„Der Sankt Nepomuk lebt wieder“1 (Gerhard Hauser)

Die Sanierung der Villinger Nepomuk-Statue geht auf die vorbildliche Privatinitiative der Villingerin Hannelore Beha und ihrer Familie zurück

Es ist ein außergewöhnliches Standbild, das zwischen Sägebach und dem Unternehmen Beha in VS-Villingen steht: die Figur des heiligen Nepomuk. Und ebenso außergewöhnlich ist das Engagement der 80-jährigen Villingerin Hannelore Beha, die die in die Jahre gekommene Sandsteinstatue jetzt auf eigene Kosten sanieren ließ. Nicht alltäglich ist allerdings auch die Odyssee, die diese Heiligenfigur im Laufe der vergangenen knapp 300 Jahre hinter sich brachte. Sie zeigt vor allem eines: Wie Privatinitiative eine markante Figur rettete und bewahrte, obgleich sie als Symbol altösterreichischer Herrschaft für die Villinger eine Zeitlang ohne jede Bedeutung war.

Das war nicht immer so: 1710 teilte der renommierte Villinger Bildhauer Johannes Schupp mit, dass der österreichische Gesandte in der Schweiz, Graf Franz Ehrenreich von Trautmannsdorf und ein glühender Nepomuk-Verehrer, Villingen das Standbild geschenkt habe.2 Es wurde 40 Meter südlich des Marktplatzes in der Niederen Straße aufgestellt. Bis dort soll das Wasser bei der Wasserbelagerung (1634) vorgedrungen sein, als im Dreißigjährigen Krieg die Württemberger, unterstützt durch ein schwedisches Reiterkontingent, die Stadt durch Aufstauen der Brigach unter Wasser zu setzen versuchten. Bevor es dazu kam, zogen Schweden und Württemberger ab. Dass Villingen tatsächlich überflutet wurde, ist quellenmäßig nicht überliefert und basiert auf einer mündlichen Erzählung.3

Hannelore Beha, die mit ihrer Familie das Nepomukdenkmal seit Generationen betreut und für seine Erhaltung sorgt, freut sich nach der Renovation des Denkmals 2009 über das gelungene Werk.

 

Vielleicht nutzten die Villinger die Legende, um den Standort des Heiligen Nepomuk im Zentrum der Stadt zu begründen, weil damit auf eine der kriegerischen Auseinandersetzungen verwiesen wurde, in der die Stadt als ein Bollwerk Vorderösterreichs verwickelt war. Doch mehr noch als ein Schutzheiliger gegen Wassergefahren4 galt Nepomuk damals als Patron der österreichischen Erblande – lange nach seinem Tod. Der vermutlich aus einer deutsch-böhmischen Familie stammende Mönch hatte im 14. Jahrhundert in Böhmen gelebt und agierte als Generalvikar des Erzbistums von Prag. Am 20. März 1393 ließ ihn König Wenzel IV. gefangen nehmen. Die zeitgenössischen Quellen geben keinen Grund für das Strafgericht des Königs an. In der Kaiserchronik, die 40 Jahre nach dem Tod des Nepomuk geschrieben wurde, wird berichtet, dass Nepomuk der Beichtvater der Königin gewesen sei. König Wenzel wollte angeblich erfahren, was seine Frau dem Priester gebeichtet hatte. Nepomuk wurde zunächst gefoltert und dann in der Moldau ertränkt. Die dort treibende Leiche soll von fünf Flammen umzüngelt worden sein, weshalb er mit fünf Sternen um das Haupt dargestellt wird. Eine andere Deutung verweist auf die fünf Buchstaben des lateinischen Worts „tacui“ (übersetzt: „ich habe geschwiegen“). Damit wird symbolisch auf die Bewahrung des Beichtgeheimnisses verwiesen. Vermutlich dürfte diese Auseinandersetzung zwischen Nepomuk und Wenzel um das Beichtgeheimnis nie stattgefunden haben. Realer Hintergrund der Konfrontation und des nachfolgenden Strafgerichts war wohl das Interesse des Königs, die wirtschaftliche und politische Vorrangstellung des Prager Bistums zu schwächen (auf dessen Seite Nepomuk stand).5 Doch erst später wurde aus dem regional in Böhmen verehrten Märtyrer eine Identifikationsfigur für das Habsburger-Reich. Er nahm bei der Rekatholisierung des Landes eine wichtige Funktion ein und wurde als ideeller Gegenpart zu Jan Hus aufgebaut. 1683 wurde auf der Prager Karlsbrücke die erste Brückenstatue aufgestellt, deren Modell von Matthias Rauchmiller aus dem vorderösterreichischen Radolfzell geschaffen wurde.

Der heilige Nepomuk erstrahlt nach mustergültiger Restaurierung in neuem Glanz auf dem Sandsteinsockel am Beginn der Straße, die seinen Namen trägt. Zu seinen Füßen erinnert das Wappen des Grafen Franz Ehrenreich von Trautmannsdorf, an den Stifter dieses Denkmals.

 

Nepomuk wurde 1729 heilig gesprochen, in den Ländern der Habsburgermonarchie hatte zuvor schon eine enorme Verehrung eingesetzt.

Gerade Trautmannsdorf förderte diesen Kult, neben seiner Frömmigkeit hat auch die Propagierung der habsburgischen Staatsidee in einem von unterschiedlichen Kulturen und Nationen geprägten Reich eine Rolle gespielt.6 Trautmannsdorf übernahm jedenfalls drei Stiftungen dieser Art: in Konstanz, ebenfalls geschaffen vom Villinger Schupp und bis heute am Straßenplatz des Chors St. Stephan zu sehen, im schweizerischen Baden und eben in Villingen. Die Villinger selbst, die im Laufe des Spanischen Erbfolgekriegs erneut belagert wurden, erkannten jedenfalls den Hintersinn der Schenkung und sprachen davon,“disen hochschätzbahren Patronen der Österreichischen Erblandten inskhünftig Eüfferigst zu venerieren“7, als sie sich im August 1710 bei dem Spender Trautmannsdorf und im August 1711 bei Schöpfer Johann Schupp8 bedankten.

Das berühmteste Nepomukdenkmal steht seit 1683 auf der Karlsbrücke in Prag. Im Hintergrund grüßt die Prager Burg – der Hradschin. Der Geschichts- und Heimatverein Villingen weilte bei der Jahresexkursion 2008 an dieser historischen Stelle.

 

 

Das Handauflegen am Relief des Denkmals soll, nach einem alten Volksglauben, Glück bringen und die Hilfe St. Nepomuks erflehen. Wie viele Menschen daran glauben zeigt die blank geriebene Stelle auf der Kupferplatte.

 

Knappe 100 Jahre später endete die Zugehörigkeit von Villingen an das Haus Habsburg. Zunächst gelangte die Stadt an Württemberg, ein Jahr später endgültig an das Großherzogtum Baden. „Altösterreichische Erinnerungen verloren ihren Klang“, schildert es trefflich Paul Revellio.

1827 wurde die Nepomuk-Statue bei der Neugestaltung der Villinger Hauptstraßen abgebrochen. Das Standbild verschwand, eventuell sogar auf einer Art Müllplatz9 oder in einem Keller. Sechs Jahre später, 1833, ließ der Müller Dominikus Kaiser die Statue auf eigene Kosten dort, wo sie noch heute steht, wieder aufstellen. Für den Sockel dichtete damals der Villinger Fidel Dürr Verse, die die Vergänglichkeit der Welt und die Veränderlichkeit von Herrschaft zum Ausdruck brachte:

„Nach frommer Väter Sitte Im Glauben an ein höh’res Walten, Ziert ich Villingens Mitte, Ward von den Bürgern hochgehalten. Als dieser Glaube ward erschittert, War auch Entbehrlichkeit mein Loos, Natur! – in deinem Schooß.“10

Malermeister Manfred Hettich hat schon oft bei der Restaurierung zahlreicher Kunstwerke in Villingen Sachverstand und Können bewiesen. Fachkundig und konzentriert ging er auch beim Nepomukdenkmal zu Werke.

 

 

Doch steh‘ ich fest, wenn alles zittert

Als im 19. Jahrhundert die Behas die „lange Mühle“ von Dominikus Kaiser übernahmen, kümmerten sie sich seitdem auch um das Standbild vor der Sägerei. Bereits mehrfach wurde die Statue allein durch privates Engagement restauriert: 1864, 1898, 1952, 1973 und nun 2009. Einmal in den achtziger Jahren haben sich offensichtlich auch Stadt und Denkmalamt engagiert, ausgerechnet damals schlich sich allerdings ein Fehler ein, der den Villinger Nepomuk zu einem Unikum machen dürfte. Der Heiligenschein des Standbildes zieren landauf, landab fünf Sterne. Selbst im September 1983 verwies der Untersuchungsbericht der Stadt Villingen-Schwenningen auf einen verschwundenen „Fünfsterneheiligenschein aus Metall“11, dessen Halterung noch vorhanden sei, der aber erneuert werden muss.

Die Farbabstimmung muss genau passen. Fachkundig bearbeitet Malermeister Hermann Haugg das Gewand des Heiligen.

 

 

Die nachfolgende Restauration schenkte den Villingern einen siebensternigen Heiligen.

Inzwischen kümmert sich wieder die Familie Beha um die Erneuerung. „Es war höchste Zeit“, berichtet Hannelore Beha: Der Sockel war von Flechten überwachsen, die Farbe der Figur blätterte ab, Teile der Statue waren verwittert. Kleine Schäden am Stein ließen Wasser eindringen, das nach Frostperioden kleine Stücke heraussprengte. Offensichtlich hatte auch das Hagelunwetter im Juni 2006 der Statue zugesetzt. Für die 80-Jährige, die selbst Mitglied des Geschichts- und Heimatvereins ist, war klar, dass sie das Projekt ohne Zeitverlust angehen wollte. Für sie war es eine persönliche Verpflichtung.

Von vornherein stand für Hannelore Beha fest, für die notwendige Erneuerung Villinger Fachleute zu beauftragen. Während die Untere Denkmalbehörde der Stadt Villingen-Schwenningen zustimmte und dafür auch 1000 Euro zusagte, wollte das Regierungspräsidium einen Restaurator als Fachmann schicken. Doch Frau Beha setzte sich durch, verzichtete auf weitere Zuschüsse und beauftragte die beiden Villinger Malermeister Hermann Haugg und Manfred Hettich. Die beiden erfahrenen Handwerker machten sich fachkundig: Hauggs Gang führte ihn zunächst ins Stadtarchiv Villingen-Schwenningen, wo er sich die Befunduntersuchung für das Denkmal besorgte. Darin wird die Analyse der alten Farben festgehalten.

Von Anfang bis Mitte Juli verhalfen Haugg und Hettich, der als Maler der Figur des Romäus am Romäusturm bekannt wurde, dem Nepomuk zu neuem Glanz. Beiden war die Restauration eine Herzensangelegenheit. Am 20. Juli wurde das Gerüst abgebaut: Bis ins kleinste Detail wurde die Figur erneuert: die goldfarbene Borte des Rocks, der Hermelinbesatz des Überhangs, Kruzifix und Zweig sowie das Gesicht des Heiligen. Auch das Wappen des Grafen von Trautmannsdorf an der Stirnseite, das bis heute auf den Schenker verweist, wurde renoviert.

Aufmerksam und interessiert lässt sich hier Hannelore Beha von Malermeister Hermann Haugg die Arbeiten an ihrem Nepomukdenkmal erklären. Fotos: Jochen Hahne

 

Neben der Befunduntersuchung nutzte Haugg Farbrückstände, die er fand und die ihm bei der Rekonstruktion halfen. Der Handwerker hatte sich zum Ziel gesetzt, so viel Originalgetreue wie möglich zu wahren, bei einer gleichzeitig prägnanten Kontrastierung. So sollte die Wirkung des Nepomuk möglichst lebensecht sein, genutzt wurden ausschließlich Mineralfarben. Für die Borte benötigten die Maler 23,5 karätiges Blattgold, was aber so auf das Heiligenmonument aufgeklebt wurde, dass es nicht mehr zu entfernen ist. Jetzt dürfte der Nepomuk wieder einige Jahrzehnte halten, jedenfalls länger als die vergangenen 36 Jahre seit der letzten Renovierung, prophezeit Haugg. Der Sandsteinsockel wurde gesichert. Denn noch mehr Villinger sollen für eine längere Zeit das feststellen, was Hermann Haugg über den Nepomuk sagt: „Er lebt wieder.“

 

1 Dieser Beitrag geht zurück auf einen Bericht im SÜDKURIER, der am 21.7.2009 erschienen ist.

2 Revellio, Paul, Beiträge zur Geschichte der Stadt Villingen. Villingen 1964, S. 328 folgende.

3 Revellio, Paul, ebenda.

4 Außerdem gilt er als Schutzpatron der Schiffer, Flößer, Müller sowie der Brücken.

5 Quelle: Online-Lexikon Wikipedia, unter: Johannes von Nepomuk.

6 Winfried Hecht, Johannes von Nepomuk kommt nach Vorderösterreich, Schwäbische Heimat, 2000/1, Seite 44 ff.

7 Hecht, Seite 46.

8 Revellio, ebenda, Seite 328.

9 Untersuchungsbericht Nepomuk-Statue, Stadtarchiv Villingen- Schwenningen (SAVS), Abteilung 1, Bestand 13.2 (1996), Nr. 749

10 Revellio, ebenda, Seite 328.

11 Untersuchungsbericht Nepomuk-Statue, Stadtarchiv Villingen- Schwenningen (SAVS), ebenda.