Flucht aus Villingen (Heinrich Maulhardt)

Das Villinger Kriegsgefangenenlager im Ersten Weltkrieg 

Im Sommer 2008 erhielt das Stadtarchiv ein Schreiben eines holländischen Antiquariats. Darin teilte Geschäftsführer Frido Troost mit, dass er eine interessante Sammlung von Stereonegativen gekauft habe, die ein französischer Offizier in einem Kriegsgefangenenlager in Deutschland während des 1. Weltkrieges anfertigte. Es handele sich um Glasplattennegative von guter Qualität, die wohl von einem Berufsfotographen stammten. Die Sammlung umfasse 220 Negative und er wolle herausfinden, wo die Aufnahmen gemacht wurden. Zwei Anhaltspunkte habe er: Ein Foto von einem Pferdewagen, auf dem „Offiziersgefangenenlager Villingen“ [Abbildung 1] zu lesen sei und ein zweites Bild mit einem Herstellername und dem Zusatz „in Villingen“. Der Antiquar schrieb, dass er im Internet weiter recherchiert, aber nichts Näheres zu diesem Lager gefunden habe. Ich antwortete ihm, dass im Stadtarchiv Quellen zu einem Offiziersgefangenenlager seien und bat ihn, mir die Fotos per E-Mail zur Ansicht und Identifikation zu senden.

Es dauerte nur wenige Tage und ich konnte mir auf meinem Bildschirm die Bilder anschauen. Nach der ersten Durchsicht war mir klar, dass nicht alle Fotos im Villinger Lager aufgenommen wurden und ein großer Teil aus anderen Lagern stammte.

Abbildung 1: Deutsches Wachpersonal im Gefangenenlager. An dem Wagen ein Schild mit der Aufschrift „Offiziersgefangenenlager Villingen“. Quelle: Messimer, S. 105.

 

Abbildung 2: Blick aus dem Fenster einer Wohnbaracke. Im Hintergrund die Türme des Villinger Münsters. Quelle: ICM/ Netherlands
Abbildung 3: Blick von Süden auf die Gebäude des Wachpersonals. Im Hintergrund die neuen Kasernengebäude. Quelle: ICM/Netherlands.

 

Bei Aufnahmen, die im Freien gemacht wurden, dienten die Türme des Villinger Münsters [Abbildung 2] oder die Gebäude der im 1. Weltkrieg errichteten Richthofenkaserne [Abbildung 3] und nach dem 2. Weltkrieg Lyauteykaserne genannten Kaserne nördlich der Kirnacher Straße als Orientierung. Man sah auch, dass einige Gebäude dieses Standorts gerade im Bau waren. Ebenfalls dienten die am Weg zur Lorettokapelle stehenden Alleebäume und die weiße Fassadenfarbe der Villinger Baracken als Hinweis. Alle Bilder, die einen Fluss oder eine Kathedrale im Hintergrund hatten, konnten ausgeschlossen werden. Der größte Teil der Fotos waren allerdings Aufnahmen innerhalb von Gebäuden, die den nicht sehr unkomfortablen Tagesablauf der gefangenen Offiziere dokumentierten, denen es gestattet war, ihre Uniformen zu tragen: Es sind französische, britische und russische Gefangene zu erkennen. Die Offiziere waren bei einer Vielzahl von Sportarten zu sehen: Gymnastik, Fußball, Boxen, Tennis, Leichtathletik sowie bei anderen Freizeitaktivitäten wie: Gärtnern, Modellieren, Schlittenfahren, Sonnenbaden, Hobbyaktivitäten und bei einer Schneeballschlacht. Die Bilder dokumentierten Ausschnitte aus dem Tagesablauf: Friseur, Fotograph, Lagerladen, Haustiere, Krankenschwestern, Schneider, Ausflüge mit Begleitung usw. Dass es sich bei der Einrichtung doch um ein Gefangenenlager handeln musste, was aufgrund der dargestellten Sport- und Freizeitaktivitäten kaum zu vermuten war, belegen Fotos, die durch Fenster oder Stacheldrahtzäune gemacht wurden, um den Blick nach draußen auf die Wachen und marschierende deutsche Soldaten zu zeigen.

Die Identifikation der Fotos gelang erst nach mehrfachem Hinsehen. Anschließend wurden die in Frage kommenden Bilder als digitale Kopie mit dem Recht zur Nutzung für das Stadtarchiv bestellt. Einige Wochen später wies mich Herr Troost auf eine Publikation hin, die noch mehr Informationen zum Lager und zur Erläuterung der Fotos brachte. Es handelt sich um das Buch des US-amerikanischen Militärhistorikers Dwight R. Messimer, „Escape from Villingen, 1918“, das im Jahre 2000 erschien.1

Die Quellenlage

Über die Bilder aus dem holländischen Antiquariat und das Buch von Messimer hinaus gibt es im Stadtarchiv und in seiner Bibliothek weitere Quellen. Dazu zählt eine Aufnahme der Baracken am von Bäumen gesäumten Weg zur Lorettokapelle aus dem 1. Weltkrieg und Akten zum Bau der Kaserne.

Abbildung 4: Feldpostbrief an das Rote Kreuz in Kopenhagen, abgesandt aus dem Offiziersgefangenenlager Villingen am 13.06.1915. Quelle: Sammlung Manfred Beichel.

 

Von Herrn Manfred Beichel, der meine Vortragsveranstaltung zum Thema besuchte, erhielt ich aus seiner umfangreichen historischen Sammlung den Umschlag eines Feldpostbriefes mit dem Stempel „Offizier-Gefangenenlager Fa. Villingen“. Der Brief wurde am 13.06.1916 an eine Adresse des Roten Kreuzes in Kopenhagen gesandt. Absender war ein Oberstleutnant Mikitian [Abbildung 4]. Im Bauaktenarchiv der Stadt fanden sich zum Grundstück „Kirnacherstraße 47“ Akten zu Bauanträgen über Gebäude des Gefangenenlagers aus den Jahren 1916 und 1917 mit Plänen über die Gesamtanlage.

Das Buch von Dwight R. Messimer beinhaltet den noch zu schildernden Ausbruch amerikanischer Offiziere aus dem Villinger Kriegsgefangenenlager. Es beschreibt die historischen Rahmenbedingungen, stellt die beteiligten Offiziere vor und schildert ihre Flucht. Neben dem Villinger Lager werden die Lager in Rastatt und Karlsruhe dargestellt. Der Autor wertet in umfassender Weise Archivgut staatlicher und privater US-amerikanischer sowie deutscher Staats- und Stadtarchive aus. Die von ihm angeführte Liste der für seine Untersuchung herangezogenen Sekundärliteratur dürfte vollständig sein.

Zwei Vorträge

Am 17. Januar 2010 habe ich das Thema in einer gemeinsamen Veranstaltung von Stadtarchiv und Geschichts- und Heimatverein Villingen am historischen Ort, im heutigen Café Welvert an der Kirnacher Straße, also an der Stelle, wo sich die Baracken des Kriegsgefangenenlagers befanden, vorgetragen. Die Resonanz war überwältigend. Es kamen rd. 150 Personen und 50 mussten wegen Überfüllung des Cafés auf einen spontan gefundenen zweiten Termin am 23. Januar verwiesen werden. Die Veranstaltung hat gezeigt, dass in Villingen nicht nur das Mittelalter interessiert, sondern auch Themen der letzten 100 Jahre. Mein Dank gilt in diesem Zusammenhang dem Inhaber des Cafés Herrn Gregor Braun und der Betreiberin Frau Anita Speck.

Das große Interesse an den Vortragsveranstaltungen zum Thema rührt auch daher, dass die Geschichte vom Offiziersgefangenenlager kaum jemand bekannt war. Im Folgenden soll diese Episode der Villinger Geschichte etwas erhellt werden. Es werden das Lager und seine Insassen sowie die damaligen Lebensverhältnisse vorgestellt. Darüber hinaus soll gezeigt werden, wie es zu dem Ausbruch amerikanischer Offiziere kam und warum ein amerikanischer Militärhistoriker gleich ein ganzes Buch darüber schrieb. Die Darstellung wird illustriert durch die sehr eindrucksvollen Fotos eines französischen Offiziers.

Das Lager und seine Insassen

Nachdem Villingen 1869 an das Eisenbahnnetzangeschlossen wurde und am Ende des 19. Jahrhunderts Industrie und Handel aufzublühen begannen, bemühte sich die Stadt auch Standort einer Garnison zu werden. Jahrzehntelang wurde sie vorstellig bei der badischen Regierung und dem Kriegsministerium in Berlin, ohne Erfolg. Erst 1913, kurz vor Ausbruch des 1. Weltkriegs, kam die Zusage. Am 1. Oktober 1913 wurde das III. Bataillon des Infanterie-Regiments Nr. 169 feierlich in Villingen auf dem Münsterplatz begrüßt. Die Kaserne musste erst noch gebaut werden. Dafür war das Gelände nördlich der Kirnacher Straße vorgesehen. Bis zu ihrer Fertigstellung war das Bataillon in Baracken südlich der Kirnacher Straße [Abbildung 5] untergebracht, dem heutigen Welvertgelände.

Abbildung 5: Ansicht des Lagers von Norden. Standort des Fotografen war ein oberes Stockwerk der neuen Kaserne. Im Hintergrund die Alleebäume am Lorettoweg. Quelle: Messimer, S. 96 mit Genehmigung des US-Nationalarchivs Washington.

 

Abbildung 5.1: Handzeichnung vom Gefangenenlager angefertigt von Edouard Isaacs. Quelle: Messimer, S. 142 mit Genehmigung des Familienarchivs Isaacs.

 

Nach dem Umzug der deutschen Soldaten in die im Jahre 1914 in Teilen fertig gestellte Kaserne wurden die Baracken als Offiziers-Gefangenenlager genutzt. Der Ausbruch des 1. Weltkrieges 1914 mit den Kriegserklärungen Deutschlands an Rußland (1.8.) und Frankreich (3.8.) hatte schon wenig später die ersten Kriegsgefangenen zur Folge, die in gebührendem Abstand zur Front interniert wurden. Dafür war Villingen ein geeigneter Ort und die Stadt konnte auch Räume zur Verfügung stellen. So zogen bereits im ersten Kriegsjahr russische und wohl auch französische Offiziere in die freigewordenen Baracken ein. Die Soldaten des Bataillons auf der anderen Seite der Kirnacher Straße hatten nicht die Aufgabe, die Gefangenen zu bewachen. Dafür gab es eigene Wachmannschaften, deren Angehörige für den Einsatz an der Front ungeeignet waren.

[Abbildung 5.1] Den Grundriss des Lagers, von dessen Gebäuden es heute keine Reste mehr gibt, bildete ein Rechteck 137 m x 46 m. Das Lager war durch einen hölzernen Zaun mit einer Höhe von 3,60 m umgeben. Es wurde begrenzt von der Fußwegallee zur Lorettokapelle (Lorettoweg) an der Südseite und der Kirnacher Straße mit dem Haupttor an der Nordseite. Die Gefangenen waren in Baracken auf der Süd- und Westseite untergebracht, die Arbeitsscheune lag auf der Ostseite, die Wächterbaracken und die Verwaltung auf der Nordseite.

Abbildung 6: Gefangene Offiziere beim Sonnenbaden. Im Hintergrund ein Gebäude der neuen Kaserne. Quelle: ICM/ Netherlands.

 

Verwaltung und Gefangene lebten im Lager zusammen. Deutsche und Gefangene waren durch einen Zaun getrennt. Es gab 12 Posten an der äußeren Grenze, die Tag und Nacht patrouillierten. Für die Posten gab es Einmannhäuschen, die Schnee und Regen von den Wächtern abhalten sollten. Das Lager hatte einen Gemüsegarten zur Verpflegung der Gefangenen und des Wachpersonals. Russische Gefangene errichteten im Zeitraum 1914 bis 1918 Holzbauten für ein Theater, einen Musikraum, zwei Kantinen und eine Offiziersmesse.2 Sie bauten auch ein Feld zum Volleyballspielen, zwei Tennisplätze auf eigene Kosten sowie Plätze für Gymnastik und Pferdespringen. Amerikanische Offiziere fügten 1918 noch ein Baseball-Spielfeld hinzu. Auf den ersten Blick ist hier ein Sport- und Freizeitzentrum entstanden, was Villingen in dieser Vielfalt noch niemals in seiner Geschichte gesehen hatte. [Abbildung 6]

Die Offiziere konnten zusammen mit dem Wachpersonal Ausflüge in die Umgebung des Lagers machen. Dies war gefangenen Mannschaften nicht erlaubt. Die Ausflüge fanden fast täglich außer bei Regen statt. Die Offiziere mussten zuvor schriftlich bestätigen, dass sie nicht fliehen werden. Tatsächlich hat während eines Ausflugs auch nie ein Offizier die Gruppe verlassen.

Abbildung 7: Gefangene Offiziere in ihrem Wohnraum. Quelle: ICM/Netherlands.

 

In Gruppen von je 50 Personen, Russen und Amerikaner, hielten sie sich jeweils 2 Stunden außerhalb des Lagers auf und lernten die Gegend kennen. Zu diesen Touren gehörte auch ein Picknick.

Jede Baracke hatte 3 Räume mit einer Fläche von je 7,50 m x 9 m und war mit 12 dreifach Stahlrahmenbetten ausgestattet, dazu Bettzeug, 12 Stühle und 2 Tische. In jedem Raum [Abbildung 7] war ein Holz- oder Kohleofen Die Gefangenen nutzten die Öfen um Speisen aus Nahrungsmitteln zu bereiten, die sie in ihren Rot-Kreuz-Paketen erhielten. An jedem Ende der beiden Gebäude waren kleine Einzelräume für Offiziere im Rang eines Kapitäns und höher. Dwight D. Messimer kommt zusammenfassend zu folgendem Ergebnis:

„The Germans had done an excellent job of converting Villingen to a prison camp.“3

Tagsüber war das gesamte Lager gut zu übersehen, während es nachts nur spärlich ausgeleuchtet war. Das Lager war bis zum Frühjahr 1918 wohl überwiegend von russischen Offizieren bewohnt. Dies änderte sich infolge der Kriegserklärung der Vereinigten Staaten an Deutschland am 6.4.1917. Von diesem Zeitpunkt an wurden von den Deutschen auch amerikanische Gefangene gemacht, darunter befanden sich amerikanische Offiziere. Im Mai 1918 forderten die USA, dass Deutschland amerikanische Gefangene nur in zwei Lagern unterbringen solle, ein Lager für Offiziere und ein Lager für Mannschaften. Villingen wurde für die amerikanischen Offiziere bestimmt und so kamen im Mai und Juni 1918 die ersten amerikanischen Gefangenen ins Villinger Lager. Im September, wenige Monate später, waren es 77 Amerikaner und es war geplant, das Lager in ein rein amerikanisches Gefängnis umzuwandeln und die russischen Offiziere in ein anderes Lager zu verlegen.

Obgleich das Lager ungewöhnliche Bequemlichkeiten bot, Einrichtungen wie ein kleines Urlaubsdorf für Clubferien heutiger Tage [Abbildung 8], waren einige der Insassen dennoch mit ihrer Situation nicht zufrieden und unternahmen Ausbruchsversuche.

Abbildung 8: Gefangene russische Offiziere am Rande der Tennisplätze. Im Hintergrund ein im Bau befindliches Gebäude der neuen Kaserne. Quelle: ICM/Netherlands.

 

Tatsächlich war das Lager kein Hochsicherheitsgefängnis und es war nicht ausbruchssicher. Russische Offiziere waren die ersten, die den Weg nach draußen suchten. Die deutsche Lagerleitung hatte Spitzel unter den Gefangenen, um solche Bestrebungen von Anfang an festzustellen und die notwendigen Vorkehrungen zu treffen um Fluchtversuche zu verhindern.

Im Sommer 1918 befanden sich Offiziere zweier Nationalitäten im Lager, die getrennt untergebracht wurden, Russen und Amerikaner. Die Russen sprachen kein Englisch und die Amerikaner kein Russisch. Die Kommunikation war schwierig. Die Amerikaner beklagten sich, dass die Russen schmutzig („frightfully unclean“) und der größte Teil von ihnen krank sei. Sie verlangten amerikanische Ordonnanzoffiziere. Daneben fürchteten sie die Russen als Sicherheitsrisiko bei ihren Bestrebungen aus dem Lager zu entkommen.

Die Gefangenen erhielten fast täglich Rot- Kreuz-Pakete.4 Das erste Paket für einen Gefangenen enthielt: Armeenachthemd, Unterwäsche, zwei Paar Socken, 3 Taschentücher, zwei Handtücher, Toilettenartikel, Tabak und Nahrung. Die Wachen achteten darauf, dass kein Kompass, keine Pläne, Werkzeuge oder Geld für Ausbruchsversuche darin waren. Der Inhalt der Pakete wurde innerhalb des Lagers gehandelt. Man tauschte je nach Bedarf Artikel und konnte auch mit diesen das Wachpersonal bestechen. Denn durch die britische Wirtschaftsblockade ging es den Gefangenen wesentlich besser als der deutschen Bevölkerung. Auch unter den Villingern herrschte ein großer Mangel an Seife, Tabak und Kaffee.5 Es kursierte der Spruch, dass man mit einem Stück Seife des Kaisers Tochter kaufen könne. Ab 1915 nahm die Brotkarte und damit das sog. K-Brot Einzug in der Stadt. „Es setzte eine regelrechte Kartenwirtschaft ein. Lebensmittel wurden rationiert, gestreckt und ersetzt.“6

Der Ausbruch von 13 Amerikanern am 6. Oktober 1918

Bevor die amerikanischen Offiziere im Lager eintrafen, unternahmen bereits ihre russischen Schicksalsgenossen Fluchtversuche. So planten sie auch über einen Tunnel zu fliehen, was aber vom Wachpersonal aufgedeckt und vereitelt wurde.

Im Sommer 1918 gab es unter den Gefangenen mehrere Gruppen, die Ausbruchsversuche planten. Die einen wollten den Zaun überwinden, die anderen einen Tunnel graben und eine dritte Gruppe hatte vor, sich als deutsche Soldaten zu verkleiden.

Der Anführer der 13-köpfigen amerikanischen Ausbrechergruppe war Edouard Isaacs [Abbildung 9], Marineoffizier auf der President Lincoln, einem Passagierschiff der Hamburg-Amerika-Linie. Auf dem Schiff befanden sich über 700 Passagiere, als es am 31.5.1918 von dem deutschen U-Boot U-90 torpediert wurde. Zu diesem Zeitpunkt war Isaacs 28 Jahre alt. Als das Schiff von einem Torpedo getroffen wurde, wechselten die amerikanischen Offiziere die Kleidung, um nicht identifiziert zu werden. So wurde Isaacs, der eigentlich ein „junior gunnery officer“ war, in der Uniform des „senior officer“ von den Deutschen gefangen genommen, in das U-Boot übernommen und nach Deutschland gebracht. An Bord von U-90 angekommen wurde er von dem deutschen U-Boot-Kapitän mit einem Glas Sherry begrüßt und konnte sich als „senior officer“ auf dem U-Boot frei bewegen.

Abbildung 9: Links Blanchard Battle, rechts der Anführer der Ausbrechergruppe Edouard Isaacs. Die Aufnahme wurde am 4.7.1918 im Hauptlager in Karlsruhe gemacht. Quelle: Messimer, S. 17 mit Genehmigung des Familienarchivs Isaacs.

 

1st. Lt. Blanchard Battle

Battle war 23 Jahre alt und Absolvent des Georgia Institute of Technology, als die USA Deutschland den Krieg erklärten. In nur 5 Wochen wurde er zum Piloten ausgebildet und erreichte im November 1917 mit einem Schiff seinen Einsatzort in Frankreich. Er gehörte zu einer Aufklärungseinheit, welche die Gegend um Metz hinter den deutschen Linien fotografieren sollte. Beim Einsatz seiner Bordwaffe funktionierte die Synchronisation zwischen seiner Bordwaffe, einem Maschinengewehr, und dem Propeller seines Flugzeugs nicht. So schoss er sich selbst ab und wurde von den Deutschen nach einer Notlandung gefangen genommen.

1st. Lt. Herbert Allen Wardle

Wardle stammte aus Memphis, Tennessee. Er war Collegeabsolvent und Footballspieler. Im Alter von 25 Jahren ging er im April 1917 zur Armee. Er war sehr groß, 180 Pfund schwer und wurde zunächst abgewiesen, dann aber nach einer Anhörung zum Fliegertraining zugelassen. Im November 1917 beendete er die Ausbildung zum Piloten und wurde anschließend in Frankreich stationiert. Auf einem Flug von England nach Anvers in Frankreich kam er vom Kurs ab, wurde von Flakgeschützen getroffen und nach einer Notlandung gefangen genommen.

1st. Lt. William W. Chalmers

Chalmers, Sohn eines Arztes, absolvierte 1913 als Ingenieur das Middlebury College. Er war Footballspieler und unterrichtete Hochschulmathematik in Hartford Connecticut. Mit 27 Jahren schrieb er sich in das Officer Reserve Corps ein und trat das Pilotentraining an. Von der Flugschule der Ohio-State-Universität kam er zur weiteren Flugausbildung nach Frankreich, wo er im Juli 1918 während eines Aufklärungsflugs von den Deutschen gefangen genommen wurde. Chalmers sprach Deutsch.

Maj. Harry Brown

Am 10. 7. 1918 verlor die US-Luftwaffe 6 Besatzungen und ihre Flugzeuge bei einem Einsatz. Es war der bisher größte Verlust überhaupt. Anführer der Luftwaffeneinheit war Harry Brown, 27 Jahre und Absolvent der Militärakademie Westpoint. Die Staffel bombardierte Eisenbahnstrecken bei Koblenz. Dabei ging den Flugzeugen der Treibstoff aus. Sie landeten zwischen Aachen und Düsseldorf und dachten sie seien in Frankreich. Alle Piloten wurden mit ihren intakten Flugzeugen gefasst. Die Deutschen sendeten über Funk eine humorvolle Botschaft an ihre Gegner: „Wir danken euch für die schönen Flugzeuge und die Ausrüstung, die ihr uns geschickt habt; aber was sollen wir mit dem Major machen?“7 Auf diese Frage gaben die Amerikaner keine Antwort und es war für Harry Brown zu diesem Zeitpunkt wohl besser in Deutschland zu sein als bei seiner Einheit in Frankreich, denn es stellte sich heraus, dass er wichtige Sicherheitsvorschriften missachtet hatte und für die Verluste verantwortlich war. Sieben weitere Besatzungsmitglieder dieser Einheit kamen neben Brown ebenfalls in das Villinger Lager.

1st. Lt. Georghe W. Puryear [Abbildung 10]

Puryear kam aus Gallatin in Tennessee. Am 26. Juli 1918 war er 23 Jahre alt und flog über der Front von Chateau-Thierry eine Patrouille mit vier anderen Piloten. Es kam zum Luftkampf mit deutschen Flugzeugen und anschließend landete er. Bald stellte sich heraus, dass er sich nicht auf dem Gebiet der Alliierten sondern auf feindlichem Terrain befand. Bei der Landung brach sein Propeller und so wurde er noch am selben Tag gefangen genommen.

Abbildung 10: George Puryear, aufgenommen am 15.09.1918 in Villingen. Quelle: Messimer, S. 46 mit Genehmigung des Familienarchivs Puryear.

 

Die genannten Amerikaner und die anderen Teilnehmer am Ausbruch vom 6. Oktober wurden nach ihrer Gefangennahme im sog. „Listening Hotel“ in Karlsruhe in der Ettlinger Straße 39 von der deutschen Armee verhört. Dort befand sich ein Befragungszentrum für Gefangene, wo in jedem Raum Mikrophone zum heimlichen Abhören der Gefangenen eingebaut waren. Von Karlsruhe kamen sie dann mit dem Zug entweder direkt nach Villingen oder erst in ein anderes Lager. Von Anfang an unternahmen die Gefangenen Ausbruchsversuche. Allein Edouard Isaacs probierte es innerhalb von vier Monaten neunmal. Auf der Zugfahrt nach Villingen sprang er vor St. Georgen bei Sommerau, nach dem Tunnel, kopfüber aus dem geöffneten Fenster und verletzte sich schwer, so dass er im Villinger Lager zunächst einige Zeit auf der Krankenstation lag.

Die Flucht am 6. Oktober musste gut vorbereitet werden. So wurden die Ausflüge außerhalb des Lagers genutzt, um die Umgebung südlich von Villingen zu erkunden. Denn alle Pläne hatten zum Ziel, dass die Flüchtenden die Schweiz erreichten. Wenn schon der Ausbruch aus dem Lager nicht einfach war, so standen die Flüchtenden spätestens an der von den Deutschen gut bewachten Schweizer Grenze vor der nächsten großen Hürde.

Am 5. Oktober ging die Nachricht durch das Lager, dass die verbliebenen 150 Russen in ein anderes Lager kommen sollen. Die Überstellung war zum 7. Oktober geplant. Die im Lager befindlichen 80 Amerikaner fürchteten nach dem Weggang der Russen ein großes Aufräumen des Wachpersonals im Lager, so dass bereits hergestellte Fluchthilfen entdeckt werden würden. Isaacs versammelte 13 amerikanische Gefangene. Er wollte die Nacht vor der Abreise der Russen nutzen, da er sonst bis auf weiteres keine Chance sah zu entkommen. Es wurden kleine Fluchtgruppen zu je zwei Personen gebildet, die sich in Richtung Schweiz absetzen wollten [Abbildung 11]. Die Überlegung war, dass zwei Köpfe mehr leisten als einer und wenn einer schläft, kann der andere wachen. Der Ausbruch begann um 22.40 Uhr mit der Zerstörung der elektrischen Beleuchtung im Lager. Mit selbst gebauten Leitern aus Holz sollten Brücken von den Fenstern der Häuser auf die Zäune geschlagen und diese überwunden werden. Es funktionierte nicht alles wie geplant. Zwar war es nahezu dunkel im und um das Lager, doch das Wachpersonal war alarmiert, Gewehrfeuer war zu hören. Nicht alle Holzbrücken gelangten auf den Zaun, einige fielen innerhalb der Umzäunung auf den Boden. Wardle und Chalmers überwanden zwar den Zaun, sahen sich aber in einer ausweglosen Situation und gingen wieder ins Lager zurück. Einer der Ausbrecher wurde von den Wachen eingefangen. Nur ein Paar blieb zusammen, Isaacs und Willis. Sie hatten Glück und liefen in Richtung Wald, dort wo heute das Villinger Krankenhaus steht. [Abbildung 12]

Lagerkommandant Oberst Otto Ehrt setzte, nachdem der Alarm ausgelöst wurde, eine umfangreiche Suchaktion nach den Ausbrechern in Gang. Es war zunächst schwierig festzustellen, wie viele der Gefangenen geflohen waren, denn es war dunkel. Im Umkreis von 5 km wurde ganz Villingen 12 Stunden lang durchsucht. Im Lager fanden die Deutschen bei ihren Durchsuchungen Kompasse, Karten, Zivilkleider, was eine verschärfte Lagerordnung zur Folge hatte. Isaacs vermutete, dass auch die 100 Rekruten des Ersatzbataillons aus der gegenüberliegenden Kaserne für die Suche nach den Ausbrechern aktiviert wurden.

Blanchard Battle wollte sich mit Rowan Tucker auf dem Magdalenenberg treffen und dann gemeinsam die Flucht fortsetzen, was nicht gelang. Battle besaß einen Kompass, den er von russischen Offizieren gekauft hatte, und als Karte eine Handzeichnung. Er hatte wenig Nahrung bei sich und nur seine Uniform als Bekleidung, die wenig Schutz vor Kälte und Regen bot. Am Morgen des 7. Oktober befand er sich südlich von Villingen bei Beckhofen. Als Reaktion auf den Ausbruch schickte das Bezirkshauptquartier Karlsruhe am 9. 10. Truppen in die Region Waldshut, Stühlingen und Blumberg, um die Ausbrecher zu fassen. An der Bahnlinie nach Döggingen wurde er zum ersten

Abbildung 11: Fluchtwege der fünf Ausbrecher von Villingen an die Schweizer Grenze. Quelle: Messimer, S.114 mit Genehmigung des Familienarchivs Isaacs.

 

Abbildung 12: Handzeichnung des Gefangenenlagers mit Eintragungen zu den Fluchtwegen und Fluchtgruppen angefertigt von Harold Willis. Quelle: Messimer, S. 142 mit Genehmigung des Familienarchivs Isaacs.

 

Mal entdeckt, konnte aber fliehen. Als er in Stühlingen ankam, war sein Plan, durch die Wutach in die Schweiz zu gelangen. Doch dazu kam es nicht. Er wurde von Soldaten mit Suchhunden aufgespürt und ergab sich.

Rowan Tucker setzte, nachdem er Battle nicht finden konnte, die Flucht alleine fort. Es regnete fast ununterbrochen und die Temperatur ging nachts fast an die Frostgrenze, was für alle Ausbrecher ein großer Nachteil war. Sein Fluchtweg sah so aus: Magdalenenberg – Stahlberg – Brigach – Marbach – Grüningen – Wolterdingen – Aufen – Unterbränd – Löffingen – Göschweiler – Reiselfingen – Wutachschlucht – Ewattingen – Bonndorf. Tucker wurde als einziger von keinem Zivilisten entdeckt, jedoch wurde er kurz vor der Schweizer Grenze völlig erschöpft von deutschen Soldaten aufgegriffen.

Isaacs und Willis [Abbildung 13] wollten sich auf dem Magdalenenberg treffen, den sie von ihren Ausflügen her kannten. Isaacs brauchte mehr als eine Stunde um den Hügel zu erreichen. Sie verdankten es einem großen Zufall, dass sie in der dunklen Nacht nach langem Suchen doch zueinander fanden. Sie flohen gemeinsam über Unterbränd – Wutachschlucht – St. Blasien und erreichten Waldshut. Am 12. Oktober durchschwammen sie den kalten, mit Nebelschwaden umgebenen Rhein bei Waldshut und erreichten beide trotz schwerer Muskelkrämpfe das rettende Schweizer Ufer.

Abbildung 13: Harold Willis, aufgenommen am 30. 6.1918 in Villingen. Quelle: Messimer, S. 7 mit Genehmigung des Familienarchivcs Isaacs.

 

George Puryear lief nach Westen. Über Vöhrenbach – Schollach – Neustadt – Hochfirst – Schluchsee erreichte er am 11. Oktober, fünf Tage nach dem Ausbruch, Waldshut. Auf dem Hochfirst schneite es leicht. Mit letzter Anstrengung durch schwamm Puryear bei Waldshut den Rhein und war damit der erste amerikanische Offizier, der aus deutscher Gefangenschaft erfolgreich floh. Dass auch der Rhein nicht einfach zu überwinden war, davon zeugte ein Friedhof in Basel, auf dem viele Russen beerdigt waren, die beim Schwimmen über den Rhein durch Kälte oder Strudel umkamen.

Die Schweizer beförderten Isaacs, Willis und Puryear zur amerikanischen Botschaft in Bern, wo sie am 15. Oktober eintrafen. Anschließend fuhren alle drei nach Paris und wurden entlassen. Die erfolgreiche Flucht von Puryear konnten die Amerkaner in einer amerikanischen Wochenschau bestaunen. Battle wurde von den Deutschen nach Villingen in das Lager zurückgebracht und musste anschließend in ein Lager bei Berlin. Tucker kam in ein Gefängnis nach Ingolstadt.

Bei dem Villinger Ausbruch handelte es sich um die größte Massenflucht von amerikanischen Gefangenen im 1. Weltkrieg, zu einem Zeitpunkt als der Krieg fast zu Ende war. Am 11.11.1918 kam es zum Waffenstillstand zwischen den Alliierten und Deutschland. Das Angebot der Deutschen zum Waffenstillstand erging bereits am 3./4.10., also 3 Tage vor dem Ausbruch der amerikanischen Offiziere, an die Alliierten. Offensichtlich war den Gefangenen die allgemeine militärisch-politische Lage nicht bekannt. Hätten sie davon Kenntnis gehabt, wären sie vielleicht nicht ausgebrochen und hätten ihr Leben aufs Spiel gesetzt.

Am 26.11.1918, drei Wochen nach dem Ausbruch, verließen fast 200 Amerikaner Villingen mit deutscher Hilfe und fuhren mit dem Zug nach Konstanz und dann in die Schweiz.

Über das weitere Schicksal der amerikanischen Offiziere berichtet Messimer in seinem Buch8: Harold Willis wurde nach dem Krieg einer der führenden Kirchenarchitekten in Amerika. Edouard Isaacs, der Kopf der Ausbrechergruppe, war später auch Kongressabgeordneter und starb 1990 im Alter von 100 Jahren. George Puryear überlebte zwar unter großen Anstrengungen die Flucht in die Schweiz, stürzte aber schon ein Jahr später in den USA mit einem Flugzeug ab und starb. Die amerikanische Armee vergab und vergaß Harry Brown nicht. Die Ereignisse vom 10. Juli, der Verlust von 6 Flugzeugen mit ihren Besatzungen, ruinierten seine Militärkarriere und er schied 1920 aus der Armee aus.

Zusammenfassung

1) Angestoßen durch die von einem holländischen Antiquariat angebotenen Bilder, konnte ein bisher unbekanntes Kapitel der Villinger Geschichte dargestellt werden. Von allen Beteiligten lebt heute niemand mehr. Es ist vor allem dem amerikanischen Militärhistoriker Dwight R. Messimer zu verdanken, dass die damaligen Ereignisse und die handelnden Personen für immer in Erinnerung bleiben. In den deutschen Tageszeitungen gab es über die Ereignisse in und um das Villinger Lager keine Berichte.

2) Wer hätte gedacht, dass vor über 90 Jahren in Villingen ein Offizers-Kriegsgefangenenlager existierte, in dem es wie in einem großen Ferienlager zuging. Während die Villinger Bevölkerung darbte, genossen die gefangenen Offiziere das Flair eines heutigen All-inclusive-Ferienclubs. Noch nie gab es in Villingens Geschichte bis zu diesem Zeitpunkt so viele Möglichkeiten, Sport zu treiben.

3) Das Lager zeigt aber auch die Stellung des Militärs und insbesonderere die des Offizierskorps im 1. Weltkrieg. Während es den gefangenen Mannschaften nicht viel besser als der Bevölkerung ging, genossen die Offiziere und selbst die des Kriegsgegners eine bevorzugte Behandlung nicht nur im Frieden, sondern auch im Krieg, wie unser Beispiel zeigt. Die Klassengesellschaft des preußischen Deutschlands schlug sich in der Armee nieder.

4) Im 1. Weltkrieg wurden 4.480 Amerikaner von den Deutschen gefangen genommen; 44 unternahmen einen Ausbruchsversuch und 13 davon versuchten es aus dem Villinger Lager. Nur 3 von diesen 13 gelang die Flucht.9 Daraus ist abzuleiten, dass Ausbrecher aus deutschen Kriegsgefangenenlagern so gut wie keine Chance hatten, von den geschilderten Ausnahmen abgesehen.

5) Die Mehrzahl der Flüchtenden waren Offiziere, und unter diesen waren es vor allem die Piloten, die ihr Leben aufs Spiel setzten. Einer der Gründe lag in der exklusiven Behandlung dieser Gruppe. Sie konnten sich innerhalb der Lager frei bewegen und miteinander reden, Gegenstände tauschen und sie lernten bei Ausflügen die Umgebung kennen. Im Grunde herrschten beste Voraussetzungen um einen Ausbruch vorzubereiten. Darüber hinaus waren die Piloten gut vertraut mit der europäischen Geographie und konnten mit einem Kompass umgehen. Zu einer Flucht gehörte auch die Fähigkeit, Risiken einzugehen, was ein Charakterzug der zum großen Teil unter 30-jährigen Flieger war. Der Drang nach Freiheit war bei ihnen größer, als in einem komfortablen Gefangenenlager ohne Perspektive zu leben.

Anmerkungen

1 Die folgenden Abschnitte „Das Lager und seine Insassen“ und „Der Ausbruch“ haben das Buch von Messimer als 5 – 50, 93 -172. 2 Vgl. Dwight R.Messimer: Escape from Villingen. 1918, Texas A&M University Press : College Station, 2000, S. 94 f.

3 Messimer, S. 97.

4 Vgl. auch im Folgenden Messimer, S. 98 ff.

5 Vgl. Ulrich Rodenwaldt: Das Leben im alten Villingen, Teil II. Villingen-Schwenningen 1990, S. 299-304; vgl. Barbara Schneider: Der Erste Weltkrieg in Schwenningen und Villingen. Blätter zur Geschichte der Stadt Villingen-Schwenningen 1/98.

6 Vgl. Schneider, Der Erste Weltkrieg, S. 3.

7 Messimer, S. 39, Übersetzung H.M.

8 Vgl. Messimer, S. 170 -172.

9 Vgl. Messimer, vorderer Umschlageinband.