Vom Aberglauben: Kreuzweg und Höllenhund (Werner Huger)

Glaube und Aberglaube sind dem Menschen wesenhaft und was den Aberglauben betrifft, eine verborgene Erscheinung die man nicht zu Markte trägt. Aufklärerische Vernunft und moderne elektronische Kommunikation wie Fernsehen und Internet vermochten wenig zu ändern. So ergab eine repräsentative Forsa-Umfrage1, dass eine Mehrheit von Frauen und Männern in Deutschland an übersinnliche Kräfte und Erscheinungen glaubt, zu denen auch Geisterkontakte gehören. Wir entfernen uns also nicht aus der Zeit, wenn wir die schicksalsträchtigen Legenden, Mythen und düstere Phantasien als realen Teil des Volksglaubens zur Kenntnis nehmen. Auch heute noch gibt es Bevölkerungskreise die sich als Eingeweihte in vermeintliche Geheimlehren verstehen.

Das Spezifische des Aberglaubens ist vor allem sein pseudoreligiöser Bezug, bei dem neben bösen Geistern, wie dem leibhaftigen Teufel und Hexen, manchmal auch göttliche Wesen, wie Engel, aber auch Fluch und Segen eine Rolle spielen. In Verbindung mit dem christlichen Glauben hat der Aberglaube offiziell als überholt zu gelten oder er widerspricht der kirchlichen Lehrmeinung. Mögen die Grenzen auch fließend sein, es ändert sich nichts an der Festgefügtheit des Aberglaubens, wie uns beispielhaft schon die Akten der Villinger Hexenprozesse lehren. Das zehnbändige „Handwörterbuch des Deutschen Aberglaubens“ liefert uns davon eine unübersehbare Fülle. So heißt es hier u. a. vom Kreuzweg „Unter den Orten, an denen nach dem Volksglauben das Übernatürliche am mächtigsten wirkt und die daher zu allerhand schützendem oder aber bösem Zauber geeignet sind, stehen die Kreuzwege in besonderem Ansehen. Zu ihnen gehören nicht nur die Stellen, wo sich zwei oder mehrere Wege kreuzen2 (Wegkreuzungen) sondern auch Weggabelungen (Wegscheiden)“. Als Aufenthaltsort der Geister sind sie magische Orte, wo unter bestimmten Bedingungen, z. B. um Mitternacht oder nach beschwörenden Ritualen, der Zauber obwaltet, sei es, dass man hier durch Belauschen der Geister Verborgenes oder Zukünftiges erkennt, Glück und Liebe erlangt oder Unglück und Tod erfährt oder den Geistern Verstorbener begegnet. Andererseits findet man hier Heilung von Krankheiten, Schutz vor Gefahren die Mensch und Tier drohen oder von diesen ausgehen und man vermag übernatürliche Kräfte zu gewinnen.

Die Bücher mit Sagen, Legenden und die vom Volksleben, bis hin zur spätmittelalterlichen Chronik der Grafen von Zimmerns von kulturgeschichtlichem Rang, sind gespickt mit derartigen Geschichten. Gleiches gilt bis heute von mündlich weiter gegebenen Erzählungen, seien sie ernstgemeint oder sarkastisch. Um konkret zu werden: Eines Tages stand ich mit einem Arbeiter aus dem Steinbruch im Groppertal beim Gasthof „Forelle“ auf heimatlicher Flur am Straßenrand. Mit ausgestrecktem Arm zeigte er auf die gegenüberliegende Höhe, Richtung Breitbrunnen/Unterkirnach, wo sich der Stadtwald ausbreitet, und sagte den mir unvergessenen Satz: „Dort droben, auf ‚m Kreuzweg, nachts um Zwölfe, no kommt ER und no muscht unterschreibe, mit Blut“. Er meinte damit, man müsse dem Teufel Leib und Seele verschreiben.

Wir wollen in der Heimat verbleiben, auch wenn wir uns „ins Tal“ entfernen, d. h. hinunter nach Haslach, wo einst der Volksschriftsteller Pfarrer Hansjakob in seinen „Schneeballen“ dem

„Wendel auf der Schanz“ auf dem hochgelegenen Fehrenbacher Hof ein literarisches Denkmal gesetzt hat.

Einst soll im alten Haus des Fehrenbacher Hofes (vor 1888) ein böser Geist, der „Höllenhund“, umgegangen sein. Als das Haus um 1890 abbrannte erstand es an einstiger Stelle neu und war zeitweilig ein Gasthof. Heute steht es leer und wird nur zeitweilig bewohnt.

 

Wenngleich es in der nachstehend geschilderten Geschichte vom Kreuzweg bzw. „Höllenhund“ zu Verwechslungen der Familiengeschichte von Vater und Sohn und einigen Ungereimtheiten kommt, ist in ihr nichtsdestoweniger der Aberglaube erhalten geblieben, der bei der Gründung der närrischen „Höllenhundzunft Hofstetten e.V.3“ Pate stand. Und so erzählt die „Höllenhundzunft“ die Geschichte: Die Sage vom Höllenhund in Hofstetten.

Oberhalb vom Fehrenbacher Hof, an der Gemarkungsgrenze zwischen Hofstetten (Anm.: Ortsteil von Haslach) und Welschensteinach, der sogenannten Teufelsküche, erhebt sich das Fehrenbacher Kreuz, welches 1872 von Wendelin und Genoveva Fehrenbacher gestiftet wurde. Unweit des Kreuzes (Anm.: nördlich davon bei der gegenüber liegenden Wegseite) soll ein „Höllenhund“ begraben sein, der einst auf dem Fehrenbacher Hof sein Unwesen getrieben habe. Nach dem Tode des als Prozesskrämer verschrieenen ehemaligen Bürgermeisters von Hofstetten und Besitzer des Fehrenbacher Hofes, Josef Fehrenbacher, im Jahr 1863, soll auf dem Hof ein böser Geist in Gestalt eines abscheulichen schwarzen Hundes umgegangen sein. Eines Abends hatten sich die Bewohner der umliegenden Höfe auf dem Fehrenbacher Hof zu einem Lichtergang zusammengefunden. Plötzlich klopfte es an die Tür. Nichts Gutes ahnend öffnete die Bäuerin und rief: „Rie was rie mueß!“. Da sprang unter die erschrockenen Gäste ein furchterregender schwarzer Hund.

Vom Fehrenbacher Hof geht der Blick hinab ins Altersbacher Tal bei Hofstetten/Haslach und hinüber zu den östlichen Schwarzwaldhöhen beim Farrenkopf (789 m).

 

Seit jenem Abend ließ er sich nicht mehr aus dem Haus vertreiben. Der Sage nach nahm das Gespenst mitunter verschiedene Gestalten an. Einmal soll es eine Maus, das andere Mal eine Schlange gewesen sein, die sich um den Ofen herumwand und bis zum Fenster reichte. Die Bewohner des Fehrenbacher Hofes und mit ihnen viele Hofstetter Bürger waren durch den Geist in Angst und Schrecken versetzt. In der Not holte der damalige Hofbesitzer, Wendelin Fehrenbacher, wiederholt den Eigentümer und gehört heute einer Berliner Familie, die es nur zeitweilig bewohnt. Der übrige Grundbesitz geriet in eine Erbteilung und ist für die Besitzer mehr Last als Nutzen. Vom Haus führt ein ansteigender befestigter Weg rund 150

Meter zum Höhenrücken im Norden. Am Scheitelpunkt treffen sich der von Haslach heraufziehende sowie der von Nordwesten aus dem Welschensteinacher Tal ansteigende und der südwestlich aus 720 Meter vom Hesseneck herabführende Weg. Wo die Scheidewege aufeinander treffen, an ihrem Schnittpunkt, ist der magische Ort, der sich mit dem Begriff „Kreuzweg“ verbindet. Hier soll, wie man mir aus der Bevölkerung berichtet hat, der vom Kapuziner unter einen Sautrog gebannte Höllenhund verborgen sein. Wenige (Anm.: der Sohn des oben genannten Josef F.) einen Haslacher Kapuziner, der den hartnäckig im Haus herumspukenden Hund bannen sollte. Auf die Frage des Kapuziners, wer er denn sei, antwortete der Hund, er sei der böse Geist des verstorbenen Josef Fehrenbacher, der zur Strafe für sein ständiges Prozessieren und seine andauernden Streitigkeiten keine Ruhe finde und nun als „Höllenhund“ umherirre. Der Geist bat den Kapuziner, ihn nicht ins Freie zu bannen, wo er den Unbilden der Witterung ausgesetzt wäre. Um dieser Bitte zu entsprechen, bannte der Kapuziner den Höllenhund unter einem Sautrog und ließ ihn oberhalb des Fehrenbacher Hofes auf einer Wiese begraben. Wenige Meter daneben errichtete einige Jahre später Wendelin Fehrenbacher ein schönes Steinkreuz mit dem Bildnis des gekreuzigten Heilands, in der Hoffnung, dass der „Höllenhund“ für immer von seinem Hof verbannt sein und die arme Seele seines Vaters endlich die Ewige Ruhe finden möge.

Das alte Haus des Fehrenbacher Hofs brannte vor mehr als hundert Jahren ab.

Der Wendelin und seine Genoveva waren davor schon in den wirtschaftlichen Ruin geraten und lebten damals armselig in einer Behausung der Stadt Haslach. Man hat ihn zunächst sogar der Brandstiftung verdächtigt. An der Stelle des alten Hofgebäudes wurde das heutige Haus gebaut, das zeitweilig auch als Gasthaus diente.

An der nördlichen Hofgrenze steht das Fehrenbacher Kreuz. Seine Inschrift lautet: Gestiftet von Wendelin Fehrenbacher und dessen Ehefrau Genovefa anno 1872.

 

Ein magischer Ort: Der Kreuzweg nördlich oberhalb des Fehrenbacher Hofes. Auf der dem Hofkreuz diagonal gegenüber liegenden Ecke (links) soll der Höllenhund gebannt sein.

Es wechselte Meter gegenüber, dort wo man den Privatweg zum Fehrenbacher Hof betritt, steht am Wiesenrand auf dem Hofgrund das erwähnte Sandsteinkreuz des Wendelin Fehrenbacher und seiner Ehefrau Genoveva aus dem Jahr 1872.

Frömmigkeitsgeschichtlich ist, neben anderen religiösen Funktionen, das Kreuz zunächst ein Zeichen des lebendigen Gottes und wird als Auferstehungssymbol zum Heilszeichen. So ist sein Standort stets ein geheiligter Ort. Das Kreuz bietet sowohl Schutz als auch Segen und mahnt gleichzeitig zur Andacht. Im Volksglauben (Herrgottswinkel, Wegkreuz) „werden ans christliche Symbol oft magische Erwartungen geknüpft“4.

In diesem Zusammenhang ist das Feldkreuz des Wendelin und der Genoveva Fehrenbacher zu sehen. Es steht an keinem zufälligen Standort. Es ist exakt auf den Schnittpunkt des Kreuzweges bzw. der Scheidewege ausgerichtet und es steht am Rande des Fehrenbacher Grundbesitzes, ja es liegt genau der Stelle gegenüber, wo dem Aberglauben nach der Höllenhund verborgen liegt. Auf diese Weise wird man in dem Flurkreuz auch ein Bannungszeichen sehen dürfen, das die bösen Geister, die Höllenmächte, nicht zuletzt den Höllenhund, von Haus und Hof fernhalten soll.

Als 1872 das Kreuz vom Wendelin und seiner Genoveva errichtet wurde, lebte man in dieser Weltabgeschiedenheit noch ganz mit den magischen Zeichen der Natur, die vermeintlich bestimmend ihren Zugriff auf den Menschen ausübten und ihn, verbunden mit dem Glauben und dem Aberglauben, beherrschten.

Literatur und Quellen:

Meyer Elard Hugo, Badisches Volksleben im 19. Jahrhundert, 1990 Handwörterbuch des Deutschen Aberglaubens, Gruyter Verlag, Berlin 1986, Band 5, Spalte 516 ff.

1 Forsa-Umfrage für „Die Woche“, April 1997.

2 Handwörterbuch d. D. A., a.a.O., Bd. 5, Spalte 516.

3 Computerausdruck aus der Homepage der „Höllenhundzunft Hofstetten e.V.“

4 Lurker Manfred, Wörterbuch der Symbolik, Kröner Verlag Stuttgart, 1991, S. 406, Stichwort: Kreuz.