Die Theaterkulissenfunde –ein historischer Kultur-Krimi aus Villingen (Ina Sahl)

Auf der Bühne ist es noch ruhig, aber um die Kulissen herum geht es bereits hoch her. Denn diese Fragmente einer Bühnengestaltung sind ein ganz besonderer Fund aus der Zeit des klösterlichen Schultheaters in Villingen. Bereits vor der Jahrtausendwende wurden die in 167 Einzelbretter zersägten, beidseitig bemalten Bretter einer Bühnendekoration im Zuge von Umbaumaßnahmen im Dachgeschoss des Hauses Kanzleigasse 3 in der Villinger Altstadt entdeckt. Die Eigentümer erkannten die Besonderheit der Bretter mit Bemalung und übergaben die Sammlung 2004 den städtischen Museen Villingen-Schwenningen. Diese übernahmen dafür die Aufgabe, sich um den Erhalt der Malerei zu kümmern, die sich in einem dramatisch schlechten Zustand befand, da sie fast sämtlich von den Holzbrettern abzufallen drohte. Neben der Rettung durch konservatorische Maßnahmen hat es sich seit 2011 eine etwa 15-köpfige Fachgruppe aus Kunsthistorikern, Archivaren, Theaterwissenschaftlern, Restauratoren und Bauforschern zur Aufgabe gemacht, das Geheimnis der Herkunft, Funktion und Verwendung dieser Bretter zu lüften. Im Spätherbst 2013 werden die Ergebnisse dieser fast als kriminalistisch zu beschreibenden Spurensuche dann im Rahmen einer Sonderausstellung im Franziskanermuseum in Villingen zu sehen sein.

Was ist nun das Besondere an diesem Fund Villinger Stadtgeschichte, der vermutlich in die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts zu datieren ist? Auf den ersten Blick scheinen die zersägten Holzkulissen mit ihren zum Teil recht einfachen und stereotypen Leimfarbenmalereien keine sensationelle Entdeckung zu sein. Was diese bemalten Bretter jedoch so spannend und besonders macht, ist die Tatsache, dass sie zum einen Licht und neue Erkenntnisse in das Kapitel der Stadtgeschichte des Franziskaner- und Benediktinerklosters und des dort praktizierten Schullebens bringen können. Vor allem aber sind sie einzigartig, weil nach dem derzeitigen Stand der Forschung kein anderes erhaltenes Beispiel einer massiven hölzernen Bühnendekoration eines klösterlichen Schultheaters europaweit bekannt ist. Allein in Stift Lambach in Oberösterreich ist überhaupt eine Bühnenausstattung aus dem klösterlichen Bereich bekannt. Schriftliche Quellen sind vielerorts überliefert, aber der materielle Bestand ist verloren gegangen. Natürlich kennt man historische Kulissen, vor allem aus dem höfischen Bereich, sei es Schloss Ludwigsburg oder Bruchsal, aber diese Bühnenelemente bestehen sämtlich aus bemalten Leinwänden, die auf Holzrahmen aufgespannt sind oder gerafft werden. Ein Forschungsthema ist unter anderem, in wie weit sich Bezüge aufgrund technologischer Merkmale zu Heilig-Grab-Installationen herstellen lassen, die ebenfalls auf hölzernen Trägern gemalt wurden. Auch historisch und stadtgeschichtlich haben die Theaterbretter weitere Fragen aufgeworfen. So wird zur Zeit erforscht, ob sich Hinweise zu dem ursprünglichen Verwendungsort – vom Fundort aus nur ein paar Häuser die Straße hinauf – zum damaligen Benediktinerkloster verdichten lassen.

Diesen Sommer wurde das Wagnis unternommen, eine ausführlichere Untersuchung der fragilen, zum Teil noch nicht restaurierten Einzelbretter durchzuführen. Eines der wichtigsten Ergebnisse war die Zuordnung der meisten Bretter zu einem der insgesamt fünf verschiedenen Szenenbilder. Eine besondere Herausforderung bot dabei die doppelseitige Bemalung der meisten Tafeln, die zusammen mit der zweischichtigen Übermalung der jeweiligen Tafelseiten die mehrjährige Verwendung dieser Holzbretter zu Theaterzwecken belegt.

Waldszene mit einer Gesamthöhe von etwa 2,20 m, zusammengesetzt aus bereits konservierten und noch nicht bearbeiteten Brettern.

 

 

Detail eines Eichhörnchens der Waldszene. Das Ausmaß der verloren gegangenen Malschichtpartien lässt den fragilen Zustand erahnen.

 

Klar ist, dass die Szenenbilder nicht vollständig vorhanden sind, sondern die „zusammengepuzzelten“ Versatzstücke mehr oder weniger lückenhaft bleiben. Dennoch ist so viel Material vorhanden, dass sich dem Betrachter das Gesamtbild erschließt und die Lücken vielmehr der Fantasie zur Vervollkommnung des Bildes dienen.

Verwendet wurden grob zugerichtete Bretter verschiedener Hölzer, die in flotter, auf Fernsicht ausgerichteter Malweise von unterschiedlich begabten Malern ausgeführt wurden. Es gibt einen Palast, dessen Wände mit Vorhängen, Balustraden und marmorierten Säulen in rot-grünen Farbtönen ausgestattet sind. Eine andere Wandgestaltung besteht aus blau-rosa Vertäferungen, zu denen Medaillons gehören, die mit kleinen Landschaften ausgeschmückt sind. Auf der Palastrückseite sowie einer weiteren Szene erheben sich urwüchsige Wälder, die in einen blauen Himmel ragen. Ganz konträr dazu präsentiert sich eine Szene mit formgeschnittenen Bäumen eines durchgestalteten Gartens. Auf einer Tafelrückseite fügt sich das Bild zu einem großen grau-schwarz gemusterten Vorhang zusammen. Sehr schön ist eine Stadtansicht mit perspektivischen Fluchten und Torbögen. Rätselhaft bleibtdagegen eine Tafel mit Totenköpfen, die sich in keine der Szenen einfügen lässt.

Das größte Problem, vor das sich das Team der Forschenden gestellt sieht, ist der höchst fragile Zustand der Malschicht. Durch den Abbau des leimhaltigen Bindemittels und die mechanischen Beschädigungen während der Spätverwendung als Bauholz blättert und pudert die Malerei stellenweise bei kleinsten Berührungen und Erschütterungen ab. Wichtigstes Ziel ist daher die konservatorische Bearbeitung der einzelnen Bretter, um den vorhandenen Bestand zu sichern und zu erhalten und ihn durch Reinigung der stark verschmutzten Oberflächen präsentierbar zu machen. Diese Arbeit, die von der Stuttgarter Restauratorin Daniela Hedinger seit der Auffindung und Bergung der Tafeln durchgeführt wird, ist ein aufwendiger Prozess. Das Festigungsmittel muss durch die feinen Risse des Krakelees und entlang der ausgebrochenen Kanten zwischen Malschicht und Holztafel manövriert werden, ohne sich auf der Oberfläche anzusammeln. Das Ergebnis dieser zeitaufwendigen Arbeitsweise, die gleichzeitig mit einer Reinigung der Oberfläche von Schmutz und Staub einhergeht, bringt neben der Sicherung der Malschicht die ursprüngliche Farbigkeit zum Vorschein, die wesentlich kräftiger und intensiver ist als die des Fundzustandes.

Naturwissenschaftliche Untersuchungsmethoden wie die Dendrochronologie sollen eine genauere zeitliche Einordnung erlauben. Zahlreiche Details führen auf die Spur von möglichen Formen der Montage, der Anordnung auf der Bühne und überhaupt der einrahmenden Funktion des darin gebotenen Schauspiels. Doch nicht alle Fährten lassen sich bis ans Ende verfolgen und bewahren dem Objekt das Maß an Geheimnis, welches es uns erst recht als reizvoll erscheinen lässt.

Sorgsamer Umgang ist beim Sichten der Bretter gefragt.

 

Das Projekt bedeutet für die städtischen Museen seit 2004 einen allein aus dem städtischen Budget nicht zu finanzierenden Kostenfaktor. Dank der großzügigen Unterstützung von Sponsoren und Spendern, zu denen auch der Geschichts- und Heimatverein Villingen zählt, befindet sich das Projekt jedoch auf bestem Wege und strebt der Rückkehr auf die Bühne im kommenden Jahr zielstrebig entgegen. Die Ausstellung im Franziskanermuseum vom 23. November 2013 bis zum 16. Februar 2014 wird die abenteuerliche Fundsituation und die Forschungsarbeiten zum ursprünglichen Zusammenhang der Kulissen als „Wissenschaftskrimi“ in Szene setzen. Statt fertige Wahrheiten zu verkünden, werden die Beiträge der an der Rettung und an den Recherchen Beteiligten als Einblicke in ein laufendes Ermittlungsverfahren präsentiert. Zur Entschlüsselung der vielen Rätsel um die Tafeln öffnen sich so immer weiter reichende Perspektiven von der Villinger Kloster- und Theatergeschichte über die barocke Theaterlandschaft des deutschen Südwestens bis hin zur alemannischen Fastnacht oder zum westlichen Bild des Orients.