Absolute baugeschichtliche Daten aus dem Villinger Münster (Werner Huger)

Wäre man nicht den geäußerten Anregungen des GHV-Vorsitzenden Günter Rath gefolgt, hätte unserem Anliegen nach mehr als dreißig Jahre das Vergessen gedroht.

Wie der Titel besagt, können erstmals konkrete, d. h. absolute Daten zur ausschnittsweisen Baugeschichte des Villinger Münsters vorgelegt werden. Baugeschichtliche Daten ergeben sich ansonsten bis heute aus zeitlich relativen Einschätzungen und sind somit Näherungswerte. Diese ergeben sich aus der städtischen Siedlungsgeschichte, den baustilverändernden Perioden oder den wechselnden Herrschaftsverhältnissen als kombiniertes Anliegen von Stadtherrschaft und kommunaler Verfassung der Bürger.

Zur Vorgeschichte:

Das Landesdenkmalamt Baden-Württemberg, Außenstelle Freiburg, Archäologische Denkmalpflege, Dr. Schmidt-Thome, schrieb uns am 27.02.1996, AZ 26/Scht/Gl, auf unsere Anfrage vom 22.02.1996: „Sehr geehrter Herr Huger, in der Anlage sende ich Ihnen das Auswertungblatt von Dr. Becker von der Universität Hohenheim aus dem Jahr 1982 über die dendrochronologische Auswertung von Holzproben aus dem Villinger Dachstuhl. Es sind die einzigen Untersuchungsergebnisse, die wir seinerzeit erhalten haben. 1979 wurden die Proben von einer Hohenheimer Studentengruppe unter Anleitung von Dr. Becker entnommen. Wir stellten damals die erforderlichen Hilfskräfte aus der Grabungsmannschaft zur Verfügung. Es wurde auch eine Schemaskizze des Münsterdachstuhls angefertigt, in die die Standorte der Probenentnahme eingetragen wurden. Leider haben wir seinerzeit für die Grabungsunterlagen keine Kopie dieser Planskizze erhalten. Nach meiner Kenntnis wurden ausschließlich Holzkernbohrungen durchgeführt. Für die beiden Kurzberichte in den Villinger Jahresheften 1979 und 1980 standen Herrn Keilhack (Anm. Huger: mit der Grabung im Münster befasster, noch studierender Archäologe) nur telefonische Auskünfte von Dr. Becker zur Verfügung. Falls nicht über die Universität Hohenheim schriftlich Aufzeichnungen oder gar der Systemplan des Dachstuhls aufzutreiben sind, könnte nur der Fachmann, der mit der Arbeitsweise von Dr. Becker vertraut ist, diese Unterlagen in ihren Grundzügen rekonstruieren. Vermutlich ließen sich sämtliche Bohrpunkte im Dachstuhl wieder auffinden …“.

Zu diesem Zeitpunkt war der nachmalige Professor Dr. Bernd Becker bereits gestorben. Danach ergaben sich weitere briefliche Kontakte mit dem Lehrstuhlinhaber am Institut für Botanik an der Universität Hohenheim Professor Dr. Dr. h.c. Frenzel. Eine von ihm 1996 angekündigte erneute Materialprüfung unterblieb. Auch er ist inzwischen verstorben.

Über den derzeitigen Lehrstuhlinhaber Professor Dr. Küppers gelangte durch dessen entgegenkommende Vermittlung unser Anliegen an seine Mitarbeiterin Frau Forstingenieurin Sabine Remmele am Institut für Botanik (210) der Universität Hohenheim. Sie überließ uns mit Schreiben vom 11. August 2011 ihre aktuelle Auswertung, u. a. nach Prüfung des ihr zur Verfügung stehenden Sachverhalts aus der Vergangenheit. Es erfolgte die Auswertung von 17 Proben mit der Auftragsnummer Hohenheim 260/79, Villinger Münster, die 1982 schon Dr. Becker unter dieser Nummer vorgenommen hatte.

Sie schreibt an die Adresse Huger, es gäbe noch viele Wenn und Aber, zumal es schwierig sei, den Sachverhalt nach so langer Zeit richtig zu rekonstruieren und merkt an, „Die statistische Sicherheit der Datierungen sind größtenteils nicht wirklich überzeugend aber im Kontext vertrauenswürdig“.

Münster-Dachstuhl West (Ausschnitt). Fällungsdatum der Hölzer um 1400. Fotos: Werner Huger

 

Schon Prof. Becker tat sich mit den Datierungen schwer und musste gelegentlich Korrekturen vornehmen. Wir haben die aktuellen Daten von Frau Remmele aus 2011 mit dem uns zusammen mit dem oben erwähnten Schreiben des Landesdenkmalamtes Freiburg zugegangenen „Ergebnis dendrochronologischer Untersuchungen von Holzproben“ für den Probendurchlauf Labor 260/79 von Dr. Becker, Schreiben Hohenheim vom 14.09.1982, verglichen. Darauf beschränken wir uns hier. Alle sonstigen sich aus den verschiedenen Briefwechseln und Statistiken der Vergangenheit ergebenden Zweifel oder Unklarheiten bleiben in der Diskussion außen vor. Soweit sich Abweichungen der Expertin 2011 (Frau Remmele) zur Expertise Dr. Becker, 1982 ff., ergeben, sind sie außerhalb des wissenschaftlichen Interesses eines Laien, verwirrend und unerheblich weil geringfügig. Wir entnehmen demnach, dass Frau Remmele 17 Proben untersucht hat. Davon sind sieben Eichenholz (Probennummer 1–7). Sie stammen aus dem Dachstuhl des Münsterschiffes West. Als einzige enthält die Probe Nr. 5 die Waldkante des Holzes mit dem Fällungsdatum Winter 1398/99.

„Waldkante“ bedeutet, dass der im Wachstum zuletzt gebildete Jahrring unterhalb der Borke (Wachstumsende) erhalten war und somit die Auszählung und Bewertung über eine Standardkurve jahrgenau möglich wurde. Alle sonstigen Fällungsdaten wurden über eine statistische Splintgrenzdatierung berechnet, wie sie unter Dendrochronologen als Einschätzung Konsens ist. Hier gelangen wir also nur zu einem Näherungswert für die Fällung und anschließender Holzverbauung, der aber mit der Zeitstellung um 1400 aussagefähig ist. – Die Proben 8 –11 entstammen Fichtenholz und sind einer Datierung zugänglich. Sie stammen aus der „durchgehenden Balkendecke Schiff“. Sie enthalten jeweils keine Waldkante und werden der Zeit „nach 1401, nach 1697, nach 1700“ zugeordnet. – Ebenfalls dem Fichtenholz entnommen wurden die Proben 12–17.

 

 

 

 

Münster-Dachstuhl West. Bohrloch der Holzkern-Probenentnahme zur Bestimmung des Fällungsjahres (Winter 1398/99).

 

Münster, Chor. Stützbalken mit Bohrloch der Holzkern-Probenentnahme. Fällungsjahr (Winter) 1456/57.

Ihre Funktion wird als „Stützbalken“ angegeben und deren Entnahme erfolgte im Chor. Erfreulicherweise war zweimal die Waldkante vorhanden. So ergaben sich die Fällungsjahre des Baumes für „Winter 1456/57“ und „Winter 1457/58“, die werkgeschichtlich mit der Verbauung der Hölzer zeitlich gleichzusetzen sind.

Professor Becker teilte im Dezember 1982 mit, es gäbe „eichene Balkenköpfe, die sich angebrannt im Obergaden befunden hatten“. Im Mai 1990 schrieb Becker, er habe „noch mehrere angekohlte Hölzer herumstehen“. Die von ihm angekündigten endgültigen Computerwerte unterblieben, vermutlich weil er unerwartet früh an einer schweren Krankheit gestorben ist.

Damit lässt sich eine immer wieder in die Debatte eingebrachte spannende Frage derzeit nicht klären, nämlich die: Gibt es einen kausalen Zusammenhang zum angeblichen Stadtbrand von 1271, bei dem außer Spital (dem Münster benachbart), Johanniterkommende und Barfüßerkloster (Franziskaner) die ganze Stadt ein Opfer der Flammen geworden sein soll? Noch Paul Revellio (in: Beiträge zur Geschichte der Stadt Villingen, Seite 104) behauptet, der Stadtbrand von 1271 habe ich Teile des Münsters erfasst …

Revellio: „Nach diesem Brand wurde der Chor in hochgotischen Formen … hochgeführt“. – Dendrochronologisch hätten „angekohlte Balken“ erfahrungsgemäß eventuell ein Fällungsjahr des Holzes liefern können, das zeitlich einige Jahre oder Jahrzehnte vor dem Stadtbrand 1271 gelegen hätte aber immerhin zu einem Indiz für einen tatsächlichen Stadtbrand geworden wäre.

Eine bedeutsame, telefonisch erfolgte Aussage ist der Hinweis von Frau Remmele, Institut für Botanik der Universität Hohenheim (siehe oben), wonach sich über die Brandspuren der angekohlten Hölzer dendrochronologisch kein Stadtbrand verifizieren lässt, wenngleich ein Brand stattgefunden hat.

Der angeblich schon vom Villinger Ratsherrn Heinrich Hug (um 1500 !) in seiner Chronik erwähnte Stadtbrand von 1271 muss als eine Traditionsquelle gewertet werden und ist (schon von der Zeitstellung her) keine Urkundsquelle.

Welche Schlüsse lassen sich aus den Dendro- Daten ziehen? Diese sagen nichts aus über die Struktur des Münsterbaues I oder des Baues II. Revellio (s. oben, S. 104) schreibt: „Seit der 2. Hälfte des 15. Jahrhunderts wurde das Langhaus umgebaut und erhöht“. Nach den jetzt vorliegenden Dendro-Daten wäre hierfür bereits die erste Hälfte des 15. Jahrhunderts anzunehmen und für die Veränderung des Chors die zweite Jahrhunderthälfte. Davon wurden demnach die Stilepochen der Spätgotik bzw. der Renaissance berührt. Zu gravierenden baulichen Veränderungen kam es dann erst wieder „als sich der barocke Geschmack Einzug verschaffte“. Die Daten gehören in eine Zeit, die dem Bau III des Münsters zuzuordnen sind. Noch war das Münster, die Leutkirch, trotz ihrer zentralen Bedeutung, eine Nebenkirche der Pfarrkirche, draußen im Friedhof, die als Pfarrei mit ihren weltlichen und klerikalen Aufgaben die Sakramente verwaltete, wenngleich es hier eine Delegierung von Sakramenten nach der Münsterkirche gegeben haben mag. So dürfte die Leutkirche, das Münster, im Zusammenwirken von habsburg-österreichischem Stadtherren und der von politisch-wirtschaftlichem Selbstbewusstsein der Bürger verfassten kommunalen Selbstverwaltung, bis zum endgültigen Übergang der Pfarrrechte in die Stadt um 1530, von zunehmender Bedeutung gewesen sein.