Das „Große Sterben“ in Villingen (Konrad M. Müller)

Der eher harmlose Begriff „Sterben“ hatte zusammen mit dem „groß“ in früheren Zeiten eine andere Bedeutung. Gemeint war die Pest, in vielen Berichten von Chronisten taucht dieser Krankheitsname erst gar nicht auf, sondern es wird vom Sterben eine mehr oder weniger ausführliche Notiz gemacht. Dies führte allerdings auch dazu, alle Epidemien, die seit dem Mittelalter bekannt sind, als Pestepidemien zu deuten. Mehrere Medizinhistoriker halten eine neue Untersuchung über tatsächliche oder angebliche Pestfälle für nötig.1 In diesem Beitrag soll auf diesen Streit der Historiker nicht eingegangen werden, sondern weiterhin soll alles unter dem Begriff Pest in Erinnerung bleiben. In diesem Zusammenhang ist auch verständlich, dass kein Heilmittel gegen die Pest bekannt war. Die vielen Heilkräuter2 konnten gegen den Pestbazillus nichts bewirken. So blieb nur die Hinwendung an die Heiligen als Helfer gegen die Pest.

Vorausgeschickt werden soll eine Feststellung, dass einzelne Pestausbrüche für die Betroffenen sicherlich als „Großes Sterben“ empfunden wurden. Die Geschichte eines einzelnen Ortes – Villingen – aus den Begebenheiten der sie umgebenden Landschaft auszuwählen, bietet sich immer dann an, wenn die Stadtgeschichte die flächendeckende Geschichte an Umfang übertrifft. Vereinzelte Pestjahre sind für die Baar vor dem Dreißigjährigen Krieg bekannt, während Villingens Pestgeschichte für diese Zeit einen größeren Umfang annimmt. Die gesamte Baar ist im Dreißigjährigen Krieg nicht so stark von der Pest heimgesucht worden wie andere Gegenden. Das beweist das Tagebuch des St. Georgener Abtes Georg II. Gaißer (1595–1655) und auch die Chronik von Juliana Ernstin, die zunächst als Priorin 1637–1655, dann als Äbtissin 1655–1665 des Klosters St. Clara den Dreißigjährigen Krieg erlebte.3 Abt Gaißer hat unermüdlich das Gebiet vom Schwarzwald bis Oberschwaben durchwandert und hat über die kleinsten Vorkommnisse berichtet, aber über die Pest schweigt er sich aus, bis auf einige wenige Bemerkungen. Z.B. kam der Abt am 21. Oktober 1629 von einem feinen Frühstück beim Bürgermeister in Hornberg zurück und notiert über seine Ankunft in Villingen, dass er am Tor zur Überprüfung angehalten wurde. Er musste der Wache versichern, dass er aus keinem verseuchten Ort kommt.4

Die Pest in der Mitte des 14. Jahrhunderts im Abendland gilt in den Ortsgeschichten oft nur als möglich, aber sie ist nicht mit letzter Sicherheit nachzuweisen. Die Villinger Geschichtsschreibung5 ist sehr umfangreich, und so ist es geradezu zu erwarten, dass sichere Nachweise für diese Pest zu finden sind. Es gibt einige wenige Dokumente, auf die der Historiker zurückgreifen kann. Einmal ist es das Anniversarienbuch der Franziskaner6, allerdings sind nur wenige Blätter, die zufällig vor der Vernichtung gerettet wurden, erhalten geblieben, dafür aber für die Pestgeschichte ein wichtiges Blatt mit folgenden aus dem Lateinischen übersetzten Versen:

Nach Jesus dreihundert, eintausend, und neunundvierzig / Sei auch eine große Sterblichkeit als Seuche bekannt geworden. / Viele wurden betroffen, an denen sich ein krank machendes Bläschen zeigte, / Im Verlauf von drei Tagen sind die Heimgesuchten schließlich gestorben. / Die Hälfte der Leute überlebte, die andere starb schließlich. / Bei wem sich Bläschen bildeten, fand bald im Tod seine Ruhe.7

Eine Urkunde vom 31. Mai 1354 überliefert, vielmehr ergänzt die erste Nachricht über die Pest zur Mitte des 14. Jahrhunderts, hier steht: vnser Frowen Tag ze herbest, won och do der sterbat allergrœst was. An Mariä Geburt (8. September) also im Jahre 1349 soll die Pest ausgebrochen sein, ihr sollen 3500 Menschen zum Opfer gefallen sein.8

Als weitere Bestätigung zum Nachweis der Pest sind die Dokumente im Zusammenhang mit der Elend- oder Seelenjahrzeitstiftung zu betrachten. Auf einem der erhalten gebliebenen Blätter des Anniversarienbuches las der Kirchenhistoriker Kefer folgende Zeilen zur Gründung: Lieben kinder, ir söllent wissen, das wir und alle unser Nachkommen ewiglich söllen began, das ellend jahrzit, das ist aller derer, die in dem alten tod von dirre welt schiedent, der was an zal trü tusend und fünfhundert. Unter den warend fünfhundert swanger frowen, die des selben todes sturbent in einem sumer. Und der Tod in dem jar, do man zalt von Christus geburt XIII hundert jahr und nünvierzig jar.

Wenn es heißt, dass Schultheiß, Bürgermeister und Rat am 31. Mai 1354 diesen ewigen Jahrtag stifteten, dann ist das keine ganz neue Stiftung, sondern eine Wiederbelebung. Seit der Stadtgründung haben vermögende Bürger im Seelenjahrzeithaus Beiträge an Geld und Früchten gesammelt, davon wurden die Armen wöchentlich unterstützt. Das berichtet eine Urkunde aus dem Jahr 1256. Todesfälle und anderes Unglück um das Jahr 1344 unterbrachen diese Tradition. Als nun die Pest in die Stadt einbrach, bewirkte die Furcht vor dem Pesttod, dass wieder Stiftungen für das Seelenjahrzeithaus gemacht wurden. Der Tod manches Spenders machte es nötig, dass der Magistrat 1354 jemand dafür einsetzen musste, der die noch ausstehenden Schulden einforderte. Außerdem wurde das Vermögen von erbenlosen Personen ebenfalls der Stiftung zugeführt. Vermutlich war in der Rabenscheuer, Kanzleigasse 2, der Sitz der Stiftung. Es wurden zwei Gedächtnistage festgesetzt – Mariägeburt (8. September) und Mariäverkündigung (25. März) –, an denen zum ersten jener gedacht wurde, die an der Pest starben und zum zweiten derer, die zur Stiftung beigetragen hatten. Die jüngste Geschichtsforschung kennt nur einen Jahrtag. Am 8. September werden für die Pesttoten und die Stifter Gottesdienste abgehalten, und eine Fleischspende kommt an diesem Tag den Notleidenden zugute. Der Name wurde in Elendjahrzeithaus oder Elendjahrzeitpflege geändert. In der Altstadtkirche war zu lesen: Dass ist die Verzeichniß des großen sterbend, der war da man zählt 1349 Jahr. Derselbigen Seelen, die damals sturben, waren Dreitausend.9

Die Wiedergabe der Urkunde von 1354 sollte hier nicht fehlen: Schultheiß, Bürgermeister und Rat von Villingen thun kund, dass sie angesehen, dass so menig ellend mensche von dirre weld schied in dem sterbat in dem jar do man zalt von gott geburt drizehnhundert jar vierzig jar in dem nonden jar, von denen ein Teil seine Jahrzeit besetzte, ein Teil dieses überhaupt à von not und gebresten wegen nicht konnte, daß es auch jetzt noch ehrbare Leute giebt, die mit besunderin jarzit ewenclich gestifften mugent, der mainung doch gen got gut ist. Damit nun der selen jarzit ut so gar vergessen werd und so ellend beliben, haben sie ein Almosen aufgesetzt und dazu zwei von ihnen zu Pflegern gegeben nemlich Hainrich Löselin und Peter Unrichtin, die ehrbares Geld (Gülten) an das Almosen gekauft haben und noch kaufen, von des almuses gut daz gegeben ist in dem sterbat und sider her, so sient tod oder lebent. Daran soll ewiglich alle Jahre eine Seelenjahrzeit begangen werden mit Messen, Vigilien und Spenden für alle Gestorbenen in dem sterbat und alle seither, die an das Almosen gaben und zwar soweit das Almosen reichen mag an unser frowen Tag ze herbst, won ouch do der sterbat aller groest waz. Das Almosen mag gebessert werden, damit man die Jahrzeit halte so oft (als diese) als das Geld gelangen mag; es sei des Jahres 2 oder 3 mal, Gott zu Lob und den Seelen zu Trost. Geht einer der Pfleger ab, so ist innerhalb eines Monats ein anderer für ihn zu wählen. Dieses soll der große Rat oder der Mehrteil des Rats bestimmen.

Samstag nach sant Urbanustag 1354.“10

Was noch eine Unklarheit hinterlässt, ist die Frage nach der Anzahl der Todesopfer. Es werden ja verschiedene Zählungen angegeben, es bleibt aber beim Verdacht, dass sie wohl zu hoch angesetzt sind. Anfang des 14. Jahrhunderts wird eine Zahl für die Männer mit Familie mit 600 errechnet, daraus wird auf 3000 Bürger geschlossen, wenn das die ganze Bevölkerung Villingens gewesen wäre, dann könnte die genannte Zahl von 3500 Todesopfer keinesfalls möglich sein. Vermutlich kommen zu den 3000 errechneten Bürgern Alte ohne Familie, Alleinstehende, die Knechte und Mägde, Waisen, die Geistlichen und Klosterinsassen, aber ob das dann die hohe angegebene Totenzahl rechtfertigt, kann nicht beantwortet werden. Anfang des 15. Jahrhunderts ist die Bevölkerung auf 2000 reduziert.11

Mit der Pest dieser Jahre geht auch die Verfolgung der Juden einher. Denn es wurde behauptet, dass die Juden die Brunnen vergiften und damit die Pest in die Städte bringen, weil sie die Christenheit auslöschen wollen. So ist es zu erklären, dass, bevor die Pest überhaupt ein Todesopfer forderte, die Juden entweder vertrieben oder gar verbrannt wurden. Aus dem bereits bekannten Anniversarienbuch sind folgende Verse zur Judenverfolgung erhalten geblieben:

Im Jahre tausenddreihundertvierzig / Und neun wurden diese ungeheuren Taten begangen: / Böse sind behandelt, ganz und gar der Besitztümer beraubt / die törichten Juden, danach sind sie im Feuer verbrannt.12

Wie viel Mitglieder die Judengemeinde hatte, ist nicht bekannt, aber gering war sie nicht, denn sie hatten eine Synagoge, die im Bereich des Münsterplatzes stand. Es werden 8 bis 10 jüdische Haushalte geschätzt. Wahrscheinlich sind die Juden im Sommer 1349 entweder vertrieben oder ermordet worden, denn das Spital bekam am 22. August 1349 von Albrecht von Österreich jüdisches Eigentum geschenkt, anderes wurde verkauft.13

Kein zeitgenössisches Denkmal, sondern eine im 19. Jahrhundert entstandene Gedenktafel hing früher in der Altstadtkirche, heute befindet sich die Tafel im Franziskaner Museum (Bild 1). Die Tafel erinnert nicht nur an die Pesttoten von 1349, sondern auch an die Seuche im Winter 1813/14. In der Inschrift werden auch wieder die 3000 Toten sozusagen bestätigt, was ja weiterhin fraglich bleibt: Bete für uns. Das ist die Bezeichniß des großen Sterbend, der was da man zahlt 1349 Jahr. Derselbigen Seelen die domals sturben waren dreidausend.14

Das nächste Pestvorkommen wirft auch wieder Fragen auf: Es wird nicht von der Pest in Villingen berichtet, sondern vom hiesigen Franziskanerkloster. Soll die Pest nur im Kloster geherrscht haben? 1493 erlag fast der ganze Franziskanerkonvent der Pest. Um das Kloster wieder zu bevölkern, mussten Patres aus Hausach geholt werden.

1498 hatte sich der Konvent wieder soweit ergänzt, dass er 26 Priester, 2 Diakone, 3 (nach anderer Lesart 16) Schüler, auch mehrere Konversenbrüder und Novizen zählte. Sollten vorher auch so viele im Kloster gelebt haben?15

Drei Jahre nach dem Sterben der Franziskaner erlagen 1496 viele Villinger an einer Seuche, die vielleicht nicht die Pest, sondern die Pocken war.

Item als man nach der geburt Chrysti zält 1496 jar, domall sandte gott der almechtig ain plag schier in alle landt mit beßen blauttern. Das war ain erschrekkenliche blaug und kranckhait; der sie überkham, derselbige was gantz lam, und sturbend alhie zue Villingen feyll menschen daran; auch fand man manchen, der die blautteren siben jar hatt, dan man sy nit gewüß khundte hailen oder artzoneyen, dan es wolte ahn manchen menschen nichts helfen, und an manchen so halff es.“ 16

Bald danach 1500/01 hat eine Seuche 850 (davon 500 Kinder) Pesttote gefordert. „Item in dem jar 1500 und 1 von sant Batholomestag [24. August] bis zu dem andern do sturbend 81/2 hundertt menschen in aim jar, und was ein jemerlich ding; do sturbend 5 hundertt kind, und sturbend desselben jars fuffzig menschen hie im spital; und sturbend dem grauffen [Graf von Fürstenberg] ains jars trig pfruner an siner pfrund; do sturbend gut redlich lutt, frowen und man.17

Im Jahr 1516 wird von dem so genannten Hauptweh berichtet, diese Krankheit ist in anderen Gegenden erst im Dreißigjährigen Krieg auffällig geworden, denn sie wurde meist von den Kroaten, die dem kaiserlichen Heer angehörten, mitgeschleppt, ungarische Krankheit hieß sie auch. Item im selbigen jar ging ain kranckhait in allem land umb, allso das die lut große hoptwe uberkomend, allso das sy offt 8 oder 10 tag in irm we dermaus thattend, alls ob sy irer sinen gar werend beropt; und wan man sy still hielt und sy niedertruck, so ferging es in wider und gnaßen, und sturbend nit fil daran, aber ethlich sturbend; und wan sy gar genaßend, so wust ir kains nit, wie oder was es gethon hat in der kranchait.18

Es ist zu vermuten, dass die Toten des Jahres 1519 wieder derselben Krankheit erlagen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Auch sollen die Franziskaner wie bereits im Jahre 1493 betroffen gewesen sein. Anno 1519 sturben hie zu Villingen 1300 menschen on die kinder und die schwangeren frauen.19

Als 1526 dann wieder die Pest einsetzte, verschwand sie wohl nie ganz aus der Stadt, auch wenn für die Jahre bis 1530 kein ausdrücklicher Vermerk besteht.

Item nach dem fing es an zu sterben an der pestelentz im 26, und sturben von crucis bis uff Kattrine [14. Sept. bis 25. Nov.] mer dan fier tussend kilchbarer menschen; was große angst und nott.20

Hier soll darauf hingewiesen werden, dass mehr als 4000 Erwachsene nicht gut möglich sein können, denn in diesen Jahren lebten in den nachgewiesenen 676 Häusern ungefähr 4000 Einwohner. Das würde bedeuten: Ganz Villingen ist ausgestorben. Dazu kommt, dass bereits nach vier Jahren 1530 schon wieder 625 (oder gar 685) der Seuche erlagen. Item im selbigen jar kam ain sterbatt ongefarlich umb pfingsten [5. Juni], ain pestelentz. Im selben sterbatt do sturb Paulle Mutz uff sant Barnabas auben [10. Juni], mornens furt man in zu grab; der was ain frolich gut welltman, witt bekant und ain recht schimpfman, dem Gott genaud und allen krisstenmenschen. Allso sturbend von Barnabe ungefarlich bis winechten 600 und 25 menschen, 4 erlicher priesster und erlich riechter und rautsfriend und sunst erlich personen, wib und man, jung und allt. Do starb mir min lieber sun Michel an sant Margreten aubend [14. Juli] und min lieber gemachel an sant Ostwaltzaubend [4. August]. Gott genad al glebigen selen.21

Mit dem Jahre 1533 endet die Chronik Heinrich Hugs. Doch eine weitere Quelle führt bis zum Jahre 1568. So lässt sich für 1565 und 1566, als wieder die Pest herrschte, eine kurze Notiz beibringen. In dissem jar seint von s. Freuentag biß weinnachten (1. [8.]Sept. bis 25. Dec.) 372 menschen alhie gestorben und darnach von weinachten bis Lichtmeß seindt wider 128 menschen gestorben.22

Eine Chronologie der Pestjahre für die nächsten Jahrzehnte fehlt, es werden nur beiläufige Bemerkungen gemacht, die auf das Wüten der Pest schließen lassen. Als 1592 die Pest 1200 Menschenleben forderte, hat der Rat der Stadt beschlossen, eine große Glocke für das Münster anzuschaffen, denn in alter Zeit waren die Gläubigen überzeugt, dass der Klang der Glocken die Pest abhalte. Der Glockengießer Reble hat diese versprochene Glocke am 12. November 1601 gegossen. Sie war mit dem Relief der zwölf Apostel und der Kreuzigung Christi sowie mit den Wappen der damaligen Villinger Amtsträger verziert. Diese Glocke gibt es nicht mehr, nach dem 2. Weltkrieg wurde ein neues Geläut angeschafft.23

Die Pest, die in den Jahren 1610 und 1611 in vielen Gegenden Deutschlands zu beobachten war, hat auch Villingen getroffen. Vielleicht wurde aus diesem Grund ein Stadtmedicus, der Dr. Caspar König, im August 1611 eingestellt.24 Einige Maßnahmen, die der Rat einführte, lassen nur ahnen, wie schwer die Seuche sich auswirkte. Heut ist abermalen mit einhelligem Mehr dahin geschlossen worden, dass unter den Toren 2 Mann beständig bestellt und denselben bei ihrem geschworenen Eid allen Ernstes eingebunden werden sollen, dass sie allen Fleißes hüten und niemanden, noch zu Ross noch zu Fuss passieren lassen, er könne den an Eidstatt bei kundgegebener Treu, Versprechen und Loben, dass er in Monatsfrist an keinem Ort gewesen, da die Sterbsucht eingerissen.25 Auch sollte nur noch am Mittwoch und Samstag für die Verstorbenen geläutet werden, weil es nicht mehr möglich war, bei jedem Todesfall den Mesner zum Läuten zu verpflichten.26

Was auch zur Sprache kommen sollte und in der Villinger Pestgeschichte nicht fehlen darf, ist, dass Villingen durch seine Lage für seine eher gesundheitsfördernde Luft bekannt war. Das machte sich die Universität Freiburg zunutze, denn diese floh, sobald sich in Freiburg die Pest rührte. Fünfmal suchte die Universität 1540, 1553, 1583, 1594 und 1610 Zuflucht in Villingen. Die Räume für Lehre und Studium fand sie bei den Franziskanern, die genügend Platz hatten. Das machte sich auch der Franziskanerorden zunutze, um hier im Laufe der Jahrhunderte 26 Provinzkapitel abzuhalten. In letzterem Fluchtjahr wurde es der Universität nicht erspart, sich auch aus Villingen zurückzuziehen wegen der Pest von 1611.27

Die Jahre des Dreißigjährigen Krieges brachten der Stadt mehrere Belagerungen, also den Krieg vor die Mauern, aber von der Pest ist die Stadt wohl verschont geblieben.28

Hatte Villingen außer dem klimatischen Grund noch einen Vorteil, der die Stadt vor allzu häufiger Begegnung mit Seuchen verschonte? Zumindest kann daran gedacht werden, dass ein gebürtiger Villinger als Arzt ein Büchlein 1558 drucken ließ, in dem auf dem Stand der damaligen medizinischen Wissenschaft die Pest erklärt wird und welche Maßnahmen die Gesundheit bewahren und welche den Kranken helfen sollen. Dieser Arzt hieß Georg Pictorius, und sein Leitfaden trug den Titel:

„Von der Pestilentz. Notwendiger bericht / was die pestilentz sey / ob die zu fliehen etc.“ Aus der Biographie über Pictorius sei aus diesem Pestbüchlein folgendes zitiert: Ursache der Pest ist wahrscheinlich ein giftiger Dunst in der Luft; dabei hat noch die persönliche Disposition des Einzelnen eine große Bedeutung: so der Mensch nit zuvor zu solchen angriff bereit / es sey von der complexion her / von unsauberen leybs oder bösem Aspekt / so mag die pestilentz bei jm nit bald eyngriff thun. Die Prophylaxe bestund demnach in guter Ordnung in den 5 nicht natürlichen Dingen und zwar vor allem hinsichtlich des Lufft. Man solle alle Orte, wo viele Menschen verkehren, meiden: Kirchen, Wirtshäuser, Badstuben, Metzigen, Märkte etc. Die Umgebung von Kranken soll man zu diesen Orten nicht zulassen, auch Hunde und Katzen, welche umherschweifend das Gift verschleppen könnten, sollen abgesondert werden, eine nicht unwichtige Maßregel. In die Aborte soll man zu vierzehen Tagen ungelöschten Kalk schütten etc. Gegen die Ansteckung durch den Mund werden Riech- oder Amberäpfel (bes. mit ätherischen Ölen, Terpentin etc.) empfohlen; die Zimmer sind öfters auszuräuchern. Ferner schütze das Tragen gewisser Edelsteine etc. Schließlich führt Pictorius eine Menge vorbeugender Mittel an, sowohl einfacher (Theriak, Nüsse, Wermut) als componierter, z. B. ein Electuarium aus 29 Mitteln, die Pilulae communes oder pestilentiales, das 14tägige Wasser etc.

Der zweite Teil des Buches behandelt sehr eingehend und mit den Darstellungen anderer Autoren übereinstimmend die Symptomatologie und Diagnose, dann die Prognose (aus den Beulen zu stellen, deren schlimmste die schwarzen), das Verhalten der Ärzte, Priester und Wärter, dann die Allgemeinbehandlung, bei welcher wieder die Diät vorangestellt ist und Kampher sowie Theriak eine Hauptrolle spielen und endlich die Behandlung der einzelnen Symptome besonders der Beulen.29

Sebastian Münster, der wenige Jahrzehnte später in seiner Weltbetrachtung auch Villingen beschreibt, hielt es für wichtig diesen Georg Pictorius abzubilden, allerdings ist es eher ein Fantasiebild als eine nach der Person geratene Abbildung.30

Wie die Villinger Rettung vor der Pest fanden, zeigt ein Besuch im Münster. Rechts an der Chorwand gibt es als Wandmalerei eine Darstellung der Schutzmantelmadonna (Bild 2), die Bürger finden unter dem Mantel Schutz. Hilfe erhalten sie auch durch die Fürbitte des hl. Sebastian, der links bittend die Hand erhebt. Vor der Kulisse der Stadt Villingen ist ein Engel in den Kampf gegen den Pesttod verstrickt. Dem hl. Sebastian war ehemals unter den 13 Altären im Münster auch ein Seitenaltar geweiht. Hier und am Marienaltar der Franziskanerkirche versammelte sich die Villinger Sebastiansbruderschaft. Wie der Feiertag des hl. Sebastian gehalten wurde, notiert Abt Gaißer in seinem Tagebuch31:

20. Januar 1634

Verehrt wird in Villingen vor den übrigen Heiligen der heilige Sebastian, von dem auch eine zweifache Brüderschaft besteht, die eine bei den Franziskanern, die andere an der Hauptkirche der heiligen Jungfrau. Zu dessen Ehre hatte vor einem Jahr der Oberst Escher noch während der Belagerung eine Bittprozession dergestalt verordnet, dass die Stadtbevölkerung aus besagter Marienkirche zum Franziskanerkloster, von da zur Kirche St. Johannis des Täufers, von da wieder zurück zur Hauptkirche bittweise geschlossen wallfahre, und dass in jeder Kirche ein feierliches Amt gesungen würde. Diese Prozession ist in gleicher und jährlicher wiederkehrender Feierlichkeit auch heute gefeiert worden und durchgeführt, obwohl sehr hohe Schneemassen und ungeheure Windstöße störten.

Bild 2: Schutzmantelmadonna mit Pesttod im Münster.

 

Bild 3 und 4: Sebastian (oben) und Karl Borromäus (rechts unten) in der Benediktinerkirche

 

20. Januar 1635

Ich nehme teil an der von Oberst Escher eingesetzten Jahresprozession, um Gott zu danken, welcher bei der im Jahr 1633 begonnenen Belagerung die Gewalt der Feuerkugeln gebrochen hatte. Die Prozession wurde bei stärkster Kälte von der Marienkirche zu den Franziskanern, von da zu St. Johann, von da wiederum zur Marienkirche abgehalten.

Auch in der ehemaligen Benediktinerkirche ist am Benediktaltar im Oberbild der hl. Sebastian dargestellt (Bild 3). In der im Dreißigjährigen Krieg zerstörten Bickenkapelle befand sich eine Figur des hl. Sebastian, die jetzt im Münsterpfarramt aufbewahrt wird32. In der Benediktinerkirche findet sich auch ein Gemälde des hl. Karl Borromäus, der in Mailand Maßnahmen gegen die Pest ergriff. Bekannt ist seine Prozession durch die Stadt. Hier ist er betend vor dem Kreuz dargestellt (Bild 4).

Eine Kostbarkeit und hochverehrt ist das Nägelinskreuz im Münster. Als Pestkreuz kann es aber nicht angesprochen werden, aber als 1635 die Pest geherrscht haben soll, nahmen die Bürger beim Nägelinskreuz ihre Zuflucht. Die legendäre Herkunft bewirkte, dass dem Kreuz Wunderkräfte zugeschrieben wurden. Gefunden wurde es Anfang des 15. Jahrhunderts von dem Bauer Andreas Nägelin aus der Spaichinger Gegend, als er nach Villingen unterwegs war.33

Nach alter Vorstellung ist eine der Aufgaben von Glocken die Vertreibung der Dämonen. Die Schwingungen der Glockentöne machte es dem Bösen unmöglich sich zu nähern. Das wurde durch Inschriften auf der Glocke erreicht, später auch durch aufgeschweißte Abzeichen z.B. mit Abbildungen von Heiligen. Eine Sonderform der Inschriften war es, das ganze Alphabet auf die Glocke zu prägen. Die einfachste Erklärung dafür ist, dass sich aus allen Buchstaben auch alle Gebete (vor allem der Exorzismus) gegen böse Mächte usw. bilden lassen.

„Daß in Villingen gleich zwei dieser Glocken anzutreffen sind, ist eine absolute Einmaligkeit in Deutschland.“34 Die eine vom Jahr 1305 mit dem gotischen Alphabet hängt im Südturm des Münsters.35 Es fällt schwer sie zu besichtigen, da sie nur durch ein Bodenloch in der Laterne zu erreichen ist. Sie wird nur zur Taufe geläutet.36 So wie das Gebet aus den Buchstaben des ABC entnommen wird und dadurch den Pestdämon vertrieb, wird das Kind durch das Taufgeläute von den bildlich gesprochenen Dämonen in der Taufe befreit.

 

 

 

 

 

 

 

 

Die andere machte eine Wanderung von Turm zu Turm mit, bis sie schließlich ihren Platz im Museum fand, auch da wechselte sie vom Rathausmuseum zum Franziskaner-Museum (Bild 5).

Diese Glocke hing, seit sie vor oder um 1380 gegossen wurde, auf dem Turm der Altstadtkirche. Am Glockenhals trägt sie ein nicht ganz vollständiges Alphabet, es fehlen die Buchstaben von h bis l und auch das t. Die Vertreibung des Pestdämons durch das Läuten dieser Glocke war die eine Aufgabe, eine andere, die durch die Geschichte bestätigt wird, ist durch ihren Namen „Spendenglöcklein“ bestimmt.

Bild 5: „Pestglocke“ aus der Altstadtkirche.

 

Dafür kam sie als „Vigil- oder Vesperglöcklein“ in den Münsterturm. Es ist bereits gesagt worden, dass nach der Pest von 1349/1350 aus der „Elendsjahrzeit-Stiftung“ ein Brauch hervorging, der eine zweimal jährlich stattfindende Abgabe eines Essens an die Armen der Stadt vorsah. Der „Bettelvogt“ ließ also am 8. September und am 25. März die Glocke als Zeichen für Essensausgabe läuten. Anfang des 19. Jahrhunderts wurde aus dem Essen eine Brotspende und schließlich später ganz aufgegeben.37

Ins Reich der Sage gehört die Behauptung, am Blutrain würden in einem Massengrab an der Pest verstorbene Soldaten liegen. Als bei Grabungen 1921 und 1925 Knochen entdeckt wurden, kamen verschiedene Deutungen ins Gespräch. Am Blutrain soll bei einem Ausfall der Städtischen während einer Belagerung im Dreißigjährigen Krieg das Blut der Feinde in Strömen geflossen sein.38

Doch Blut ist nicht die Erklärung für den Namen, denn blutt sagen die Schwarzwälder im Dialekt immer noch, wenn sie nackt meinen, das heißt also nichts anderes als eine freie Fläche. Die gefundenen Knochen lassen sich denn auch als Alemannen der Merowingerzeit erklären. Wenn also das Massengrab am Blutrain kein Pestgrab ist: Wo wurden dann die Pestleichen beerdigt? Es gibt darüber keine Auskunft, aber es ist höchstwahrscheinlich, dass der Pestfriedhof bei der damaligen Pfarrkirche, der heutigen Friedhofskapelle, zu suchen ist. Ein Hinweis darauf wäre vielleicht, dass dort im 14. Jahrhundert ein Beinhaus errichtet wurde, weil sonst kein Platz mehr für die neuen und vor allem zu zahlreichen Leichen gefunden worden wäre.39

Eine der sonderbarsten Erzählungen Sebastian Münsters ist eher eine Legende der Pestgeschichte Villingens. Ein wilder Mann soll im Dreißigjährigen Krieg gelebt haben: Es ist vergangenen jahren bey diser Statt in S. Germans Wald gewesen ein wilder vnd gantz viehischer Mann / der ist Sommer vnd Winter gantz nackend gelaffen / sich des Grases vnd Wutzlen beholffen / zu Nacht bey dem Viehe auff Thannenreiß vnd nackend gelegen / hat auß keinem Brunnen sondern auß Mistlachen getruncken. Er hat die Menschen geflohen wie ein wild Thier / ist zu letst an der Pestilentz gestorben.40

Literatur beim Verfasser.

1 Die hochgestellten Zahlen verweisen auf die Quellen bzw. weiterführende Literatur zur jeweiligen Stelle. Diese Literaturliste kann beim Autor angefordert werden.