Musik gab es immer zuhause (Sebastian Berweck)

Aus dem Zimmer meines Vaters scholl Wagner in Heavy Metal-Lautstärke, die Geschwister haben Musik gemacht, einmal die Woche gab es Hausmusik von Erwachsenen und an Weihnachten wurde das Quempas-Heft durchexerziert. Den ersten Ton habe ich dann im Sommer auf dem „Freisitz“ gemacht, wie unsere Terasse hieß. Auf einer dünnen Matratze und vermittels einer Blockflöte. Die Logik der Noten war einfach, und das Flötenspiel anscheinend leicht. Der Hinweis der Mutter, dass man jedes Stück dreimal schneller können muss als es in den Noten steht, wurde ernst genommen – naja, vielleicht wird man so zum Virtuosen.

Aber eigentlich wollte ich ja Klavier spielen. Aber ich bekam nicht gleich Unterricht und musste ziemlich lange warten. Wahrscheinlich war es nur ein halbes Jahr, für den Siebenjährigen also ein paar Jahrhunderte. Und so habe ich erst mit acht Jahren angefangen, Klavier zu spielen. Es hat mich über zwei Jahrzehnte gekostet, diesen Rückstand aufzuholen1. Aber Klavierspielen, das war es. Von da an wurde Klavier gespielt, Klavier geträumt, Klavier getrommelt, mit den Fingern auf Tischen und Bänken. Tonleitern auf der Schulbank – meine armen Sitznachbarn.

Weil ich mich alleine zu Hause gefürchtet habe, war es immer das größte Grauen, wenn die Familie die Meisterkonzerte besuchte und ich alleine daheim blieb. Und so wurde ich ziemlich früh in die Konzerte mitgenommen, allerdings ohne Karte, weshalb ich jahrelang die Meisterkonzerte auf Treppen sitzend angehört habe. Erst im Theater am Romäusring auf der Treppe zum Rang links und später im Franziskaner Konzerthaus auf der Treppe zur Empore links. Es war immer ein bißchen peinlich, am Einlass vorbei geschleust zu werden. Seither aber weiß ich: auf Treppen schläft man nicht ein, egal wie langweilig das Konzert ist.

Das einzige Konzert, an das ich mich aus dem Theater am Romäusring erinnere, ist tatsächlich eine Aufführung von Beethovens 5. Sinfonie. Die kannte ich schon und ich glaube, als Kind findet man diesen Anfang sehr aufregend: der Tod klopft an die Tür! Vielleicht ist es ja Dracula?

Im Franziskaner Konzerthaus gab es dann viele eindringliche Konzerterlebnisse. Ich erinnere mich besonders an die „Bilder einer Ausstellung“, vorgetragen durch einen, wenn ich mich recht entsinne, englischen Pianisten. Wie der im Alleingang den ganzen Saal in seinen Bann zog – das wollte ich auch. Als ich letztes Jahr zum 150-jährigen Jubiläum der Zinzendorf-Schulen in Königsfeld eingeladen worden bin, einen Klavierabend zu gestalten, bin ich zu dieser Erinnerung zurückgekehrt und habe das Stück an einen meiner beiden „Heimat-Konzertorte“ zurück getragen. Das war das größte Vergnügen! Zum Klavierüben musste ich kaum ermahnt werden, zum Flöte spielen immer. Wieso ich das bis zum 16. Lebensjahr gemacht habe, ist mir bis heute ein Rätsel. Und wieso ich von meiner Mutter dafür wöchentlich nach Trossingen gefahren wurde, auch. Vielleicht waren wir einfach nicht gut darin, Altes zu beenden.

Währenddessen wurde es langsam Zeit, aus den Händen von Frau Eppinger, die mich viele Jahre in ihrer Wohnung auf dem Klavier unterwies, in andere zu wechseln. Zu oft hatte ich inzwischen angezweifelt, ob man es wirklich so machen müsse und ob es anders nicht auch und besser ginge und ob sie es denn, wenn sie ihre Augen schlösse, wirklich hören würde, wenn ich so und nicht anders spielte. So kam ich zu einem jungen Studenten nach Trossingen, bei dem ich aber schnell das gleiche Spielchen anfing. Er hat dann auch ziemlich schnell gemerkt, dass das so nicht geht und das einzig richtige gemacht: er hat mich an Tomislav Baynov vermittelt2. Hier wurde die Technik auf solide Beine gestellt und es war wie ein Rausch, zu sehen, was man mit einem Klavier machen kann. Außerdem konnte ich beobachten, wie die Arbeit eines Pianisten eigentlich aussieht. Tomislav Baynov hat mir gezeigt, was Klavierspielen und was Klaviertechnik eigentlich bedeuten und es mir systematisch beigebracht. Und da die Situation in der Familie und in der Schule nicht gerade einfach war, wurde geübt was das Zeug hält. Zum ersten Mal Brahms zu spielen war ein ungeheures Erlebnis. Wie die Finger, die vorher das Klavier gefragt haben, ob es jetzt bitte mal einen Ton spielen wolle, jetzt in die Tastatur hineingelangt haben als wäre sie Teig und mit einer Gewalt das Klavier beherrschten, dass die gewaltig brausenden Rhapsodien op. 79 im Fortissimo nur so in den Raum klangen. Mein Vater saß derweil in der Sauna, die im Übezimmer untergebracht war und hörte zu. Der Rausch der Musik und des Hervorbringens von Musik hat die Technik beeinflusst und anders herum. Mit Lisztscher Technik dann wurde das Klavier, dieser riesige, schwarze und schwere Holzkasten endgültig zum Diener. Ich saß nicht mehr vor dem Klavier, ich ritt es. Dass ich in der Neuen Musik mich auch darauf spezialisierte, den Innenraum des Klaviers zu bespielen, ist vielleicht nur ein weiterer Grad der Inbesitznahme.

Derweil kam nämlich genau diese erste Begegnung mit Neuer Musik, der ich äußerst skeptisch gegenüber stand. Wie kam ein Komponist überhaupt dazu, sich in die Riege der großen Namen einreihen zu wollen? Das ist doch Anmaßung, geradezu eine Frechheit, und hören, ob es richtig ist, kann man auch nicht. Als ich dann den ersten Komponisten traf und er überhaupt nicht daran dachte, sich irgendwohin einzureihen, sondern einfach nur Musik zu schreiben, und als er mir dann bei einem Stück von ihm3 genau zeigen konnte, wieso welche Note eigentlich wo stand, wurde ein Teil der Vorurteile schon mal ausgeräumt. Gut, schlimm angehört hat es sich immer noch, aber die Neugier war doch geweckt und Simon Kühn4, eben der Komponist, und ich machten uns daran, ein Programm mit Neuer Musik für Cello und Klavier einzustudieren. Beim Proben haben wir dann tatsächlich oft an unterschiedlichen Stellen angefangen und es erst ein paar Takte später gemerkt, aber tatsächlich war mein erster Kammermusikabend unerwarteterweise ein Kammermusikabend mit Neuer Musik. Dass ich in viel früheren Jahren, beim Flötenunterricht bei Ulrich Dalm, schon dutzendfach Neue Musik gespielt hatte, war mir da schon lange nicht mehr bewusst und ist mir erst viele Jahre später wieder eingefallen. Für das zwölfjährige Kind war Neue Musik auch nichts anderes als Telemann, vielleicht ein bisschen ungewohnt notiert, dafür aber leichter zu spielen. Für den Siebzehnjährigen war Neue Musik dann schon das Fremde, das man erkämpfen musste.

Zum Abschluss meiner Villinger Zeit habe ich dann die Schule gewechselt und bin nach Königsfeld gegangen. Dort wurde im Wohnzimmer von Peter Glitsch der Musik-Leistungskurs abgehalten. Im Gegensatz zu den Treppen, auf denen ich viel früher die Meisterkonzerte gehört habe, konnte man auf den Königsfelder Wohnzimmersesseln allerdings sehr gut schlafen, was dann oft zu stummen, aber ausgesprochen heroischen Kämpfen gegen den Schlaf geführt hat. Ich habe mehr als einmal verloren, was aber beileibe nicht am Unterricht von Peter Glitsch lag.

Durch die Zeit in Königsfeld wurde der Kirchensaal der Brüdergemeine mein zweiter Heimat-Konzertort – nach dem Franziskaner Konzerthaus, das ich mir schon viel früher eroberte und in dem ich als Jugendlicher einige Male vom Hausmeister zum Üben eingeschlossen wurde.

Wenn ich jetzt in der Heimat, die mir allerdings nie als solche erschien und zu der ich bis heute kein Verhältnis gefunden habe, ein Konzert gebe, ist das Zurückkommen in einen der beiden Konzertsäle die eigentliche Heimkunft. Beides sind wunderschöne Säle mit sehr guten Flügeln – im Franziskaner ein Bösendorfer Imperial, im Kirchensaal ein Steinway D. Und da gehe ich hin und nehme die riesige Decke vom Flügel, stemme den Deckel auf und setze mich an die Tastatur und freue mich. Und dann fange ich an zu spielen, Bach höchstwahrscheinlich, und die Töne fliegen in die weiten Säle und ich höre dem Nachklang zu. Bis ich den ersten Fehler mache und ich erinnere mich: noch zwei Tage bis zum Konzert. Ich muss üben.

Anmerkungen:

1 Um eine anständige Pianistenkarriere hinlegen zu können sollte man schon mit vier Jahren anfangen.

2 Tomislav Nedelkovic-Baynov ist inzwischen Professor für Klavier an der Hochschule für Musik Trossingen.

3 Bezeichnenderweise ein Klavierkonzert.

4 Simon hat übrigens in einem der vorhergehenden Hefte einen Artikel geschrieben.