800 Jahre Herzogenweiler (Bertram Jenisch)

Festvortrag vom 25. Juli 2008

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Dr. Kubon, sehr geehrte Damen und Herren Abgeordnete und Stadträte, liebe Herzogenweiler und Gäste!

Als mich Herr Dr. Maulhardt vor etwa einem Jahr fragte, ob ich an einer geplanten Ortschronik Herzogenweiler mitwirken würde, habe ich aus zwei Gründen spontan zugesagt. Zum einen wegen meiner seit vielen Jahren engen Verbundenheit zur Stadt Villingen-Schwenningen – ich habe allein 8

Jahre in Villingen ausgegraben, darüber meine Doktorarbeit verfasst und auch bei der Neueinrichtung des Franziskanermuseums mitgewirkt. Dabei entstanden natürlich auch enge persönliche Bindungen. Zum anderen reizte mich die Aufgabe, auch weil sie gleich zwei meiner Forschungsschwerpunkte berührt: die Erforschung der Siedlungsentwicklung im Mittelalter und die Geschichte der Schwarzwälder Glashütten.

Mit Herzogenweiler habe ich mich daher schon seit 1995 immer wieder wissenschaftlich befasst, freilich nicht in der Tiefenschärfe, die jetzt durch die gemeinsame Arbeit erreicht wurde. Für mich war während der Zeit der Vorbereitung auf das heutige Ereignis besonders die Begegnung mit Herrn Wekenmann wichtig, den ich zuvor nicht kannte. 30 Jahre seiner Freizeit widmete er dem Sammeln von Schwarzwälder Glas mit einem Schwerpunkt Herzogenweiler. Man darf wohl sagen, dass er eine mehr als bemerkenswerte Sammlung zusammengetragen hat. Bei der Beschäftigung mit diesem faszinierenden Produkt der Region hat er sich eine Kenntnis erworben, die weit über die des Amateurs, des Laienforschers hinausgeht. Seine Erkenntnisse flossen in die Ortschronik ein und er bestreitet auch einen Großteil der Ausstellung, die ab morgen im Rathaus und später im Franziskanermuseum zu sehen sein wird. Für seine offene Zusammenarbeit und dafür, dass er bereitwillig seine Sammlungsstücke zur Verfügung stellt, gebührt ihm unser aller Dank.

 

Das Wappen von Herzogenweiler zeigt einen … Kelch…. In der Homepage der Stadt Villingen-Schwenningen heißt es über den Stadbezirk: „Von Wäldern umschlossene, kleine bäuerliche Wohnsieglung, südwestlich von Villingen.1208 zum erstenmal urkundlich erwähnt. Bis ins 12. Jahrhundert wurde die Gemarkung zusammen mit Pfaffenweiler „Wiler“ genannt. Wie der Name sagt, Weiler der Herzöge von Zähringen. Später zur Fürstenbergischen Landgrafschaft Baar gehörend. Am 1. April 1972 freiwillige Eingliederung in die Stadt Villingen-Schwenningen.

 

Der Siedlungsbeginn von Herzogenweiler ist bislang nicht bekannt. Nicht einmal dessen genaue Lage und Größe ist uns überliefert. Bei den ersten urkundlichen Erwähnungen 1208 und 1221 ist eine Marktgemeinschaft mit dem unweit östlich gelegenen, älteren Ort Pfaffenweiler belegt. Die beiden benachbarten Weiler-Orte bildeten bereits selbständige Kirchorte des späten 12. Jahrhunderts, deren Entstehung eng mit den Zähringern verbunden ist. Die Pfarrei Herzogenweiler trägt den Namen des Herzogs (von Zähringen) zur Unterscheidung von Pfaffenweiler, das der klösterlichen Grundherrschaft von Salem unterstand. Der Namenszusatz „Weiler“ kennzeichnet beide Ansiedlungen als Orte des mittelalterlichen Landesausbaus.

Das mittelalterliche Herzogenweiler lag nicht an der Stelle des heutigen Dorfes, sondern etwa 1 km nordöstlich davon. Die archäologische Überlieferung weist auf eine Lage des alten Ortes am Rand der westlich des Bregtals liegenden Hochfläche im Waldbezirk Schlossberg/Pfeifer. Nordwestlich des Wolfbachbrunnens finden sich dort Hinweise auf die hochmittelalterliche Siedlungswüstung Herzogenweiler. Unweit dieser Siedlung lag am Abstieg in das Bregtal, im Gewann Schlossermatte, eine schon früh abgegangene mittelalterliche Burg. Von der einstigen Anlage hat sich lediglich die mächtige Aufschüttung des Burghügels mit dem darum führenden, weitgehend verfüllten Graben erhalten. Aufgrund der Form ist die Burg dem im 11. und 12. Jahrhundert weit verbreiteten Burgentyp der Turmhügelburg/Motte zuzurechnen. Zur Struktur dieses abgegangenen Dorfes Herzogenweiler kann kaum etwas gesagt werden. Es wurde wohl im Zusammenhang mit der Gründung von Vöhrenbach im 14. Jahrhundert verlassen.

Das Dorf wurde aber nicht ganz verlassen, der ehemalige herrschaftliche Maierhof blieb weiter bestehen. Dass wir dies mit Funden belegen können, verdanken wir wiederum Herrn Wekenmann. Dieser später den Fürstenbergern gehörende Hof war Anknüpfungspunkt für die zweite Gründung des Ortes.

Am 31. Oktober 1721 schloss Fürst Joseph Wilhelm Ernst zu Fürstenberg mit den sechs Glasmachermeistern Philipp Mahler, Hans Georg Mahler, Hans Michael Eckmann, Balthasar Krieger, Peter Sigwarth und Christian Steinhardt einen Vertrag, der es ihnen gestattete, 51 Jahre lang auf der Gemarkung Herzogenweiler am Wolfbach eine Glashütte zu errichten und zu betreiben.

Es sind nicht zufällig sechs Glasmacher, die als Gruppe Vertragspartner des Fürstenbergers wurden. Diese Zahl begegnet uns immer wieder in Verträgen mit Glasmachern und ist darauf zurückzuführen, dass die in unserer Region üblichen Glasöfen sechs Arbeitsöffnungen aufwiesen, somit eine volle Ausnutzung der Anlage möglich war. Die Gründer der Glashütte sind auch keine Unbekannten – über die gesamte Neuzeit wird das Gewerbe der Glasmacher im Schwarzwald und Schweizer Jura von den Familien Mahler, Sigwart und Greiner geprägt. Es hat sogar den Anschein, dass man innerhalb der vielfach durch Heirat verbundenen Sippen die Rezepturen und Technologien zur Herstellung von Glas als Betriebsgeheimnis hütete und nicht weitergab.

Die genannten Glasmacher von der Glashütte Rotwasser bei Lenzkirch gründeten 1723 das Dorf Herzogenweiler. Bei der Gründung ließ sich auch der Glasschneider, Maler und Schraubenmacher Andreas Thoma in Herzogenweiler nieder. Nach einer Einwohnerliste von 1772, als die Pacht in eine Erbleihe umgewandelt wurde, wuchs der Ort rasch auf zwanzig Haushalte mit 138 Einwohnern. Sie betätigten sich neben der Glasbläserei und Nebenerwerbslandwirtschaft als Glasträger. Die Meister bildeten ab 1818 eine Genossenschaft. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts stellte man in der Hütte nur noch einige Monate im Jahr Glas her. Die Hütte wurde zuletzt von Josef Faller als Teilhaber der Firma Josef Faller & Cie. Lenzkirch geleitet. Nach deren Auflösung 1880 stellte man die Produktion ein. Die 1723 gegründete Glashütte Herzogenweiler wurde insgesamt 157 Jahre lang an einem Ort betrieben und gehörte somit zu den am längsten an einem Ort arbeitenden Hütten im Schwarzwald.

Nach diesem Schnelldurchlauf durch die Geschichte des Ortes stellt sich natürlich die Frage, warum sich die Glaser ausgerechnet in Herzogenweiler niederlassen wollten.

Zur Herstellung von Glas in vorindustrieller Zeit wurde in einem Schmelzhafen ein Gemenge von (Quarz-) Sand und Asche erhitzt. Reiner Quarzsand würde erst bei 1600° C schmelzen, durch die Zugabe eines sogenannten Flussmittels schmilzt das Gemenge bei etwa 1200° C zu Glas, das dann zwischen 800 und 550° C noch verformbar ist. Als Flussmittel wurde bis in das 19. Jahrhundert Holzasche, insbesondere die gereinigte Pottasche, verwendet. Später ersetzte man sie durch chemische Zuschlagstoffe, u. a. das Mineralsalz Soda (Natriumcarbonat).

Der wichtigste Rohstoff für die traditionellen Glasmacher war daher das Holz. Nicht nur für den Betrieb der Öfen wurde es als Brennmaterial benötigt, sondern vor allem zur Gewinnung der Holzasche wurden große Waldflächen in Anspruch genommen. Um 100 kg Glas herzustellen benötigt man etwa 10 t (20 Ster) Holz. Das Gewerbe entwickelte sich daher vor allem in den abgelegenen Tälern, aus denen das Holz nicht durch Flößerei, Verarbeitung vor Ort oder den Bedarf von Bergwerken einer anderweitigen Verwendung zugeführt werden konnte. Herzogenweiler war demzufolge für die Glasmacher nahezu ideal.

In Herzogenweiler finden sich an verschiedenen Stellen Hinweise auf die Wohn- und Produktionsstätten der Glasmacher, die man auf unterschiedlichen Wegen lokalisieren kann. Die Werkstätten selbst sind nicht mehr, oder zumindest nur in geringen Resten im Untergrund vorhanden. Teilweise lassen sie sich aufgrund historischer Karten, Abbildungen, Schriftquellen und archäologischer Spuren lokalisieren und beschreiben.

Die eigentliche Glashütte, im 19. Jahrhundert als Glasfabrik bezeichnet, bestand ursprünglich inmitten des Dorfes. Das heute abgegangene Gebäude ist in Lageplänen des 19. Jahrhunderts südlich des heutigen Anwesens Greiner am Mattenweg 4 zu lokalisieren und wird heute als Streuobstwiese genutzt.

Auf der Gemarkung Herzogenweiler finden sich immer wieder markante Ansammlungen von Produktionsabfällen, die unmittelbar auf die ehemalige Glashütte hinweisen und uns Auskunft über deren Produktionsverfahren geben. Auf den Halden unweit der ehemaligen Glasöfen finden sich zahllose Bruchstücke verschiedener Formen und Farben, welche die ganze Produktpalette des Wirtschaftsbetriebs wiederspiegeln. In der Ausstellung können Sie sich von diesen faszinierenden kunsthandwerklichen Objekten bezaubern lassen.

Sie fragen sich vielleicht, warum ausgerechnet der Herr Wekenmann kommen musste, um diese Dinge zu finden, haben sich die Wissenschaftler dafür vorher nicht interessiert? Doch sie haben, aber wir – mich eingeschlossen – haben immer an der falschen Stelle gesucht! Wir schauten immer um den ehemaligen Standort der Glasfabrik und fanden so gut wie nichts. Herr Wekenmann lief aber die gesamte Gemarkung ab und fand die Abfallhalden in den Feldfluren. Vermutlich hat man die Kehrwoche in Herzogenweiler bereits früher eingeführt wie andernorts.

Wenn man sich einige Zeit mit einer Sache intensiv befasst, kommt man an den Punkt, an dem man sich fragt: Was ist hier anders als sonst, was ist hier besonders?

Zum einen ist es mehr als ungewöhnlich, dass ein Ort gleich zwei mal gegründet wurde: im Fall von Herzogenweiler zum ersten mal im 12. Jahrhundert und dann erneut 1721.

Herzogenweiler ist aber auch der seltene Beleg einer in der frühen Neuzeit gegründeten, spezialisierten Gewerbesiedlung. Die aus archäologischer Sicht gute Erhaltung von Produktions- und Wohnplätzen macht den Ort zu einem herausragenden Beispiel der frühen Wirtschaftsgeschichte unseres Landes.