Die höhere Töchterschule St. Ursula Vor 60 Jahren befahlen die Nazis die Schließung (Dr. Josef Oswald)

Ein Ereignis, das sich wie kaum ein anderes in die Geschichte der Klosterschulen St. Ursula einprägte, geschah vor 60 Jahren. Damals versuchten die braunen Machthaber die in der Bevölkerung hoch geschätzte kirchliche Lehranstalt durch Verbot auszulöschen. Diesen Vorgang rückte die Schulleitung im November 2000 in den Blickpunkt. Die Situation im Jahre 1940 beschreibt Schulleiter Dr. Josef Oswald in einem Bericht, der im Schulbrief 1/2000 erschienen ist. Die Sorgen und Probleme der Privatschulen, besonders die in kirchlicher Trägerschaft, im Dritten Reich, hat Dr. Oswald in einer größeren Abhandlung unter dem Titel „Ende und Neubeginn“ bereits im Katalog zur Ausstellung „Ein Haus mit Villinger Geschichte“ beschrieben. Der Geschichts- und Heimatverein war Mitveranstalter der Ausstellung und Mitherausgeber des vielbeachteten Katalogs. Auch die Ausstellung

„Kreuz unterm Hakenkreuz – ein Querschnitt durch die antikirchlichen Karikaturen aus der Zeit des Nationalsozialismus“ fand die volle Unterstützung des Vereins. Der Vorsitzende Günter Rath: „Die 40er Jahre waren ein dunkles Kapitel unserer Geschichte, dem wir uns stellen müssen. Daher begrüßen wir das Projekt der St. Ursula-Schulen und freuen uns, dass junge Menschen sich solcher Themen annehmen.“ Aus dem oben erwähnten Oswald-Bericht im Schulbrief veröffentlichen wir einige Passagen, welche die Existenz bedrohende Situation vor 60 Jahren eindrucksvoll beschreiben.

Damals, zu Ostern 1940, musste das „private Lehr- und Erziehungsinstitut St. Ursula“ auf Befehl der Nazis schließen. Ein entsprechender Erlass des Ministers des Kultus und Unterrichts war schon am 11. Dezember 1939 den Schwestern aus Karlsruhe zugegangen. Der Freiburger Erzbischof Gröber erhob in Berlin Einspruch gegen diese Verfügung und versuchte sogar, Generalfeldmarschall Göring zu Gunsten der kirchlichen Schulen einzusetzen. Auch die damalige Superiorin M. Antonia Hörner beklagte in einem Brief an das Ministerium in Karlsruhe die Härte der Maßnahmen und ersuchte die Behörde, falls die volle Zurücknahme der Verfügung nicht erfolgen könne, wenigstens die zweiten und dritten Klassen zu Ende führen zu dürfen. Aber alle Eingaben nutzten nichts. Frau Superiorin erhielt als Antwort vom Kultusministerium am 22. Januar 1940 nur einen einzigen Satz: „Dem gestellten Antrag kann nicht entsprochen werden.“ In einem sehr persönlichen Brief an die Schwestern betonte der Erzbischof seine tiefe Betroffenheit, sprach den Dank von Eltern und Kirche für geleistete Erziehungsarbeit aus und suchte schließlich in der Theologie des Kreuzes Trost für sich und die betroffenen Ordensleute: Freitag, 12. März 1940 – Aufhebung der höheren Töchterschule St. Ursula in Villingen betr. – Es steht eine schwere Stunde bevor. Die Entscheidung ist nun gefallen, daß die klösterlichen Privatschulen auch im Lande Baden aufzuhören haben. Ich habe mir alle Mühe gegeben, um dieses unverdiente Schicksal zu verhindern, das keineswegs in Einklang steht mit dem Artikel 25 des Deutschen Konkordats. Meine Bemühungen mittelbarer und unmittelbarer Art waren vergebens. Ich nehme an diesem bitteren Los einer altehrwürdigen und hochverdienten Schule herzinnigen Anteil. Ich weiß, daß gerade die Klosterfrauen in Villingen ihre Pflicht als Lehrerinnen sowohl dem Volk und Staat als auch den Eltern und Schülerinnen gegenüber auf das Gewissenhafteste erfüllten. Ich weiß, daß die nunmehr aufgehobene Schule nicht das Geringste sich zu Schulden kommen ließ, das einen Widerspruch zur Treue auch der jetzigen Staatsform gegenüber bedeutet. Ich weiß, wie viele Opfer das Lehrinstitut im Verlauf der Kriegsmonate schon hat bringen müssen. Ich weiß es endlich auch, daß mit der Aufhebung der Töchterschule schwere Sorgen für den Weiterbestand der klösterlichen Gemeinschaft sich ergeben. Ich weiß es, wie bitter es für einen deutschen Menschen ist, in fernen Landen einen sehr unvollkommenen Ersatz zu suchen für das, was man bisher in der Heimat als Eigentum und liebgewordene Tätigkeit besaß. Ein Trost mag es sein, daß kein einziger Grund innerhalb des Klosters oder seiner Schule gefunden werden kann, der zur Aufhebung der Töchterschule Anlaß geben konnte. Ich rufe als Zeugen für die erzieherische Tätigkeit der Klosterfrauen die vielen Hunderte von Schülerinnen auf, die seit langem schon im Leben stehen und dem Kloster und seiner Schule in Dankbarkeit verbunden blieben. Ich selber bin als Freund des Klosters und als Erzbischof durch das Verbot der Klosterschule schwer betroffen. Ich weiß, wie viele christliche Erziehungswerte damit den Schülerinnen verloren gehen. Ich weiß es aber auch, daß die Eltern damit sich um so mehr verpflichtet fühlen, ihre Töchter für Christus und seine Kirche zu erziehen. Ich selber werde dem Kloster meine Treue halten und durch Rat und Tat es unterstützen. Die Klosterfrauen muß der christliche Gedanke trösten, daß aus dem Kreuz ein neuer Segen wachsen wird. Mit herzlichen Grüßen und meinem ganz besonderen bischöflichen Segen, Conrad (Gröber) Erzbischof. Nach dem Urteil der Chronistin folgten die Villinger Ursulinen ihrem Erzbischof in dieser Theologie des Kreuzes. In der Klosterchronik von St. Ursula heißt es nämlich diesbezüglich: „(Als mit Ende des Schuljahres Ostern 40 der Schlussakt kam), waren alle Anwesenden, Eltern, Schülerinnen und Lehrerinnen tief und schmerzlich bewegt, war es doch kein gewöhnlicher Schlussakt, sondern Schulschluss lt. Verordnung des Reichs-ministers. Die Schülerinnen der obersten Klassen spielten damals das ergreifende Stück, Im Kreuz ist Heil‘ – wir (Schwestern) haben das Kreuz als von Gott gesandt auf uns genommen und liebend zu tragen gesucht.“ Wir wissen heute, dass diese Haltung der Schwestern letztlich stärker war als die massive staatliche Gewalt, die ihnen ihre Schule nehmen wollte, und dass an St. Ursula gut 51/2 Jahre später, (nämlich am 26. November 1945) bereits wieder 143 Schülerinnen aufgenommen werden konnten.

 

Eine der Karikaturen der Nazi-Propaganda aus dem Jahr 1935. Bitterböse Angriffe gegen Kirche und Ordensleute (erschienen in der SS-Zeitschrift „Das schwarze Korps“).

 

 

„Kreuz unterm Hakenkreuz“ war eine Ausstellung – hier das Plakat dazu – überschrieben, die im November 2000 in den St.-Ursula-Schulen stattfand.