Wichtiges Stück Stadtgeschichte aus der Versenkung geholt (Christina Nack / Hermann Colli)

Dietmar Kempf baut Altstadtkirche im Modell

Dietmar Kempf mit seinem neuen Modell.

 

Er ist kein Unbekannter im Geschichts- und Heimatverein Villingen, dem er als Mitglied angehört: Dietmar Kempf, der sich als Modellbauer einen Namen gemacht hat. Der GHV hat ihn und seine Arbeiten in mehreren Jahresheften vorgestellt. Seine großartigen Modelle von der Bickenkapelle, dem Alten Kaufhaus und der Lorettokapelle fanden große Bewunderung. Aber es geht ihm nicht um Bewunderung und Anerkennung, sondern er hat es sich zur Aufgabe gemacht, Gebäude, die in der Stadtgeschichte eine wichtige Rolle spielen oder gespielt haben, als Modell zu erhalten und – wenn sie nicht mehr vorhanden sind – aus der Vergangenheit zurückzuholen. Das ist ihm bisher sehr gut gelungen. Mit dem jetzt fertiggestellten Modell von der Villinger Altstadtkirche, von der heute nur noch der Turm auf dem Friedhof, als ältestes Bauwerk der Stadt, erhalten ist, stellt er ein weiteres kunsthandwerkliches Meisterstück vor und macht Villinger Vergangenheit wieder sichtbar.

Die Echtheit bis ins kleinste Detail ist verblüffend: Dietmar Kempf hat die Villinger Altstadtkirche als Modell nachgebaut und zwar so, wie sie 1840 vor dem Abriss des Vorzeichens, Chor und Langhaus ausgesehen hat. Dazu hat der gelernte Maschinenschlosser und Industriemeister in Archiven gestöbert, hat alte Pläne, Grundrisse, Chroniken, Gemälde und Stiche studiert und auch im Umland recherchiert. Danach hat er Zeichnungen gefertigt und in akribischer, meisterlicher Handwerksarbeit das Gotteshaus en miniature wieder auferstehen lassen, das früher einmal Villingens Stadtkirche war. Im Juni 2010 stellte er das kleine Wunderwerk in seinem Hobbykeller in der Wöschhalde bei einem Pressegespräch der Öffentlichkeit vor.

Das Modell im Maßstab 1:25 sieht so authentisch aus, dass man meinen könnte, der Leichenzugdavor würde sich unverzüglich in Bewegung setzen. Zumal er von einem Geistlichen angeführt wird, dessen Konterfei bestens bekannt in Stadt und Land ist. Der Modellbauer nahm Alt-Dekan Kurt Müller zum Vorbild, der war bei der Präsentation ebenfalls zugegen und von der Mini-Kirche höchst angetan wie auch Hermann Colli, der während der ganzen Bauphase die Arbeit Kempfs interessiert begleitet und auch das Pressegespräch vermittelt hatte.

Wann genau mit dem Bau der Altstadtkirche begonnen wurde, ist den Chroniken nicht exakt zu entnehmen, nach Aussage von Pfarrer Kurt Müller steht aber fest, dass der übrig gebliebene Turm das älteste Gebäude in der Stadt ist. Schon deshalb sei die gelungene Rekonstruktion verdienstvoll: „Sie ist ein wichtiger kulturhistorischer Beitrag.“

Die Altstadt- oder Gottesackerkirche nach einer Zeichnung von K. Corrade aus dem Jahr 1845 und das neu geschaffene Modell von Dietmar Kempf, jeweils aus östlicher Richtung betrachtet. Beide Bilder zeigen noch das hochgezogene Dach des Langhauses.

 

 

Bis zum Jahr 1535 war sie Pfarrkirche, hier wurde getauft und geheiratet, erst 1538 übernahm das Münster diese Funktion. 1841 wurde die Altstadtkirche zum Teil, 1851 komplett abgerissen, bis auf den Turm, der heute noch steht.

 

In dem Modell werden die alten, wesentlich größeren Dimensionen deutlich. Über drei Jahre und rund 4000 Arbeitsstunden hat Dietmar Kempf gebraucht, um die Kirche Balken für Balken exakt nachzubauen, jedes Detail von Hand und ohne zugekaufte Fertigteile. Bis auf das Dach mit seinen 11.500 selbst gemachten Ziegeln aus Keramik ist das 1,44 Meter hohe Gebäude komplett aus Holz, ebenso die niedlichen Menschenfiguren, Heiligen und Putten. Begeisternd ist der szenische Charakter des Ensembles, mitten ins historische Leben will Dietmar Kempf die Betrachter entführen. Vor dem Chorraum im Osten schaufelt der Totengräber gerade ein Grab, auf der anderen Seite setzt sich der Trauerzug in Bewegung, im Innern sitzt ein Organist an der Orgel.

Beim eigentlichen Bau hat sich Dietmar Kempf vom Grundriss über Fassaden bis zum Gebälk präzise an Originaldokumente (soweit vorhanden) gehalten. Da nach Abriss der alten Kirche die in neogotischem Stil neu erbaute jetzige Friedhofskirche auf gleichem Grundriss (ohne Vorzeichen und Süderweiterung des Langhauses) basiert, sind die Maße der Altstadtkirche ziemlich genau bekannt.

Mit wenigen Handgriffen lässt sich das Modell öffnen und gibt etwa das Innenleben des Turmes preis, in dem der Glockenstuhl lose eingebaut wurde, damit sich die Schwingungen des Geläuts nicht auf das Mauerwerk übertrugen.

 

Dietmar Kempfs Kirchenmodell aus westlicher Richtung.

 

Der im Originalturm heute vorhandene Glockenstuhl entspricht nicht mehr in allen Details der historischen Form. Wahrscheinlich aus Stabilitätsgründen, statischen Veränderungen oder Verwitterungserscheinungen an den alten Balken im Lauf der Jahrhunderte sind in jüngerer Zeit alte Bänder und Streben entfernt und durch neue ersetzt und teilweise ergänzt worden. Kempf entschloss sich deshalb, in seinem Modell den Zustand des Glockenstuhls vor der Erneuerung zu rekonstruieren. Es ist erstaunlich, wie verwindungssteif und stabil die alte Konstruktion den Miniaturglockenstuhl machte.

Auch bei der Innenausstattung hat sich der Erbauer so weit wie möglich an gesicherter Recherche orientiert, hilfreich sei etwa ein Zeitungsartikel von 1841 gewesen, den der damalige Chorregent Fidel Dürr verfasst hat und die Arbeiten von Maurermeister Johann Ummenhofer und Steinmetz Adam Leuther beschreibt. Deren Miniatur-Reliefs werden von unten ausgeleuchtet, wie Dietmar Kempf überhaupt für flexible Illumination gesorgt hat.

 

 

 

Innenansicht von Langhaus und Chor vom Eingang an der Westseite her (unten).

 

 

 

Die Empore über dem Kirchenportal auf der Westseite (oben).

 

 

 

 

Der Hochaltar im Chorraum (1298), im Vordergrund das Heilige Grab.

 

 

Sechs Altäre hatte die Kirche. Bekannt ist auch deren Zuordnung zu bestimmten Heiligen:

1. Hochaltar = Marienaltar

2. Linker Seitenaltar/Bäckeraltar = Heilige Katharina

3. Rechter Seitenaltar = St. Erhard

4. Michaelaltar = Erzengel Michael

5. Ottilienaltar/Nikolausaltar = St. Nikolaus, ab 5. Jahrhundert Heilige Ottilie

6. Heiligkreuzaltar = Heiliges Kreuz und alle Heiligen.

 

Belegt und auch heute noch vorhanden sind folgende Ausstattungstücke aus dem Vorzeichen und dem Chor der Altstadtkirche:

• Die Kreuzigungsgruppe im Vorzeichen, die heute im Franziskaner Museum bestaunt werden kann. Eine Kopie hängt seit 1987 außen am Turm der Friedhofskirche.

• Die Sandsteinskulpturen des Heiligen Petrus und des Heiligen Paulus.

• Die Statue „St. Jakobus krönt zwei Pilger“, die heute das Villinger Münster ziert. Sie stammt ursprünglich aus der einstigen Jakobuskapelle in Nordstetten und kam nach deren Zerstörung im Dreißigjährigen Krieg in die Altstadtkirche.

• Die Gitter des Heiligen Grabes (wahrscheinlich, jedoch nicht belegt).

• Die Pesttafel, welche vom großen Sterben anno 1349 berichtet.

Alle diese Gegenstände – außer der Jakobusfigur – befinden sich im Besitz des Franziskanermuseums.

 

 

 

Der St. Ottilienaltar stand rechts neben dem St. Michaelsaltar an der Westwand des Turmes.

 

 

Der St. Katharinaaltar (Bäckeraltar) von 1324 an der linken Seite des Chorbogens.

 

Bei anderen Ausstattungsdetails hat sich Kempf von der eigenen Phantasie leiten lassen, inspiriert von Kirchen der Umgebung, wohin in der Barockzeit immer wieder sakrale Gegenstände aus den Werkstätten Villingen Künstler geliefert worden waren. So ist zum Beispiel der Hochaltar der Pfarrkirche St. Ulrich in Obereschach ursprünglich von dem Villinger Künstler Josef Schupp für die St. Martinskirche in Kirchdorf anno 1718 gebaut worden. Der Altar kam dann wahrscheinlich 1874 nach Obereschach. Diesen Altar hat der Modellbauer als Muster für den Hochaltar der Altstadtkirche verwendet. Vorbild für die Empore war die St. Remigiuskirche in Bräunlingen, welche auch als „Urkirche der Baar“ bezeichnet wird. Anleihen für die Kanzel und das Kirchenportal an der Westseite des Langhauses bot die Villinger Johanneskirche.

 

 

Der St. Michaelsaltar (1298) stand im Langhaus vor der Turmwestseite (Ausschnitt).

 

 

 

 

Die Kanzel in Dietmar Kempfs Modell der Altstadtkirche ist schon für sich ein Meisterwerk. Die Heiligenfiguren von St. Ottilia, St. Barbara, der Madonna mit Kind und Johannes Baptist, sind kaum daumengroß und aus Holz handgeschnitzt.

 

„Das Modell soll nicht hier im Keller bleiben“, waren sich mit dem Erbauer auch Altdekan Kurt Müller und Hermann Colli bei der Präsentation einig. Wie die anderen Miniatur-Gebäude von Dietmar Kempf (siehe Kästchen: Schon viele Modelle gebaut) repräsentierten sie ein Stück Stadtgeschichte und seien darum unabhängig von der handwerklichen Leistung wertvoll. Jetzt wird über Möglichkeiten einer öffentlichen Präsentation nachgedacht. Auch der Geschichts- und Heimatverein Villingen, dessen Mitglied Dietmar Kempf ist, will diese Bemühungen unterstützen und plant Aktionen um Kempfs Arbeiten einem breiten Publikum zugänglich zu machen.

Schon viele Modelle gebaut Seit seiner Jugend ist Dietmar Kempf leidenschaftlicher Modellbauer. Zunächst waren Schiffe sein Steckenpferd, zur 1000-Jahr-Feier Villingens 1999 schuf er mit dem Alten Rathaus und seiner ehedem prächtigen Fassadenmalerei sein erstes Gebäudemodell. Das machte ihm („auch wegen der Beschäftigung mit der eigenen Geschichte“) so viel Freude, dass er sich seither auf historische Häuser konzentriert. Zu seinen weiteren Arbeiten gehören die Loretto-Kapelle mit ihrem Bezug zur Tallard’schen Belagerung vor 300 Jahren, außerdem die Bickenkapelle, die 1944 bei einem Bombenangriff zerstört wurde. Auch das Alte Kaufhaus (auch Kornlaube, Tanzlaube und Gerichtslaube genannt) in der Mitte der Oberen Straße aus dem Jahre 1573, das 1827/28 abgebrochen wurde gehört zu Kempfs Arbeiten. „Alle diese Modelle sollten als Ensemble ausgestellt werden, um der Bevölkerung eine Vorstellung davon zu vermitteln, wie die Gebäude früher einmal ausgesehen haben,“ hieß es im Südkurier im Bericht über die Präsentation.

 

Ein Leichenzug verlässt das Vorzeichen, das an der Westwand des Langhauses stand. Dort sind noch alte Grabplatten zu sehen.

 

 

 

 

 

Das Innere des Vorzeichens mit der Schächergruppe, den Statuen der Heiligen Petrus und Paulus, an der Wand Grabplatten von hier bestatteten Bürgern und Geistlichen. In der Mitte der Westwand ist die Jakobusstate zu sehen, welche jetzt im Münster ULF aufgestellt ist.