Landwirte erleben die Weite der Erbhöfe (Sabine Streck)

Vor 70 Jahren siedeln Bauern aus der engen Innenstadt Auf die Steig / Tradition lebt weiter

Im Volksmund sind sie als Erbhöfe bekannt, offiziell heißen die landwirtschaftlichen Anwesen Auf der Steig Bertholdshöfe. Vor 70 Jahren wurden die elf Aussiedlerhöfe in Betrieb genommen. Ihre Geschichte und der Grund für die Aussiedlung landwirtschaftlicher Betriebe aus der beengten Innenstadt Villingens sind den Bewohnern der Erbhöfe, die heute meist in der zweiten oder gar dritten Generation dort leben, noch präsent. Im September fand ein internes Fest statt, bei dem sich die Erbhofnachbarn trafen. Ganz anders war dies beim 50-jährigen Bestehen der Erbhöfe 1989. Damals fand ein großer Festakt im Theater am Ring und ein großes Bürgerfest auf den Bertholdshöfen statt.

Heute wird von den insgesamt elf Höfen noch auf vier Volllandwirtschaft betreiben, die anderen werden entweder als nebenlandwirtschaftliche Betriebe geführt oder anderweitig genutzt. Auf einem wird seit 20 Jahren Pferdezucht betrieben, auf einem anderen Hof ist vor kurzem ein Pferdehalter eingezogen. Wenn sich auch im Laufe der Jahrzehnte einiges geändert hat, so hoffen und wünschen sich die Erbhöfebewohner, dass noch lange landwirtschaftlich geprägte Betriebe hier am Leben bleiben.

 

 

Enge Webergasse: Wie hier in der Webergasse, hatten fast alle Stadtbauern mit beengten Verhältnissen zu kämpfen.

 

Erbhof: Auf weitem Feld breitet sich einer der Erbhöfe aus, eine neue Zeit konnte beginnen.

 

Die Geschichte der Erbhöfe hat ihre Wurzeln in der nationalsozialistischen Ideologie. Der Reichsstatthalter in Baden, Robert Wagner, forderte 1934 in einem Schreiben an die „Bürgermeister des Landes Baden“ dazu auf, brachliegendes Land für die Landwirtschaft nutzbar zu machen. Verfügbares Land sollte an Kleinbauern abgegeben werden, um sie zu Vollbauern zu machen. Es sollte auch ungenutzter Boden an Besitzlose gehen, die bereit waren, in Gärten sich das Nötigste zum Leben selbst anzubauen. Je mehr wirtschaftlich selbstständige Existenzen geschaffen würden, insbesondere selbstständiges Bauerntum, umso mehr diene dies einer glücklichen Zukunft des Volkes.

Die Botschaft kam im Villinger Rathaus an. In den Jahren 1935/36 wurde von Bürgermeister Schneider und dem Stadtrat die Aussiedlung der landwirtschaftlichen Betriebe erwogen, was für die damalige Zeit ein ungewöhnliches Ansinnen war. Die wirtschaftliche Situation der Landwirte hatte sich im Laufe der Jahre verschlechtert. Vor allem die Stadtbauern hatten keine Möglichkeit, ihre beengten Verhältnisse zu ändern. Die Ställe waren zum Teil licht- und luftlos, die Straßen und Gassen Villingens zu eng für moderne landwirtschaftliche Fahrzeuge. Die Grundstücke und Felder der Bauern lagen oft über die ganze Gemarkung zerstreut, die Anfahrtswege weit und unwirtschaftlich. Somit war es aussichtslos, den modernen Anforderungen standzuhalten. Die Wirtschaftlichkeit der in der Stadt ansässigen Betriebe konnte nicht mehr aufrechterhalten werden. Insbesondere weiter entfernte Felder wurden nicht mehr mit der nötigen Intensität bewirtschaftet. Deshalb tauschten immer mehr kleine Landwirte ihren Arbeitsplatz mit einem in der Industrie, in der sie schneller und einfacher Geld verdienten.

Infolgedessen wurden immer mehr Pachtfelder angeboten. Die hauptberuflichen Landwirte in der Stadt standen vor der Entscheidung, auszusiedeln und ihre Wirtschaftsfläche zu vergrößern oder weiterhin lange Wege zu den Feldern zurückzulegen. Die badische Landessiedlung stellte schließlich am 21. März 1938 den Antrag, auf dem südöstlichen Gemarkungsteil der Stadt Villingen im Wege der Feldbereinigung und Umlegung.14

 

Neue Heimat: Die Gewöhnung an die neue Heimat dauerte nicht lange.

 

Neubauernstellen zu errichten. Beabsichtigt waren zwölf Siedlungshäuser südlich der Schwenninger Straße in vier Gruppen zu bauen. Die zwei restlichen Gebäude sollten östlich beim Zollhäusle entstehen. Dabei handelte es sich um Eindachhäuser mit der Aufteilung in Wohn-, Stall- und Scheunenteil. Der Wohnteil war einheitlich gestaltet, wobei der Ausbau des Obergeschosses jedem Siedler selbst überlassen wurde. Der Stall bot Platz für zehn Kühe und Bullen, sechs Jungviechern sowie zwei Pferden beziehungsweise zwei Ochsen und Schweinen.

Die Wasserversorgung auf den Bertholdshöfen war gesichert, weil die Stadt 1934 ein Wasserreservoir auf der Wanne gebaut hatte. Das erforderlich Land, eine Fläche von rund 273 Hektar wurde vom Spitalfonds, der Stadt, dem Staatsvermögen und anderen Eigentümern bereitgestellt. Für die aussiedelnden Bauern war die deutsche Siedlungsbank in Berlin und die badische Landessiedlungsgesellschaft zuständig. Der Siedler hatte so die Möglichkeit einer günstigen Finanzierung. Es war eine Anzahlung von 2500 Reichsmark erforderlich und das lebende und tote Inventar.

Der Bürgermeister der Stadt ermunterte die Landwirte 1937 in einem Schreiben, sich an der Neusiedlung der Erbhöfe zu beteiligen. In erster Linie sollten Villinger Landwirte zum Zuge kommen, erst dann Auswärtige. Es meldeten sich schließlich sechs Villinger Bauern: Verona Weber, Wilhelm Zehnder, August Wildi, Adolf Jäckle, Heinrich Herbst und Emil Sauter. Von auswärts kamen hinzu W. Eichin aus dem Wiesental, E. Stoll aus Schabenhausen, J. Link aus Tuningen, J. Strohmeier aus Bad Dürrheim, G. Weisser aus Brigach und A. Brugger aus Bräunlingen, der die Siedlungsstelle im Zollhaus erhielt. Im Frühjahr 1939 wurden die Erbhöfe nach und nach bezogen.

 

Maschinen: Der Einsatz moderner Maschinen brachte neue Möglichkeiten und machte die Arbeit effizienter.

 

Alle Fotos: Archiv Wildi

Am 14. Juni 1939 erhielten sie in Erinnerung an den Stadtgründer, Graf Berthold, ihren Namen. Im Schwarzwälder Tagblatt war am 4. August 1938 zu lesen, dass ein neuer Stadtteil zwischen Villingen und Schweningen entstehe. „Zwölf Erbhöfe sind bereits im Werden, und die betreffenden Gebäude sind soweit gefördert, dass teilweise die Zimmerleute mit der Aufrichtung des Dachgebälks beschäftigt sind. Die Bauten werden durch die Landessiedlung erstellt, das Gelände hat die Stadt zur Verfügung gestellt zu dem billigen Preis von fünf Pfennigen je Quadratmeter.“

Während und nach dem Zweiten Weltkrieg lebten die Siedler vornehmlich von Milchvieh, Getreide-, Kartoffel-, Gemüse-, Kraut- und Mohnanbau. In den 50er-Jahren bis in die 70er hinein war die Kartoffelsaatzucht dominierend.

Wenn der Strukturwandel auch nicht spurlos an den Bertholdshöfen vorüber gegangen ist, ist das Gelände in weiten Kreisen der Bevölkerung als schöner Spazierweg und Jogging-Strecke bekannt und viel genutzt. Und so manch alter Villinger wird sich noch an die Zeiten erinnern, in denen er als Erntehelfer auf die Erbhöfe gekommen ist.