Die Krippe in Theologie und Brauchtum (Redaktion / Kurt Müller)

Wortlaut der Ansprache von Dekan i. R. Kurt Müller bei der Eröffnung der Krippenausstellung am 27. November 2010 im Franziskaner (Refektorium)

 

Eine Krippe (lat. Presepium) ist zunächst eine im Fels gehauene Rinne oder eine aus Holz gezimmerte Vorrichtung zur Fütterung von Stalltieren.

 

Sprechen wir von einer „Weihnachtskrippe“, dann wird der Satz lebendig aus dem Lukasevangelium: „Und sie gebar ihren Sohn, den Erstgeborenen, wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe, weil für sie kein Platz in der Herberge war“. Von dieser originalen Krippe ist verständlicherweise nichts erhalten geblieben. Die Herkunft der seit dem frühen 5. Jahrhundert in Maria Maggiore in Rom verehrten Holzkrippe ist nicht verlässlich bekannt, obwohl ein paar Brettchen davon sogar in die Reliquiensammlung des Reichskleinodienschatzes aufgenommen worden waren.

Was wir heutzutage unter Weihnachtskrippe verstehen, ist die bildliche, plastische Darstellung von Ereignissen in der Heiligen Nacht mit unterschiedlichen Materialien zu katechetischen Zwecken und zur anschaulichen Begegnung mit dem Wunder der Menschwerdung des Gottessohnes. Wohl mit Recht steht der heilige Franziskus von Assisi am Anfang aller Krippendarstellungen und allen Krippenbaus. Er hat 1223 in Greccio mit lebendigen Figuren und Tieren das Weihnachtsgeschehen dargestellt als einprägsame Predigt für die aus der Gegend zusammengeströmten Menschen. Auf vielen mittelalterlichen Altarflügeln finden wir gemalt oder als Relief in Holz geschnitzt die Begebenheiten von Bethlehem. Der Jesuitenorden hat dann vom 16. Jahrhundert das Basteln und den Bau von Krippen zunächst in den Kirchen sehr gefördert. Ab dem 17. Jahrhundert wanderten die Krippen in die häusliche Welt. Dort bildeten sie den Schwerpunkt häuslichen, religiösen Brauchtums in der Advents- und Weihnachtszeit. Sie waren starke Anregung zum Singen und Musizieren im Familienkreis. Das Bauen und Basteln förderte den anschaulichen Umgang und das Einprägen von religiösen Inhalten bei Kindern und Erwachsenen.

 

Günter Rath bei der Begrüßung der Gäste im Refektorium des Franziskaner, die im festlichen Rahmen stattfand.

 

 

Altdekan Kurt Müller bei seiner Ansprache im Refektorium des Franziskaners.

 

 

Was wird nun dargestellt in einer solchen Krippenlandschaft? Es kann nur nacherzählt werden, was in den Evangelien überliefert ist. Markus und Johannes berichten nichts aus der Kindheit Jesu. Wir sind auf Lukas und Matthäus angewiesen.

Im 2. Kapitel des Lukasevangeliums wird berichtet von der Volkszählung des Kaisers Augustus, von der Wanderung nach Bethlehem, vom fehlenden Platz in der Herberge, vom Neugeborenen in der Krippe. Die Hirten bei der Herde hören die Engelsbotschaft und kommen zur Heiligen Familie. Von der Krippe ist die Rede, aber ob die unter einem Felsvorsprung, in einer Höhle oder in einem Stall stand, ist nicht berichtet. Ganz wichtig für die Betrachter: Ochs und Esel. Sie werden im Evangelium nicht erwähnt. Sie sind eine Zugabe, die der Prophet Isaias diktiert: „Der Ochs kennt seinen Besitzer, der Esel die Krippe seines Herrn. Israel erkennt nicht, mein Volk hat keine Einsicht!“ Der Betrachter der Krippe soll sich doch in seiner Glaubensbereitschaft von Ochs und Esel nicht übertreffen lassen.

Die fast idyllischen Hirtenszenen des Lukas werden im Matthäusevangelium zu einer globalen Sicht hin aufgebrochen. Im 2. Kapitel des Matthäusevangeliums lesen wir vom König Herodes und von den Weisen aus Morgenland. Sie haben einen Stern aufgehen sehen und deuten ihn als Signal für die Ankunft eines neuen Königs der Juden. Der listige Rat des Herodes lässt die Weisen weitersuchen. Der Stern erscheint wieder über dem Haus, in dem sie das Kind finden. Sie huldigen ihm mit Geschenken: Gold, Weihrauch und Myrrhe. Schon die Kirchenväter deuten diese Gaben und sagen: Gold gebührt dem Königssohn, Weihrauch dem Gottessohn, die Myrrhe sagt die Passion voraus. Nach dem Abschied der Weisen wird noch von der Flucht nach Ägypten erzählt und vom Kindermord in Bethlehem. Dass aus den Sterndeutern Könige geworden sind, die auf „Wüstenschiffen“ den Orient durchwandern, das verdankt die Phantasie der Krippenbauer dem Psalm 72 und dem Propheten Isaias. Da steht geschrieben Psalm 72,10: „Könige von Tarschisch und von den Inseln bringen Geschenke, Könige von Seba und Saba kommen mit Gaben, alle Könige der Erde beten ihn an, alle Völker müssen ihm dienen“. Isaias 60,6: „Eine Menge von Kamelen wird dich überfluten, Tromedare aus Emedien und Eva. Sie alle werden von Saba kommen und Gold und Weihrauch bringen und die Ruhmestaten Jahwes verkünden.“

Ganz wichtig für die Krippenbauer ist immer der Stern, der zumeist mit großem Schweif über der Szene gezeigt wird. Die Astronomen können wissenschaftlich diese Himmelserscheinung bei der Geburt Jesu nicht erklären. Man kann an einen Kometen denken, eine Nova oder eine Konjunktion von zwei Planeten. Die biblische Erklärung für den leuchtenden Stern über der Krippe liefert der Prophet Bileam im Buch Numeri. Die dort geschilderte Szene hat Klaus Ringwald am Münsterportal in Bronze gegossen. Der Prophet soll im Auftrag des Moabiterkönigs Balak einen Zauber- und Fluchspruch über die eingedrungenen Israeliten ausrufen. Der Zauberspruch wandelt sich im Mund des Propheten zu einem Segensspruch:

„Auf geht aus Jakob ein Stern, ein Zepter erhebt sich über Israel“ (Num 24,17). Der Stern in der Vision des Propheten wird also am Münsterportal wie in der Heilsgeschichte zum Stern von Bethlehem.

Wie wichtig der Stern von Bethlehem für die Krippenbauer ist, wie hilfreich ein guter Stern über unserem Leben sein soll, das zeigt an der große, in Gold leuchtende Stern auf dem Südturm unseres Münsters. Er verweist nicht nur auf das Haus „in dem das Kind war“ und jetzt sakramental unter uns wohnt, der Stern sagt zugleich: „Ich bin der leuchtende Stern, der Morgenstern, der in Ewigkeit nicht untergeht.“ (Exultet der Osternacht).

 

Ein Ensemble der Jugendmusikschule am Franziskaner umrahmte die Vernissage mit Klängen in der Art der Stubenmusik vergangener Zeiten.

 

Rundherum zufrieden waren die Organisatoren der Krippenausstellung bei der Abschlussbesprechung im Münsterstüble des Gemeindezentrums. Von links: Altdekan Kurt Müller, Hermann Schuhbauer, Konrad Flöß, Dr. Anita Auer vom Franziskanermuseum und GHV-Vorsitzender Günter Rath.