Begegnungen –Vom Leben und Sterben im Gutleuthaus (Ute Schulze)

Ursprünglich wurde das Gutleuthaus im Mittelalter als Unterbringung für Leprakranke („Gutleute“) außerhalb der Stadtmauer angesiedelt, um die Ansteckungsgefahr zu vermindern. Die Bezeichnung für das Haus lautete daher auch häufig Leprosorium. Es lag dort, wo heute das Gebäude der Caritas an der Gerwigstraße steht. Das Gelände bis zur Bahnhofstraße gehörte zum Komplex. Erstmals genannt ist die Einrichtung der ‚Armen im Feld‘ in einer Jahrtagsstiftung des Jacob Staehelin, Bürger zu Villingen, vom 29. Mai 1322 als „Siechen ame dem velde“.1 Seit dem 15. Jahrhundert gehörte das Siechenhaus zu einem österreichischen Lehenskomplex, den lange die Familie von Rotenstein innehatte.2

Mit dem Aussterben der Lepra wurde das Haus zur Aufnahme von Menschen mit ansteckenden Krankheiten überhaupt genutzt. Während des Dreißgjährigen Krieges wurde das alte Gebäude außerhalb der Stadtmauer abgerissen, um den Feinden keine Unterschlupfmöglichkeit zu bieten.

„Erst 1718 nach dem Spanischen Erbfolgekrieg wurde das ‚Haus am Felde‘, also an der alten Stelle, zusammen mit der St.-Vitus-Kapelle neu errichtet.“ Während der Kriegszeiten war die Einrichtung innerhalb der Stadtmauern untergebracht, zuerst in der Niederen Straße (später Kapuzinerkloster) dann in der Gerberstraße.3

Im Laufe des 18. Jahrhunderts veränderte sich die Nutzung der Stiftung. Mehr und mehr wurden auch Pfründner in das Gutleuthaus aufgenommen. Quarantäne und Krankenbetreuung rückten in den Hintergrund. Die Einrichtung entwickelte sich im Laufe der Zeit zu einer Art „Spital zweiter Klasse“.4

Dies wird u. a. durch einen Ratsbeschluss vom 16. Juli 1787 belegt, in dem die Bitte der 73-jährigen Maria Eva Salomon um Aufnahme ins Gutleuthaus wie folgt beantwortet wurde: Da das Leprosorium überbesetzt und nur für arme kranke Dienstboten bis zu ihrer Genesung gewidmet, das Spital hingegen für bürgerliche Waisen bestimmt ist, solle sie ins Spital aufgenommen werden.“ Dienstpersonal gehörte zu den nachgeordneten Schichten der Stadtbevölkerung. Wie in den übrigen sozialen Einrichtungen überstieg auch im Gutleuthaus die Zahl der Wünsche um Aufnahme die der zur Verfügung stehenden Plätze, wie folgendes Beispiel zeigt. Sebastian Grießer und dessen Ehefrau Rosa baten, in das Leprosorium aufgenommen zu werden. Sie wurden vom Rat am 16. Dezember 1788 mit ihrer Bitte abgewiesen, weil das Leprosorium „bereits schon besetzt“ war. Auch Strafgefangene wurden in diesem Gebäude untergebracht wie Anton Heinzmann, der 1851 dort starb.5

Die Pflege selbst hatte vielfältige Aufgaben. So berichtete die Stadt 1786 an den Landständischen Konsess in Freiburg (Verwaltungsorgan der drei Stände Prälaten, Ritterschaft und Dritter Stand), dass im Leprosorium dreizehn Personen „beiderlei Geschlechts“ verpflegt, daneben drei mit Mehl, Brot, Salz und Schmalz versorgt, wiederum dreizehn „mit wöchentlich bestimmtem Geld unterhalten“ wurden, vier wöchentlich ein Quantum Mehl erhielten und schließlich noch verschiedene unbestimmte Almosen nach „der Erfordernis der Umstände“ bestritten wurden. „Der jährliche Ertrag der Stiftung besteht in 1554 f. 9 2/6 x. dessen Ausgab hingegen inclusive der hierauf haftenden Gegenstiftungen und Würthschafts-Administrations-Unkösten sich auf 1704 f. 4 7 4/6 x. belaufte.“6 Beim Leprosorium überstiegen die Ausgaben also bei weitem die Einnahmen. Um die Stiftungen generell leistungsfähiger verwalten zu können, wurden am 1. Juni 1854 der Leprosenfonds, die Elendjahrzeitpflege und die Armensäckelpflege mit dem Spital zur vereinigten Spital- und Armenstiftung mit Beibehaltung ihrer jeweiligen Zwecklasten zusammengefasst.

Abb. 1: Gutleuthaus (links vorne, Original Öl auf Leinwand, Franziskanermuseum Inv. Nr. 11601).

 

Im 19. Jahrhundert war die Quarantäne- und Krankenhausfunktion des Gutleuthauses in den Hintergrund getreten. Am 19. Oktober 1839 berichtete die Leprosenverwaltung an den Stiftungsvorstand, dass der gesamte obere Stock und im unteren Stock noch zwei Räume mit Pfründnern belegt seien, weshalb nur noch zwei Zimmer für Kranke zur Verfügung stünden. Diese Situation sollte geändert werden und die Pfründner ins Spital ziehen. Aber noch 1867 bemerkte das Bezirksamt: „Der untere Stock des Leprosoriums ist zweckwidrig noch immer mit Armen besetzt.“ Im September 1867 waren dann fast alle Bewohner ausgezogen. Zwei jedoch weigerten sich hartnäckig ins Spital zu ziehen. Ferdinand Schleicher und Carl Kaiser, Uhrmacher, blieben „ruhig auf ihren Posten, das Bewußtsein in sich tragend, durch rohe Widersetzlichkeit alles erzielen zu können.“7 Wie die Sache bereinigt wurde geht aus der Akte leider nicht hervor. Aus dem Bericht des Bezirksarztes Dr. Martin vom 18. April 1869 kann man schließen, dass keine Pfründner mehr untergebracht waren. Er brachte jedoch einen neuen Aspekt ein nämlich, dass nach Abschluss des Bahnbaus mit einem Rückgang der Krankenzahlen zu rechnen sei.

 

Abb. 2: Panoramafoto nach 1872, Bildmitte Gutleuthaus mit St.-Vitus-Kapelle (Ausschnitt, SAVS Best. 1.42.3, Foto 438).

 

Daher gab er zu Bedenken, das Leprosorium für arme Kranke vorzusehen, die bisher entweder im Spital oder zu Hause versorgt wurden. Die Stiftungskommission erwog auch fremde Kranke aufzunehmen, bat jedoch das Bezirksamt um Aufstellung der Kosten für ärztliche Behandlung und Unterbringung. Aus einem Schreiben vom 8. November 1899 des Bezirksarztes Dr. Schatz erfahren wir, dass aus dem Krankenhaus strafweise entlassene Patienten ins Leprosorium geschickt wurden, was die dort eingesetzte Schwester Leontine als „Unrecht“ auffasste. Daher schlug der Mediziner vor, „Kassenmitglieder, welche fortgesetzt die Hausordnung verletzen, künftig kurzer Hand auszuweisen.“8

In der Zeit der Revolution 1848/49 wurden kranke Soldaten wie der Musketier Driewer, der an Krätze litt, im Gutleuthaus untergebracht. Darüber hinaus verpflegte die Einrichtung kranke Soldaten. Dafür erhielt sie von der Stadtkasse 30 Kreuzer pro Mann und Tag. Aus einer Auflistung erfahren wir, dass zwischen September 1849 und Juli 1850 insgesamt 195 Mann der preußischen Ulanen vom 7. Regiment, 4. Eskadron und Infanteristen des 27. Regiments zwischen einem und 127 Tage lang verköstigt wurden.9 Die medizinischen und hygienischen Verhältnisse im Gutleuthaus waren aus heutiger Sicht mehr als problematisch. So bemängelte Dr. Schatz im März 1899, dass das Leichenzimmer direkt über dem Krankenzimmer und neben dem Raum für Krätzekranke lag. Jedoch würde nach Erstellung der Leichenhalle auf dem Friedhof dieser Missstand behoben. Er schrieb weiter: „Aus dem bisherigen Leichenzimmer kann dann ein Kräzzimmer für Frauen oder eine Irrenzelle gemacht werden.“ Sein zweiter Kritikpunkt war das Vorhandensein nur eines Aborts für Frauen und Männer gemeinsam „mit einem einzigen Sitz.“10 Nicht zuletzt dieser Zustand hatte dazu geführt, einen Anbau an das ursprüngliche Gebäude zu erstellen. Bereits 1890 wurden dazu Pläne vorgelegt (vgl. Abb. 3). Neben ständigen Reparaturen wurden 1924 mehrere Arbeiten am Gebäude ausgeführt: „1. Entwässerung des Gebäudes gegen die Gerwigstraße sowie sämtliche Regenabfallröhren, 2. Instandsetzung des Daches, 3. Herstellung des Gartenzaunes, 4. Planieren des Hofes, sowie Ueberkiesen desselben, 5. Aufstellung eines neuen Küchenherdes, 6. Reparieren der Kamine.“11

Auch im Ersten Weltkrieg war das Gutleuthaus in die medizinische Versorgung von Militärpersonen involviert. So überwies z. B. der Garnisonsarzt in den Jahren 1917 und 1918 Mannschaften für Bäder und Entlausung dorthin.12

Untergebracht waren in dieser Zeit jedoch Zivilpersonen. Die Krankenliste von 1917 weist Folgendes aus: Die dominierende Krankheit war Rheumatismus, gefolgt von Bronchitis. Zweimal wurde Psychose genannt. Zwei Frauen starben am 29. Aug. 1917 an Uteruskrebs.

Abb. 3: Situationsplan von 1890 (SAVS Best. 2.3 Nr. 1563).

 

 

 

Eine war seit dem 26. Aug. 1916, die andere seit dem 1. Jan. 1917 im Gutleuthaus. Weitere vorkommende Erkrankungen waren Lupus, Tuberkulose, Krätze, Darmkatharr und Gicht. 1918 waren auch zwei Obdachlose vermerkt. Eine Frau wurde als „geisteskrank“ eingetragen, sie war bereits 1914 aufgenommen worden.13

Die Rechnungsbücher bieten neben finanziellen Informationen auch solche über die sozialen und medizinischen Aufgaben des Gutleuthauses. Für das Rechnungsjahr 1927/28 (1. April – 1. April) wird deutlich, dass 9 Personen bereits vorher aufgenommen wurden und 110 Zugänge zu verzeichnen waren. Es wurden Kranke versorgt und verpflegt, Kinder und Jugendliche „zur Aufbewahrung“ untergebracht, und Übernachtungen ermöglicht. Krätze und Bronchitis wurden mehrfach genannt. Sonstige Beschwerden reichten von Sonnenbrand über wunde Füße und sonstige Verletzungen bis zu Malaria. Während der an dieser Krankheit Leidende schon nach zwei Tagen mit „gebessert“ verzeichnet wurde, brauchte es zur Heilung des Sonnenbrands immerhin fünf Tage. Mehrere Personen verließen das Haus aus eigenem Antrieb.14

Unter dem Titel „Übernachtungen im Gutleuthaus vom 10. Sept. 1933 bis zum 22. Feb. 1945“ steht eine interessante Quelle im Stadtarchiv zur Verfügung. Das Buch bietet Informationen darüber, dass das Gutleuthaus neben Übernachtungen auch häufig nur Verpflegung für Männer, Frauen, Kinder und Jugendliche anbot. Häufig wurde auch notiert, wer die Überweisung ins Haus veranlasst hatte (Arbeitsamt, Polizei etc.).

Ab 1939 sind auch Fremdarbeiter, Soldaten, Kriegsgefangene und einige Flüchtlinge verzeichnet. Meistens blieben die Menschen nur für eine Nacht. Es gab aber auch Fälle, die dauerhaft im Gutleuthaus unterkamen. Dabei handelte es sich ausschließlich um Frauen. So wurde für 1941 eine Bewohnerin vermerkt, die bereits 1914 aufgenommen worden war.

Unter den Gefangenen, Fremdarbeiterinnen und Fremdarbeitern stellten die Polen und Franzosen die größten Gruppen. Aber auch Bulgaren, Italiener, Russen, Ukrainer, Ungarn, Serben, Schweizer, Holländer und Belgier waren darunter. Für den 10. bis 11. Juli 1942 ist ein Grieche verzeichnet, für den 22. bis 25. Mai und den 2. bis 4. Oktober jeweils ein Slowake. Aus dem Band geht auch hervor, dass die städtischen Werke, neben dem Gas- auch das Wasserwerk (4 Italiener vom 20.11. bis 31.12. 1943) und die Stadtgärtnerei Gefangene beschäftigten (2 Italiener 6.6. bis 31.7.1944). Vom 12. bis 13. Februar 1943 kamen 14 holländische Arbeiter für die „Induschtrie“. Fünf italienische Militärinternierte, die im Gaswerk arbeiteten, wurden vom 13. Oktober bis zum 30. November 1943 verpflegt. Zum Teil sind ganze Familien eingetragen. Beispielsweise war vom 3. bis zum 5. Oktober 1943 eine Italienerin mit ihren drei kleinen Kindern im Haus.

Abb. 4: Gutleuthaus mit St.-Vitus-Kapelle (SAVS Best. 5.22 V 9461).

 

Auch Menschen, die aus beruflichen oder privaten Gründen, kurzzeitig eine Bleibe brauchten, fanden Aufnahme, wie vom 11. auf den 12. April 1942 eine Hamburgerin, die ihr krankes Kind aus Dürrheim holen wollte, während ihr Mann im Feld war. Eine französische Studentin war vom 13. bis zum 15. Juli 1943 da.

Fliegergeschädigte fanden auch eine Unterkunft, z. B. 10 „gebrechliche Personen aus Dortmund“ vom 6. bis 30. Juni 1943 oder 4 Hamburger vom 11. bis 13. August 1943. Vom 23. November 1944 bis zum 22. Februar 1945 beherbergte man elf Frauen und zwei Schwestern „aus dem Altersheim Mannheim“. Nach wie vor waren aber auch noch einzelne Kranke anzutreffen, z. B. ein Mann aus Rottweil vom 26. November bis 3. Dezember zur Entlausung oder Menschen wurden nach einem Krankenhausaufenthalt überwiesen.

Wir erfahren bei den meisten Fällen neben dem Geburtsdatum auch die Herkunft, häufig auch den Arbeitgeber oder die Art der Tätigkeit. Nur bei den Kriegsgefangenen wurde außer Vor- und Nachnamen nur die Kennnummer vermerkt. Wichtig in diesem Rechnungsbuch war natürlich, wer für die Kosten aufkam. Hier wurden hauptsächlich die Fürsorgekasse, aber auch Arbeitsamt und Krankenkasse in die Pflicht genommen sowie einige wenige Selbstzahler.15

Am 22. Februar 1945 wurde das Gutleuthaus beim Generalangriff auf das deutsche Verkehrsnetz völlig zerstört. Es war ein Todesopfer zu beklagen, die 70-jährige Emma Wälde. Die Veitskapelle war bereits am 27. Dezember des Vorjahres ein Opfer der Bomben geworden. Beide Gebäude wurden anschließend nicht wieder aufgebaut.16

Abb. 5: Gutleuthaus von der Hofseite (SAVS Best. 5.22 V 9461).

 

Anmerkungen:

1 Stadtarchiv (SAVS) Best. 2.3 Nr. 1959. Bei Paul Revellio: Beiträge zur Geschichte der Stadt Villingen, Villingen: Ring-Verlag, 1964, S. 440 fälschlich mit 1332 datiert.

2 SAVS Best. 2.1 SS 77 (2050). In einem Schreiben dieser Akte behauptet man 1705 sogar, seit 380 Jahren Träger des Lehens zu sein.

3 Alle Angaben nach Revellio, Beiträge, S. 441.

4 Ute Ströbele: „Armut, Alter, Krankheit“. Aspekte des Villinger Armenwesens in der frühen Neuzeit, in: Villingen und Schwenningen. Geschichte und Kultur, hg. v. der Stadt Villingen-Schwenningen …, Villingen-Schwenningen: Kuhn-Verlag, 1999,S. S.274.

5 SAVS Best. 2.2 Nr. 6358.

6 SAVS Best. 2.3 Nr. 2524. f= Gulden, x. = Kreuzer.

7 Alle Angaben aus SAVS Best. 2.3 Nr. 1694.

8 Beide Angaben aus SAVS Best. 2.3 Nr. 1694.

9 SAVS Best. 2.3 Nr. 1691.

10 SAVS Best. 2.3 Nr. 1563.

11 Alle Angaben aus SAVS Best. 2.3 Nr. 1563.

12 SAVS Best. 2.3 Nr. 1623.

13 SAVS Best. 2.3 Nr. 64 Beilage 1525 und 65 Beilage 1160.

14 SAVS Best. 2.3 Nr. 75 Beilage 323.

15 SAVS Best. 2.3 Nr. 205.

16 Hermann Riedel: Villingen 1945. Bericht aus einer schweren Zeit, Villingen: Ring-Verlag, 1968, S. 5f.