Die Klosterringschule, eine Grundschule mit Montessorizug, stellt sich vor (Heidemarie WeißerAnja Ruf)

„Hilf mir es selbst zu tun“

 

 

 

 

 

Die Klosterringschule liegt seit vielen Jahrzehnten am Rande der Innenstadt an der Stadtmauer. Wer sich mit der Geschichte der Frauen- und Mädchenbildung in Villingen beschäftigt, stößt ganz schnell auf die Klosterringschule.

Die gemeinsamen Wurzeln mit den privaten Schulen St. Ursula begannen im Jahr 1778, bzw. 1782 und reichen weit bis in das letzte Jahrhundert hinein. Die Klosterringschule war als „Maidleschule“ bekannt. Dieses Kapitel wurde im Jahr 1968 beendet. Danach war sie eine große Grund- und Hauptschule mit Mädchen und Jungen.

Am Ende des Schuljahres 2008/09 wurde die Hauptschule geschlossen, weil zu wenig Schüler die Hauptschule in der Innenstadt besuchten. Die Schüler durften sich eine der drei anderen Hauptschulen in Villingen auswählen. Der Abschied fiel allen ziemlich schwer, als das Schuljahr mit dem üblichen Gottesdienst in der Johanneskirche endete.

Die Gründe, die zu dem Rückgang der Schülerzahlen führten waren vielfältig. Zum einen war es die Umstrukturierung der Bevölkerung in der Innenstadt durch die Renovierung der alten wunderschönen Häuser und dem Schaffen neuer hochwertiger Wohnungen. Zum anderen war es der überall stattfindende Geburtenrückgang, den man allgemein beobachten kann. Außerdem wählten viele Hautschuleltern früher als erwartet die Ganztagsschule.

Wir machten uns also schon vor etlichen Jahren viele Gedanken. Wenn wir uns schon nicht zu einer Ganztagsschule entwickeln durften, suchten wir nach einem Profil, das Eltern verstärkt ermutigen sollte, ihre Kinder unserer Schule anzuvertrauen. Unsere zusätzlichen Angebote waren und sind:

– Wir sind ein LRS-Stützpunkt, d.h. Schüler die eine Lese- bzw. Rechtschreibschwäche haben, erhalten zusätzliche Förderung.

– Der Umgang mit Computern wird ab Klasse 1 eingeübt. In jedem Klassenzimmer steht mindesten ein Computer und wir nutzen einen PC- Raum mit 10 Arbeitsplätzen.

– Wir kooperieren mit der Stadtbibliothek und legen großen Wert auf den Erwerb der Sprach- und Lesekompetenz z.B. durch gemeinsame Vorleseprojekte.

– Die Sozialkompetenz verstärken wir durch Übernahme von Verantwortung im Schulhaus, auf dem Schulhof und im Schulgebäude. Außerdem wählen die Schüler ab Klasse 2 ihre Klassensprecher. Regelmäßig wird der Klassenrat einberufen und mehrmals trifft sich die Schulversammlung um Themen zu besprechen, die die Schulgemeinschaft betreffen.

– Unser Musikprofil beinhaltet

ab Ende Klasse 1 und das komplette 2. Schuljahr hindurch Blockflötenunterricht.

Im 3. und 4. Schuljahr spielen die Schüler, je nach Jahrgang entweder 2 Jahre Klavier oder Geige verbunden mit E-Gitarre.

Dies ist nur möglich durch unsere Kooperationspartner:

die Musikhochschule Trossingen mit Frau Gabriele Schatz-Schempp,

die Musikakademie Villingen-Schwenningen mit Frau Cornelia Plantard

die Stadtharmonie Villingen mit Frau Elisabeth Klingele.

– Wir versuchen mehr Bewegung in den Schulalltag zu bringen durch zwei große Pausen mit Bewegungsspielen und Spielgeräten auf dem Pausenhof und durch die Verteilung des Sportunterrichts während der Unterrichtswoche.

– Wir unterstützen bewusste und gesunde Ernährung durch gemeinsames Frühstücken vor oder nach der großen Pause.

– Naturwissenschaftliche Experimente, Unterrichtsgänge, klassenübergreifende Projekte sollen bei den Kindern Interesse für den naturwissenschaftlichen und den kulturellen Bereich wecken.

– Ein Grundschulchor trifft sich regelmäßig und bereichert alle schulischen Veranstaltungen.

– Wir bieten Betreuungsangebote an:

Im Rahmen der verlässlichen Grundschule von 7.30 Uhr bis 13.00 Uhr, die Hausaufgabenbetreuung der Stadt VS in unserem Gebäude von 13.00 Uhr bis 17.00 Uhr. Seit dem letzten Schuljahr können die Schüler auch ein Mittagessen mit Betreuung bei der AWO einnehmen.

Alle diese Angebote waren uns aber noch nicht genug. Bei einer Prüfung, die ich abnehmen musste, besuchte ich die GHS in Tuttlingen-Nendingen. Diese Schule bot bereits Unterricht nach Maria Montessori in der Grundschule an und wollte diese Lernform auch auf die Hauptschule ausdehnen.

Diese Art des Lernens faszinierte mich. In der Bundesrepublik gab es bereits 2002 950 schulische und vorschulische Montessori-Einrichtungen, davon 250 Grundschulen, aber keine einzige im Schwarzwald-Baar-Kreis. Und so war die Idee geboren, am Klosterring nach Maria Montessori zu unterrichten.

Wer war Maria Montessori?

Am 31. August 1870 wird Maria Montessori als einziges Kind des Finanzbeamten Alessandro Montessori (1832–1915) und seiner aus einer Gutsbesitzerfamilie stammenden Frau Renaldi, geb. Stoppani (1848–1912) in Chiaravalle bei Ancona/Italien geboren.

Sie besucht die sechsjährige Grundschule und danach die naturwissenschaftlich-technische Sekundarschule. Zuerst studiert sie von 1890 bis 1892 Naturwissenschaften und anschließend gegen den Willen ihres Vaters und als erste Frau in Italien Medizin (1892–1896). Sie absolviert dieses Studium und promoviert.

Nach einem Schlüsselerlebnis bei Kindern von Patientinnen in einer psychiatrischen Klinik entwickelt sie ein didaktisches Material nach den Franzosen Itard und Seguin.

Nach der Geburt ihres Sohnes Mario, den sie in die Hände einer Amme gibt, studiert sie Pädagogik und Anthropologie. Ab 1899 übernimmt sie eine Dozentur am Ausbildungsinstitut für Lehrerinnen im Rom. Dort wird unter ihrer Anleitung ihre Methodik zur Erziehung und Unterricht vermittelt.

Die Grundelemente ihrer Pädagogik werden zuerst mit geistig behinderten Kindern durchgeführt. Dann werden ihre Erkenntnisse bei Kindern aus einem eher sozial schwachen Milieu überprüft und angewendet. Die überraschenden pädagogischen Erfolge führen dazu, dass bald das „vornehme Rom“ Einrichtungen dieser Art für seine Kinder fordert. Kinderhäuser nach Montessori „case dei bambini“ werden eingerichtet.

Maria Montessori gibt 1911 ihre Arztpraxis auf. Sie widmet sich der internationalen Verbreitung ihrer Pädagogik. Es werden auf der ganzen Welt immer mehr Montessori-Schulen und Montessori- Kinderhäuser gegründet.

Sie wohnt eine zeitlang in Barcelona. Von dort muss sie 1936 fliehen. Das Franco-Regime ist gegen diese freiheitliche Erziehung von Kindern. Sie zieht nach Amsterdam. Dort, wo totalitäres Denken, sei es faschistisch, sei es kommunistisch vorherrscht, werden Montessori-Einrichtungen verboten und zerstört.

1939 verlässt sie Europa und lebt bis 1946 in Indien – während des 2. Weltkrieges wird sie mit ihrem Sohn von den Engländern als Italienerin interniert.

Dann lebt sie einige Zeit in den Niederlanden, wo sie überraschend am 6. Mai1952 in Nordvijk aan Zee stirbt.

Grundelemente der Montessori-Pädogogik

„Hilf mir es selbst zu tun“

1.Die sensiblen Phasen

– Wenn ein Kind in die Schule kommt, ist seine soziale Kompetenz bereits entwickelt. Das Kind ist ein aktives Wesen, das seine Fähigkeiten nur im Austausch mit anderen, ihm vertrauten Menschen und mit seiner Umwelt erwirbt.

– Montessori versteht unter sensiblen Phasen bestimmte Zeitkorridore für das Erlernen bestimmter grundlegender Fähigkeiten, d. h. das Kind ist besonders empfindlich für bestimmte Dinge. Es sind Perioden gesteigerter Aufnahmefähigkeit. Sie sind von vorübergehender Dauer. Daraus ergibt sich leider auch die Wahrheit des Spruches: „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr.“ In neurobiologischer Hinsicht wurde der Wahrheitsgehalt dieser Volksweisheit und der Beobachtung Maria Montessori auf vielfache Weise bestätigt.

– In der Entwicklung des Kleinkindes von 0 bis ca. 6 Jahre lassen sich gut beobachten

< die Sensibilität für Bewegung und Sinneseindrücken verbunden mit dem Verlangen, seinen Willen in Taten umzusetzen.

< die Sensibilität für Ordnung und Suchen nach Orientierung

< die Sensibilität für den Erwerb der Sprache und die Anpassung an den geistigen Lebensraum, der durch die Sprache erzeugt wird.

– Diese Phasen werden und müssen besonders im Elternhaus und dann eventuell später in einem „Kinderhaus“ (Kindergarten) beachtet werden.

– In der Schule, also im Alter des Kindes ab ca. 6 Jahren bis zur Pubertät, kommen weitere sensible Phasen hinzu.

< das Bedürfnis nach Erweiterung des Aktionskreises

< das Bedürfnis, die Vorstellungskraft zu üben, Kulturtechniken zu erwerben und Naturphänomene zu erforschen.

< das Bedürfnis nach Orientierung in moralischen und sozialen Fragen.

– Eine Schule nach Montessori beinhaltet einen internationalen Standard, d. h. alle Montessori- Schulen auf der ganzen Welt sind sich sowohlvom verwendeten Unterrichtsmaterial als auch von der Art des Unterrichtens sehr ähnlich.

2.Die Polarisation der Aufmerksamkeit – Konzentration

– Darunter versteht Montessori die Bündelung aller leib-seelischen Kräfte, die dazu führt, dass man sich selbstvergessen in eine Arbeit versenkt. Schon kleine Kinder können sich in dieser Weise konzentrieren. Erstmalig beobachtete sie dies in ihrem ersten Kinderhaus in San Lorenzo in Rom. Ein Mädchen wiederholte die Übung mit den sogenannten „Holzblockzylindern“ viele Male und war dabei über einen längeren Zeitraum so versunken in ihre Tätigkeit, das es Ablenkungsmanöver nicht bemerkte und sich durch nichts stören ließ. Ohne erkennbaren äußeren Grund beendete das Kind dann seine Handlung und wirkte anschließend glücklich und ausgeglichen.

– Aktives Verstehen wird als Stärkung der Persönlichkeit und als Kraftzuwachs erlebt. „Es geht mir ein Licht auf!“ Mit dem vertieften Verständnis einer Sache erschließt sich ein Stück Lebenswirklichkeit.

3.Die vorbereitete Umgebung

– Es ist in der heutigen Pädagogik außer Freiarbeit einer der am häufigsten zitierten und verwendeten Begriffe ohne der Angabe der Herkunft von Montessori.

– Es sind drei Aspekte wichtig.

< die entspannte Lernumgebung, in der sich das Kind wohlfühlen und selbständig arbeiten kann

< die Bereitstellung von entwicklungsangemessenem Material

< die Lehrerpersönlichkeit als Gesprächspartner, Former und Pfleger der vorbereiteten Umgebung

– Zur vorbereiteten Umgebung gehört das gesamte nach pädagogisch-psychologischen Gesichtspunkten arrangierte Inventar und das didaktische Material. Alle Arbeitsmaterialien sind für alle Kinder offen zugänglich.

– Die Schule soll nach Montessori der Ort sein wo das Kind seine Freiheit erlebt.

– Sie sieht in dem Zueinander von Umgebung, die zu einem freien selbstverantworteten Handeln auffordert und als solche vorbereitet sein muss, und der Würde des Kindes einen eindeutigen Zusammenhang.

– Zusammengehören vorbereitete Umgebung, Freiheit, Disziplin und Ordnung.

– Vorbereitete Umgebung bietet dem Kind Gestaltungsspielraum für den Umgang mit anderen Menschen, mit Gegenständen, mit sich selbst. Die Grenzen des Gestaltungsspielraumes sind die Bedürfnisse der anderen Menschen.

– Ordnung schafft Zuverlässigkeit – Zuverlässigkeit schafft Sicherheit – Sicherheit ermöglicht die verantwortliche Wahrnehmung der Angebote.

– Für die Einrichtung des Klassenzimmers bedeutet das, dass die Montessori-Materialien und die anderen Unterrichtsmaterialien geordnet sind nach Bereichen und nach Schwierigkeiten. Die Kinder werden in die Ordnung eingeführt und halten sich daran auch beim Aufräumen.

– „Diene der Ordnung, so dient die Ordnung Dir!“ Was Augustinus formulierte gilt als Unterrichtsprinzip für die Montessori-Klassen.

4.Das Arbeitsmaterial nach Maria Montessori

– Ein Teil der vorbereiteten Umgebung sind die methodischen und pädagogischen Materialien. Sie bestehen aus dem geordneten Angebot der Dinge, die für die Bewältigung des täglichen Lebens notwendig sind, aus Entwicklungsmaterialien für die Sinne, Sprachmaterial, mathematischem Material, Material zur kosmischen Erziehung, an Anregungsmaterialien für musisches Tun und Erleben. Eigenmaterialien der Lehrkraft für bestimmte Themen ergänzen das Lernangebot. Montessori bezeichnet ihr Arbeitsmaterial als „Entwicklungsmaterial“ mit dessen Hilfe das Kind seine geistigen Energien entwickeln kann. Gleichzeitig beeinflusst es die Kinder zum selbständigen Lernen und regt zur Aktivität an.

< Es hat einen hohen Aufforderungscharakter, ist qualitativ hochwertig und solide verarbeitet, gleiches gilt für die verarbeiteten Rohstoffe.

< Es ist in seinen verschiedenen Bereichen logisch und schlüssig aufgebaut.

– Das Material muss außerdem

< dem kindlichen Verständnis angepasst sein

< den Forschungstrieb befriedigen,

< die Vorstellungskraft des Kindes entwickeln,

< über das Studium des Details eine Vision des Ganzen vermitteln,

< zu geistiger Disziplin und zu geordneten Kenntnissen führen,

< eine selbständige Fehlerkontrolle ermöglichen.

– Die Einführung eines für das Kind neuen Materials erfolgt gewöhnlich als „Einzellektion“, d. h. die Lehrerin setzt sich daneben und erklärt ihm mit Worten und Handlung, wie das Material zu handhaben ist. Dies benötigt Ruhe und Zeit. Jedes Material ist in der Regel nur einmal vorhanden.

5.Die Freiarbeit

– Der zentrale Begriff der Montessori Pädagogik ist die Freiarbeit. Sie beginnt im Kinderhaus (Kindergarten), eigentlich schon früher im Elternhaus bzw. in der Frühbetreuung. Sie ist für sie eine grundlegende Lernform, die die unterschiedlichen Fähigkeiten und Interessen durch weitgehende Individualisierung fördert. Arbeit ist für sie vor allem Arbeit an sich selbst, als ein elementares Bedürfnis des Menschen. In diesem Sinne bezeichnen wir es heute als Selbstverwirklichung.

– Die Freiarbeit wird durch gebundenen Unterricht in bestimmten Fächern (bei uns Englisch, Musik, Kunst, Sport und Religion) ergänzt.

– In der „vorbereiteten Umgebung“ haben die Kinder einen relativ großen Freiheitsspielraum. Jedes Kind kann wählen

< was und womit es sich beschäftigen will,

< an welchem Platz es arbeiten will,

< mit wem es arbeiten will

< wie lange es an einer Sache arbeiten will.

– Dabei sind natürlich Regeln einzuhalten. Die Kinder müssen sich verständigen, wer mit welchem Material wann arbeiten darf und niemand darf bei seiner Arbeit gestört werden.

– Die Schüler lernen dabei

< sich selbst einzuschätzen

< ihre Zeit einzuteilen

< ihren eigenen Lernstil zu finden

< Verantwortung für ihr Tun zu übernehmen.

– Der Schweizer Psychologe Jean Piaget hat der Vorstellung ein Ende bereitet, dass Kinder bereits mit ähnlichen Denkstrukturen wie Erwachsene auf die Welt kommen. Seine Forschungsergebnisse führten zu der Erkenntnis, dass das Gehirn sich stufenweise entwickelt. Die grundlegende Auswahl der Montessori-Materialien und ihre Pädagogik entsprechen diesen Forschungsergebnissen, obwohl Piaget zu seinen Erkenntnissen erst später kam.

– Aufgrund von Erfahrungen anderer Montessori- Schulen besteht die Gewissheit, das sich die Kinder, sofern nicht physische oder psychische Schädigungen vorliege, allseitig, d. h. in allen seinen Bereichen entwickelt. Kinder, die Hilfe benötigen, erfahren Unterstützung bei der Wahl einer Tätigkeit durch die Lehrkraft.

6.Die veränderte Rolle der Lehrkraft: Lernbegleiter und Lernberater

– Eine wesentliche Bedingung für die Förderung

von selbsttätigem und eigenverantwortlichem Lernen ist eine veränderte Rolle der Lehrkraft oder allgemeiner betrachtet, eine veränderte Haltung der Erwachsenen gegenüber dem Kind und dem Jugendlichen. Sie ist gekennzeichnet durch Respekt vor der Persönlichkeit und dem Vertrauen in die dem Kinde vorhandenen individuellen Entwicklungskräfte.

– Die Lehrkraft stellt die vorbereitete Umgebung bereit. Sie benötigt eine kritische Selbstreflexion und die beobachtende Distanz des Erwachsenen. Fehler und Probleme werden als notwendiger Teil des Lernprozesses betrachtet und nicht geahndet, sondern analysiert und als Grundlage für die Fortentwicklung genutzt.

– Hier sind zehn Leitsätze die für Lehrer und Eltern gelten, damit die körperliche und geistige Entwicklung im Sinne der Montessori- Pädagogik erfolgreich unterstützt werden kann.

1. Zulassen und nicht hindern

2. Fördern und nicht irritieren

3. Beobachten und nicht gängeln

4. Hilfe geben, wenn erwünscht und notwendig

5. Klarheit schaffen durch Einfachheit und nicht Verwirrung durch ein Vielerlei

6. Sachbezogenheit statt Willkür

7. Richtig vormachen statt korrigieren

8. Leise und wenig sprechen statt laut und viel

9. Die kleine Ordnung zu einer großen Ordnung machen

10. Geduld und Zeit haben aus Respekt vor dem Kind: Ungeduld und Eile verringern den Respekt vor dem Kind.

– Somit erhält eine Lehrerin, die nach Montessori unterrichtet, in einer Montessori-Klasse eine stark beobachtende Rolle. Sie bleibt im Hintergrund und ist zur Stelle, wenn man sie braucht. Sie behandelt die Kinder freundlich und mit Respekt. Aufgrund ihrer Beobachtungen ergänzt sie die Lernumgebung und gestaltet ihre Hilfen für die einzelnen Kinder. Sie führt über jedes einzelne Kind ein Lerntagebuch, in dem die Lernschritte und Lernziele aufgeführt sind. Individuelle Lernzielkontrollen werden durchgeführt, das bedeutet, dass die Kinder dies nicht im Gleichschritt sondern zu unterschiedlichen Zeiten erledigen.

– Es ist also ein Abschied vom lehrerzentrierten Unterricht, von dem Verständnis, dass die Lehrkraft sich als dominant steuernd und als Organisator des Lernprozesses begreift.

– Dies bedeutet für alle Beteiligten eine Neudefinition ihrer Rolle und eine echte Herausforderung.

Auf dem Weg zu einer Regelschule mit Montessori-Zug

Gleichzeitig mit der Auflösung unserer Hauptschule begannen wir Ende des Schuljahres

2008/2009 unser erstes Montessori-Klassenzimmer einzurichten. Montessori nennt diesen Arbeitsraum „Vorbereitete Umgebung“ – was bedeutet, dass das Klassenzimmer sehr strukturiert eingerichtet ist und den Kindern viele unterschiedliche Arbeitsmaterialien zur Verfügung stellt, mit denen sie ihrem Lernstand entsprechend arbeiten können. Im Klassenzimmer selbst ist das Material nach Fächern geordnet. So gibt es mehrere Regale mit Materialien zum Mathematik-, Deutsch- und MNK-Bereich (Inhalte aus dem früheren Sachkundeunterricht).

 

Innerhalb eines Regales ist das Material nach Schwierigkeit geordnet. Dabei ist jedes Material nur einmal vorhanden, so dass ein Wettbewerbscharakter vermieden wird. Das Material selbst ist sehr ansprechend und fordert geradezu zum „Begreifen“ und zum „Handeln“ auf. Es ist vor allem im mathematischen Bereich sehr gut strukturiert und beinhaltet meist eine Selbstkontrolle. Uns war es wichtig, von Anfang an hochwertiges Material bereitzustellen, damit diesem Anspruch genügt wird. Ergänzend dazu haben wir auch vieles selbst hergestellt.

Da die Kinder aus unterschiedlichen Kindergärten zu uns kommen und sehr unterschiedliche Erfahrungen mit freier, eigenverantwortlicher Arbeit haben, werden sie in den ersten Schulwochen langsam an die Freiarbeit herangeführt. Diese Phase wird behutsam bis auf zwei Schulstunden pro Tag gesteigert. Die Kinder dürfen sich in dieser Zeit ihr Material, ihre Partner und den Ort an dem sie arbeiten frei auswählen. Ebenso bleibt ihnen weitgehend selbst überlassen, wie lange sie an einer Arbeit bleiben.

In der Montessori-Klasse arbeiten die Kinder lehrgangsunabhängig. Für den Deutschbereich bedeutet dies, dass die Kinder in Anlehnung an Jürgen Reichens „Lesen durch Schreiben“ schreiben und lesen lernen. Sie bekommen gleich zu Anfang der 1. Klasse eine Anlauttabelle ausgehändigt und lernen, damit umzugehen. Um die Tabelle anschaulicher zu machen ist jedes Tier- Anlautbild als kleine Figur vorhanden. Tiere sprechen Kinder sehr an und durch den handelnden Umgang können sich die Kinder schnell die Zuordnung von L wie Löwe o.ä. merken. Sobald sie das Prinzip der Tabelle verstanden haben, können sie eigenständig kleine Wörter und Sätze aufschreiben. Das Lesen erfolgt nach einiger Zeit sozusagen nebenbei. In diesem Stadium spielt die Rechtschreibung noch keine Rolle – es geht zunächst um das lautgetreue Schreiben. Nach und nach lernen die Kindern dann mit Hilfe des Systems der Freiburger Rechtschreibschule (FRESCH), dass es verschiedene Vereinbarungen hinsichtlich der Rechtschreibung gibt.

Im mathematischen Bereich finden die Kinder ein gut strukturiertes Material vor, mit dem sie sehr früh schon ein Gespür für große Zahlen bekommen und handelnd alle vier Grundrechenarten erfahren können. So bietet zum Beispiel das goldene Perlenmaterial die Möglichkeit einmal einen Einer in der einen Hand zu halten und in der anderen einen Hunderter oder gar Tausender. Schnell wird da ein Unterschied klar, den sich viele nicht sehr gut vorstellen können. Auch im geometrischen Bereich machen sie früh grundlegende Erfahrungen. In der „geometrischen Kommode“ finden sie zum Beispiel geometrische Grundformen, die sie begreifen und ihren Umrissen zuordnen können. Oder sie machen mit den „geometrischen Körpern“ erste Grunderfahrungen, welche Körper rollen und welche kippen können um dann auch deren Namen kennenzulernen. Dabei bleibt es oft nicht nur bei Begriffen wie Würfel oder Quader. Viele Kinder können schon sehr früh Körper wie die Pyramide oder den Ellipsoid benennen. Zu den meisten Materialien stellt die Lehrkraft bei Bedarf Zusatzmaterialien wie Arbeitsblätter oder ein kleines Arbeitsheft oder eine -kartei zur Verfügung.

Im naturwissenschaftlichen Bereich erarbeiten sich die Kinder zum Beispiel Grundbegriffe über den Aufbau einer Blüte am Modell, lernen Land- und Wasserformen an einem Globus mit speziell aufgerauter Oberfläche kennen oder machen eigenständig kleine Versuche zu verschiedensten Fragestellungen.

Erfahrungen mit Zeit werden mit Hilfe einer Tages- und einer Jahreskette „greifbar“ gemacht und ein Überblick über geschichtliche Zusammenhänge kann mit dem Material der 10000- Jahrkette erfahren werden. Mit diesen Materialien werden Stunden, Monate oder Jahre jeweils mit Perlen dargestellt, so dass man sich ein Bild davon machen kann, wie lange zum Beispiel die Römerzeit zurückliegt, wie lange sie gedauert hat und was in dieser Zeit wesentlich war.

 

 

Damit die Kinder eigenständig arbeiten können, ist ein hohes Maß an Selbstdisziplin und Ruhe notwendig. Diese Ruhe entsteht nicht von allein sonder muss geübt werden. Die Kinder haben deshalb immer wieder die Möglichkeit, in regelmäßig durchgeführten Stilleübungen, Stille zu erfahren und zu üben. Dies sind kleine meditative Elemente, die immer wieder in den Unterricht eingebunden werden wie zum Beispiel eine „stille Minute“ in der die Kinder einfach ganz still auf die Geräusche in der Umgebung achten oder ein Kreis, in dem eine Kerze von Hand zu Hand weitergegeben wird, ohne dass sie tropft. Die Kinder genießen diese ruhigen Momente sehr und erfahren so, dass Stille sehr wohltuend ist. Nach einer gewissen Zeit fordern sie diese dann auch selbst ein.

Da die Kinder wenn sie in die Freiarbeit eingeführt sind selbständig arbeiten, ändert sich die Rolle der Lehrkraft sehr! Eine ihrer Hauptaufgaben ist es, das Klassenzimmer so vorzubereiten, das jedes Kind ein seinem Entwicklungsstand und Lerninteresse angemessenes Material vorfindet. Während der Freiarbeit selbst führt die Lehrerin die Kinder in neue Arbeitsmaterialien ein, berät unschlüssige Kinder, lenkt den Lernprozess bei schwächeren Kindern und beobachtet sehr viel.

Als staatliche Schule sind wir dem Lehrplan verpflichtet, was unter anderem bedeutet, dass die Kinder auch Noten bekommen. Allerdings werden Tests nicht in der Klassengemeinschaft geschrieben, sondern die Kinder entscheiden innerhalb einer bestimmten Zeitspanne selbst, wann sie bereit sind, einen Test zu einem bestimmten Thema zu schreiben. Diese Vorgehensweise nimmt einen Großteil ungesunden Leistungsdruck von den Kindern.

Bei unserer Arbeit ist uns folgendes Zitat Maria Montessoris zum Leitsatz geworden:

„Die Freiheit unserer Kinder hat als Grenze die Gemeinschaft, denn Freiheit bedeutet nicht, dass man tut, was man will, sondern Meister seiner selbst zu sein.“

Literatur beim Verfasser