100 Jahre Kendrion Binder Magnete (Claudia Hoffmann)

Der Erfindergeist und der Ideenreichtum Dr. Wilhelm Binders hat das Unternehmen, das sein Vater Wilhelm Binder 1911 gegründet hatte, wachsen und gedeihen lassen und auch heute noch, 100 Jahre nach der Firmengründung und dem Wandel von einem Familienunternehmen hin zu einem international tätigen, gut aufgestellten Konzern beflügelt dieser Erfindergeist die Kendrion Binder Magnete GmbH. Bestes Beispiel: Sieben Jahre nach dem Tod von Wilhelm Binder lud der Konzern im Oktober 2010 zum „Dr.-Wilhelm-Binder-Day“ ein, dem ersten Kendrion-Innovations-Event mit international bekannten Referenten in Amsterdam und Villingen-Schwenningen. Ein besseres Signal, wie hoch das Ansehen des Villinger Erfinders noch heute im Konzern ist, kann es wohl nicht geben.

Während einstige Vorzeigeunternehmen wie SABA oder Kienzle nach dem Verkauf an einen Konzern zerschlagen wurden und heute nichts mehr vorhanden ist von den einst großen Namen, ist Binder Magnete der Übergang gelungen: Das Unternehmen behauptet sich am Markt und hat auch die weltweite Finanzkrise 2009 überstanden, mit Blessuren und Auftragsrückgängen zwar, aber deutlich besser als viele andere Firmen. Bevor das Familienunternehmen 1997 an den damaligen Konzern Schutterveld (heute Kendrion) verkauft wurde, machte es ein hartes Sanierungsprogramm durch. Die Tochter von Dr. Wilhelm Binder, Gudrun Becker-Binder, seit 1980 in der Geschäftsführung, hatte gemeinsam mit Heinz Freitag, der heute als Chief Operating Officer (COO) für das operative Geschäft der gesamten Kendrion-Gruppe verantwortlich ist, allen Ballast über Bord geworfen und sich ausschließlich auf die Kernkompetenz der Firma konzentriert. Grundstücke, Werkswohnungen wurden verkauft, Mitarbeiter mussten entlassen werden, das Unternehmen schrumpfte von einst 1200 Mitarbeitern auf rund die Hälfte.

Dr. Wilhelm Binder – mehr als 40 Jahre lang der innovative Motor des Unternehmens.

 

Heute sind 300 meist hochqualifizierte Ingenieure, Kaufleute und Facharbeiter am Standort in Villingen-Schwenningen tätig. Um effizienter arbeiten zu können, wurde das Unternehmen in vier Geschäftsfelder aufgeteilt: Die Antriebs-, Magnet- und Fahrzeugtechnik und die Elektronischen Systeme. Außer der Magnettechnik sind drei von diesen vier Standbeinen noch heute am Standort Villingen angesiedelt.

Das Führungsteam in den 80er Jahren, von links: Ludwig Dufner (Finanzen), Rudolf Hauer (Entwicklung/Vertrieb), Dr. Wilhelm Binder (Aufsichtsratsvorsitzender), Dr. Gudrun Becker-Binder (Controlling/PR), Horst Meier (Produktion/Materialwirtschaft).

 

Gudrun Becker-Binder, die nach ihrem Großvater und Vater in dritter Generation das Unternehmen führte, machte sich rechtzeitig Gedanken über den Fortbestand des Unternehmens und sucht nach einem geeigneten Käufer. Nie kam für die Firmenchefin ein Verkauf an den „meistbietenden“ Interessenten in Frage, Becker-Binder wollte die Zukunft des Traditionsbetriebs, das Lebenswerk ihres Großvaters und Vaters, gesichert wissen. Sie hatte mit der Auswahl des niederländischen Schuttersveld-Konzerns (heute Kendrion) ein gutes Händchen. Der Konzern passt gut zu der Binder Magnete GmbH, die schnell Herzstück der neuen Gruppe wurde. So war 86 Jahre, nachdem Wilhelm Binder mit seinem Freund Rudolf Moog die Firma Binder und Moog Werkzeuge und Maschinen gegründet hatte, der Fortbestand des Traditionsbetriebs gesichert. Gudrun Becker-Binder blieb noch ein Jahr in der Geschäftsführung tätig, um einen reibungslosen Übergang zu gewährleisten. Heute hat die Familie formal zwar nichts mehr mit dem Unternehmen zu tun, verfolgt aber die Geschehnisse rund um die Kendrion-Gruppe mit Interesse.

So hatte 1911 alles begonnen:

Der Firmengründer Wilhelm Binder hat eine Vision: Kaum zwanzigjährig will er eine eigene Firma. Er hat auf der damals noch üblichen Wanderschaft viel Erfahrungen gesammelt und nutzt den Optimismus der Gründerzeit. Da das Geld knapp war, überredet Wilhelm Binder seinen Freund Rudolf Moog, mit ihm das Wagnis einer Firmengründung einzugehen. Ganze 8500 Mark beträgt das Betriebsvermögen und besteht aus einer Universal-Fräsmaschine, einer Leitspindel- Drehbank, einer Schleifmaschine und einigen Schraubstöcken.

Der Firmengründer Wilhelm Binder mit seiner Frau Ursula.

 

Eine Schleifmaschine des Unternehmens in den 40er-Jahren.

 

 

Ein Kupplungsprüfstand in den 50er-Jahren.

Es ist das Beste, was es auf dem Markt gab, denn die junge Firma bietet einer verwöhnten Kundschaft Uhren-Präzisionsteile von höchster Qualität. Der Betrieb vergrößert sich ständig und nach einem Jahr werden bereits einige tausend Mark Umsatz erwirtschaftet. Binder steckt jeden Pfennig wieder in den Betrieb und kauft auch die Anteile seines Freundes Moog, dem alles zuviel wurde. Wilhelm Binder verkauft seine Wiesen und Felder, veräußert das Wohnhaus in der Niederwiesenstraße. 1913 unterschreibt er einen Mietvertrag für Fabrikräume am Benediktinerring 9. Als der Erste Weltkrieg ausbricht, muss Wilhelm Binder mit seinem Regiment ausrücken, während dieser Zeit übernimmt seine Frau Ursula unter schwierigsten Bedingungen die Leitung der Firma. Als der Krieg vorbei ist und Wilhelm Binder zurückkehrt hört er von einer Erfindung, die in Amerika gemacht worden ist: Dort baue man Elektro- Magnetvorrichtungen, die auf Schleifmaschinen zum Festhalten der Werkstücke verwendet werden. Im Selbststudium und Abendkursen arbeitet sich Binder in die Wissenschaft des Elektromagnetismus ein und konstruiert 1920 das Binder- Elektromagnet-Aufspanngerät, das die rationelle Bearbeitung von Präzisionsteilen auf Schleifmaschinen möglich macht. Magnetismus wird für Wilhelm Binder zur Faszination, der Tüftler entwickelt sich zum Erfinder und kann 1921 das Patent für einen „Drehschalter zum Reihen- und Parallelschalten der Magnetspulen für Aufspannvorrichtungen“ erwerben. Binder war nicht zu bremsen: Beflügelt vom Erfolg seiner Erfindung bringt er immer neue Patente auf den Markt, erweitert die Firma. Hubmagnete zur Betätigung von Ventilen werden für immer neue technische Aufgaben entwickelt und eingesetzt. Straßenbahnen und Schnellzug-Lokomotiven bremsen mit Binder-Magneten. Schnelligkeit, Präzision und höchste Schalthäufigkeit machen Binder-Magnete weltweit so anziehend, dass für die Fertigung ein neues Fabrikgebäude gekauft werden muss. Wilhelm Binder hat in einem Vierteljahrhundert aus dem Nichts ein Unternehmen mit 400 Mitarbeitern geschaffen, die auf einer Fläche von 2000 Quadratmetern fertigen.

Die Beziehung zwischen Wilhelm Binder senior und seinem Sohn ist eng, seit 1938 ist der findige Diplom-Ingenieur im väterlichen Betrieb tätig. Nach dem Ausbruch des zweiten Weltkrieges wird Wilhelm Binder junior schnell von der Wehrmacht freigestellt mit dem Auftrag, einen Magneten für die Flugzeughydraulik zu entwickeln. Ihm gelingt eine revolutionäre Erfindung: Das „Konuspatent“, das in die technische Literatur eingeht. Mit ihm wird es möglich, den Magnetkraftverlauf dem jeweiligen Kraftbedarf anzupassen und Gewicht, Abmessung und Leistungsverbrauch zu optimieren. Ein Patent, das in Friedenszeiten einer Goldgrube gliche, 1940 aber durch Befehl enteignet wird, sodass Binder die Lizenz zum Nachbau an sechs deutsche und österreichische Firmen ohne Entschädigung vergeben muss.

 

Mondernste Technologie und Produktionstechnik in Reinräumen für Diesel Common Rail Systeme sichert auch in Zukunft den Standort VS.

 

Als die Franzosen Villingen besetzen, demontiert die Besatzungsmacht etwa 80 Prozent des Maschinenparks und Wilhelm Binder gelingt es nur mit viel Überzeugungskraft, wenigstens von jeder Maschine einen Prototyp behalten zu dürfen. Binder junior rekonstruiert die Produktpalette und erweitert sie stetig. Schon 1951 plant der Firmengründer einen Neubau und 1953 erfüllt sich für Wilhelm Binder ein Traum: Seine Firma kann sich auf der Hannover-Messe präsentieren und der erste Messe- Auftritt ist ein voller Erfolg – mit allerdings tragischen Folgen: Wilhelm Binder stirbt am vorletzten Messetag an einem Herzschlag.

Sein Sohn führt die Firma im Sinne seines Vaters fort und sein enormer Erfindergeist wird der Firma zu weiterer Blüte verhelfen. Er vervierfacht das Volumen des Unternehmens, was eine Erweiterung der Produktionsfläche erfordert. Gibt es überhaupt noch Baugrund? Oder muss die Firma nach Mönchweiler ausweichen? Der Stadt liegt an einem ihrer großen Steuerzahler und Arbeitgeber, sie verkauft ihm 25000 Quadratmeter Grund und Bauherr Dr. Wilhelm Binder bebaut mehr als 23000 Quadratmeter Nutzfläche. Um als Unternehmer die Sachkenntnis abzurunden und zu erweitern, entschließt er sich 1964 im Alter von 50 Jahren an der Universität Graz Betriebswirtschaft zu studieren.

Ein Druckregelventil von Kendrion Binder Magnete.

 

Mehr als vierzig Patente und Gebrauchsmuster werden im Laufe der Jahre angemeldet, Nebenprodukte entwickeln eine gewisse Eigendynamik: So entsteht 1970 aus der Beschäftigung mit der Elektronik in Kombination mit der Magnettechnik ein Matrix-Drucker als Computer-Terminal, für den 1978 eine eigene Firma gegründet wird: Die Binder Datentechnik. Bereits 1959 gründet Dr. Wilhelm Binder die Binder Aviatik, da er schon während des Kriegs Spezialhubmagnete zur hydraulischen Steuerung von Einziehfahrwerken an Flugzeugen entwickelte, sich mit der Regelung der Kühlertemperaturen in Flugzeugmotoren beschäftigte und sogar die Vision eines Senkrechtstarters hatte. Sein kreatives Potenzial ist schier unerschöpflich: In allen Bereichen forscht, entwickelt und konstruiert er: Eine Kamera und sogar ein Elektrofahrrad ersinnt der Erfinder, das später von Hercules hergestellt wird.

Später schwächt die einst große Stärke von Binder Magnete, die Produktentwicklung, das Unternehmen, das Programm „wuchert“ und muss radikal gestrafft werden. Aber der Wandel zu einem modernen weltweit tätigen Konzern gelingt und 100 Jahre nach der Gründung ist das Unternehmen gut gerüstet für die Herausforderungen der Zukunft. Immer noch steht der Name Binder Magnete für höchste Qualität, Innovation und Präzision und darauf wären Dr. Wilhelm Binder und sein Vater Wilhelm Binder stolz.

Daten und Fakten:

Die Kendrion Binder Magnete GmbH mit rund 300 Mitarbeitern ist Kern der Kendrion NV, die einen Umsatz von 200 Millionen Euro macht und weltweit 1100 Mitarbeiter beschäftigt. Das Unternehmen entwickelt, produziert und vertreibt hochwertige elektromagnetische Systeme und Komponenten. Die Produkte werden weltweit eingesetzt z. B. in Aufzügen, Türschließsystemen, Industrierobotern, Medizinausrüstung, Postverteilungssystemen, Dieselmotoren, Klimaanlagen, Motorkühlsystemen, Getränkeautomaten. Kendrions Hauptkunden sind u.a. Bosch, Siemens, Daimler, Continental, ZF, Evobus, Hyundai und Yutong. Kendrion N. V. ist organisiert in vier Geschäftsbereiche (Passenger Car Systems, Industrial Magnetic Systems, Industrial Drive Systems und Commercial Vehicle Systems) und hat Standorte in Deutschland (Villingen-Schwenningen, Donaueschingen, Engelswies, Markdorf und Aerzen), Österreich, Tschechien, Rumänien, USA, Brasilien, Mexico, Schweiz, China und England. Heinz Freitag, der von 1979 bis 1984 bei Binder beschäftigt war, kam nach einem Wechsel 1991 wieder zurück. Freitag ist als Chief Operating Officer für das gesamte operative Geschäft der Kendrion- Gruppe verantwortlich, außerdem ist er Geschäftsführer in den Firmen der Kendrion NV Gruppe. Die weltweite Wirtschaftskrise 2009 hat das Unternehmen wie viele andere Betriebe hart getroffen, bis zu 35 Prozent Umsatzrückgang mussten verkraftet werden. Dennoch wurde der Weg aus der Krise dank der Entwicklung vieler neuer Produkte und der Konzentration auf das Thema Energiesparen fast ohne Entlassungen in Villingen- Schwenningen und Donaueschingen bewerkstelligt.