Historische Frauen persönlichkeiten in Villingen –ein Rundgang durch die vier Stadtviertel (Carla Gramberg)

Seit einigen Jahren begleiten mich interessierte Gäste durch die vier Viertel der Stadt, um einen kleinen Einblick in das Leben bekannter Frauen aus Villingen an ihren Wirkungsstätten zu erhalten. Bitte lesen Sie Ausschnitte aus dem Leben historischer Frauenpersönlichkeiten. (Abb. 1).

1284

Agnes von Fürstenberg

Nach dem Tod ihres Mannes Graf Heinrich zu Fürstenberg im Jahr 1284 hat Agnes Zeit, über ihr Leben nachzusinnen. Ein reiches, bewegtes und erfülltes Leben an der Seite eines Nachfahren der Zähringer aus weiblicher Linie, der die Stadt Villingen als Erbe der ausgestorbenen männlichen Linie der Zähringer beansprucht. Agnes schwäbische Eltern, Graf und Gräfin von Truhendingen, verheiraten sie mit Graf Heinrich von Urach-Zähringen. Sieben Kinder werden ihnen geboren, fünf Söhne, zwei Töchter. Sie wohnen seit 1245 auf dem Fürstenberg und haben später in der Stadt einen Grafensitz. 1283 stiften sie dem Münster zu Villingen einen goldenen Kelch mit der Inschrift „Ich Kelch bin geben durch Graf Heinrich von Fürstenberg und durch Agnes sein Weib und durch ihre sieben Kinder“. Der von ihnen neu gebaute gotische Chor am Villinger Münster wird ihre zukünftige Grablege; ihr Verwandter, der König Rudolf von Habsburg, ist zu Besuch in der Stadt, er wird die Söhne am 16. November 1282 zu Rittern schlagen, bei einem großen Fest auf dem Villinger Münsterplatz. Zwei Söhne werden als Nachfolger ausgebildet, die Töchter sind standesgemäß verheiratet, drei ihrer Söhne widmen sich später kirchlichen Aufgaben. Das Heilig-Geist-Spital in Villingens Mitte nimmt als Stiftung Agnes von Fürstenbergs Gestalt an.

Abb. 1: Nicht immer ist das Leben so glücklich, wie es scheint …

 

 

Es wird für viele kranke, alte Menschen, arm und reich, Mütter und Kinder, ein Ort der Pflege und Versorgung sein, eng mitihrem Namen verbunden. Aus ihrem väterlichen Erbe gehen Schenkungen an Klöster in ihrer Heimat. Agnes unterzeichnet Urkunden mit ihrem eigenen Siegel. Sie will den Schleier nehmen wie andere adlige Witwen, sich in ein Kloster in Schwaben zurückziehen. Ihr Sohn Egen wird Stadtherr von Villingen. Agnes überlebt ihren Mann um zehn Jahre.

1300

Elisabeth Heimburg

Elisabeth Heimburg aus Villingen beschließt mit 14 Jahren, in den Dominikanerinnenorden St. Katharinental in Diessenhofen bei Schaffhausen einzutreten. Wie es in ihren Kreisen üblich ist, geben die Eltern gerne Töchter in ein bekanntes Kloster. Sie werden dort für das Seelenheil der Angehörigen beten, sich dem geistlichen Leben widmen und auf eine Familie verzichten. Als Tochter aus angesehener Patrizierfamilie in Villingen bringt sie eine gute Mitgift mit, sie kann ihr klösterliches Leben voll dem Gebet, der Askese, der Mystik widmen. Und darin wird sie ganz vorbildlich für ihre Mitschwestern im Kloster St. Katharinental sein.

Wochenlang wird sie schweigen, fasten, sich kasteien, geißeln, die Wärmestube nicht aufsuchen. Sie hat Visionen, und ihre Mitschwestern – auch einige von Villingen selbst – erfahren von ihren Prophezeiungen. Ihr klösterliches und mystisches Leben ist so vorbildhaft, dass dies in einer Legende und einer Vita aufgeschrieben werden wird. Im Pfleghof St. Katharinental zu Villingen werden später in unruhigen Zeiten Nonnen Zuflucht finden, denn die Katharinentaler Nonnen haben in Villingen Bürgerrecht.

1349

Juetta die Jüdin aus dem Obern Ort

Juetta mit ihren zwei Kindern lebt als Witwe im von ihrem Mann ererbten Haus im Villinger Obern Ort – in dem Geviert der heutigen Josefsgasse / Ecke Kronengasse. Ein Eintrag im Bürgerbuch der Stadt Villingen weist sie mit ihren Kindern als Besitzerin aus; nicht als Bürgerin, sie ist als Jüdin Beisassin. Die meisten der vielleicht acht jüdischen Familien in Villingen haben dort ihr Zuhause, ihre Judenschule oder Synagoge, ihr koscheres Gasthaus. Trotz hoher Steuern an die Schutzherren – Kaiser, König, Graf –, ständiger Verfolgung durch die christliche Bevölkerung und eingeschränkter Erwerbsmöglichkeiten versuchen die Juden ihr Leben zu meistern. Die Männer tragen einen spitzen Judenhut und ein gelber runder Stoffflecken auf der Kleidung macht die Menschen als Juden kenntlich.

Am 8. September 1349 erreicht die in Europa grassierende Pest, aus Asien kommend, Villingen, und kostet viele Menschen das Leben. Ein durch eine erkrankte Ratte infizierter Floh überträgt die Krankheit durch seinen Biss auf den Menschen. Man weiß noch nichts von Bakterien und sucht nach der Ursache dieser Seuche und findet eine Erklärung: die Juden im Ort haben – wie anderswo auch – die Brunnen vergiftet. Dafür sollen sie büßen, man hatte die Schuldigen erfasst, sie misshandelt, verbrannt, vertrieben, getötet, ausgerottet.

Abb. 2: Wappenstein am Haus Gerberstraße 27.

 

Auch Juetta und ihre zwei Kinder werden verbrannt; ein Eintrag im Bürgerbuch der Stadt Villingen besagt, das Haus der Jüdin Juetta wurde vom „Schutzherrn“ Herzog Albrecht von Österreich an den Kanzler des Kaisers verkauft.

1614

Maria Meyer – Meisterin im Benediktinerinnen-Orden Amtenhausen (1598 –1619)

1914 hat man – 300 Jahre nach der Fertigung – den schönen Wappenstein in das neu gebaute Haus in der Gerberstraße 27 wieder eingesetzt (Abb. 2). Pastellig getönt zeigt er den Menschen von heute ein Doppelwappen mit dem Hl. Sebastian und das Wappen der Meisterin des Benediktinerinnen- Klosters in Amtenhausen, dem Maria Meyer als Äbtissin vorstand in den Jahren 1598 –1619. Der Hl. Sebastian, der Klosterheilige (übrigens auch noch zu sehen am verbliebenen Haus des Verwalters in Amtenhausen, die Klostergebäude sind nach der Säkularisation mit der Zeit abgerissen worden), wird hier am Baume angebunden dargestellt; die tödlichen Pfeile erreichen ihn noch nicht. Fröhliche Blumen stecken in den Füllhörnern und zieren das Wappenschild, um den Amtenhausener Pfleghof in Villingen zu schmükken und als solchen zu bezeichnen. Der Bildhauer Hans Amann, der in der Brunnengasse lebte, fertigte dieses Werk.

Bis zum Jahr 1630 nahm der Klosterhof seine Einkünfte aus Villingen und Umgebung auf, verwaltet von einem Schaffner. Dann verkaufte das Kloster Amtenhausen die Schaffnei an die Johanniter, die bereits viele Gebäude in der ehemaligen Hüfinger Straße besaßen.

April 1641

Eva Fleigin – Magd und Hexe

Am 16. April 1641 werden vor großem, johlen dem Publikum in der Oberen Straße im Kaufhaus und der Gerichtslaube die Magd Eva Fleigin, ehemals aus Münchsweyler, und ihr Meister Hans Jakob Kraut, Sohn des berühmten Hafnermeisters Hans Kraut – aus dem Villinger Hafnerort –, als Hexe und Hexer zum Tode verurteilt. Unter dem Schwert des Scharfrichters sterben die beiden; ihre Leiber werden verbrannt am Hochgericht auf der Anhöhe über Villingen beim Hubenloch.

Was war vorgefallen, dass Hans Jakob Kraut mit erstickter Stimme voller Schmerzen ausruft, „er wolle gern und willig sterben und müsse die Misshandlung leiden; er bitte Gott, dass nur die Stund bald vorhanden seye“?

Seine Magd wird verdächtigt, mehreren Menschen durch Schadenszauber den Tod gebracht zu haben. Unter den Schmerzen der Folter durch Aufziehen gesteht Eva Fleigin die Schuld am Tode eines Buben und einer „Neyerin“ und dass ihr Meister beim Hexentanz dabei gewesen ist. Die Geständnisse unter der grausamen Folter im Villinger Rathaus werden erpresst, auch dass die beiden Gott verleugnet, mit dem Teufel getanzt, Vieh verhext, das gestorben ist, und weitere Untaten getan haben, die aus dem „Hexenhammer“ aufgelistet werden.

Die beiden aus dem Hafnerort sind nicht die einzigen, deren Hinterbliebene die Verfahrenskosten bezahlen müssen: Verpflegung der Angeklagten, ihrer Richter und des Scharfrichters, das Holz für den Scheiterhaufen, den Lohn des Scharfrichters, des Stadtschreibers und des Stadtknechtes sowie eine Mahlzeit für den Pfarrer. Zwischen 1501 und 1662 werden in Villingen 50 Hexen hingerichtet – 14 % sind Männer.

10. August 1655

Juliane Ernestin, Äbtissin im St.-Klara-Kloster

Am Laurentiustag wird Juliane Ernestin, gebürtig in Villingen, in ihrem Kloster St. Klara in der Bickenstraße zur Äbtissin gewählt. Ihre musikalisch begabte Vorgängerin Apollonia Waidmännin – sie konnte mehrere Instrumente spielen und die Orgel gut „schlagen“ – ist bestimmt ein großes Vorbild für Äbtissin Juliane; sie selbst ist besonders begabt und ausgebildet in der Schreibstube. Mit ihrer schönen Schrift und wohl gesetzten Worten gestaltet sie das Jahrzeitenbuch (Gedenktage für Verstorbene), schreibt eine Chronik des Klosters, setzt eine Biographie auf von Ursula Haider, der sehr verehrten ersten Äbtissin ihres Klosters, berichtet von den Gräueln des Dreißigjährigen Krieges in einer Aufzeichnung und führt die Rechnungsbücher in ihrer Erstzeit als Conventschreiberin. Im Jahre 1624 ist sie hocherfreut, dass die Schwestern „rotte stüffel“ und drei Jahre später „rotte niedere schuo“ erstehen können, sie berichtet, dass im Jahre 1633 die Bickenkirche durch Beschuss der Württemberger und Schweden in Schutt und Asche gelegt, das Kloster teilweise zerstört ist, dass sie 1636 –1637 nach Solothurn mit drei ihrer Mitschwestern wandert und auf einem Schloss unterkommt, denn die Verpflegung im Kloster ist nicht mehr gesichert; sie erzählt von ihren Bettelfahrten in den Jahren 1638, 1653–54 nach Wien, um Gelder für den Kirchenneubau zu sammeln, von den Bettelwanderungen als Priorin in die nähere und weitere Umgebung, um die Hungersnot zu lindern. Ein tatkräftiges, anpackendes Leben hat Schwester, Priorin und Äbtissin Juliane Ernestin in schweren Zeiten geführt, seit sie 1603 mit 15 Jahren als Villinger junge Frau in den Orden eintrat und bis sie 1665 starb. Die humorvolle „Hennenvögtin“ Apollonia Agnesle Kaiserin aus München wird ihre Nachfolgerin.

Februar 1670

Verena Müller verw. Klingenfuß

Es ist sehr kalt auf der rauen Baar, und Verena Müller verw. Klingenfuß aus dem württembergischen evangelischen Dorf Schwenningen klopft an die Pforte des altehrwürdigen Bickenklosters St. Klara in Villingen. Auf ihrem Arm Christina, ihre jüngste Tochter aus der Ehe mit Jerg Müller, den sie als sechzehnjährigen Gesellen sechs Monate nach dem Tod ihres ersten Mannes, des Schmieds Leonhard Klingenfuß, aus wirtschaftlicher Not geheiratet hat.

Christina braucht ganz dringend Hilfe; die Frauen, Hebammen, Heilerinnen in Schwenningen wissen nicht weiter. Die Mutter mit ihrem geliebten Kind spricht bei den Nonnen in Villingen vor, vielleicht haben sie Rat und Arzneien aus ihrer Heilmittelsammlung aus Tees, Salben, Wässerchen, Mandelmilch, Sud und Eingemachtem, auch Gebäck. Aber Christina überlebt diesen Winter nicht, und der Eintrag im Schwenninger Kirchenbuch berichtet davon. Es benennt auch Regeln, die die junge reformierte Gemeinde zu beachten hat: der Kontakt zu dem katholischen Villingen soll gemieden werden, unter allen Umständen.

9. November 1938

Georgine Haberer

Georgine Haberer, geb. Sekels, lebt mit ihrem Mann Berthold Haberer, einem Finanzbeamten, ihrem Sohn Joseph und dem Pflegesohn Eric(h) Gaber in der Villinger Herdstraße 18. Als der Vater seinem Sohn den geschändeten Betsaal in der Gerberstraße 33 nach der Schreckensnacht am 9. November 1938 zeigt, gibt es für die Familie nur eine Lösung: ihren Sohn Joseph mit einem Kindertransport von 10.000 deutschen jüdischen Kindern nach England zu geben (Abb. 3).

Im Dezember 1938 bringt der Vater den erst knapp zehnjährigen Joseph an die holländische Grenze.

Am 22. 10. 1940 wird Baden „judenfrei“ gemacht; alle jüdischen Menschen werden in einer Nacht-und-Nebel-Aktion nach Gurs in Südfrankreich verbracht. Im unmenschlichen Lager Gurs stirbt Berthold Haberer 1942; seine Frau Georgine wird in Auschwitz umgebracht.

Abb. 3: Gedenktafel für die Jüdischen Mitbürger in der Villinger Gerberstraße.

 

Welche Qualen für eine Mutter, für die Familie, für alle Verfolgten.

Joseph Haberer, Professor für Politische Wissenschaften, Indianapolis, USA, ist durch sein Schicksal nicht verbittert; er hat gelernt, mutig zu helfen, die Augen nicht zu verschließen, wenn Menschen verfolgt werden, und möchte diese seine Erfahrungen weitergeben. Seine Mutter und seinen Vater sieht er nie wieder; sein Bruder Eric Gaber überlebt versteckt in französischen Bauernhöfen.

Mein Dank geht an das Stadtarchiv und an die Heimatforscher, die mir durch Veröffentlichungen, Vorträge und ihr Wissen es ermöglicht haben, einen Rundgang durch die vier Viertel der Villinger Innenstadt zusammenzustellen. Unsere Vorfahrinnen aus allen gesellschaftlichen Ständen haben es verdient, als Mütter, Großmütter, Klosterfrauen, Verfolgte, zu Tode Gebrachte, namentlich hervorgehoben zu werden und sie an „ihren“ Orten bei einer Stadtführung vorzustellen.