Die städtebauliche Entwicklung am Riettor in Villingen Eine Chronik bürgerschaftlichen Engagements (Dieter Ehnes)

Im Geschichts- und Heimatverein Villingen gibt es einen Arbeitskreis Innenstadt, der sich schon seit vielen Jahren besonders für den Bereich der historischen Innenstadt intensiv mit Fragen der Stadtbildund Denkmalpflege, des Ensembleschutzes aber auch mit Problemen zeitbedingter Funktionen und Bedürfnisse und deren behutsamer Einbindung in die gewachsene Substanz befasst und dazu Vorschläge und Initiativen erarbeitet. Dem Arbeitskreis gehören vorwiegend Architekten an, da gerade das Arbeitsfeld des Architekten immer wieder mit diesen Fragen und Problemen zu tun hat. Der Sprecher der Initiative, Hubert Waldkircher, gehört nicht zur planenden Zunft, er garantiert daher um so besser die neutrale, engagierte Zusammenarbeit und Koordination mit dem Verein und der Öffentlichkeit.

Zu den Erfolgen des Arbeitskreises und damit des Geschichts und Heimatvereins zählen beispielsweise die gesamte Gestaltung des Münsterplatzes einschließlich Brunnenstandort, Bächleverlauf und Finanzierungsvorbereitung, der Gesamtanlagenschutz in der Innenstadt, die neue und einheitliche Beschilderung der historischen Gebäude in Villingen und das derzeit diskutierte Gestaltungskonzept für die Fußgängerzone in der Niederen Straße, der Bickenstraße und der Oberen Straße. Die Planungsarbeit für die Fußgängerzone erfolgte im Amt für Stadtentwicklung in sehr angenehmer und fruchtbarer Zusammenarbeit mit dem Arbeitskreis.

Mit vielen Spannungen begann dagegen ein weiteres großes Problemfeld: die städtebauliche Entwicklung am Riettor. Über den bisherigen Verlauf, den derzeitigen Stand der Planungen und die vom Arbeitskreis verfolgten Ziele soll jetzt berichtet werden.

 

Um eine bessere Gestaltung des Riettor-Vorplatzes bemühte sich der Geschichts- und Heimatverein 1999/2000 intensiv und konnte Baupläne, die das Gesicht der Stadt von Westen her negativ verändert hätten, frühzeitig stoppen.

Vor dem Riettor herrscht eine kontinuierlich gewachsene, städtebauliche Gesamtsituation, diese wird geprägt vom Theater am Ring, der ehemaligen Landeszentralbank, dem sog. Hollerith-Gebäude, der Volksbank, den Ringanlagen und dem Riettor. Alle westlich des Ringes liegenden Gebäude sind Beispiele wichtiger Epochen des 20. Jahrhunderts und bilden mit nahezu gleichen Traufhöhen eine räumliche Einheit. Diese Qualität der räumlichen Zusammenhänge ist wesentlich höher zu bewerten als die Situationen vor den beiden anderen Toren und dem Außenbereich des früheren Niederen Tores.

Dagegen wird schon mindestens zehn Jahre lang über eine überzeugende Neugestaltung der Freiräume diskutiert, Planungen tauchten auf, um dann wieder in den Schubladen zu verschwinden. Der Arbeitskreis Innenstadt des Geschichts und Heimatvereins hatte sich bisher immer rechtzeitig und wiederholt besonders zur Platzgestaltung unmittelbar vor dem Riettor zu Wort gemeldet, leider vergeblich!

Im Zusammenhang mit der Sanierung des Romäusringes wurde im Eilverfahren und mit wenig Gefühl für die besondere Situation, der „genius loci“, der Platz vor dem Tor verkehrsgerecht gepflastert und fantasielos „möbliert“. Alle in den letzten Jahren durchgeführten Maßnahmen verbesserten zwar die Verkehrsführungen, die optischen Zusammenhänge der Freiräume und Grünanlagen wurden jedoch verschlechtert und historische Bezüge gerade vor dem Tor vernachlässigt. Eine vorgeschaltete Diskussion fand nicht statt, Vorschläge wurden nicht gehört, auf ein sensibles, alle Bereiche integrierendes Gestaltungskonzept wurde verzichtet, vorrangig Tiefbauund Verkehrsfragen bestimmten die Planungen. Ganz nebenbei muss aus denkmalspflegerischer Sicht erwähnt werden, dass während der Kanalarbeiten im Romäusring eine gewissenhafte Dokumentation der freigelegten und gut sichtbaren Füllemauer nicht erfolgte, dagegen wurden große Mengen gut erhaltenen Steinmateriales an unbekannten Stellen entsorgt.

Für die meisten Bürger überraschend entstand 1999 eine völlig neue Planungsproblematik am Riettor: Die Landeszentralbank bezog ihren Neubau am Hoptbühl und ein großer Villinger Bauträger erwarb den Altbau neben dem Theater am Ring. Außerdem bot die Stadt dem Bauträger die gesamte Grünfläche vor dem Altbau und das angrenzende ehemalige Asylantenheim in der Vöhrenbacher Straße zum Erwerb an.

Ein erster Vorentwurf des Bauträgers sah neben einer vier bis fünf geschossigen Bebauung entlang der Vöhrenbacher Straße ein siebeneinhalbgeschossiges Turmhaus mit Zeltdach auf der jetzigen Grünfläche vor, man bedenke, ein Gebäude mindestens so hoch wie das Riettor mit gleicher Dachform und dazu noch in dessen unmittelbarer Nachbarschaft!

Der öffentliche Widerspruch war gefordert! Der Verkauf der städtischen Liegenschaften konnte zu diesem Zeitpunkt gerade noch abgeblockt werden, das wichtigste Instrument zur Beeinflussung der Planungen blieb also noch für die Stadt erhalten und die Verwaltung erkannte schnell die Notwendigkeit zu alternativen Planungskonzepten.

Stadt und Bauträger beauftragten gemeinsam in einem leider sehr fragwürdigen, wenn nicht gar unzulässigen Verfahren drei Architekten mit Vorentwurfsplanungen. Bei den vom Bauträger vorgegebenen maximalen Nutzungsdaten wurden in allen drei Vorentwürfen teilweise fünfgeschossige Gebäude bis unmittelbar an den Benediktinerring geplant. Gegenüber der Planung des Bauträgers waren die Alternativen zwar wesentlich qualitätvoller, aber alle drei litten unter dem Grundübel einer zu hohen Baumassenvorgabe, sie mussten die Grünfläche massiert überbauen und damit das Theater verdecken. Eine konzeptionelle Auseinandersetzung mit allen Freiräumen war bei diesen Sachzwängen nicht mehr möglich.

Der Arbeitskreis Innenstadt des Geschichts- und Heimatvereins fand rasch fachkundige Mitstreiter. Er verbündete sich mit Villinger und Schwenninger Architekten des Planungsbeirates der Architektenkammer. Gemeinsam und bei ständiger Unterstützung des Vorstandes des Geschichts und Heimatvereins wurde vor Ort und in mehreren Besprechungen ein Papier mit städtebaulichen, funktionellen und architektonischen Kriterien und Vorschlägen erarbeitet, mit denen alle zukünftigen Planungen in diesem Bereich, also auch die drei Vorentwürfe, überprüft werden sollten. Dieses Papier wurde der Verwaltung und allen Fraktionsvorsitzenden des Gemeinderates übermittelt und im Verlauf einer Podiumsdiskussion im Franziskaner Ende März dieses Jahres der Öffentlichkeit vorgetragen. In dieser Veranstaltung wurden auch die drei Vorentwürfe vorgestellt, an der Diskussion über diese Planungen haben sich die Architekten des Arbeitskreises und des Planungsbeirates bewusst nicht beteiligt, sie verlasen vielmehr einen Antrag an den Gemeinderat mit dem Ziel, einen völligen Neubeginn der Planungen zu erreichen.

Ein besonderer Glücksfall begleitete diese Veranstaltung: Architekturstudentinnen und Architekturstudenten der Universität Stuttgart stellten gerade im Franziskaner ihre Seminararbeiten aus, diese beschäftigten sich mehr zufällig ebenfalls mit dem Bereich Riettor mit den Zielvorgaben, Verbesserung der freiräumlichen Zusammenhänge, Überprüfung auf Möglichkeiten der zusätzlichen Bebaubarkeit, Nutzungsuntersuchungen, Gestaltung der Grünanlagen usw., alles Probleme, über die sich der Arbeitskreis bislang allein theoretisch äußerte.

 

Die besonders qualitätvolle Seminararbeit von Frau Ralle wurde in den wesentlichen Inhalten zu einer Art Wegweiser bei allen folgenden Beratungen. Dieser Zeitpunkt war gleichzeitig Wendepunkt. Verwaltung und Initiative waren sich bald in den meisten Punkten einig, aber es musste noch gemeinsam der Bauträger überzeugt werden. Nach zwei sehr sachlich, intensiv und offen geführten Besprechungen ist es zu einer gut vertretbaren Gesamtlösung gekommen, die nun in den wesentlichen Inhalten erläutert werden soll.

• Alle Planungen mit großen, massiven, bis zum Romäusring vorgreifenden und den Platz weitgehend überbauenden Baukörpern sind vom Tisch.

• Der Platz vor dem zukünftigen Neubau bleibt im Besitz der Stadt und wird noch größer als der bisherige vor der Landeszentralbank, dieser Platz garantiert auf lange Sicht kommunale Optionen.

• Die Platzerweiterung gelingt, indem die Fassade des Neubaues zurückgesetzt wird bis etwa zur Firstlinie der abzubrechenden Landeszentralbank.

• Das Projekt des Bauträgers ist also begrenzt im Osten bis etwa zur Mitte der Landeszentralbank, im Süden bis zum Durchgang zum Parkhaus (entlang dem Bühnenhaus des Theaters), im Westen bis zum Haus Flöss (Vöhrenbacher Str. 7) und im Norden bis zur Vöhrenbacher Straße.

• Die Bauhöhe ist begrenzt auf vier Vollgeschosse

und ein zurückgesetztes Dachgeschoss (Gesamthöhe der Vollgeschosse ca. 12,0 m entsprechend den vorhandenen Nachbargebäuden).

• Im Erdgeschoss sind möglichst attraktive Angebote gehobenen Standards zu realisieren, ein Supermarkt muss ausgeschlossen werden.

• Für die Fassadengestaltung wird einer der Architekten der drei Vorentwürfe beratend beauftragt.

• Die Fußwegverbindung vom Platz zum Parkhaus zwischen Theater und Neubau muss entsprechend seiner Bedeutung gestaltet werden.

• Zurück zum Platz: Dieser soll sich auf lange Sicht zum Theaterplatz entwickeln, der Gemeinderat wurde bereits mit entsprechenden Planungsvorbereitungen befasst, zu denen natürlich auch eine übergreifende Gesamtkonzeption bis zur Volksbank und bis zum Riettor gehören muss.

• Zeitlich parallel werden seitens der Verwaltung Konzepte für funktionelle Änderungen und Programm-Erweiterungen des Theaters erarbeitet mit dem Ziel, Platz und Theater zu verknüpfen. Hierin wird auch eine wesentliche inhaltliche und zielplanerische Aufgabe für den neuen Kulturamtsleiter gesehen.

 

Wenn diese Punkte alle so gehalten werden können, dann ist das schon ein recht erfolgreiches Ergebnis. Es wird keine privatwirtschaftliche Aktivität verhindert sondern eine städtebauliche Situation deutlich verbessert. Um es nochmals zu betonen, ab dem klimatischen Wendepunkt entwickelte sich eine sehr sachliche Gesprächsatmosphäre, diese ermuntert den Geschichts- und Heimatverein mit seinem Arbeitskreis und die Architekten des Planungsbeirates zur weiteren ehrenamtlichen Mitarbeit bei hinlänglich bekannten Themen wie Ausgestaltung der Fußgängerzone, Verkehrsführung im Ring einschließlich Busverkehr und Entwicklung eines Verkehrsleitsystemes. Hinzuweisen ist noch auf ein bislang ungeklärtes Problem: Wie kann das hervorragende Wandrelief im Eingangsbereich der alten Landeszentralbank nach deren Abbruch erhalten und gesichert werden? Das Kunstwerk von Paulamaria Walter mit dem Titel „Das Gleichnis vom anvertrauten Geld“ gehört zu den bedeutenden Villinger Zeugnissen der Zeit unmittelbar nach dem zweiten Weltkrieg. Bernhard Fabry hat das große, mehrteilige Relief in seinem Buch „Neue Kunst in alter Stadt, Skulptur und Architektur seit 1945 in Villingen-Schwenningen“ eingehend gewürdigt.

 

 

„Das Gleichnis von den anvertrauten Pfunden“ hat die Bildhauerin Paulamaria Walter das Kunstwerk genannt, das das Gebäude der ehemaligen Landeszentralbank in der Vöhrenbacher Straße 3 schmückt. Für den Erhalt des Reliefs bei der Neugestaltung des Riettor-Vorplatzes setzt sich der GHV mit Nachdruck ein.

Der Arbeitskreis im Geschichts- und Heimatverein wird sich mit allem Nachdruck für die voll- ständige Erhaltung und Wiederverwendung des Reliefs an geeigneter und gleichwertiger Stelle ein- setzen, die rechtliche Sicherung muss deshalb noch vor Erteilung der Abbruch- und Baugenehmigungen erfolgen.