„Tannenhöhe“– ein Haus im Wandel der Geschichte (Hubert Waldkircher)

Wie hieß es noch vor hundert Jahren werbend in einem Inserat zur Eröffnung desselben Hauses am 1. Juni 1900: „Waldhotel Villingen am Anfang des über 10 000 Morgen großen, von herrlichen Waldwegen nach allen Richtungen durchquerten Villinger Stadtwaldes; an der weltberühmten Schwarzwaldbahn, 750 Meter über dem Meer gelegen, 25 Minuten nach Villingen, 5 Minuten von der Station Kirnach der Schwarzwaldbahn entfernt“. Und anspruchsvoll fährt das Inserat fort: „Elegantes mit allem Komfort der Neuzeit (electrische Anlage, Centralheizung, Badeinrichtung, Hochdruckwasserleitung in allen Stockwerken) versehenes, in Mitte großer Parkanlagen gelegenes Kurhaus“. Gepriesen werden: „Vorzügliche Verpflegung – 120 Fremdbetten. Wein& Bierrestaurant mit großer Terrasse & Wirtschaftsgarten“. Und nicht unerwähnt blieb ein „Prächtiger Ausblick auf die Schwäbische Alb und bei klarem Wetter auf die Alpen“. Die „Nobelherberge“ war geschaffen. Der Ansturm der Leute konnte kommen. Aber er kam zumindest nicht von den Bürgern der Stadt; nur selten „verirrte“ sich einer von ihnen dorthin. Gravitätisch der Vater mit dem Spazierstock in der Rechten, die Mutter brav und die Kinder übermütig, wanderten sie die staubige Straße in Richtung Kirnach und landeten schließlich – obwohl auf dem neuen Stadtplan von 1900 ein langer Pfeil den Weg „nach dem Waldhotel“ unterstrichen hatte – ohne noch die „5 Minuten von der Station Kirnach“ in Kauf genommen zu haben im „Kirnacher Bahnhöfle“, wo es auch ein „Wein& Bierrestaurant“ gab – ohne „vorzügliche Verpflegung“, die man billiger in Form eines Vesperbrotes gleich mitgebracht hatte. Den Kindern schmeckte die „Chabeso“, die süße Limonade aus der „Limonadenfabrik“ in der Stadt und es schmeckte das Abenteuer der akustischen und optischen Reize eines richtigen Bahnhofs mit dem Anschlagen der Signalklingeln, dem Niedergehen der Schranken und dem mächtigen Vorüberrauschen eines Zuges mit der Dampflokomotive, dessen Faszination sich steigerte, wenn er womöglich in der Station anhielt: Disneyland einer Kleinstadt um 1900. Der Höhepunkt: die Heimfahrt mit dem Bummelzug nach Villingen, die Köpfe im offenen Fenster und den Wind in den Haaren, indes die Sonne im Westen unterging. „Waldhotel“? Nein, zu fremdartig, zu nobel: Seine Majestät Kaiser Wilhelm II. hatte hereingeschaut und selbstredend geruhte Seine Königliche Hoheit Großherzog Friedrich I. von Baden nebst Hoher Frau hier abzusteigen.

 

Haus Tannenhöhe, Teilansicht von Westen.

 

Er überwand die „5 Minuten von der Station Kirnach“ bergaufwärts im offenen Landauer. Es war nicht allein der Adlerhelm des Kaisers und die Pickelhaube des Großherzogs, es war vor allem der Anspruch des auf besondere Weise gesitteten und neuhumanistisch gebildeten Publikums, das fortan in gedämpfter Atmosphäre das vornehme Ambiente des Hauses unterstrich. Wie lange? Der Zweite Weltkrieg brach aus. Auf den Dächern wurde im weißen Feld das Rote Kreuz aufgemalt, Mahnung an feindliche Flugzeuge, für ihre Bomben ein anderes Ziel zu suchen. Das Waldhotel war Lazarett geworden, genauer: zunächst für die deutsche Wehrmacht, dann als ein Kriegsgefangenenlazarett, das bis zur Besetzung der Stadt durch die Franzosen in der Nacht vom 20./21. April 1945 zum Kriegsgefangenenlager „Stalag“ in der Stadt gehörte. Damals freuten sich die noch verbliebenen sieben oder acht deutschen Landesschützen als Bewacher ebenso wie die Kriegsgefangenen über die baldige Beendigung des unseligen Krieges. Hermann Riedel, „Villingen 1945“, schreibt: Bald nach der Besetzung wurden die belgischen, polnischen und jugoslawischen Kranken . . . und ihre Ärzte in das in der Mädchenschule von der Wehrmacht eingerichtete Lazarett gebracht.

… Die kranken Franzosen wurden in die Heimat transportiert. Die 24 französischen Ärzte, Zahnärzte, Apotheker und Krankenpfleger des „Waldhotels“ begleiteten sie nach Straßburg. Von Riedel (Seite 83) erfahren wir ferner, dass im Laufe des 20. April 1945 unterhalb des Lazaretts auf den Gleisen ein Güterzug abgestellt worden war.

„Nach der Besetzung wagten sich die Insaßen des Kriegsgefangenenlazaretts ,Waldhotel‘ an den Zug heran und öffneten einige Waggons, in denen sich Lebensmittel aller Art befanden. Auch die Anwohner (waren dabei sich, d. Verf.) zu versorgen“. Hier ist schon angedeutet, wie es dem Hause selbst erging. Was nicht nietund nagelfest war wurde mitgenommen, d. h. die Gegenstände geplündert oder zerstört. Die bauliche Substanz war marode und eigentlich hätte nur noch gefehlt, daß durch einen Brand alles zerstört worden wäre. Es gehört zu den verdienstvollen Leistungen des am 22. September 1946 ersten frei gewählten Bürgermeisters Edwin Nägele, dass der verbliebene Zustand des Hauses zunächst gesichert und erhalten wurde. Kaiserreich, Weimarer Zeit, „Tausendjähriges Reich“ passé. Eine nicht mehr wiederkehrende Zeit und mit ihr ein halbes Jahrhundert waren untergegangen. Würde eines Tages der Abrissbagger anrücken wie es, einen Steinwurf entfernt, dem Sanatorium „Waldeck“, einst unter dem Kurazt Dr. Beck, Ende der 70er Jahre geschehen ist? Nur ein neuer Geist konnte in das Haus einziehen, es mit neuem Leben erfüllen und an die Zukunft weiterreichen.

Den Jahren des Verfalls, nicht zuletzt nach dem Waffenstillstand als vorübergehendes Auffanglager für annähernd 3200 Russen und Polen, setzte die Stadt Villingen als Eigentümerin des stark beschädigten Hauses 1950 ein Ende. Man schrieb es zum Verkauf aus und mit ihm die ab 1905 entstandenen Zusatzbauten: „Villa Waldhaus“ Haus II) sowie „Villa Waldlust“ (Haus III) nebst der umgebenden Grünanlage. Mit der Leitung des Mutterhauses der Diakonissen in Aidlingen (Württemberg) war man handelseinig geworden. Mutter Christa von Viebahn, die Gründerin der Schwesternschaft, gab persönlich dem Haus seinen neuen Namen. „Tannenhöhe“ sollte es heißen. „Die Tannen“, so lesen wir, „prägen das äußere Bild, die Höhe weist hin auf die Größe des Evangeliums, das dort verkündet werden soll. Ein Freizeithaus, ein Altersheim, ein Kinderheim sollten entstehen wo Menschen fern von Hast und Unruhe unserer Zeit eine Begegnung mit Gott haben können, wo in viele Kinderherzen eine lebendige Saat gelegt wird; möge der Herr über ihr wachen! Wo Menschen den Abend ihres Lebens in stillem Umgang mit Gott zu seiner Ehre verbringen können.“

Am 22. Mai 1950 wurden die Schlüssel übergeben. Die Saat konnte aufgehen, der neue Geist segensreich wirken. Viele Gäste zogen während der letzten 50 Jahre ein. Sie erlebten Ferientage unter Gottes Wort. Für Viele war der Aufenthalt ein Gesundbrunnen für Leib, Seele und Geist. In bauliche Neuerungen, in Verbesserungen und in die Restaurierung historischer Substanz wurden erhebliche Mittel investiert. Das einstige öffentliche Altersheim hat sich inzwischen in ein Feierabendheim für die älteren Schwestern gewandelt. In der großzügig gestalteten Kindertagesstätte bleibt es Auftrag, eingebettet in der umgebenden Natur, Harmonie von Körper und Seele mit Gottes Hilfe zu fördern. Nicht zuletzt aber bietet das Freizeitheim Erholung und vielfältige Urlaubsgestaltung für zahlreiche Familien und Einzelgäste. Zusammen mit der Hausmutter, Schwester Christine Scheffler, sorgen sich etwa 20 Mitschwestern um das Wohl der Einkehrenden. Wie formulierte Schwester Thea Leppin, die Oberin des Mutterhauses, in ihrer Ansprache anlässlich der Feierstunde zum fünfzigjährigen Jubiläum im Mai 2000: „Möge unsere Tannenhöhe auch weiterhin eine Oase bleiben, in der Menschen aus der Hitze des Alltags kommend, Entspannung und Ruhe finden im Hören auf Gottes Wort und frohem Miteinander“.

Dem ist nichts hinzuzufügen.

Eine Gruppe der Villinger Schwestern. Zweite von links: Hausmutter Schwester Christine Scheffler. Rechts außen: Verwaltungsleiterin Schwester Christa Krause.