Grünanlagen in Villingen (Rupert Kubon)

Auszug aus dem Vortrag „Von öffentlichen Parks bis Gartenschauen. Geschichtliche Hintergründe und Instrumente der Stadtentwicklung“ vom 24. 3. 2010 beim Geschichts- und Heimatverein.

Die Tallardsche Belagerung war die letzte, in denen die mittelalterlichen Mauern und Wehranlagen der Stadt Villingen zum Einsatz kamen. 40 Jahre später musste die Stadt ihre Tore dem anrückenden Feind öffnen, um nicht zerstört zu werden. Die waffentechnische Entwicklung hatte die alten Mauern der Stadt als Verteidigungsanlagen wertlos gemacht.

Damit aber verlor die Stadt nicht nur jede militärstrategische Bedeutung. Es veränderte sich vor allen Dingen das Verhältnis zwischen Stadt und Umland. Die Stadtmauer war nicht mehr Schutzwall vor dem äußeren Feind sondern wurde zunehmend zum Hindernis auf dem Weg nach draußen. Denn eines war offensichtlich, so groß der Freiraum um Villingen herum auch war, so beengt waren die Verhältnisse in der Stadt selbst.

Diese Bedingungen fanden sich natürlich nicht nur in Villingen. An zahlreichen Orten in Deutschland vollzog sich ähnliches. Es war nichts außergewöhnliches, dass ehemalige Festungs- und Wallanlagen zu Grünanlagen wurden. Hierzu einige Beispiele:

So wurden die 1602 -1604 errichteten Wallanlagen der Hansestadt Bremen seit 1803 zurückgebaut und zur ersten von einem bürgerschaftlichen Parlament in Deutschland beschlossenen öffentlichen Grünanlage. Frankfurt am Main riss seine Wälle zwischen 1806 und 1812 ab, um sie in Grünzüge umzuwandeln, teilweise zu einem öffentlichen Landschaftsgarten in englischem Stil. Zahlreiche große Städte in Deutschland waren für diese Veränderungen bekannt. Es entstanden völlig neue Strukturen, neben den genannten beispielsweise auch in Hamburg, Lübeck, Münster oder Wien. Doch auch kleinere Städte gingen diesen Weg. In Villingen wurden zumindest die äußeren Stadtmauern Zug um Zug ab 1813 beseitigt. Ratsprotokolle deuten immer wieder darauf hin, dass Bürger darauf drängen, Mauerteile abzubrechen, Mauerdurchbrüche zu schaffen, Wälle einzuebnen und Gräben zuzuschütten. Und in einem Brief des großherzoglichen Direktoriums des Seekreises von 1816 an den Gemeinderat werden die Vorteile genannt, neben dem Recycling des Abbruchmaterials und der Einsparung von Unterhaltskosten wollte man auch mehr Sauberkeit in der Stadt und eine Luftverbesserung erreichen.

Der Abbruch der äußeren und von Teilen der inneren Stadtmauer erfolgte, wenn man die Akten liest, nicht nach Plan sondern eher nach Bedarf, denn die Mauern wurden als Baumaterial genutzt, Die frei gewordenen Flächen wurden eingeebnet und zum Teil verpachtet. Das was wir heute als schön gestaltete Ringanlage genießen können, ist zunächst nicht das Ergebnis eines Projektes aus einem Guss. Noch 1882 waren nicht alle Gräben gefüllt.

Doch langsam veränderte sich die Einstellung. Romantisierende Vorstellungen prägten die letzten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts und 1873 stellt der Gemeinderat Rudolf Kienzler erstmals den Antrag, die städtische (innere) Ringmauer auszubessern, „damit das Äußere der Stadt ein solideres Aussehen erhalte“. Ab diesem Zeitpunkt wurde dann auch damit begonnen, auf Teilen der ehemaligen Stadtgräben eine Grünanlage zu errichten.

Bei der Gewerbe- und Industrieausstellung 1907 entsteht der spätere Stadtgarten. Bild SAVS, Best. 1.42.3 Nr. 411.

 

Im Gegensatz dazu beginnt das neue Jahrhundert jedoch mit einer besonderen Geschichte einer Villinger Grünanlage, und ich wage fast zu behaupten, hier ging es um die erste Gartenschau dieser Stadt. Zwar konnte ich einige Fakten zu diesem Ereignis zusammentragen, doch bin ich davon überzeugt, dass sich hier ein noch mehr zu beakkerndes heimatgeschichtliches Forschungsfeld auftut.

Über jene Episode der Stadtgeschichte will ich ein wenig mehr berichten. Am Anfang stand ein Bericht im Schwarzwälder, dem Villinger Tageblatt. Da hieß es am Montag, den 5. März 1906:

„Auf Einladung des hiesigen Gewerbe- und Handwerkervereins fand sich am Samstag eine ziemliche Anzahl Interessenten im Paradiessaal zusammen, um die Ansichten über die anlässlich des nächstjährigen fünfzigjährigen Jubiläums des Gewerbevereins geplante große Schwarzwald- Ausstellung auszutauschen. Herr Bürgermeister Dr. Braunagel betont, dass die Stadtverwaltung ein hohes Interesse an der Ausstellung habe und diese mit allen Mitteln fördern wolle; aus den Sparkassenüberschüssen ließe sich hierfür eine beträchtliche Summe zurückstellen. … Der Herr Bürgermeister versprach, seine ganze Kraft in den Dienst dieser Sache zu stellen, auch der Gemeinderat habe sich einstimmig für das Projekt ausgesprochen. Herr Landtagsabg. Görlacher hält die Stimmung für günstig und die Kosten für nicht bedenklich. Für die Stadt und die Geschäftsleute werde der Nutzen nicht ausbleiben. … Herr Bürgermeister Dr. Braunagel weist darauf hin, dass die Herstellung des Platzes die Stadt übernehme; da die Amtmannswiese später als Park angelegt werde, so sollen jetzt gleich die Auffüllungen, Weganlagen und Baumpflanzungen begonnen werden.“

Der Artikel führte noch einiges zum nachhaltigen Nutzen des Vorhabens aus und beschrieb, dass es weitgehende Unterstützung finden werde.

Ich muss gestehen, bislang hatte ich die Gewerbeausstellung von 1907 lediglich unter dem gewerblichen Gesichtspunkt betrachtet. Dieser Aspekt stand ja auch im Mittelpunkt der Ausstellungen vor drei Jahren. Doch das Aktenstudium führte auf einen anderen Schwerpunkt dieser Veranstaltung. Verstärkt wird dies noch, wenn man bedenkt, dass ja die vorangegangenen Gewerbeausstellungen in festen Gebäuden, vor allem in der ehemaligen Benediktinerkirche stattgefunden hatten.

Der Aspekt diese Gewerbeausstellung auch zum Vehikel für eine dauerhafte Parkanlage an dieser Stelle nutzen zu wollen scheint in der Tat eine zentrale Rolle gespielt zu haben. Die Tatsache wird noch dadurch unterstrichen, dass sich, kaum da die Angelegenheit bekannt geworden war, zwei große Facharchitekten für den Garten- und Landschaftsbau in Villingen melden, das Büro Brake aus Mannheim und das Büro Berz & Schwede aus Stuttgart. Beide Büros waren zur damaligen Zeit überregional bekannt und renommiert. Auf Berz & Schwede beispielsweise gehen zahlreiche große Garten- und Parkanlagen im Großraum Stuttgart zurück.

Kaum war die Farbe der Zeitungsmeldungen trocken, reisten die Architekten nach Villingen. Am 8. März befand sich Herr Brake in der Stadt, am 13. März Herr Berz. Die Architekten erhielten Lagepläne und begannen umgehend für das 22.740 m² große Areal Pläne zu erarbeiten. Man gewinnt den Eindruck, dass es schnell gehen musste, und schon einen Monat später lagen konkrete Planungen und Konzepte vor.

Aber die Villinger zierten sich. Man spielte auf Zeit und die Büros wurden langsam skeptisch. Berz teilte im Gegensatz zu seinem Mannheimer Kollegen mit, dass man die Planungen erst nach Vorkasse liefern würde, Brake hingegen schickte ein interessantes Konzept, dessen Realisierung 32.252,– Mark kosten sollte. Der Jahreslohn eines Arbeiters im landwirtschaftlichen Bereich betrug damals ungefähr 300 Mk.

Die Zeit verstrich, die Ausstellung sollte ja im Sommer 1907 eröffnet werden. Aber erst am 22. November beschloss der Gemeinderat, die Sache für 12.000,– Mk selbst zu machen.

Ob die Entscheidung so gut war lässt sich bei weiterer Lektüre der Akten eher bezweifeln.

Einerseits kam es zum Rechtsstreit mit den beiden Büros, die jeweils die Urheberschaft für sich beanspruchten. In wie weit dies richtig war, lässt sich, da ich die Pläne der Büros bislang noch nicht finden konnte, nicht mit Sicherheit sagen, Aber positiv war die Entwicklung nicht unbedingt, denn die Ausführung, mit der ja erst im Frühjahr 1907 begonnen werden konnte scheint nicht in dem Umfang nachhaltig gewesen zu sein, wie das ursprünglich gedacht war. Das Bassin des Teiches war sehr bald undicht, die Toilettenanlage musste wenig später grundsätzlich erneuert werden, da die Wasserleitungen nicht tief genug verlegt worden waren, und 1910 brach sogar im Juli die Decke eines ehemaligen Ausstellungsgebäudes ein.

Dennoch diese erste als solche wirklich konsequent geplante und zu einem Fixtermin verwirklichte städtische Parkanlage wurde als Stadtgarten letztlich doch zum Erfolg. Zwischen Brigach, Mönchweilerstraße, Kriegstaße und Forsthausstraße erfüllte der Park bis Anfang der sechziger Jahre, als er einer großen Industrieerweiterung weichen muss eine zentrale Funktion als innerstädtischer Erholungsraum. Wie die weniger systematisch geplanten Ringanlagen war er die zentrale grüne Lunge der Stadt.

Und die Anlage erfreute sich auch sehr großer Beliebtheit. Denn was 1960 einem Industriebetrieb gelang, wollten 1910 bereits einige Privatleute. Nur mit knapper Mehrheit lehnte es der Gemeinderat ab, unmittelbar in das Gelände hineinreichende Grundstücke für private Wohngebäude auszuweisen.

Natürlich kennen wir heute weitere wichtige Grünanlagen der Stadt, das Hubenloch, den Eisweiher, den Kurgarten. Der Stadtpark war jedoch der erste Park, der wirklich im Ganzen für die Bürgerinnen und Bürger ausschließlich als allgemeine Grünanlage geschaffen wurde.