kolpings würdigten, zogen mit rund 800 Kolpingern und fast hundert Fahnen und Bannern durch die festlich geschmückte Zähringerstadt. Hier präsentieren die Schmiede ihr Handwerk.

 

Im neu angemieteten Nebenzimmer des Hauses von Karl Wacker, der im Romäusring 18 ein Lokal mit einem „Alkoholfreien Restaurant“ betrieb, erlebte der Verein einen enormen Aufschwung, der über Jahrzehnte hinweg anhielt und das soziale, gesellschaftspolitische, kulturelle und religiöse Leben Villingens wesentlich beeinflusste. Mitglieder des Katholischen Gesellenvereins besetzten zahlreiche führende Positionen des Öffentlichen Lebens. Einen enormen Bruch brachte der Nationalsozialismus, der die Arbeit der Kolpingsfamilie fast völlig zum Erliegen brachte. Im Zweiten Weltkrieg waren aus der Reihe der Mitglieder, die fast alle als Soldaten eingezogen worden waren, sehr viele Opfer zu beklagen.

Einen Neuanfang gab es am 26. Oktober 1946. Im Gemeindehaus an der Waldstraße fand die erste Generalversammlung seit 1934 statt. Ein Jahr später etablierte sich in der Südstadtpfarrei St. Fidelis eine eigene Kolpingsfamilie, die aber mit der bisherigen, die sich jetzt „Kolpingsfamilie Münster“ nannte, im Sinne des Vereinsgründers, zusammenarbeitete. In beiden Gemeinschaften entwickelte sich ein sehr lebendiges Vereinsgeschehen. Das „Hundertjährige“ wurde am 19. und 20 Juli 1958 mit einem großen Festprogramm gemeinsam gefeiert. Im Juni 1970 schlossen sich die beiden Vereine wieder zur „Kolpingsfamilie Villingen“ zusammen. Sie bilden seither eine lebendige Gemeinschaft, die im Sinne Adolph Kolpings versucht, dessen immer noch aktuelles Gedankengut in unsere Zeit zu tragen. Mitte der 70er Jahre öffnete sich die Gemeinschaft, die bis dahin nur männlichen Mitglieder vorbehalten war, auch für Frauen, die seither sehr aktiv im Kolpingwerk mitarbeiten. Drei Namen seien hier stellvertretend für die zahlreichen engagierten Kolpingmitglieder genannt, die sich auf lokal- und landespoltischer Ebene für das Wohl der Allgemeinheit besonders einsetzten: Der langjährige Landtagsabgeordnete Karl Brachat sowie Hans Heuft und Ehrenbürger Ewald Merkle, die viele Jahre die Geschicke der Stadt im Gemeinderat mitbestimmten.

Zur Kolpingsfamilie Schwenningen besteht ein sehr enger und herzlicher Kontakt und zahlreiche Veranstaltungen werden gemeinsam durchgeführt. Und das nicht erst seit dem Städtezusammenschluss 1972. Im Protokollbuch der Villinger ist vermerkt, dass sie im Jahre 1894 am ersten Stiftungsfest des Brudervereins Schwenningen teilnahmen. „Der Verein wohnte mit Fahne der Vesper bei und nachher ging’s zum Bankett in den Württemberger Hof …“ hat der Chronist notiert.

Gesellenvater und Sozialreformer

Das Jubiläum der Kolpingsfamilie Villingen ist sicherlich ein Grund, den Gründer dieser katholischen Organisation, die sich inzwischen zum international anerkannten Sozialverband und zur geschätzten Bildungseinrichtung entwickelt hat, in den Blickpunkt zu rücken. Adolph Kolping kommt 8. Dezember 1813 in Kerpen bei Köln als Sohn eines Schäfers zur Welt.

Er wächst in bescheidenen Verhältnissen auf. Seinen Wunsch, Priester zu werden, kann er sich nicht erfüllen, weil seine Familie das Geld für Schule und Studium nicht aufbringen kann. Er macht eine Lehre als Schuhmacher und lernt in zehn Jahren als Geselle die Not der Handwerksgesellen zu Beginn des Industriezeitalters hautnah kennen. Das weckt umso mehr seinen Wunsch, jungen Menschen als Seelsorger zu helfen. Mit einer enormen Energieleistung schafft er Gymnasium und Studium. Am 13. April 1845 empfängt er die Priesterweihe in der Minoritenkirche in Köln.

Als Kaplan in Wuppertal-Elberfeld lernt er den dort von Johann Georg Breuer neugegründeten Gesellenverein kennen, der sich besonders der jungen Menschen annimmt, die durch die aufstrebende Industriegesellschaft und den Zusammenbruch des Zunftwesens „heimatlos“ geworden sind.

 

Diesen Menschen zu helfen wird für ihn zur Lebensaufgabe. Er lässt sich als Domvikar nach Köln versetzen und gründet dort am 6. Mai 1849 mit sieben Gesellen in der Kolumbaschule den Kölner Gesellenverein. Das war die Keimzelle für ein weltumspannendes Sozialwerk. Er wird für die jungen Menschen, denen er durch ein breites Angebot an Bildung und sozialer Hilfeleistung zu einer persönlichen Lebensgestaltung verhelfen will, zum verehrten „Gesellenvater“. In den Gesellenhäusern (später Kolpinghäusern) schafft er ihnen ein Dach über den Kopf und eine Stätte, wo sie Gemeinschaft und Solidarität erleben. Diese Idee breitet sich rasch aus. In ganz Deutschland und auch in anderen europäischen Ländern, entstehen Gesellenvereine und Häuser, die jungen Menschen Heimat und Bildung bieten. Durch sein Wirken wird Adolph Kolping zum Mitbegründer der katholischen Sozialbewegung und zugleich Wegbereiter der katholischen Soziallehre. Er stirbt am 4. Dezember 1865 in Köln und findet in der Minoritenkirche seine letzte Ruhestätte. Generationen von Kolpingsöhnen und Kolpingschwestern erfüllen an dieser Stätte ihrem Gesellenvater und Vereinsgründer seinen letzten bescheidenen Wunsch:

„Ich bitte um das Almosen des Gebetes.“

Am 27. Oktober 1991 wird Adolph Kolping, dessen Lebenswerk sich inzwischen in mehr als 50 Ländern auf allen Kontinenten verbreitet hat, in Rom durch Papst Johannes Paul II. seliggesprochen. Eine große Delegation der Kolpingsfamilie Villingen nimmt an diesem Ereignis teil.