Die Stadtmauer (Werner Huger)

Wesen, Bestand und Zukunft

Die hochaufragende steinerne Mauer gehört zum Bild einer jeden mittelalterlichen Stadt wie deren Wehr- und Tortürme, den Kirchtürmen, den Klöstern und Bürgerhäusern.

Sie stellt als Bauwerk äußerlich die Vollendung der Entwicklung vom Marktort zur Stadt dar. Mit ihrer statischen Festigkeit ist sie ein Wehrbau mit militärischer Funktion zum Schutz der Einwohner, d.h. der Bürger, Hintersassen und der vielen anderen. Sie ermöglicht es so, über die Wehrgänge der Innenseite, gewissermaßen „von oben herab“, sich aus eigener Kraft gegen Übergriffe von außen zu schützen. Gleichzeitig wird sie auch für Leute des Umlandes, die in die wirtschaftspolitischen Beziehungen der Stadt eingeschlossen sind, zum Sicherheitsraum bei feindlicher Bedrohung. Nicht zuletzt aber umschließt sie in ihrer architektonischen Erscheinung einen Rechtsraum, in dem sich Markt- und Kaufmannsrecht mit eigener städtischer Verfassung zur Sicherung des Rechtsfriedens und der Ächtung der Friedlosigkeit verbindet.

In seinen „Gedanken zur Villinger Stadtmauer“ hat sich das Mitglied des Geschichts- und Heimatvereins Villingen, Architekt Dipl. Ing. Paul Naegele, sachkundig und umfassend zur Baugeschichte der Funktion, Konstruktion Gestaltung etc. des zu rund 61 % erhaltenen Bestandes angenommen. Auf seinen fundamentalen Beitrag im Jahresheft XVI sei hier ausdrücklich verwiesen. An dieser Stelle dürfen lediglich zwei Baudaten nachgetragen werden, die Paul Naegele damals noch nicht zur Verfügung standen: Die dendrochronologische Datierung eines eichenen Balkens in der Tordurchfahrt des Riettorturms ergab das Fällungsdatum „Winter 1232/1233“. Ergänzend zu dem Beitrag1 war später in einer persönlichen Mitteilung des städtischen Bauingenieurs Johann Fehrenbach an den Verfasser zu erfahren, dass ein Gerüstholz aus der östlichen Ringmauer beim Oberen Tor (in der Nähe des im Dezember 2009 ausgebrochenen Mauerteils) mit seinem letzten datierbaren Jahresring das Fällungsdatum 1209 ausweist. Diese Auskunft wurde Fehrenbach von dem Dendrochronologen Burghard Lohrum, Ettenheimmünster, erteilt. Es ist das älteste bisher bekannt gewordene Datum für die Errichtung der heutigen, später inneren Ringmauer und belegt, dass der Bau der Mauerbefestigung auf jeden Fall noch zur Zeit des letzten zähringischen Stadtherrn Berthold V. begonnen worden war.

Die lokalhistorische kulturelle Bedeutung und Erhaltung des Geschichtszeugnisses „Ringmauer“ wurde wiederholt zum Anliegen des Geschichts- und Heimatvereins, der über seinen Vorstand, zuletzt vor zwei und vor drei Jahren, an die Stadtverwaltung und an die Fraktionsvorsitzenden geschrieben hat, man möge für die künftige Bestandssicherung Gelder im Haushalt einplanen. Es wurde dabei nicht übersehen, dass in Teilbereichen, z. B. im Benediktinerring zwischen Realschule und Matthäus-Hummel-Saal (Feuerwehr) neue Ziegelabdeckungen auf der Mauerkrone angebracht worden sind, die sich der scheidende Bauingenieur Johann Fehrenbach noch selbst zum Anliegen gemacht hatte.

Wie Architekt Naegele schreibt, ist die Innenstadtmauer als Zyklopenmauerwerk mit Bruchsteinen aus Buntsandstein gebaut. „Hierbei ergeben sich sehr unregelmäßige Fugen. Die in Steinbrüchen gewonnen Bruchsteine sind in der Regel nicht bearbeitet und wurden mehr oder weniger recht in teilweise grob lagerhaften Schichten verlegt. Die hierbei zahlreichen entstehenden Lücken wurden mit Zwickeln, teilweise auch mit Ziegelabfällen und Füllmörtel ausgefüllt. Dabei wurde auch an vielen Stellen eine größere Fläche außen einfach verputzt.“ Doch nun ist es passiert. Im Klosterring brach im Dezember 2009 ein mehrere Quadratmeter großes, tonnenschweres Stück der äußeren Mauerwandung heraus. Auf dem einige Meter entfernten Fußweg kam wenigstens niemand zu Schaden.

Wie die Bauverwaltung über den Südkurier wissen ließ, habe die „Reparatur trotz der Finanzkrise absolute Priorität“. Inzwischen wurde der Schaden vom Städtischen Bauhof behoben.

Welche Erklärung ergibt sich für den Schaden? Die Mauerkrone der gesamten restlichen Ringmauer ist üblicherweise mit Dachziegeln abgedeckt. Nichtsdestoweniger dürfte in Teilen seit Jahrzehnten offensichtlich eindringendes Niederschlagswasser das verbundene Mauerwerk, wie es Paul Naegele beschreibt, gelöst haben. Gefrierendes Wasser tat mit seiner Sprengkraft das Übrige.

Damit bleibt es ein Anliegen des Geschichts- und Heimatvereins Villingen, sich mit dieser Dokumentation um die Bewahrung eines historischen Zeugnisses zu kümmern.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Benutzte und zitierte Literatur:

Naegele Paul, Gedanken zur Villinger Stadtmauer, in: Jahresheft Geschichts- und Heimatverein Villingen XVI, 1991/92, Seite 41 ff. Huger Werner, Zur Geschichte der Villinger Stadt- und Tortürme, in: Jahresheft Geschichts- und Heimatverein Villingen XIX, 1994/95, Seite 28 ff.

Volkert Wilhelm, Kleines Lexikon des Mittelalters, Verlag C.H. Beck, 2000, Stichwort Wehrwesen.

Fußnote:

1 Huger Werner, wie oben Seite 34 und Fußnote 18 S. 54, ferner mündliche Mitteilung des Bauingenieurs Fehrenbach.