Johann Peter Hebel (Barbara Eichholtz)

Obwohl sich das Jahr 2010 bereits seinem Ende zuneigt, sei an dieser Stelle eines Dichters gedacht, der wie wohl kein anderer mit seiner badischen Heimat verbunden war und dessen Geburtstag sich in diesem Jahr zum 250. Male jährt. Die Rede ist von Johann Peter Hebel, der 1760 in Basel geboren wurde. Schon ein Jahr später verstarb der Vater, und die Mutter zog mit ihrem Sohn in ihr Heimatdorf Hausen im Wiesental bei Lörrach. Als Hebel dreizehn Jahre alt war, verstarb auch die Mutter. Mit Hilfe von Förderern und einem schmalen Erbe konnte er das Gymnasium in Karlsruhe beenden und ein zweijähriges Theologiestudium aufnehmen. Vom Hauslehrer und Vikar brachte er es bis zum Professor und Hofdiakon. 1826 verstarb er. Obwohl Hebel den allergrößten Teil seines Lebens in Karlsruhe verbrachte, empfand er den südlichen Südwesten als seine eigentliche Heimat und bemühte sich immer wieder, dort eine Pfarrstelle zu erhalten, vergebens.

Hebel wurde von seinem Zeitgenossen Goethe über Hermann Hesse bis zu Elias Canetti hoch geschätzt. Neben seinen „Alemannischen Gedichten“ in Mundart zählen seine „Kalendergeschichten“ zu seinen bekanntesten Veröffentlichungen. „Man muß sich vergegenwärtigen, daß Kalender zur Zeit Hebels fast der einzige Lesestoff waren, der in alle Häuser kam. Kalender enthielten außer den obligaten Zeit- und Datumstafeln auch Informationen zur bäuerlichen Ökonomie, zum Hauswesen, zu gesundheitlichen Fragen, manchmal auch zu politischen Entwicklungen. Schon diese Mischung machte sie populär, mehr aber noch die Ergänzung durch spannende und vergnügliche Geschichten. Darin sah Hebel eine Chance, die Menschen zu vernünftigem moralischen Handeln zu bewegen, …1

Hebel schrieb mehr als 300 Erzählungen für den Kalender, der im neu entstandenen badischen Großherzogtum den Namen „Der Rheinische Hausfreund“ erhielt. Später traf Hebel eine Auswahl und gab diese 1811 unter dem Titel „Schatzkästlein des Rheinischen Hausfreundes“ heraus. Die Moral seiner Geschichten wird nie mit erhobenem Zeigefinger vorgebracht, sondern stets in einen heiteren Inhalt verpackt. Berühmt geworden ist seine Erzählung „Kannitverstan“, die noch heute, trotz ihrer uns etwas antiquitiert anmutenden Sprache Eingang in die Schulbücher findet. Sie dürfte zwar den meisten der Leser dieses Jahresheftes bekannt sein, wird aber sicher gerne noch einmal gelesen, ihr tieferer Sinn hat bis heute nichts von seiner Aktualität verloren.

Kannitverstan2

Der Mensch hat wohl täglich Gelegenheit, in Emmendingen und Gundelfingen so gut als in Amsterdam, Betrachtung über den Unbestand aller irdischen Dinge anzustellen, wenn er will, und zufrieden zu werden mit seinem Schicksal, wenn auch nicht viel gebratene Tauben für ihn in der Luft herumfliegen. Aber auf dem seltsamsten Umweg kam ein deutscher Handwerksbursche in Amsterdam durch den Irrtum zur Wahrheit und zu ihrer Erkenntnis. Denn als er in diese große und reiche Handelsstadt voll prächtiger Häuser, wogender Schiffe und geschäftiger Menschen gekommen war, fiel ihm sogleich ein großes und schönes Haus in die Augen, wie er auf seiner ganzen Wanderschaft von Tuttlingen bis Amsterdam noch keines erlebt hatte. Lange betrachtete er mit Verwunderung dies kostbare Gebäude, die sechs Kamine auf dem Dach, die schönen Gesimse und die hohen Fenster, größer als an des Vaters Haus daheim die Tür. Endlich konnte er sich nicht entbrechen, einen Vorübergehenden anzureden. „Guter Freund“, redete er ihn an, „könnt Ihr mir nicht sagen, wie der Herr heißt, dem dieses wunderschöne Haus gehört mit den Fenstern voll Tulipanen, Sternenblumen und Levkoien?“ – Der Mann aber, der vermutlich Wichtigeres zu tun hatte und zum Unglück gerade soviel von der deutschen Sprache verstand als der Fragende von der holländischen, nämlich nichts, sagte kurz und schnauzig:

„Kannitverstan“ und schnurrte vorüber. Dies war ein holländisches Wort, oder drei, wenn man’s recht betrachtet , und heißt auf Deutsch soviel als: Ich kann Euch nicht verstehen. Aber der gute Fremdling glaubte, es sei der Name des Mannes, nach dem er gefragt hatte. Das muß ein grundreicher Mann sein, der Herr Kannitverstan, dachte er und ging weiter. Gass‘ aus Gass‘ ein kam er endlich an den Meerbusen, der da heißt: Het Ey, oder auf Deutsch: Das Ypsilon. Da stand nun Schiff an Schiff und Mastbaum an Mastbaum, und er wußte anfänglich nicht, wie er es mit seinen zwei einzigen Augen durchfechten werde, alle diese Merkwürdigkeiten genug zu sehen und zu betrachten, bis endlich ein großes Schiff seine Aufmerksamkeit an sich zog, das vor kurzem aus Ostindien angelangt war und jetzt eben ausgeladen wurde. Schon standen ganze Reihen von Kisten und Ballen auf- und nebeneinander am Lande. Noch immer wurden mehrere herausgewälzt, und Fässer voll Zucker und Kaffee, voll Reis und Pfeffer, und salveni Mausdreck darunter. Als er aber lange zugesehen hatte, fragte er endliche einen, der eben eine Kiste auf der Achsel heraustrug, wie der glückliche Mann heiße, dem das Meer alle diese Waren an das Land bringe. „Kannitverstan“, war die Antwort. Da dachte er: Haha, schaut’s da heraus? Kein Wunder, wem das Meer solche Reichtümer an das Land schwemmt, der hat gut solche Häuser in die Welt stellen und solcherlei Tulipanen vor die Fenster in vergoldeten Scherben. Jetzt ging er wieder zurück und stellte eine recht traurige Betrachtung bei sich selbst an, was er für ein armer Mensch sei unter soviel reichen Leuten in der Welt. Aber als er eben dachte: Wenn ich’s doch nur auch einmal so gut bekäme, wie dieser Herr Kannitverstan es hat, kam er um eine Ecke und erblickte einen großen Leichenzug. Vier schwarz vermummte Pferde zogen einen ebenfalls schwarz überzogenen Leichenwagen langsam und traurig, als ob sie wüßten, daß sie einen Toten in seine Ruhe führten. Ein langer Zug von Freunden und Bekannten des Verstorbenen folgte nach, Paar und Paar, verhüllt in schwarze Mäntel und stumm. In der Ferne läutete ein einsames Glöcklein. Jetzt ergriff unsern Fremdling ein wehmütiges Gefühl, das an keinem guten Menschen vorübergeht, wenn er eine Leiche sieht, und er blieb mit dem Hut in den Händen andächtig stehen, bis alles vorüber war. Doch machte er sich an den letzten vom Zug, der eben in der Stille ausrechnete, was er an seiner Baumwolle gewinnen könnte, wenn der Zentner um 10 Gulden aufschlüge, ergriff ihn sachte am Mantel und bat ihn treuherzig um Exküse. „Das muß wohl auch ein guter Freund von Euch gewesen sein“, sagte er, „dem das Glöcklein läutet, daß Ihr so betrübt und nachdenklich mitgeht.“ – „Kannitverstan!“ war die Antwort. Da fielen unserm guten Tuttlinger ein paar große Tränen aus den Augen, und es ward ihm auf einmal schwer und wieder leicht ums Herz. „Armer Kannitverstan“, rief er aus, „was hast dun nun von allem deinem Reichtum? Was ich einst von meiner Armut auch bekomme: ein Totenkleid und ein Leintuch, und von allen deinen schönen Blumen vielleicht einen Rosmarin auf die kalte Brust, oder eine Raute.“ Mit diesen Gedanken begleitete er die Leiche, als wenn er dazu gehörte, bis ans Grab, sah den vermeinten Herrn Kannitverstan hinabsenken in seine Ruhestätte, und ward von der holländischen Leichenpredigt, von der er kein Wort verstand, mehr gerührt als von mancher deutschen, auf die er nicht acht gab. Endlich ging er leichten Herzens mit den andern wieder fort, verzehrte in einer Herberge, wo man Deutsch verstand, mit gutem Appetit ein Stück Limburger Käse, und wenn es ihm wieder einmal schwerfallen wollte, dass so viele Leute in der der Welt so reich seien und er so arm, so dachte er nur an den Herrn Kannitverstan in Amsterdam, an sein großes Haus, an sein reiches Schiff und an sein enges Grab.

1 Hermann Bausinger, in: Johann Peter Hebel. Kalendergeschichten. Tübingen 2009, S. 14.

2 Text entnommen: Johann Peter Hebel: Kalendergeschichten. Eingeleitet und herausgegeben von Hermann Bausinger, Tübingen 2009, S. 21 – 24.