100 Jahre Sinfonieorchester Villingen-Schwenningen (Claudia Hoffmann)

100 Jahre Sinfonieorchester, 100 Jahre voller Höhen und Tiefen, voller wunderbarer Konzerte, aber auch aufreibenden Kämpfen um die Existenz des Orchesters. Die Frage, wie das Orchester die Konzerte finanziert, woher das Geld für Aufführungen kommt, zieht sich wie ein roter Faden durch die vergangenen 100 Jahre. Es ist bewundernswert, mit welchem Engagement, mit welcher Hingabe viele musikbegeisterte Menschen sich über Jahrzehnte für das Orchester eingesetzt, Unmögliches möglich gemacht und so die Basis geschaffen haben, dass heute, 100 Jahre nach der Gründung, das Sinfonieorchester ein fester Bestandteil des reichhaltigen kulturellen Lebens in der Stadt und der ganzen Region ist.

Die Geschichte des Orchesters begann um die Jahrhundertwende des vergangenen Jahrtausends.

Neben der traditionellen Stadtkapelle, der heutigen Stadtmusik, die 2010 ihr glanzvolles 200-jähriges Jubiläum feierte, existierten mehrere Streicher- und Bläsergruppen. Eine solche Gruppe war auch dem damals bestehenden Zitherverein angeschlossen. Die Musiker waren aber unzufrieden, fühlten sich unter den Zitherspielern nicht wohl, so kam es

1897 zur Trennung und die Streicher und Holzbläser gründeten mit Gleichgesinnten einen Musikverein. Mangels geeigneter Spieler war das kleine Orchester jedoch im Repertoire eingeengt. Erst 1912, als der neue Leiter des Münsterchores, Musikdirektor Fritz, als ausgebildeter Musiker auch die Leitung des Orchesters übernahm, gelang es, alle Musiker zu sammeln und ein vollwertiges Orchester zu bilden. Am 12. August 1912 gründete sich der Orchesterverein.

Der Orchesterverein im Gründungsjahr 1912.

 

Er gab sich eine Satzung und legte als Aufgabe die Pflege der Instrumentalmusik fest. 35 Aktive – eine reine Männersache – entrichteten einen Obolus von einer Reichsmark, mit vier Münzen jährlich waren in der Gründerzeit die 65 passiven Mitglieder dabei. Es war die Geburtsstunde des Orchesters, das 2012 nach mehrfacher Namensänderung aber unverändertem Ziel als Sinfonieorchester Villingen-Schwenningen sein 100-jähriges Jubiläum feiert. Nach der Gründung 1912 begann ein rühriges und erfolgreiches Vereinsleben. Jährlich führte das Orchester zwei Sinfoniekonzerte auf, gestaltete feierliche Messen im Münster mit und unterstützte Gesangsvereine musikalisch: Das Orchester wurde zu einem kulturellen Mittelpunkt der Stadt. Leider wurde der Aufschwung bereits 1914 mit Beginn des Ersten Weltkrieges jäh unterbrochen. Erst 1919, nachdem die Menschen die erste Not der Nachkriegszeit überwunden hatten, widmeten sie sich wieder der klassischen Musik. Martin Oberle, der Vater des späteren langjährigen Dirigenten Claus Oberle, ergriff die Initiative und brachte das Orchester erneut zusammen.

Die konstituierende Sitzung fand am 2. März 1919 im Café „Raben“ statt. Stadtkapellmeister Wilhelm Tempel übernahm die musikalische Leitung des Orchesters. Unter seiner bedeutsamen Regie begann eine rege Konzerttätigkeit. Tempel machte das Orchester so leistungsfähig, dass ab 1921 Solistenkonzerte mit namhaften Instrumentalsolisten, wie der damals berühmten Geigerin Anna Hegner, stattfinden konnten. Daneben bestritt das Orchester „Promenadenkonzerte“ und trat bei vielen Festlichkeiten in Erscheinung. Diese blühende Phase wurde erneut unterbrochen, diesmal durch die Weltwirtschaftskrise.

Bürger und Musiker hatten andere Sorgen, viele kämpften um ihre Existenz und erst ab 1924 begann wieder eine aktive Orchesterarbeit. Mit seinen 42 aktiven Mitgliedern gelangen dem Orchester in den folgenden Jahren große Aufführungen. Eine Carl-Maria- von-Weber-Feier und eine Beethoven-Feier waren Glanzpunkte in den Jahren 1925 bis 1927. Die Krönung stellte jedoch die erste Aufführung einer Oper in Villingen dar.

Zusammen mit dem Stadttheater Freiburg brachte das Orchester Albert Lortzings „Der Waffenschmied“ auf die Bühne. Mehr als 1000 Besucher waren in der Tonhalle bei dieser Premiere dabei. Trotzdem führte die Veranstaltung fast zu einem finanziellen Fiasko, hätte nicht die Stadt das Defizit von nahezu 2000 Reichsmark übernommen. Die Begeisterung über die gelungene Aufführung war jedoch so groß, dass sich der Verein im Einvernehmen mit der Stadt bereits 1929 wieder an eine Opernaufführung wagte. Diesmal stand „Das Nachtlager von Granada“ von Konradin Kreutzer auf dem Programm.

Um die Orchesterarbeit finanziell abzusichern, kam es 1936 zu einem Vertrag mit der Stadt Villingen: Die Stadt erklärte sich bereit, die Kosten des Vereins zu decken, der Verein verpflichtete sich dafür, in Villingen mindestens zwei Großkonzerte und vier Kurkonzerte zu veranstalten.

1935 gab Stadtkapellmeister Tempel die musikalische Leitung an Musikdirektor Fritz Klener ab, der nicht nur die Stadtkapelle leitete, sondern auch eine eigene Kurkapelle einrichtete und ein Knaben- Musikseminar aufbaute. In jenen Jahren beteiligte sich das Orchester vertragsgemäß an den Kurgartenkonzerten, die in dem gerade fertiggestellten Stadtgarten regelmäßig stattfanden.

Der Name Oberle ist untrennbar mit dem Sinfonieorchester verbunden. Martin Oberle gründete den Villinger Orchesterverein 1912, sein Sohn Claus prägte als Dirigent 38 Jahre lang das Orchester maßgeblich.

 

 

 

Später übernahm Fritz Könitzer die Leitung des Orchestervereins und der Stadtkapelle. Es kam noch zu einigen größeren Veranstaltungen, teilweise gemeinsam mit der Stadtkapelle, bis der Zweite Weltkrieg ausbrach und das Konzert- und Vereinsleben jäh erlosch.

1946 wurde das Orchester unter der alten Vorstandschaft neu konstituiert. Aber erst 1947 genehmigte die damalige Militärregierung das Tätigwerden des Orchestervereins. Die schwierige Situation der Nachkriegszeit, vor allem im finanzielle Bereich, versuchten die Orchesterverantwortlichen durch eine Annäherung an die Stadt und eine Umbenennung in „Städtisches Streichorchester“ zu lösen. Die Stadt winkte jedoch ab, sie wollte keinen Präzedenzfall schaffen. Das Orchester geriet nach dieser Absage in erhebliche finanzielle Schwierigkeiten und trennte sich auch definitiv von der Stadtkapelle. Diese Situation wurde erst besser, als am 14. März 1952 Musikdirektor Claus Oberle an das Dirigentenpult trat. Vorstandschaft und Dirigent passten sich der Situation an und reduzierten das sinfonische Programm. Im Januar 1953 beschloss die Mitgliederversammlung daher die Umbenennung des Orchesters in Villinger Kammerorchester.

Wiederum begann eine arbeitsreiche, von Erfolg gekrönte Epoche. Das 1. Sinfoniekonzert am 30. Oktober 1952, bei dem die Ouvertüre zu Mozarts Entführung aus dem Serail, das Klavierkonzert Nr. 1 von Ludwig van Beethoven und die Sinfonie in h-Moll (die Unvollendete) von Franz Schubert erklangen, war ein denkwürdiges Ereignis.

Die Stadt besann sich wieder auf ihre kulturelle Verpflichtung und ließ 1954 erneut die Tradition der Kurkonzerte aufleben. Claus Oberle verpflichtete hierzu als „Kurorchester“ ein kleines Ensemble mit sieben Berufsmusikern, das er, je nach Bedarf, aus den Reihen des Villinger Kammerorchesters ergänzte.

Ab etwa 1957 war es möglich, mit Hilfe städtischer Zuschüsse den Mitgliedern des Kurorchesters ein Jahresgehalt zu bezahlen. Gleichzeitig gab man ihnen die Gelegenheit, als Instrumentallehrer Schüler zu unterrichten. Eine Jugendmusikschule existierte damals noch nicht. Auf diese Weise konnten bewährte Berufsmusiker in der Stadt gehalten und junge Instrumentalisten ausgebildet werden. Bis zu 60 Auftritte pro Jahr absolvierte das Orchester. Als jedoch 1965 auf Beschluss des Villinger Stadtrates und aus Sparzwängen die Kurkonzerte aufgegeben wurden, war dem Kurorchester die finanzielle Grundlage entzogen. Die Berufsmusiker und damit die Stimmführer des Kur- und Kammerorchesters zogen aus Villingen weg. Die Existenz des Orchesters war wieder einmal massiv bedroht. Allein der Ausdauer und Zielstrebigkeit von Claus Oberle war es zu verdanken, dass sich das Orchester nicht auflöste. Seiner vielen Kurkonzertverpflichtungen ledig, erarbeitete sich das Orchester nun ein Repertoire, das von anderen Orchestern vernachlässigt wurde und konnte sich damit im kulturellen Leben der Stadt glanzvoll behaupten.

Orchester mit Dirigent Claus Oberle.

 

Vor allem die Kreuzgangkonzerte im damals noch offenen Kreuzgang des nicht renovierten Franziskanerklosters, das viele Jahre als Altenheim genutzt worden war, waren ein echter Höhepunkt. Auch die Kienzle-Werkskonzerte sind vielen Musikfreunden noch in guter Erinnerung. Jeweils am Vorabend des Buß- und Bettages, der ja damals noch ein Feiertag war, spielte das Orchester in der Kantine der Firma Kienzle. Später fanden diese Konzerte wegen der großen Nachfrage in der Tonhalle statt.

Aus dem Kammerorchester der Nachkriegszeit war ein Mehrzweckorchester geworden, das sein Repertoire am lokalen Bedarf orientierte. Ein wichtiger Teil der Arbeit war auch die Unterstützung ortsansässiger und benachbarter Chöre. Eine bedeutende Qualitäts- und Leistungssteigerung gelang dem Orchester 1977, als der aus Freiburg kommende Geiger Riza Yildiz Geigenlehrer an der neu gegründeten Jugendmusikschule und Konzertmeister beim Kammerorchester wurde. Er brachte begeisterungsfähige Nachwuchsmusiker ins Orchester. Die neue Situation übte eine beachtliche Sogwirkung auf andere Instrumentallehrer und Berufsmusiker aus, die das Orchester jetzt verstärkten und die Arbeit maßgeblich prägten.

Dem Orchester wuchs in den Folgejahren die bedeutsame pädagogische Aufgabe zu, die jungen Musikerinnen und Musiker im Orchesterspiel zu schulen. Eine Aufgabe, der sich aktuell auch Jörg Iwer intensiv widmet. Die Kooperation mit der Musikhochschule in Trossingen und der Musikakademie Villingen-Schwenningen ist ein wichtiger Bestandteil der Arbeit und so können auch heute Kinder und Jugendliche unter den Fittichen erfahrener Musiker erste Bühnenluft schnuppern.

Das Orchester verjüngte und verstärkte sich Anfang der achtziger Jahre zusehends und wuchs in kurzer Zeit über seine kammermusikalischen Zielsetzungen zu einem Ensemble, das wieder verstärkt Sinfonien in sein Repertoire aufnahm. Diese Entwicklung spiegelt sich auch in einer Namensänderung wieder: Seit 1983 heißt der Klangkörper Sinfonieorchester Villingen-Schwenningen e.V.

Die Entwicklung des Orchesters wurde auch durch Änderungen in der Geschäftsführung begünstigt. Mit Zustimmung der Stadt wurde 1973 die Geschäftsführung, die weit über die normalen Aufgaben eines Kassiers und Schriftführers hinausgewachsen waren, von der Jugendmusikschule übernommen. 1979 übernahm das städtische Kulturamt die Geschäftsführung, wo mit Kulturamtsleiter Dr. Walter Eichner ein hervorragender Verwaltungs- und Musikfachmann zur Verfügung stand.

In seiner Zeit als Kulturamtsleiter kümmerte sich Walter Eichner mit großem Elan als Geschäftsführer um die Belange des Sinfonieorchesters.

 

Nach seinem Ruhestand gab es mit den folgenden Kulturamtsleitern, die immer auch die Geschäftsführung für das Orchester übernahmen, viel Ärger und unruhige Zeiten. Besonders mit Dorothee Stürmer lag das Orchester im Clinch, da Zuschüsse nicht ordnungsgemäß abgerufen und verbucht worden waren. Als der Villinger Unternehmer Christoph Hess im Jahr 2000 den langjährigen Vorsitzenden und damaligen Baubürgermeister Theo Kühn im Amt ablöste, war eine seiner ersten Handlungen die Herauslösung der Geschäftsleitung aus dem Kulturamt. Theo Kühn wurde zum Ehrenvorsitzenden ernannt. 2001 stimmte die Stadt mit dem damaligen Oberbürgermeister Matusza einer eigenen Geschäftsführung zu. Seit dieser Zeit ist die Journalistin Claudia Hoffmann beim Orchester angestellt.

Der langjährige Baubürgermeister der Stadt VS, Theo Kühn, setzte sich als Vorsitzender des Sinfonieorchesters für die klassische Musik ein.

 

 

 

Der Villinger Unternehmer Christoph Hess, seit 2000 Vorsitzender des Orchesters, arbeitet auf breiter Basis für das Orchester. Er nutzt sein ganzes politisches und unternehmerisches Netzwerk, um die Zukunft des Sinfonieorchesters abzusichern und den Bekanntheitsgrad weiter zu steigern.

 

Ganz neue musikalische Impulse erhielt das Orchester nach dem Ausscheiden von Claus Oberle durch den damals 33-jährigen Dirigenten Jörg Iwer aus Essen, der ab 1990 den Dirigentenstab übernahm und das Orchester entscheidend voranbrachte.

Claus Oberle, der das Orchester maßgeblich geprägt und vorangebracht hat, übergab den Dirigentenstab 1990 nach 38 Jahren an den damals 33-jährigen Dirigenten Jörg Iwer, der den guten Ruf des Orchesters kontinuierlich weiter ausbaute.

2001 beendete er sein Engagement beim Sinfonieorchester, um eigene Projekte in Berlin zu realisieren. Aus fünf Gastdirigenten wählten die Musiker Ende 2002 seinen Nachfolger: Massimiliano Matesic, der bis 2006 die musikalischen Geschicke des Orchesters in seinen Händen hatte. Nach zwei Jahren, in denen das Orchester mit verschiedenen Gastdirigenten arbeitete, ist seit 2009 Jörg Iwer wieder an seine alte Wirkungsstätte zurückgekehrt. Die Musiker haben ihn mit großer Mehrheit als musikalischen Leiter gewählt und auch das Publikum freute sich, einen alten Bekannten am Dirigentenpult wiederzusehen. Jörg Iwer erarbeitet mit dem Orchester sechs Abokonzerte im Jahr, dazu kommen viele Engagements in der Region, wo das Orchester ein beliebter und verlässlicher Partner ist.

Massimilian Matesic

 

 

 

 

Jörg Iwer 2010

 

Das Sinfonieorchester hat in 100 Jahren immer wieder den Mut gehabt, neue Wege zu gehen. So ist das Publikum in den Genuss vieler herausragender Veranstaltungen gekommen – egal ob Kreuzgangkonzerte, Neujahrskonzerte, Werkskonzerte, Opernbälle oder Open-Air- Konzerte. Ausverkaufte Konzerte und ein begeistertes Publikum bestätigen eindrucksvoll die große Leistungsfähigkeit des Orchesters, hinter dem über die Maßen engagierte Musiker aus der Region stehen, die sich voller Begeisterung für ihr Orchester einbringen. Ohne diese Begeisterung und dieses Engagement, auch der vielen ehrenamtlichen Helfer im Vorstand, könnte das Orchester sicher nicht einen so außergewöhnlichen Geburtstag feiern.

 

Die Open-Air-Aufführungen im Spitalgarten waren ein großer Erfolg. Das Publikum schätzte die besondere Atmosphäre im Spitalgarten. Bei der Premiere 2001, auf dem Programm stand „Orpheus in der Unterwelt“, saßen die Musiker noch auf dem Rasen. Bild: Dieter Reinhardt.

 

 

Hochkonzentriert am Werk: Jörg Iwer arbeitet intensiv mit dem Orchester, um bei den Konzerten Höchstleistungen zu erbringen. Bild: Hans-Jürgen Götz

 

Sinn für Humor: Wenn die Musik aus dem Zeichentrick-Film „Ratatouille“ auf dem Programm steht, bringt Jörg Iwer schon einmal eine Ratte mit ins Konzert. Bild: Hans-Jürgen Götz

 

 

Fest verankert im kulturellen Leben der Stadt sind die äußerst beliebten Neujahrskonzerte, bei denen das Publikum Jahr für Jahr auf den Einsatz für den „Radetzky-Marsch“ wartet. Bild: Hans-Jürgen Götz