Festakt 200 Jahre Stadt- und Bürgerwehrmusik Villingen und der Historischen Bürgerwehr und Trachtengruppe (Rupert Kubon)

Am Samstag 24. April 2010 feierte die Stadt- und Bürgerwehrmusik Villingen und die Historische Bürgerwehr und Trachtengruppe in einem Festakt im Kulturzentrum Franziskaner ihr 200-jähriges Jubiläum. Nachfolgend dokumentieren wir in Auszügen die Festansprache von Oberbürgermeister Dr. Rupert Kubon.

… Es gilt heute einem herausragenden Jubiläum in der langen Geschichte unserer Stadt Referenz zu erweisen und es ist hier im Kulturzentrum Franziskaner ein wohl würdiger Ort, dieses Jubiläum festlich zu feiern: Die Stadt- und Bürgerwehrmusik Villingen und die Historische Bürgerwehr und Trachtengruppe feiern ihr 200-jähriges Bestehen.

Als Oberbürgermeister heiße ich sie alle zu diesem denkwürdigen Ereignis willkommen und gratuliere der Stadt- und Bürgerwehrmusik Villingen und der Historischen Bürgerwehr und Trachtengruppe sehr herzlich zu diesem Jubiläum. Als gelernter Historiker zolle ich ihnen, der Präsidentin, der Vorstandschaft, allen aktiven und passiven Mitgliedern der Stadt- und Bürgerwehrmusik Villingen und der Historischen Bürgerwehr und Trachtengruppe größten Respekt.

Was sie alle in den vergangenen Wochen und Monaten geleistet haben, um dieses 200-jährige Jubiläum gebührend zu feiern, ist überzeugender Ausdruck bürgerschaftlichen Engagements. Und ihr Einsatz mit all ihren Mitstreiterinnen und Mitstreitern hierfür ist ein herausragendes Beispiel dafür, wie die Mitarbeit vieler Menschen in der Stadt- und Bürgerwehrmusik Villingen und in der Historischen Bürgerwehr und Trachtengruppe Ausdruck einer lebendigen und von vielen mitgestalteten Stadtkultur ist. Ein solches tatkräftiges Miteinander für ein gemeinsames Ziel ist aber auch ein bemerkenswertes Zeichen einer funktionierenden Bürgergesellschaft und trägt reiche Früchte für sie aber auch für uns alle in unserer Stadt.

Für all ihr Bemühen und für all ihre Arbeit rund um diese 200-Jahrfeier danke ich ihnen allen sehr herzlich und bin überzeugt, dass die Stadt- und Bürgerwehrmusik Villingen und die Historische Bürgerwehr und Trachtengruppe auch weiterhin die Festkultur für die Menschen in unserer Stadt verantwortlich mitgestalten und mit ihren musikalischen wie farbenprächtigen Auftritten bereichern wird. Sie haben Zukunft und mit ihnen hat unsere Stadt würdige Botschafter bei Gleichgesinnten hier in der Region und weit darüber hinaus. …

Ich danke ihnen an dieser Stelle für ihre Grußworte, die sie an den Jubilar, die Stadt- und Bürgerwehrmusik Villingen und die Historische Bürgerwehr und Trachtengruppe, im Anschluss richten werden. …

Dieser Ort hier, dieser ehemalige Kirchenraum der Franziskaner war über viele Jahrhunderte der wichtigste Versammlungsort der Villinger Bürger auch wenn der Sakralraum ab den 1790er Jahren für militärische Zwecke Verwendung fand und später als Spital benutzt wurde. Durch die Umgestaltung zum Kulturzentrum ist der Franziskaner seit über 30 Jahren wieder ‚die gute Stube‘ für alle geworden und so für diesen Festakt der richtige Ort 200 Jahre Stadt- und Bürgerwehrmusik Villingen und der Historischen Bürgerwehr und Trachtengruppe zu feiern.

Hohe Festversammlung, 200 Jahre Jubiläum, das umfasst die Geschichte, das umschreibt eine Zeitspanne von 10 Generationen. 200 Jahre Jubiläum, das beinhaltet auch die Erfahrungen, die Erlebnisse, das Leid und das Glück, das Menschen in ihrer jeweiligen Zeit erduldet, ertragen und auch verantwortlich mitgestaltet haben. 200 Jahre Jubiläum, das umfasst die Zeit totalitärer Feudalherrschaft über die bürgerliche Befreiung mit dem philosophischen Denken der Aufklärung ebenso, wie das romantische Bewusstsein der zu materiellem Wohlstand gekommenen Bürger in den frühkapitalistischen Jahrzehnten einer aufbrechenden Industriegesellschaft, bis hin zu den Jahren nationalverblendeten Großmachtdenkens und einer nach schrecklichen Weltkriegen demokratisch organisierten freien Gesellschaft in einem friedlichen Europa unserer Tage.

Die Wurzeln der Stadt- und Bürgerwehrmusik Villingen und der Historischen Bürgerwehr und Trachtengruppe gründen in einer Zeit, als das durch den habsburgischen Kaiser in Wien repräsentierte Heilige Römische Reich Deutscher Nation durch den Franzosen-Kaiser Napoléon Bonaparte 1806 zerstört und der revolutionäre Ruf nach ‚Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit‘ unter französischer Vorherrschaft mit militärischer Gewalt neu definiert wurde.

Manch eine Villingerin und manch ein Villinger hat wenige Jahre vorher sicherlich die Hand zur Faust in der Kittelschürze oder im Hosensack geballt, als die Truppen Napoléons auch hier in Villingen Station machten und der französische Kommandant am 7. Januar 1801 unmissverständliche Order gab, die Gewehre der freien Bürger zu beschlagnahmen. ‚Fremde Herren‘ in den Mauern der eigenen Stadt, die sich jahrhundertelang in katholisch-habsburgischem Geiste selbstbewusst und mit Bürgerstolz entwickelt hatte, – der Kaiser in Wien war schließlich fern –, diese Erfahrung von Demütigung für die Villinger Bürgerinnen und Bürger ist auch heute noch sicherlich nachvollziehbar.

Als dann fünf Jahre später die Stadt für wenige Monate Württembergisch wird und der Stuttgarter Kommissar – obwohl die badische Zugehörigkeit längst beschlossen war – zu allem Übel auch noch das Benediktinerkloster mit seinem Kirchenschatz radikal plünderte, ist wieder Ohnmacht zu spüren und der folgende politische Zuschlag zum neugegründeten Großherzogtum Baden mag manch Villinger Herz als Befreiung vom ‚lutherischen Pack‘ erfahren haben.

1810, vor nunmehr 200 Jahren, so berichtet die Chronik, wird in Villingen die seit 1774 agierende Bürgermiliz aufgelöst und ein „freiwilliges Militaircorps mit einer Grenadier-, einer Füsilier- und einer Abteilung Kavallerie mit Musikkapelle gegründet“. Und mit der Umgestaltung des Militärwesens im Großherzogtum Baden – eine hoheitliche Landwehr ersetzte nun die städtisch rekrutierten Milizen – waren die Aufgaben und Pflichten der ehemals städtisch organisierten Wehren neu verteilt.

So wurde auf die Anfrage vom 13. Mai 1816 des Grenadierhauptmann Zeller beim Bezirksamt, und ich zitiere aus der Festschrift, „ob das Bürgermilitär noch bestehe“, klipp und klar vom Ministerium in Karlsruhe vier Wochen später am 12. Juni 1816 mitgeteilt, „dass ein Bürgermilitär in Villingen ,ganz und gar nicht nötig‘ sei“.

Jetzt murrten die alten Garden des ehemaligen Bürgermilitärs ob ihrem Verlust ihrer Privilegien für ihre überkommenen Dienste an der Stadt und ihrer Bewohner und schwer ertrugen sie ihre Entmachtung und den daraus folgende Schwund ihres öffentlichen Ansehens, doch gegen die Vorstellungen des badischen Ministeriums des Innern und dem neuen Geist der städtischen Beamten in Villingen war ihr Protest vergebens. Meine Damen und Herren, die zum 200-jährigen Jubiläum herausgegebene und reich bebilderte Festschrift, aus der ich gerade diese Ereignisse zitieren konnte, und die ich ihnen, so sie dieses Buch noch nicht besitzen zum Kauf empfehle, diese Festschrift zeigt in ihren Textbeiträgen all diese Geschichten und Ereignisse, die wechselseitigen Eifersüchteleien unterschiedlicher Protagonisten, die vielfältigen Neu- und Reorganisationen, die den neuen Verhältnissen ihrer jeweiligen Zeit geschuldet waren, auf und dokumentiert lückenlos das Werden des Jubilars im Spiegel der zwei Jahrhunderte. Und wer mit wachem Auge diese Geschichtchen und Geschichten, diese Possen und Sottisen der Vergangenheit liest, ich sage das augenzwinkernd, ist das eine oder andere Mal durchaus auch an die Kapriolen und Händelsüchteleien, die wir in unseren Tagen manchmal erleben dürfen, erinnert. So können wir, mit Blick in diese Festschrift, aus dem Vergangen lernen, wie Gegenwärtig das Eine oder Andere im einen oder anderen Fall hier in unserer Stadt sein kann.

Wie auch immer: Der Kontext, in dem der Jubilar seine Wurzeln gründet, ist, ich habe es angedeutet, vielschichtig und geprägt von einer umfassenden Umwälzung bürgerlicher Ordnungssysteme zu Beginn des 19. Jahrhunderts. In diesen Zeiten nationaler Identitätsfindung erarbeiteten sich die bürgerlichen Vereinigungen, die ehemals aktiven militärischen Dienst und Brand- und Schutzaufgaben übernommen hatten, einen neuen lokalen Beitrag und nach und nach entwickelten sich in den folgenden Jahrzehnten engagierte Gruppierungen, die Heimatpflege und Tradition in einer aufgeklärten und freien Gesellschaft mit neuem Leben zu füllen wussten. Dabei leisteten diese engagierten und heimatverbundenen Menschen – und sie tun es bis heute – einen kulturellen Beitrag für das Gemeinwohl, der längst verstaubten Wurzeln entwachsen ist.

Heute, im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts, zeigt sich ihr gesellschaftliches Engagement in verschiedensten Facetten. Dabei erfüllen die Mitglieder der Stadt- und Bürgerwehrmusik Villingen und der Historischen Bürgerwehr und Trachtengruppe mit ihrer vorbildlichen Jugendarbeit einen wertvollen und ehrenhaften Dienst für unser Gemeinwohl. Indem sie ein gemeinsames Erleben und Bewahren von Traditionen ermöglichen, einen wichtigen Beitrag in unserer Unterhaltungskultur bei den periodischen Festlichkeiten leisten und mit ihrer Folklore auch wichtige Aufgaben für das Marketing und das Image unserer Stadt übernehmen, ist die Stadt- und Bürgerwehrmusik Villingen und die Historische Bürgerwehr und Trachtengruppe zu einem wichtigen und erfolgreichen Botschafter unserer Heimat geworden.

So gratuliere ich zum Schluss der Stadt- und Bürgerwehrmusik Villingen und der Historischen Bürgerwehr und Trachtengruppe zu ihrem Jubiläum noch einmal von ganzem Herzen, sage allen Mitgliedern für ihr gesellschaftliches Wirken in diesem Ehrenamt im Namen der Stadt Villingen- Schwenningen herzlichen Dank und wünsche dem Jubilar für die Zukunft Zuversicht und Freude bei all ihrem Tun.

Lassen Sie uns gemeinsam – im Landesgartenschaujahr 2010 – dieses Jubiläum der Stadt- und Bürgerwehrmusik Villingen und der Historischen Bürgerwehr und Trachtengruppe begeisternd feiern, sodass wir im Jubeljahr zusammen mit unseren Freunden, dem Gemeinderat und allen Bürgerinnen und Bürgern für alle Gäste unserer Stadt ein würdiger Gastgeber sein können.