Ausgrabungen im Quartier Rietund Färberstraße Keine sensationellen Funde aber interessante archäologische Erkenntnisse (Luisa Galioti)

Beginn der Abrissarbeiten auf dem Gelände des künftigen Müller-Drogeriemarktes, im Bereich Riet-, Färber-, Brunnenstraße, machten sich neun junge Archäologen auf die Suche nach mittelalterlichen Zeugnissen der Stadtgeschichte. Die Maßnahme wurde mit insgesamt 135 000 DM vom Arbeitsamt im Zuge eines Programms für Langzeitarbeitslose gefördert.

Bauherr Erwin Müller finanzierte die Fachkräfte. Das wurde vom Referatsleiter im Landesdenkmalamt Stuttgart, Hartmut Schäfer, lobend hervorgehoben. Bauherrschaft und Denkmalamt teilen sich auch die Sachkosten in Höhe von rund 40 000 Mark. Ein halbes Jahr wurde im Erdreich der Häuser, die später der Baggerschaufel zum Opfer fielen, geschaufelt, geschabt, gekratzt und gesiebt. Unter der Leitung von Luisa Galioto legten die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im grellen Scheinwerferlicht Teile der „Unterwelt“ dieses historischen städtischen Wohnbezirks frei. Dabei machten sie zwar keine sensationellen Funde, gewannen aber interessante archäologische Erkenntnisse zur Baugeschichte der Innenstadt.

Darüber berichtet Luisa Galioti jetzt in einem Beitrag der „Archäologischen Ausgrabungen in Baden-Württemberg 1999“, den uns das Landesdenkmalamt zur Verfügung stellte.

Der Neubau eines großen Ladengeschäftes in der Altstadt von Villingen war der Anlass für Bodenund Bauuntersuchungen, die das Landesdenkmalamt in der Zeit von März bis August 1999 durchgeführt hat.

Die ca. 1500 m2 große Baufläche war Bestandteil eines hochmittelalterlichen Stadtquartiers an exponierter Stelle (s. Abb.). Vier der dortigen Häuser (etwa 500 m2 ) waren archäologisch relevant. Die archäologische Erforschung dieses Häuserkomplexes war von besonderer Bedeutung, weil in Villingen eine gleichzeitige, kombinierte archäologische Untersuchung zum ersten Mal möglich war. Die somit erzielten Ergebnisse erbrachten neue, wichtige Einblicke in die Quartierstrukturen.

 

Das Gebäude Rietstraße 5 bestand bis ins 20. Jh. aus zwei steinernen Bauten, die die gesamte Parzellenbreite (etwa 17,5 m) einnahmen.

 

Die älteste Besiedlung lässt sich nur sehr schwach fassen. An der östlichen Parzellengrenze entlang zogen zwei angrenzende Steinunterlagen, die vermutlich jeweils als Unterbau für ein hölzernes Gebäude dienten. In der zweiten Bauphase (Ende Hoch-/Anfang Spätmittelalter) entstand zunächst das Nachbarhaus im Osten, dann die Rietstraße 5. Das im Lichte 5,7 m x ca. 14,0 m große Steinhaus lehnte sich mit seinen bis zu 1,2 m dicken Außenmauern an das bereits bestehende Gebäude im Osten und nutzte dessen Brandmauer mit. In diese hatte man nachträglich eine Verbindungstür eingebrochen. Das zweiräumige Erdgeschoss des Gebäudes war mit einer rechteckigen, in Stein gefassten Latrine ausgestattet. Gegen die Westmauer des Gebäudes errichtete man ein gewerblich genutztes Gebäude mit Innenmaßen von 5,2 m x ca. 5,7 m. Auffällig war die bis zu 0,3 m dicke Isolierung aus tonigem Lehm unter dem ehemaligen Fußboden und entlang der Fundament-Außenschale. In der dritten Bauphase ersetzte ein Steinhaus das Gewerbegbäude. In seinem 1. Obergeschoss befand sich vermutlich der repräsentative Raum, in der Westmauer öffneten sich zwei unterschiedlich geformte und in verschiedenen Zeiten eingebrochene Nischen. Vermutlich bei der Einrichtung des Gasthauses „Zur Lilie“, das seit 1710 urkundlich belegt ist, verlegte man im Erdgeschoss des Baus eine Reihe von Buntsandsteinplatten, die wahrscheinlich als Unterlage für eine Wasserleitung dienten, während im Südosten die Küche untergebracht wurde.

Das Gebäude Rietstraße 5 bestand bis ins 20. Jh. aus zwei steinernen Bauten, die die gesamte Parzellenbreite (etwa 17,5 m) einnahmen.

Das im Lichte 6,5/7,0 m x 14,0/16,5 m messende Gebäude Färberstraße 3 war im Erdgeschoss zuletzt in einen Treppeneingang im Nordwesten, einen größeren Vorderraum im Südwesten und in zwei aufeinander folgende Räume im Osten unterteilt.

In der ältesten Zeit der Besiedlung dürfte das Gelände kaum bebaut gewesen sein, es diente als Hofareal für die Nachbarhäuser. Zwei Latrinen, eine davon mit Holzaussteifung, gehörten zu den ältesten Befunden. Gleichzeitig mit den Latrinen oder etwas später entstand das nördlich benachbarte Steinhaus Färberstraße 1. 1375 erfuhr dieser Bau eine Erweiterung um etwa 2,0 m nach Osten. Annähernd zu gleichen Zeit wurde die Latrine im Südwesten des Hofes vom Nachbarhaus überbaut, die andere von einer Grube geschnitten. Anfang des 15. Jhs. errichtete man über der Grube einen – zumindest im Erdgeschoss – steinernen Bau. Annähernd gleichzeitig fand die Erweiterung der angrenzenden Gebäude nach Osten hin statt. Erst 1475/76 entstand ein Haus, das die Größe des jüngsten Baus erreichte. Auf dem steinernen Erdgeschoss saß eine hölzerne Fassade, eine Tür im 1. Obergeschoss verband die Häuser Färberstraße 1 und 3. 1615/16 wurden die Obergeschosse vollständig neu gebaut. Aus dieser Zeit hatten sich im 1. Obergeschoss bemerkenswerte Reste der Innenausstattung erhalten. In der zweiten Hälfte des 18. Jhs. beherbergte der Vorderraum des Erdgeschosses eine Schmiedewerkstatt und das 2. Sowie 3. Obergeschoss wurden zu Wohnungen mit gehobener Ausstattung umgebaut.

Der 8,8/14,0 m x 13,5/8,0 m große Bau Färberstraße 5 entstammt einer Baumaßnahme aus den Jahren 1815/16, die Fassade im Erdgeschoss und seine Innenaufteilung wurden im Zuge einer neuzeitlichen Umgestaltung komplett ausgetauscht. Zu den ältesten Perioden gehören verschiedene im rückwärtigen Teil des Baus eingetiefte und sich gegenseitig überschneidende Gruben bzw. Latrinen. Im Spätmittelalter entstand die südliche Brandmauer, zeitgleich könnte auch die bis zur Fundament-Oberkante abgebrochene Südwestmauer errichtet worden sein. Sie war auf einer Länge von 4,6 m sichtbar und in ihrer Flucht befand sich ca. 2,5 m nördlich von ihr eine zweite Mauer. Im Bereich dazwischen fehlten jegliche Hinweise auf eine Trennmauer. Zum Bau des 19. Jhs. gehören die unterschiedlich gerichteten Innenmauern.

Das 3,5/4,5 m x 15,75/16,5 m große Gebäude Färberstraße 9 besitzt in allen Geschossen einen straßenseitigen großen Raum, der durch eine in der Mitte des Baus aufsteigende Treppe vom hofseitigen Zimmer getrennt wird.

Neue Erkenntnisse zur Baugeschichte der Villinger Innenstadt förderten die Grabungsarbeiten im Quartier Riet-, Färber-, Brunnenstraße zu Tage. Die Grabungsleiterin Luisa Galioto berichtete beim Besuch einer Delegation des Gemeinderates über den Fortgang der Arbeiten. Hier im Haus Färberstraße 9.

Die Bebauung des Grundstücks begann erst nach der Errichtung der Nachbarbauten Färberstraße 7 und 11. Bis dahin diente dieser schmale Bereich zwischen den Bauten möglicherweise als Durchgang nach Osten; an seiner Nordost bzw. Südgrenze zeichneten sich die Ränder von zwei Latrinen ab, die zu jeweils einem der älteren Bauten gehörten. Im Jahr 1315/16 dürfte der erste Bau, ein Fachwerkhaus, auf dem Grundstück entstanden sein. Gleichzeitig oder bereits vorher brach man in der Brandmauer des südlichen Nachbarhauses im Erdgeschoss eine Tür ein. Am Ende des 14. Jhs. fand die Aufstockung des Holzbaus um ein Geschoss statt, aus dieser Zeit stammen vermutlich auch eine auffällig breite Nische von 3,4 m Ausdehnung im 1. Obergeschoss und eine zweite hochrechteckige im 2. Obergeschoss der jeweiligen vorderen Räume. Nachdem die Färberstraße 11 aufgestockt und ca. 3,0 m in den Hof hinein vergrößert worden war, erfolgte um 1432 eine hofseitige Erweiterung auch des Hauses Nr. 9, das nun ein Satteldach erhielt. Möglicherweise fand zu diesem Zeitpunkt der Neubau der Fassade sowie die Errichtung einer Innenmauer statt. Auf eine gehobene Ausstattung des neuen Steinhauses deuten eine Fenstersäule im 1. Obergeschoss des Vorderraums sowie Fragmente von Malereien im darüber liegenden Raum. Um 1496 errichtete man erneut einen hofseitigen Anbau und im 18./19. Jh. fand eine Strukturierung des Erdgeschosses statt.

Literaturhinweise:

B. Jenisch, Die Entstehung der Stadt Villingen. Forsch. u. Ber. Arch. Mittelalter Baden-Württemberg 22 (Stuttgart 1999) 11–294; B. Lohrum, Der mittelalterliche Baubestand als Quelle der städtebaulichen Entwicklung Villingens. In: B. Jenisch a. a. O., 295–363.

 

 

Baggerschaufel in Aktion

 

Der Abbruch der Häuser auf dem Areal des Müller-Drogeriemarktes beschäftigte die Bürger im Jahr 2000 besonders. Zahlreiche Zuschauer verfolgten das Zerstörungswerk der Baggerschaufel mit zwiespältigen Gefühlen. Einerseits betrachtete man mit Wehmut den Eingriff ins vertraute Stadtbild, andererseits wartet man seit vielen Jahren auf den Magneten, der die Innestadt beleben soll und freut sich über einen Investor, der mit vielen Millionen Mark dafür sorgen will. Eine Stadt, die den Blick nicht vorwärts richtet, ist eine tote Stadt.