Das Postwesen im alten Villingen (Walter K. F. Haas)

Diesen Bericht stellte uns unser langjähriges Mitglied und engagierter Mitarbeiter bei den Jahresheften, Walter K.F. Haas, 1999 zur Verfügung. Er ist inzwischen verstorben. Wir veröffentlichen seinen Beitrag in dankbarer Erinnerung an ihn.

 

 

 

 

 

 

 

Ursprünglich erfolgte die Briefbeförderung durch reisende Kaufleute, Fuhrleute, Schiffer, Metzger, Mönche, Pilger usw.

Die zwischen 1504 und 1516 durch Franz von Taxis zur Beförderung der Staatskorrespondenz zwischen Brüssel und Wien eingerichtete Postverbindung wurde 1516 für jedermann zur Benutzung freigegeben.

Vor ca. 300 Jahren kam einmal wöchentlich ein Postreiter nach Villingen, auf seinem Weg von Schaffhausen nach Hornberg und zurück. Dieser Postritt wurde 1755 auf zwei Ritte wöchentlich erhöht und bis Offenburg ausgedehnt.

Im Jahre 1738 kaufte der Sonnenwirt Franciscus Borgias Cammerer (1710-1783) von Jodocus Seer das angrenzende Gasthaus zum „Schwert“ und vereinigte es mit der „Sonne“. Im Jahre 1755 erhielt Villingen die Posthalterei von Thurn & Taxis. Sie wurde untergebracht im Gasthaus „Sonne“ (heute Sadtkämmerei, Obere Straße 4). Franciscus Borgias Cammerer nannte sich nun „Sonnenwirt und Posthalter“. Die „Sonne“ war nun das erste Gasthaus am Platze, das verwöhntesten Ansprüchen gerecht wurde.

F. B. Cammerer kaufte 1764 für seinen Schwiegersohn Franz Josef Dold von Rohrbach das Gasthaus zur „Blume“. Deshalb hat sich später der Postbetrieb auf die „Blume“ verlagert.

Als Haltestelle der Postkutsche war die „Sonne“ Vorläufer von Postamt und Bahnhof. Da in der „Sonne“ drei Betriebe vereinigt waren, nämlich Gasthaus mit 30 Fremdenzimmern, eigene Landwirtschaft mit 80 bad. Morgen und Postamt mit 40 Pferdeeinstellplätzen, kann man sagen, dass es sich vor etwa 200 Jahren um das größte Unternehmen in der Stadt gehandelt hat.

Drei weitere Generationen der Sippe Cammerer, nämlich: Cammerer, Johann Karl Martin *1754, Cammerer, Franz Johann Nepomuk *1781, Cammerer, Johann Martin *1812 nannten sich „Posthalter und Sonnenwirt“.

Am 5. Januar 1760 lief der erste Postwagen auf der Strecke Straßburg – München durch Villingen. Einmal in der Woche fährt die 6-spännige Diligence (Eilwagen) in jeder Richtung. Das heute noch vorhandene Türmchen auf dem Anwesen Obere Straße 4 (früher „Sonne“ war damals eine Beobachtungsstation.) Von dort oben aus konnten die nahenden Postkutschen schon von weitem ausgemacht werden. Sodann wurden die unten in der Gastwirtschaft wartenden Reisenden verständigt, die sich nun reisefertig machen konnten.

Als Villingen 1806 zum neu gegründeten Großherzogtum Baden kommt, besteht die Posthalterei von Thurn & Taxis zunächst weiter. 1811 erfolgte der Übergang in die neue großherzoglich badische Post. Sonnenwirt F. J. N. Cammerer erhielt von der bad. Postverwaltung einen Dienstkontrakt als großherzoglicher Postverwalter. 1819 verkehrte der Straßburger Eilwagen zweimal wöchentlich, ab 1821 fünfmal und ab 1. Mai 1837 täglich. Als 1835 die Straße von St. Georgen über Sommerau fertiggestellt war, wurden auch St. Georgen und Triberg an die Postlinie angeschlossen. Außerdem wurde 1840 ein Eilwagenkurs zwischen Villingen und Waldkirch eingerichtet. 1845 verkauft Martin Cammerer die „Sonne“. Der aus Zell a. H. stammende Albert Feger wurde neuer Sonnenwirt und Postverwalter. Feger wanderte 1851 aus in die USA. Niemand war jedoch bereit, neben der Gast- und Landwirtschaft auch den Postdienst zu übernehmen. So wurde die Postverwaltung geteilt in eine Postexpedition unter Leitung des aus Karlsruhe stammenden von Davans und eine Poststallmeisterei, die auf den Gasthof „Blume“ am Marktplatz überging. Blumenwirt Baptist Dold wurde nun neuer Poststallmeister.

Der Postexpedition Villingen waren 1859 zwanzig Ortschaften angeschlossen. Es wurde angeordnet, dass in diesen Ortschaften als kleinste postalische Einrichtung jeweils ein hölzerner Briefkasten aufzustellen sei. Anlässlich der Entleerung wurde die eingeworfene Post vom Landpostboten entwertet. Briefmarken gab es in Baden seit dem 1. Mai 1851. Mit dem Anschluss von Villingen an die Bahnlinien Singen-Villingen und Rottweil-Villingen im Jahre 1869 erfolgte eine Zusammenlegung der Bahn- und Postverwaltung. Ab 1870 befinden sich Bahn und Postdiensträume vorübergehend im Bahnhofsgebäude, der späteren Expressgut halle. Als 1872 die großherzoglich badische Post in die kaiserliche Reichspost eingegliedert wird, erhält Villingen ein kaiserliches Postamt. Die Zusammenlegung mit der Bahn wurde aufgehoben. Ab 1875 ist das Kaiserliche Postamt in der Niederen Straße im Haus der Familie Beha (heute Niedere Straße 24) untergebracht.

Postkutsche um 1910 vor dem Gasthaus zum „Raben“.

 

Im Jahre 1884 befand sich das Postund Telegraphenbüro des Kaiserlichen Postamts Villingen in der Niederen Straße 388 (heute Niederen Straße Nr. 24). Personal: Ludwig Rieger, Postdirektor; Ottmar Schönle, Postsekretär; Anton Fürst, Oberpostassistent; Ignaz Singele, Postassistent; Karl Weißhaar, Postgehilfe; Ernst Ebert, Postgehilfe; Josef Riedel, Briefträger; Leo Vischer, Briefträger; 1 Hilfsbriefträger, 4 Landbriefträger und 3 Bürodiener.

In der Stadt gab es drei Postbriefkästen:

damals: Niedere Straße 388 (Post) – heute: Niedere Straße 24.

damals: Marktplatz 427 – heute: Ecke Niedere Straße und Rietstraße (Sparkassen-Zweigstelle)

damals: Rietstraße 47 – heute: Rietstraße 18 (Schuh-Kammerer).

Sogenannte Postagenturen, wie eine in der Goethestraße eingerichtet wurde nach Auflösung des Zweigpostamtes, sind nichts Neues. Die gab es schon 1884.

Die amtliche Verkaufsstelle für Postwertzeichen befand sich 1884 bei Kaufmann Karl Butta, Marktplatz 185 (heute Drogerie Butta, Bickenstraße 1). „Alles schon dagewesen“ pflegte Rabbi Ben Akiba zu sagen …

Am 1. Juni 1886 bezieht die Post als Mieter das Gebäude Kaiserring 3. Das von Zimmermeister Konstanzer erstellte Gebäude kaufte die Reichspost im Mai 1900. 1903 erstmals Umbau wegen des aufkommenden Fernsprechwesens. 1927 erneuter Umbau.

Trotz des Ankaufs der Häuser Brigachstraße 2 und 3 wurde die räumliche Enge immer prekärer. Nach dem Zweiten Weltkrieg mussten viele Dienststellen wegen Raumnot ausgelagert werden. Mit dem Bezug des Neubaues in der Bahnhofstraße 6 am 3. 11. 1967 begann ein neuer Abschnitt der alten Postgeschichte.