„Neu bemalt blau-rot“ (Michael Hütt)

Geraubtes jüdisches Eigentum in der Villinger Altertümersammlung

Laut Inventareintrag des damaligen Museumsleiters Paul Revellio kam 1942 eine „Vitrine aus Nußbaum (Wilhelminische Zeit)“ in die Altertümersammlung der Stadt. Als Name des Voreigentümers notierte Revellio: „Israel Bloch, Villingen“. Als Kaufpreis werden 70 Mark angegeben. Dahinter steht in gleicher Handschrift, jedoch mit anderer Tinte: „25. 6. 1951 mit 200 Mark von M. Bloch von neuem gekauft“ – ein Eintrag, der sich auch auf eine zuvor genannte Biedermeiervitrine bezieht.

Zur Ausstellung „Gleiche Rechte für alle? 200 Jahre jüdische Religionsgemeinschaft in Baden“ recherchierte Anita Auer die aus jüdischem Eigentum stammenden Museumsobjekte. Der Schrank wurde zu einem der wichtigsten Exponate der erfolgreichen Präsentation, denn die Hintergründe des merkwürdigen doppelten Erwerbs führen unmittelbar zur so genannten „Arisierung“ von jüdischem Eigentum, die nach dem Krieg durch Rückerstattung oder Schadenersatz nur zu einem geringen Prozentsatz wieder „gut“ gemacht worden ist. Heinz Lörcher und eine Schülergruppe um Bernd Schenkel hatten schon zuvor die Akten im Stadtarchiv zu den jüdischen Einwohnern Villingens intensiv ausgewertet, so dass sich an der Objektgeschichte sehr anschaulich der staatliche Raub an jüdischem Eigentum während des Nationalsozialismus ablesen lässt.

Mit seinen geschwungenen, leicht barockisierenden Fensterfassungen ist der Schrank ein gehobenes Möbelstück des späten 19. Jahrhunderts. Damit steht er zunächst für den Aufstieg ins Bürgertum, den Michael Bloch, 1891 aus Randegg nach Villingen gezogen, als Inhaber eines 1899 eröffneten Manufakturwarengeschäfts in der Niederen Straße 43 erlangte. Der am 13. März 1863 geborene Kaufmann war verheiratet mit Sofie Schwab (4. 4. 1866 – 14. 6.1922). Die Blochs hatten drei Kinder. Wie stark sie in der Villinger Gesellschaft integriert waren, lässt sich vor allem daran erkennen, dass der älteste, schon 1928 verstorbene Sohn Julius Ratsherr in der Narrozunft war. Die Tochter Elsa übernahm in den 1920er Jahren das elterliche Geschäft zusammen mit ihrem Mann Rafael Gideon. Die Lebensläufe der Blochs sind typisch für eine Landjudenfamilie, die in die Stadt zog. In Baden war dies seit 1862 mit der vollständigen bürgerlichen Gleichstellung und der damit verbundenen Freizügigkeit uneingeschränkt möglich geworden. Die Zahl der Juden in Villingen war gleichwohl unterdurchschnittlich groß, 1933 waren es 60. Villingen hatte keine eigene jüdische Gemeinde, keine Synagoge und keinen Rabbiner. Die Juden Villingens gehörten zur Gemeinde Randegg und hatten lediglich einen Betsaal in der Gerberstraße 33. Die Stadt gehörte zur jüdischen Gemeinde Randegg, dem Heimatort von Michael Bloch, in dem am Ende des 19. Jahrhunderts über ein Viertel der Bevölkerung jüdisch war.

Michael Bloch wanderte am 25. August 1939 in die Schweiz aus. Daraufhin wurde sein Vermögen „zugunsten des Reichs“ eingezogen – im Rahmen eines Devisenstrafverfahrens. Am 23. und 25. April 1942 wurde der Hausrat im Villinger Franziskaner öffentlich versteigert. Der systematischen Beraubung von Juden im Nationalsozialismus im Zuge eines Ausbürgerungsverfahrens sind in den vergangenen Jahren zahlreiche Studien gewidmet worden.1 Zwei Aspekte sind dabei unter lokalgeschichtlicher Perspektive besonders aufschlussreich: Mit den Finanz- und Zollämtern waren – neben der Gestapo und dem deutschlandweit tätigen Finanzamt Moabit-West – immer auch die lokalen Behörden in die Vermögensbeschlagnahme einbezogen.

 

Der Glasschrank von Michael Bloch in der Ausstellung „Gleiche Rechte für alle? 200 Jahre jüdische Religionsgemeinschaft in Baden.“ Foto: Franziskanermuseum.

 

Die Finanzämter übergaben die Steuerakten und leisteten Amtshilfe bei strittigen Rechtsverhältnissen. Sie und die Zollämter verwalteten das sichergestellte Vermögen und führten nach der Bekanntmachung der so genannten „Verfallserklärung“ dessen Versteigerung durch. Das Unrecht wurde in einer klar geregelten Bearbeitungskette rechtsförmig gemacht und durch die Behörden vor Ort gewissenhaft „erfüllt“.

Die Beraubung geschah in aller Öffentlichkeit. Mehr noch: bei der Versteigerung im Villinger Franziskaner konnte die gesamte Bevölkerung zum Profiteur der Enteignung werden. Michael Verhoeven ist in seinem 2008 erschienenen Dokumentarfilm „Menschliches Versagen“ dieser beschämenden Tatsache nachgegangen und wirft die Fragen auf, inwieweit die kollektive Beteiligung am Unrecht die Bevölkerung zu einer Gemeinschaft von Komplizen aus niederen Beweggründen machte und inwieweit das schlechte Gewissen nach 1945 die kollektive Verdrängung und Vertuschung der Verbrechen beförderte.

Auch die Stadt Villingen bereicherte sich aktiv am Eigentum der Blochs. Für die Städtischen Sammlungen wollte man die besten Stücke schon vor der öffentlichen Versteigerung unentgeltlich sichern. Offensichtlich war es der Leiter der Städtischen Sammlungen, Paul Revellio, der für das Museum eine umfangreiche Wunschliste erstellte, die am 8. Oktober 1941 „an den Oberfinanzpräsidenten von Baden, Devisenstelle Überwachungsabteilung“ gesandt wurde.2 Der Oberfinanzpräsident bestand jedoch auf einem Kaufangebot. Zwar hatten die Behörden den Hausrat selbstverständlich entschädigungslos eingezogen, doch gehörte er damit ja dem Reich und musste von der Stadt angemessen vergütet werden. Daraufhin wurde die Wunschliste der Stadt vom Hauptzollamt um Preisangaben in einer Gesamthöhe von 3.752,50 RM ergänzt, was die Raffgier erheblich bremste. Bei einer nochmaligen Besichtigung im Bezirkszollamt in Donaueschingen wählte Revellio nur noch 28 Gegenstände aus. Das Bürgermeisteramt wies am 20. Februar 1942 das Rechnungsamt an, den Kaufpreis dafür in Höhe von 503,50 RM an das mit der Abwicklung betraute Finanzamt Villingen zu überweisen.

Die Neuerwerbungen verzeichnete Revellio im Inventar unter Nennung des Voreigentümers „Israel Bloch“. Seit dem 1. Januar 1939 waren zwar alle männlichen Juden verpflichtet, zusätzlich zum eigentlichen Vornamen den Namen „Israel“ zu tragen, doch die ausschließliche Erwähnung dieses Zwangsnamens befremdet stark, weil Paul Revellio der vollständige Name des angesehenen Kaufmanns selbstverständlich bekannt war. Revellio war ein kundiger Archäologe, Kenner der Villinger Stadtgeschichte und engagierter Museumsleiter, aber auch aktiv in die (Kultur-)Politik der Nationalsozialisten einbezogen.3

Die Familie Bloch fand in Brooklyn, New York, eine neue Heimat. Von dort aus stellte sie nach dem 2. Weltkrieg einen Wiedergutmachungsanspruch. Am 25. 7. 1951 einigten sich die Stadt Villingen und die rechtmäßigen Eigentümer: Michael Bloch war bereit, die beiden Schränke zu verkaufen. So erklärt sich, dass Revellio noch einen zweiten Kaufpreis eintragen musste. Die weiteren 26 der Altertümersammlung einverleibten Gegenstände erhielt die Familie zurück. Im Zusammenhang damit steht auch ein letzter merkwürdiger Eintrag im Inventar: „Neu bemalt blau-rot“ verzeichnete Revellio noch. War das eine schamhafte Geste des Versteckens, damit niemand das Möbel der stadtbekannten Blochs erkennen sollte? Michael Bloch starb am 5. Juli 1953 in New York. Die Bemalung des Schranks wurde 1990 wieder abgenommen.

Anmerkungen:

1 Ein Forschungsüberblick in: Faludi, Christian / Gibas, Monika: Dokumentation der Beraubung – Das Forschungsprojekt „Arisierung‘ in Thüringen“, in: medaon.de, Magazin für jüdisches Leben in Forschung und Bildung 3/2008, online unter: http://medaon.de/pdf/A_Faludi-Gibas-3-2008.pdf

2 Der entsprechende Briefentwurf vom 6.10.1941 weist eine Korrektur in seiner Handschrift auf. In einem Schreiben vom 7.2.1942 des Bürgermeisteramtes Villingen an das Hauptzollamt Karlsruhe wird die Besichtigung der Gegenstände durch Revellio ausdrücklich erwähnt (SAVS 2.2, Nr. 5212). Insofern ist die Aussage von Annelore Walz zu korrigieren, die meinte, der Erwerb sei „scheinbar ohne Beteiligung des Kustos … auf Initiative der Stadtverwaltung“ erfolgt (Walz, Annelore: „… unter den kleineren Städten Badens so früh einen so herrlichen Anfang gemacht…“ Die Geschichte der Villinger Altertümersammlung, in: Schöne Aussichten. Beiträge zum Tourismus und zur kulturellen Identität in Villingen und Schwenningen (Zwischen Kopfhörer und Trachtenhaube, Bd.3 = Veröffentlichungen des Stadtarchivs und der Städtischen Museen Villingen-Schwenningen, Bd. 25), Villingen-Schwenningen 2002, S. 32).

3 So findet sich sein Name 1937 auf der Teilnehmerliste einer Aussprache von 32 Vor- und Frühgeschichtlern mit Alfred Rosenberg, dem „Beauftragten des Führers für die Überwachung der gesamten geistigen und weltanschaulichen Schulung und Erziehung der NSDAP“ am 9. Juli 1937 in Berlin, bei der es um die Gleichschaltung dieser Wissenschaftsdisziplin im „Reichsbund für Deutsche Vorgeschichte“ ging. Archiv des Pfahlbaumuseums Unteruhldingen, vgl. Schöbel, Günter: Hans Reinerth. Forscher – NS-Funktionär – Museumsleiter, in: Prähistorie und Nationalsozialismus. Die mittel- und osteuropäische Ur- und Frühgeschichtsforschung in den Jahren 1933 – 1945, hrsg. v. Leube, Achim (Studien zur Wissenschafts- und Universitätsgeschichte 2), Heidelberg 2002, S. 348, Anm. 111.