COLLIGERE FRAGMENTA NE PEREANTPater Alban Dold, Benediktiner der Erzabtei Beuron, ein großer Gelehrter und Ehrenbürger seiner Heimatstadt Villingen, zum 40. Todestag am 27. September 2000. (Dr. Edith Boewe-Koob)

Colligere fragmenta ne pereant, diese Christus- Worte, die im Evangelium des Johannes 6,12 auf- gezeichnet sind,1) begleiteten Pater Alban Dold sein ganzes Priester- und Mönchsleben. Er über- trug dieses Herrenwort auf seine Arbeit und beschäftigte sich jahrelang mit größter Konzentration, „diese alten unlesbaren, übriggebliebenen Stücke, damit sie nicht verlorengehen“ zu entziffern und liturgisch einzuordnen. Aber das Unbe- kannte und Rätselhafte zog Pater Alban Dold immer wieder in seinen Bann2) und er scheute keine Anstrengung, dieses zu entdecken und wissenschaftlich zu erforschen.

Alban Dold wurde als jüngstes Kind der angesehenen Villinger Fabrikanten- und Bankiersfamilie Dold am 7. Juli 1882 in Villingen geboren und auf den Namen Erich getauft. Er hatte mehrere Geschwister. Seine Eltern waren Heinrich und Leopoldine Dold. Erich verbrachte seine Schulzeit in Villingen, Freiburg und Seckau in der Steiermark, wo er als Oblatenschüler in die Benediktiner-Abtei eintrat. Damit beschritt er den gleichen Weg wie seine Schwester Agnes, die in Prag/Smichow Benediktinerin geworden war. Nach Vollendung seiner Gymnasialzeit wurde er

1902 Chorpostulant in der Erzabtei Beuron und legte im Jahr 1903 seine Profess ab. Von 1903-1905 studierte er in Maria Laach Philosophie und von 1905-1909 Theologie in Beuron.3) Schon während seines Klerikats befasste sich Frater Alban mit Liturgiestudien, die er auch nach seiner Priesterweihe am 22. September 1908 fortsetzte. Es war eine besondere Ehre, dass Pater Alban 1910-1913 als Sekretär des Abt-Primas in Rom arbeiten konnte. Als er 1913 wieder nach Beuron zurückkehrte, wurde er in der Klosterverwaltung als Prokurator und Leiter der Klosterökonomie eingesetzt.

 

Pater Alban Dold. Foto: E. von Pagenhardt.

 

Trotz dieser verantwortungsvollen Aufgabe konnte er einige kleinere liturgische Aufsätze bereits vor dem 1. Weltkrieg publizieren. Sein 1. größeres Werk, „Die Konstanzer Ritualientexte in ihrer Entwicklung, von 1482-1721“ hatte er in dieser Zeit bereits als Manuskript fertiggestellt.4) Um die Arbeit Pater Alban Dolds zu verstehen und auch seine großartigen wissenschaftlichen Leistungen würdigen zu können, ist es wichtig, die einzelnen Fakten am Anfang zu erläutern:

In der Antike wurde als Schreibstoff Papyrus benutzt. Er wurde aus dem Mark der Papyrusstaude hergestellt, dann in Streifen geschnitten, die vertikal und darüber horizontal nebeneinander gelegt wurden. So wurden sie zu Schreibblättern verarbeitet. Eine Anzahl dieser Blätter wurde aneinandergeklebt, mit der horizontal gefaserten Seite (recto) nach innen zu einem Ballen gerollt und für Schrifttexte verwendet. Es wurde meistens nur die Rectoseite beschriftet.5) Diese Papyrusrollen waren nicht sehr widerstandsfähig und ergaben ein relativ rauhes Schreibmaterial. Diese Sprödigkeit ließ sich durch die Behandlung mit Zedernöl verringern. Neben der Papyrusrolle wurde auch schon in der Antike Pergament verwendet, das wegen seiner Festigkeit und der besseren Nutzung die Papyrusrolle im 4. Jahrhundert verdrängte. Die Pergamentblätter konnten zu einem Buch zusammengebunden werden. So wurde das Pergament zum häufigsten Beschreibmaterial im Mittelalter. Hierfür wurden Häute von Schafen, Kälbern und Ziegen verwendet, die in Kalklauge gebeizt und dann mit einem Schabeisen gereinigt wurden. Danach spannte man die Haut auf einen Rahmen, sie wurde getrocknet und wieder mit einem Schabeisen bearbeitet, um eine gleichmäßige Oberfläche zu erhalten.6) Da Pergament ein teurer Schreibstoff war, wurden nicht mehr gebrauchte Pergamenthandschriften ausradiert und neu beschriftet. Diese nochmals beschriebenen Pergamente heißen Palimpseste (griech.) oder Codices rescripti (lat.). Die 1. Schrift wurde entweder mit einem Schwamm abgewaschen, mit einem Bims- stein abgerieben oder durch Abschaben mit einem Messer getilgt. Dann konnte das Pergament in Milch gelegt und mit Bimsstein und Kreide behandelt werden, um wieder seine ursprüngliche Farbe zu bekommen.

Durch das Abschaben der alten Beschriftung der Pergamentblätter ging wichtiges Textmaterial verloren. Bereits vor mehr als 100 Jahren wurden, um die Lesbarkeit der Palimpsesthandschriften zu er- höhen, chemische Reagenzien benutzt, die zwar die ursprüngliche Schrift für den Augenblick les- barer machte, aber für spätere Studien unbrauchbar wurde, da die Reagenzien das Pergament an- griffen und die Schrift stellenweise zerstört wurde. Erst der Fortschritt durch die fotografische Technik stellte mit dem Fluoreszenz-Verfahren der Forschung ein neues Mittel zur Verfügung, das die

Lesbarkeit der Palimpseste ermöglichte, ohne di eHandschriften anzugreifen.

Obwohl die Ergebnisse der Aufnahmen durch die Palimpsestfotografie in den meisten Fällen ausgezeichnet waren, zeigte es sich doch an manchen Stellen, dass die Erstschrift, also die abgeschabte Schrift, nicht mehr fotografisch zu erfassen war, weil fast alle Tintenspuren der Schrift durch die Schabung entfernt worden waren. Trotzdem konnten viele Texte oder Textteile auch auf diesen Seiten aus dem Original noch entziffert werden, da die einzelnen Buchstaben durch starken Feder- druck eingeritzt waren. Andere Textteile waren durch sinnlose Behandlung mit Reagenzien, die auf der fotografischen Platte wie Tinte selbst wir- ken und daher auf dem Abzug ganze Zeilen unleserlich machen, zerstört worden.

Nachdem im Verlauf des 13. Jahrhunderts das Papier als ursprünglich chinesische Erfindung auch in das Abendland gelangte, wurde das Pergament nach und nach verdrängt. Dieses wurde jetzt nicht mehr zur erneuten Beschriftung abgeschabt, sondern die obsolet gewordenen Handschriften zerstückelt und beim Buchbinden zur Verstärkung oder als Umschlag für Urkunden oder Listen verwendet. Dadurch sind Fragmente mittelalterlicher Handschriften, oft schadhaft, erhalten geblieben.7) Diese sind für die Wissenschaft von großer Bedeutung, wenn sie entziffert und eingeordnet werden. Im Jahr 1911 entwickelte Pater Andreas Kögel OSB, der zu der brasilianischen Kongregation gehörenden Abtei S. Andrè in Belgien,8) auf Grund von Vorarbeiten anderer, die Palimpsest- fotografie, die gegenüber den chemischen Palimpsestuntersuchungen einen Textgewinn von mehr als 50% brachte und zudem unschädlich für die Schriften war. Der Erzabt Ildefons Schober (1908-1918) von Beuron bat Pater Kögel nach Beuron, um ein Palimpsest-Institut zu errichten und die Patres Anselm Moser († 1951), Emmanuel Munding († 1960) und Notker Langenstein († 1961) mit der Materie vertraut zu machen. Das gemeinsame Ergebnis war der 1913 erschienene 1. Folioband „Spicilegium Palimpsestorum“, der den Codex 193 von St. Gallen in Palimpsestfotografie wiedergibt. Diese Arbeit erregte in der wissenschaftlichen Welt großes Aufsehen. Leider konnte diese Arbeit durch den ausgebrochenen 1. Weltkrieg nicht fortgesetzt werden, weil die Druckkosten zu hoch waren.

Als Pater Alban 1917 wegen einer Erkrankung aus dem Krieg, wo er als Feldgeistlicher eingesetzt war, nach Beuron zurückkehrte, wurde ihm von seinem Erzabt Ildefons Schober die technische Betreuung der Apparatur zur Palimpsestfotogafie übertragen. Das war 1917 ein schwieriges und äußerst kompliziertes Verfahren. Die Belichtungszeiten betrugen oft mehr als 6 Stunden, um exakte Aufnahmen der Palimpseste zu erhalten. Doch nach kurzer Zeit begnügte sich Pater Alban nicht mehr mit der Bedienung der Apparatur allein, sondern lernte mit der ihm eigenen Willensstärke und Geduld, als Autodidakt die Texte mit Hilfe der Fluoreszensotografie selbst zu entziffern und einzuordnen und erreichte darin eine große Mei- sterschaft.9) Im selben Jahr 1917 gründete Pater Dold die wissenschaftliche Reihe „Texte und Arbeiten“, um als 1. Arbeit die noch fehlende Umschrift der Palimpsesttexte des Codex 193 unter dem Titel „Prophetentexte“ in Vulgata-Übersetzung nach der ältesten Handschriften-Überlieferung der St. Galler Palimpseste N. 193 und 567 zu veröffentlichen.10) Auch wurde er im selben Jahr Leiter des Palimpsest-Instituts, dem er bis zu seinem Tod 1960 vorstand.

 

„Es gibt heute zwei Stellen, die uns noch Überraschungen aus dem christlichen Altertum bereiten können; der Wüstensand von Ägypten und das Palimpsest-Institut von Beuron“. Diesen bedeutenden Satz schrieb Josef Jungmann S J in seiner Rezension zu Pater Dolds „Ältestem Liturgiebuch der lateinischen Kirche“.11) Trotz dieser Aussage hatte Pater Dold besonders nach dem 2. Weltkrieg große Probleme, seine wissenschaftlichen Ergebnisse zu veröffentlichen, da er nicht genügend Abonnenten für seine Forschungsreihe „Texte und Arbeiten“ gewinnen konnte.

Im Vorwort zum Heft 45 schrieb Pater Alban: „…Das wissenschaftliche Organ ,Texte und Arbeiten‘ wurde 1917 hauptsächlich in der Absicht gegründet, zu den in Aussicht genommenen Faksimile-Ausgaben solcher Codices die notwendigen Texteditionen und Bearbeitungen der Texte zu bieten.“

Aber „Texte und Arbeiten“ hatte einen schweren Stand. Die Zeit nach dem 1. und 2. Weltkrieg hatte die Kaufkraft gelähmt. Es musste für die Reihe ein neuer Abonnentenstamm gefunden werden, um die Fortsetzung der wissenschaftlichen Arbeiten und deren Drucke gewährleisten zu können. Es waren ungeheure Anstrengungen not- wendig, eine auch nur einigermaßen genügende Anzahl von Interessenten zum Bezug dieser Hefte zu veranlassen. Die Verlage interessierten sich in dieser Zeit nur für pekuniäre Erfolge, und solche waren bei den „Beiträgen zur Ergründung des älteren lateinischen, christlichen Schrifttums und Gottesdienstes“ gewiss nicht zu erwarten. Kapital stand aber der Redaktion der „Texte und Arbeiten“ nicht zur Verfügung. Nur zähestes Ringen um einen Platz auf wissenschaftlichem Gebiet und persönlicher Einsatz bei der Auffindung der in allen möglichen Bibliotheken zerstreuten hand- schriftlichen Texte, meist von Palimpsesten oder in Bucheinbänden verborgenen alten Fragmenten, ihre technische Erschließung mittels der Palimpsestfotografie oder durch Filmaufnahmen, die Erarbeitung der in ihnen enthaltenen Probleme bis zur Satzgestaltung der Veröffentlichungen, haben ihren Druck und Erscheinen ermöglicht. Die Redaktion selbst musste sich jeden Abonnenten geradezu erobern.12)

Es ist heute kaum vorstellbar, mit welchen Schwierigkeiten Pater Dold zu kämpfen hatte, um die Weiterführung seiner Arbeit finanziell zu sichern. Zweimalige Spenden der Stadt Villingen in den Jahren nach 1950 trugen zu den Druckkosten bei.

Als Leiter des weltberühmten Palimpsest-Instituts in Beuron konnte Pater Alban mit Weitblick und unermüdlichem Eifer eine große Zahl ältester biblischer, patristischer und liturgischer Texte ausfindig machen, und wichtige Erkenntnisse gewinnen; z. B., dass sich die lateinische Liturgie nicht nur auf Rom allein bezieht, sondern eine Synthese aus römischen und fränkisch-germanischen Elementen darstellt, deren älteste Textzeugen eine Verbindung im 8. Jahrhundert zwischen Italien und dem Frankenland in Bezug auf das liturgische Gebet- und Lesegut aufzeigt.13)

 

Tafel V aus Palimpsest-Studien II „Texte und Arbeiten“, Heft 48.

 

Bei den schwierigsten Manuskripten, die zum Druck vorlagen, stand Pater Dold oft selbst am Setzkasten, da seine Mitarbeiter bei dieser schwierigen Materie oft den Mut verloren.14) Seine wissenschaftlichen Leistungen wurden im Jahr 1938, auf Antrag des Präsidenten des Historischen Vereins des Kantons St. Gallen, Prof. Dr. Hans Bessler, mit der Verleihung des Ehrendoktorats der philosophischen Fakultät der Universität Fribourg/Schweiz und 1948 der katholischen Fakultät der Universität Tübingen15) gewürdigt. Für Pater Dold ist die Palimpsestforschung zum Schicksal geworden. Immer wieder beschäftigte er sich mit den vernachlässigten und schlecht unter- suchten Palimpsesten und erreichte durch seine entsagungsvolle Arbeit neue Erkenntnisse für die Liturgieforschung.

Zwischen der Entdeckung eines zwei- oder dreifach beschriebenen Pergaments, seiner Aufnahme durch die Lumineszenzfotografie und der Entzifferung des Textes liegt ein langer Weg. Buchstabe für Buchstabe muss nachgeschrieben werden, um dann aus den Buchstaben Worte zu bilden, aus den Worten dann die Sätze und aus den Sätzen die Erschließung des Textes. Für diese Arbeit ist nicht nur eine an heroisch grenzende Geduld vonnöten sondern auch ein großes Einfühlungs- vermögen, um die Verschiedenheit der Schrift zu erfassen.16) Pater Dold besaß alle diese Eigenschaften und nur so konnte er seine erstaunlichen Entdeckungen selbst untersuchen.

Bedeutungsvoll wurde für Pater Dold die Bekanntschaft mit dem in München lebenden Pfar- rer Denk, der im Laufe von Jahren eine in die Million reichende Anzahl von altlateinischen Bibelzitaten gesammelt hatte. Er wollte die altlateinische Bibelübersetzung neu herausgeben, wofür er das reiche Zettelmaterial zusammengestellt hatte.17) Pater Dold konnte sich bei mehreren Besuchen von der großen Bedeutung dieser Zettelsammlung überzeugen. Seiner Initiative verdankt die Erzabtei Beuron den Erwerb des Zettelkatalogs von Pfarrer Denk, der im Jahr 1921 mit allen seinen Unterlagen und seiner Bibliothek nach Beuron kam, um dort in Ruhe an der Neuausgabe der alt- lateinischen Bibelübersetzung zu arbeiten. Pater Alban Dold versuchte durch seine eigenen Arbeiten an den zwei- oder dreifach beschriebenen Handschriften, soweit es möglich war, die altlateinischen Texte zu vermehren.18) Nach dem Tod Pfarrer Denks 1927 waren die gesamten Unterlagen in den Besitz der Erzabtei Beuron übergegangen. Aber dieses Erbe brachte neben dem für Pater Alban unentbehrlichen Hilfsmittel für seine Arbeit auch große Verpflichtungen mit sich, denn es musste an der Ergänzung des angefangenen Werkes weitergearbeitet werden. So waren einige Archivreisen ins In- und Ausland nötig, um die Arbeit an dieser Vetus Latina fortzusetzen. Pater Dold konnte auch einige Mitbrüder, besonders Pater Bonifatius Fischer, für diese Arbeit gewinnen. Der Zettelapparat des Pfarrers Denk bildet heute noch die Grundlagen für die Forschung an der Vetus Latina.

Pater Alban Dold hatte nicht nur als Palimpsestforscher einen bedeutenden Ruf, auch als Fragmentenforscher hatte er große Erfolge zu verzeichnen. Er löste in mühevoller Kleinarbeit die Fragmente, die als Vorsatzblätter in Buchdeckeln oder als Verstärkungen in Buchrücken dienten, ab und stellte ihren textlichen Zusammenhang her, um hernach die Fragmente wieder in die entsprechen- den Bände einzuheften.19) Meistens wurden die Fragmente auf die Größe des einzubindenden Buches zugeschnitten, so dass die Rekonstruktion der Texte und deren Folge nur schwer zu er- gründen war. Trotzdem konnte Pater Dold durch die verschiedenen Fragmentenfunde sein Forschungsgebiet erweitern und damit zusätzlich zur Auffindung und Erforschung ältester Liturgietexte in großem Maß beitragen.

Die Entzifferung dieser alten Texte war eine große Herausforderung für Pater Dold und er widmete sich dieser Aufgabe mit ganzer Kraft.

Als Leiter des durch ihn berühmten Beuroner Palimpsest-Instituts hatte er am 1. Mai 1931 durch Vermittlung von Giovanni Mercati, die Möglichkeit eine Privataudienz bei Papst Pius XI. zu erhalten. Mercati, der seit 1919, als Nachfolger Pius XI., Präfekt an der Vatikanischen Bibliothek war und sich selbst mit Handschriftenforschung beschäftigte,20) setzte sich selbstlos für die Forschungsergebnisse anderer Wissenschafler ein. Der Papst, der an allen Forschungen interessiert war, besaß große Bildung und Gelehrsamkeit21) und so verwundert es nicht, dass er an der Arbeit Pater Alban Dolds und des Beuroner Palimpsest- Instituts großes Interesse zeigte.

In einem Brief vom 1. Mai 1931 an Erzabt Raphael Walzer (1918-1937) beschreibt Pater Dold, die Begegnung mit Papst Pius XI. und dessen Interesse an den Beuroner Untersuchungen. Der Brief vermittelt die Freude des Paters, die durch die Reaktion des Papstes auf seine Arbeiten aus- gelöst wurde. Er überreichte dem Papst sein Buch Nr. 19/20 mit den beiden Bobbienser Bibelhandschriften und den Paulusperikopen. Interessant für den Papst war, dass der Text auch teils in einer Handschrift aus dem Vatikan Codex Vat. Lat. 5763 und teils auch im Codex Carolin. Guelferbytanus vorkommt. Die Pergamentblätter dieser beiden Bibliotheken bilden zusammen die alten Codices. Die Fotografien der im Vatikan fehlen- den Blätter überreichte Pater Dold dem Papst, da- mit der Codex auch in der Vatikanischen Bibliothek vollständig sein sollte.

Ein altgallikanisches Lektionar des 5./6. Jahrhunderts auf das in diesem Artikel näher eingegangen wird, erregte ebenfalls die Aufmerksamkeit des Papstes. Die Untersuchung existierte bis dahin allerdings nur als Manuskript (Heft 26-28). Erst 1936, also 5 Jahre nach der Audienz, konnte das Buch gedruckt werden. Dabei handelt es sich um „Das älteste Liturgiebuch der lateinischen Kirche. Ein altgallikanisches Lektionar des 5./6. Jhs. aus dem Wolfenbütteler Palimpsest-Codex Weissenburgensis 76“. Schon 1762 hatte Franz Anton Knittel auf die Schabtexte in diesem Codex hinge- wiesen, hatte aber nur ein paar Seiten als Palimpseste erkannt, ohne sie allerdings lesen zu können. Circa 100 Jahre später beschäftigte sich Constantin Tischendorf wieder mit dem Codex und zerstörte leider, wie sein Vorgänger, durch falsch angewandte Säuren ganze Textteile. Keiner der bei- den Wissenschaftler hatte versucht, die Texte zu entziffern und einzuordnen.22) Im 19. Jahrhundert waren von dem ganzen Codex nur 3 Seiten lesbar und viele Seiten mit Säuren verdorben. Erst Pater Dold konnte durch die Palimpsestfotografie und geduldiges Lesen, wobei ihn sein Mitbruder Pater Emmanuel Munding unterstützte, mehr als 130 Seiten in diesem Codex entziffern.

Anhand einer Abbildung soll die Verfahrensweise und die daraus resultierenden Forschungsergebnisse der Palimpsestfotografie und die schwierige Entzifferung der Texte deutlich gemacht werden. Dieses Beispiel soll für die gesamte mühevolle Forschungsarbeit des hochverdienten Paters Dold stehen. Es zeigt die Zerstörung der Schrift und zu- gleich die mühevolle Arbeit der Entzifferung.

„Das älteste Liturgiebuch der lateinischen Kirche,5./6.Jahrhundert“.

Tafel II, aus: Das älteste Liturgiebuch, „Texte und Arbeiten“, Heft 26-28.

 

(Mt. 21, 15-17)

„…Osianna filio dauid indignati sunt. Et dixerunt ei audis quid isti dicant. Jhs autem dixit illis utique. Numquam legistis quia ex ore infantium el lactantium perfecisti laudem. Et relictis illis abiit foras extra ci uitatem in bethania ibique mansit…“ (Textübertragung)

„…Hosianna dem Sohne Davids! “ wurden sie unwillig und sprachen zu ihm: „Hörst du, was diese sagen?“ Jesus aber sprach zu ihnen: „Ja! habt ihr denn niemals gelesen: Aus dem Mund von Unmündigen und Säuglingen hast du dir Lob bereitet?“ Und er ließ sie stehen, ging zur Stadt hinaus nach Bethanien und blieb dort…“

Die ersten 4 Zeilen wurden durch unfachgemäßes Behandeln im 19. Jahrhundert durch Säuren zerstört und sind daher nicht mehr lesbar. Erst ab Zeile 5 kann der Text von geduldigen Lesern erahnt werden.

Es sind zwei übereinandergeschriebene Texte, von denen der untere die größere Bedeutung besitzt. Es ist die blassere Schrift, von der in der 5. Reihe das „Osianna filio“ zu erkennen ist. Dieser Text wurde in einer Unzialschrift des 5./6.Jahrhunderts geschrieben.

Die 2. Schrift, d. h. die obere, wurde umgekehrt auf das abgeschabte Pergament geschrieben. Sie enthält Teile aus: „De vita Contemplatiua“ des Julianus Pomerius.(5./6.Jh.). Dieser Text war im Mittelalter hochberühmt. Die Schrift entspricht einer Unzialis des 7. Jahrhunderts.

An den Schriften dieses Beispiels wird deutlich, dass manchmal nur ein bis zwei Jahrhunderte zwischen der Erst- und der Zweitschrift liegen. Es wird auch ersichtlich, wie wertvoll die Palimpsestfotografie für die Entzifferung der abgeschabten Texte ist. Mühevoll und kompliziert ist die Identifizierung und die danach folgende Einordnung der liturgischen Texte. Wenn dabei, wie an dem Beispiel aus dem „Ältesten Liturgiebuch der lateinischen Kirche“, hochinteressante, älteste Texte ans Licht gebracht werden, ist dies für die Liturgiewissenschaft von größter Bedeutung. Wichtig bei den Untersuchungen an diesem Werk durch Pater Alban Dold war, dass neben Texten aus der Vulgata auch Texte der Zeit vor Hieronymus, sichtbar gemacht werden konnten. Zudem zeigt dieses Lektionar ein Kirchenjahr auf, das von Ostern bis Ostern geht, „was noch niemals in einem Lektionar bezeugt ist.“23)

Finderglück und großes Können, gepaart mit Energie und Ausdauer, machten die wichtigen Entdeckungen Pater Dolds möglich. Neben seiner Arbeit am Palimpsest-Institut und den daraus resultierenden Veröffentlichungen in „Texte und Arbeiten“ schrieb der Forscher noch 133 Artikel in verschiedenen wissenschaftlichen Zeitschriften.24)

Der unermüdliche Forscherdrang Pater Albans wurde auch in einer benediktinischen Anekdotensammlung aufgezeichnet.

„… Einer seiner Mitbrüder, Pater Angelus Graf sprach ihn voll Verwunderung an.: „Wie machen Sie das denn nur und woher nehmen Sie die Zeit, jedes Jahr ein Buch zu veröffentlichen?“ Pater Alban lachte und erklärte: „Zuerst muss man Sitzleder haben und jeden Tag 25 Stunden arbeiten“. Pater Angelus staunte noch mehr und erklärte, dass der Tag nur 24 Stunden habe. Aber Pater Alban ließ sich nicht aus der Fassung bringen und meinte: „Darum stehe ich jeden Tag eine Stunde früher auf.“25)

Trotz seines schmerzhaften Rückgratleidens, das sich in späteren Jahren einstellte, gelangen ihm bis zu seinem Tod, der ihn mitten aus seiner Arbeit und Planung riss, bedeutende Entdeckungen, sei es auf dem Gebiet der Palimpseste oder der Fragmente. Seine letzte Arbeit wurde erst nach seinem Tod im Jahr 1964 veröffentlicht. Zusammen mit P. Leo Eizenhöfer OSB entzifferte er ein „Irisches Palimpsestsakramentar (CLM 14429 Staatsbibliothek München).26) Auch diese Arbeit brachte große Überraschungen, denn es konnte fast ein ganzes irisch-gallikanisches Festsakramentar, geschrieben um 650 rekonstruiert und entziffert werden. Für die wissenschaftliche Arbeit Pater Albans war neben der Suche nach unbekannten, außergewöhnlichen Texten, ihm auch ein erstaunliches Finderglück beschieden, das aber nur durch die unermüdliche Arbeit möglich wurde. Diese Forschungen brachten ihm tiefe innere Befriedigung und er konnte trotz der oft mühevollen Entzifferung seine Entdeckungen mit großer Freude anderen mitteilen. Zahllosen Gelehrten, die bei schwer lesbaren Handschriften Pater Dold um Hilfe baten, stand er selbstlos bei.27) Er bereicherte mit seinen Forschungen die Bibelkunde und die Liturgiewissenschaft mit neuen Quellen.28) „Ut in omnibus glorificetur Deus“ („Damit in allem Gott verherrlicht werde“), (1 Petr. 4,11 = Regula Benedicti 57,9).

Seine Heimatstadt Villingen zeichnete den über- ragenden Forscher mit der Ehrenbürgerschaft am 18. September 1958 aus und benannte eine Straße nach ihm.29) Auch dies verpflichtet, an seine großen wissenschaftlichen Verdienste zu erinnern, besonders in seiner Heimatstadt, der er immer stark verbunden war.

Pater Alban Dold hat durch seine Forschungsarbeit für Jahrhunderte Bleibendes geschaffen und den nachfolgenden Wissenschaftlern den Weg geebnet.

Anmerkungen:

1) Johannes 6,12: „…Colligite quae superaverunt fragmenta, ne pereant…“ („…Sammelt die Stücke, die übriggeblieben sind, damit sie nicht verloren gehen…“

2) Fiala, Virgil: Kleine Beiträge und Berichte. Colligere fragmenta. In: Benediktinische Monatsschrift; 28, Beuron: Beuroner Kunstverlag 1952, S. 320-325.

3) Fiala, Virgil: Dold, Erich – Pater Alban OSB, Palimpsestforscher. In: Badische Biographien. N. F. 1, 1982, S. 98/99.

4) Fiala, Virgil: Kleine Beiträge und Berichte. Colligere fragmenta. In: Benediktinische Monatsschrift 28. Beuron: Beuroner Kunstverlag 1952, S. 320-325.

5) Gerstinger, Hans: Papyrus. In: LThK, Bd. 8. Freiburg: Herder 1963, Sp. 63-65.

6) Trost, Vera: Skriptorium. Die Buchherstellung im Mittelalter. Stuttgart: Belser-Verlag 1991, S.10f.

7) Boewe-Koob, Edith: Liturgische Kostbarkeiten Fragmente aus Villinger Archiven, GHV, Jahresheft XXII, VS-Villingen: Leute- Druck 1997, S.11.

8) Die brasilianische Mission wurde auf Wunsch von Rom 1895 von der Beuroner Kongregation übernommen, um eine Neubelebung der brasil. Benediktiner-Kongregation zu fördern (Ursmar Engelmann: Beuron. In: LThK, Bd. 2, Sp. 324f.).

9) Fiala, Virgil: Dold, Erich – Pater Alban OSB, Palimpsestforscher. In: Badische Biographien. N.F. 1 1982, S. 98.

10) Stenger, Silvester: Die Arbeit des Beuroner Palimpsest-Instituts an der lateinischen Bibel. Sonderdruck aus: St. Wiborada, Jahrbuch für Bücherfreunde, Jahrgang 1940. S. 1ff.

11) Jungmann, Josef: Besprechung der Forschungsarbeit von Pater A. Dold „Das älteste Liturgiebuch der lateinischen Kirche“. In: Zeitschrift für katholische Theologie. (Innsbruck) Wien, 1936, S. 291.

12) Dold, Alban: Palimpseststudien I, „Texte und Arbeiten“, Heft

45. Beuron: Beuroner Kunstverlag 1955, Vorwort.

13) ebenda S. 374.

14) Bischoff, Bernhard: Ehrende Worte für P. Alban Dold. In: Sakramentartypen, hrsg. Klaus Gamber, „Texte und Arbeiten“ 1. Abt. Heft 49/50. Beuron: Beuroner Kunstverlag 1958, S. XI.

15) Arnold, Fr. X.: Ehrung eines verdienten Liturgikers und Palimpsestforschers, P. Alban Dold Dr. h. c. der Universität Tübingen. In: Benediktinische Monatschrift 24. Beuron: Beuroner Kunstver- lag 1948, S. 373ff.

 

16) Fiala, Virgil: Kleine Beiträge und Berichte. Aus Benediktinische Monatsschrift; 28, Beuron: Beuroner Kunstverlag 1952, S. 320-325.

17) ebenda, S. 321.

18) Fiala, Virgil: Dold, Erich – Pater Alban OSB, Palimpsestforscher. In: Badische Biographien. N. F. 1. 1982, S. 99.

19) ebenda, S. 98.

20) Engelmann, Ursmar: Beuron. In: LThK, Bd. 7, Freiburg: Herder 1958, Sp. 303f:

21) Franzen, August / Bäumer, Remigius: Papstgeschichte. Freiburg: Herder 1974, S. 383-399.

22) Dold, Alban: Das älteste Liturgiebuch der lateinischen Kirche. Ein altgallikanisches Lektionar des 5./6. Jhs. aus dem Wolfenbütteler Palimpsest-Codex Weissenburgensis 76, „Texte und Arbeiten“, Heft 26-28, Beuron: Beuroner Kunstverlag 1936, S. XV.

23) ebenda S. VIII.

24)Fiala, Virgil: Dold, Erich – Pater Alban OSB, Palimpsestforscher, S. 99.

25) Cremer, Drutmar: Nanu! Was sagt dazu wohl Benedikt? Beuron: Beuroner Kunstverlag 1993, S. 35. (Im Anekdotenbuch wurde Pater Alban Dold ein schwäbischer Dialekt unterlegt. Da aber P. Dold nicht schwäbisch sprach, wurden seine Worte ins Hochdeutsche übertragen).

26) Dold Alban / Eizenhöfer Leo: „Das irische Palimpsestsakramen- tar in CLM 14429 der Staatsbibliothek München. Beuron: Beuroner Kunstverlag 1964. (Vorwort von P. Leo Eizenhöfer, OSB, Rom).

27) Bischoff, Bernhard: Ehrende Worte für P. Alban Dold. In: Sakra- mentartypen, hrsg. Klaus Gamber. „Texte und Arbeiten“, 1. Abt. Heft 49/50, Beuron: Beuroner Kunstverlag 1958, S. XII.

28) Fiala, Virgil: Dold, Erich – Pater Alban OSB, Palimpsestforscher. In: Badische Biographien; N. F. 1 1982, S. 99.

29) Herzlicher Dank geht an Frau Edith Dold, Villingen und Pater Theodor Hogg, Bibliothekar der Erzabtei Beuron, die freundlicher- weise biographisches Material zur Verfügung stellten.

Bibliographie:

Arnold, Fr. X.:    Ehrung eines verdienten Liturgikers und Palimpsestforschers, Pater Alban Dold Dr. h. c. der Universität Tübingen. In: Benediktinische Monatsschrift 24. Beuron: Beuroner Kunstverlag 1948.

Bischoff, Bernhard: Ehrende Worte für Pater Alban Dold. In: Sa- kramentartypen, hrsg. Klaus Gamber, „Texte und Arbeiten“, 1. Abt. Heft 49/50. Beuron: Beuroner Kunstverlag 1958.

Boewe-Koob, Edith: Liturgische Kostbarkeiten, Fragmente aus Villinger Archiven, GHV, Jahresheft XXII. VS-Villingen: Leute-Druck 1997.

Cremer, Drutmar: Nanu! Was sagt dazu Benedikt? Beuron: Beuroner Kunstverlag 1993.

Dold, Alban:    Das älteste Liturgiebuch der lateinischen Kirche. Ein altgallikanisches Lektionar des 5./6. Jhs. aus dem Wolfenbütteler Palimpsest-Codex Weissenburgensis 76. „Texte und Arbeiten“, 1. Abt. Heft 26-28. Beuron: Beuroner Kunstverlag 1936.

Dold, Alban: Palimpseststudien II. Altertümliche Sakramentar- und Litanei-Fragmente in Cod. lat. Monac. 6333. „Texte und Arbeiten“, 1. Abt. Heft 48. Beuron: Beuroner Kunstverlag 1957.

Dold, Alban/    Das irische Palimpsestsakramentar in CLM Eizenhöfer, Leo:    14429 der Staatsbibliothek München. Engelmann, Ursmar: Beuron. In: LThK, Band 2. Freiburg: Herder 1958.

Fiala, Virgil: Dold, Erich – Pater Alban OSB, Palimpsest- forscher. In: Badische Biographien. N.F.1. 1982.

Fiala, Virgil: Kleine Beiträge und Berichte. Colligere frag- menta. In: Benediktinische Montasschrift 28, Beuron: Beuroner Kunstverlag 1952.

Bildnachweis:

1) Pater Alban Dold, Foto von E. v. Pagenhardt, abgebildet in: Colligere fragmenta. Festschrift Alban Dold zum 70. Geburtstag am 7. 7. 1952 (hrsg. Bonifatius Fischer, Virgil Fiala) Beuroner Kunstverlag 1952.

2) Tafel V, aus: Palimpseststudiun II (Alban Dold), aus: „Texte und Arbeiten“. Heft 48. Beuroner Kunstverlag 1952.

3) Tafel II, aus: „Das älteste Liturgiebuch der lateinischen Kirche“ (Alban Dold), aus: „Texte und Arbeiten“. Heft 26-28. Beuroner Kunstverlag 1936.

Franzen, August/

Bäumer, Remigius:    Papstgeschichte. Freiburg: Herder 1974.

Gerstinger, Hans:    Papyrus. In: LThK, Band 8. Freiburg: Herder 1963.

Jedin, Hubert: Mercati, Giovanni. In LThK, Band 7. Freiburg: Herder 1962.

Jungmann, Josef: Besprechung der Forschungsarbeit von Pater Alban Dold. „Das älteste Liturgiebuch der lateinischen Kirche“. In: Zeitschrift für kath. Theologie. (Innsbruck) Wien 1936.

Stenger, Silvester: Die Arbeit des Beuroner Palimpsest-Instituts an der lateinischen Bibel. Sonderdruck aus: St. Wiborada, Jahrbuch für Bücherfreunde 1940.