Von der Gießerei zum Hersteller von LED-Straßenleuchten (Peter Geilen )

Hitze, Staub und flüssiges Metall – lange Zeit prägten sie die Arbeitswelt von Eisengießereimeister Willi Hess in seiner 1947 in der Lantwattenstraße, Villingen, gegründeten Gießerei. Nach seiner Rückkehr aus der Gefangenschaft musste er feststellen, dass sein bisheriger Arbeitgeber, die Aluminiumgießerei Villingen, von der französischen Besatzung restlos demontiert worden war. So baute er unter den damaligen Umständen des Tauschhandels seine kleine Gießerei auf. Sein erstes Produkt war ein Waffeleisen, mit dem wiederum andere Produkte eingetauscht werden konnten.

Später wurden für die heimische Industrie unterschiedlichste Produkte, von einfachen Gußteilen bis hin zu Spezialkomponenten gegossen, die beispielsweise in Bäckereimaschinen Einsatz fanden. Gegenüber den großen Konkurrenten konnte die Willi Hess KG nur durch Flexibilität bestehen.

1969 übernahm der in Villingen geborene Sohn von Willi Hess, Gießereimeister Jürgen G. Hess, das Unternehmen mit acht Mitarbeitern. Er hatte die Vision von Unabhängigkeit durch eigene Produkte.

Wappenteller der Gießerei Hess.

 

 

Schon Anfang der 70er Jahre wandte sich Jürgen Hess dem Dekoguss zu. Als erstes fertigte er das Villinger Wappen, es folgten exklusive Wappenteller für Städte und Gemeinden, die durch eigene Vertreter vermarktet wurden. Jürgen Hess produzierte auf Anregung des leider viel zu früh verstorbenen Kreisbrandmeister Kurt Hog den St.Florian-Wappenteller in verschiedenen Größen. Der weltweit agierende Feuerwehrausstatter Ziegler aus Gingen an der Brenz hatte diesen Artikel bis in die 90er Jahre im Katalog. Hess erhielt für seine Idee – ein magnetisches Schlüsselbrett, eingebettet in einen gegossenen Schlüssel – ein Gebrauchs muster.

 

 

Aus den Anfängen der Gießerei Willi Hess KG in der Lantwattenstraße.

 

 

Die erste Straßenleuchte Modell „Villingen“.

 

Als Werbegeschenk wurde dieses Schlüsselbrett mit Aufdruck immerhin 60.000 mal verkauft.

Das größte Einzelprojekt in jener Zeit realisierte Hess beim Bau des neuen Heilig-Geist-Spitals, eine gegossene Stadtansicht mit dem alten Spital und einer Länge von 13 Metern. Das Gussteil kann heute noch im dortigen Speisesaal besichtigt werden.

1978 suchte die Stadt Villingen-Schwenningen neue Leuchten für die geplante Fußgängerzone in der Villinger Altstadt. Jürgen Hess stellte den Entwurf für eine historische Laterne vor und erhielt von der Stadt den Auftrag. Mit der Leuchte „Villingen“ schlug das Unternehmen seinen neuen Weg als Markenhersteller ein. Schnell folgten weitere Leuchtenfamilien, aber auch Stadtmobiliar, wie Parkbänke, Papierkörbe und Kanalschachtdeckel mit Wappen. 1979 bis 1985 stellte Hess seine Produkte auf der Südwestmesse aus.

Dorfbrunnen aus Aluminiumguß.

 

 

Ein Bürgermeister vom Heuberg bestellte dort den ersten gegossenen Dorfbrunnen. Durch diesen Auftrag wurde Hess in der Kanalgrußindustrie bekannt. Die Reisser-Gruppe in Böblingen zum Beispiel, übernahm den Produktvertrieb in zwei Bundesländern.

Durch die dynamische Produktentwicklung wuchs die Mitarbeiterzahl und der Betrieb wurde erstmalig 1986 zur Schlachthausstraße hin mit einer neuen Produktionshalle und Verwaltungsgebäuden erweitert. Ab dann firmierte die Gießerei unter Hess Form + Licht GmbH. Der Vertrieb, insbesondere auch der Export, wurden konsequent ausgebaut. Das erste Exportland war für den frankophielen „Schorsch“ Hess Frankreich, der mittlerweile durch die Guggemusik „Alte Kanne“ stadtbekannt war.

Neben Städten und Gemeinden als potentielle Kunden sprach Hess verstärkt auch Architekten und Planer an. Mit der Einführung von Designer- Kollektionen, allen voran dem Avangardo- Programm Anfang der 90er Jahre gelang der internationale Durchbruch und Hess wurde zum anerkannten Partner von Architekten. Es war auch die Zeit für den Sprung über den Atlantik, Hess gründete eine eigene Produktionsfirma in den USA.

Ende der 90er Jahre war die Mitarbeiterzahl in Villingen auf rund 120 gestiegen und es herrschte ein spürbarer Mangel an Facharbeitern in der Region. Hess beschloss, im sächsischen Löbau eine Produktionsfirma zu gründen, die heutige Hess Lichttechnik GmbH. Aus anfänglich 20 Mitarbeitern sind heute mehr als 100 Facharbeiter geworden. Das Betriebsgelände ist mehrfach erweitert worden und für die moderne Serienfertigung ausgerichtet.

Die Niedere Straße in Villingen wurde 1999 zur Fußgängerzone. Hess installierte das bahnbrechende, blendfreie Lichtsystem „Faro“. Durch das moderne, reduzierte Design lassen die Leuchten den Blick auf die schönen Fassaden der Altstadt zu. Das gleiche System wird 10 Jahre später für die Stadt Houston vorgesehen, die Texaner kaufen 1300 Stück.

Das patentierte Leuchtensystem „Faro“ in der Villinger Niederen Straße.

 

 

Anfang des neuen Jahrtausends entwickelte sich das Unternehmen dynamisch weiter. Das Leuchtenprogramm wurde um das neue LED-Leuchtmittel erweitert. Mit dem Produkt „Millennio“ wird 2002 weltweit die erste normgerechte Straßenleuchte in New York dem Fachpublikum vorgestellt. Außerdem erfolgte der Einstieg in ein neues Marktsegment: die technisch ausgestattete Außenleuchten. Neben den LED-Produkten haben sich diese Leuchten zu einem der Hauptumsatzträger in den letzten Jahren entwickelt.

Der Standort Villingen konnte 2005/2006 durch den Zukauf eines Betriebshofes der Post in der Schlachthausstraße nochmals grundlegend erweitert werden. In Zusammenarbeit mit der Stadtverwaltung war es möglich, auch das Ausstellungsgelände durch Teileinzug der Schlachthausstraße erheblich zu vergrößern. Es entstand der „Schauplatz Hess“ mit über 5000 qm, auf dem rund 300 Produkte ausgestellt sind. Mehr als 1500 Fachbesucher aus dem In- und Ausland werden hier pro Jahr umfangreich beraten. Der Platz ist aber auch Tag und Nacht für die Bürger erlebbar.

Das Unternehmen wurde 2007 in eine familiengeführte Aktiengesellschaft umgewandelt. Mit der Hess AG wurde auch der Führungswechsel einge läutet. Christoph Hess ist nun Vorstandsvorsitzender der Hess-Gruppe, Jürgen G. Hess hat sich als Aufsichtsratsvorsitzender aus den operativen Geschäften zurückgezogen. Die Leitung der amerikanischen Tochtergesellschaft führt er weiter fort, und behält seinen zweiten Wohnsitz in den USA.

Das Wachstum der Hess AG beruht nicht allein auf dem stetig steigenden Exportanteil. Auch durch die Übernahme von Wettbewerbern konnten Kunden hinzugewonnen werden. Heute beschäftigt die Hess-Gruppe weltweit rund 430 Mitarbeiter und erwirtschaftet einen Gruppenumsatz von rund 70 Millionen Euro. Neben vorbildlicher Ausbildungspolitik zeichnet sich die Hess AG durch eine faire Personalentwicklung aus. Es gilt als etwas Besonderes, beim „Lampen-Hess“ zu arbeiten.

Im Laufe von dreißig Jahren konnte ein hoher Bekanntheitsgrad auf der ganzen Welt erreicht werden, viele internationale Projekte von namhaften Architekten erstrahlen im Licht der Hess- Leuchten, ob in Amerika, Dubai oder China.

Über 1500 Fachleute aus dem In- und Ausland besuchen den 2006 eröffneten Schauplatz Hess (oben).

 

 

Säulenleuchten für den Olympiapark in Peking, die gleiche Leuchtenserie steht in der Villinger Bahnhofstraße und im Kurpark.

 

 

Der letzte Guss in Villingen durch Jürgen G. Hess 2008.

 

 

Trotz der Internationalität und den mittlerweile sieben Werken ist die Hess AG in der Region tief verwurzelt. Christoph Hess ist Vorsitzender des Sinfonieorchesters Villingen-Schwenningen und Präsident der Villinger Katzenmusik. Weitere gemeinnützige Vereine und Projekte werden unterstützt.

Es war ein weiter Weg von der Gießerei zur LED-Technologie. Staub, Hitze und glühendes Eisen sind in Villingen passé. Die Gießerei der Hess AG wurde Ende 2008 ausgelagert. Heute sorgen drei eigene Gießereien in ganz Deutschland für die reibungslose Materialversorgung.

Hess ist einer der international führenden Hersteller von gestalteten, energieeffizienten Außenleuchten mit einem breit gefächerten Produktprogramm. Die eigenständige Formensprache und die Qualität haben Hess zu einer internationalen Marke gemacht.

 

Hess-Leuchten in der Hauptstadt: Außenplatz der 02-World in Berlin.