Nachruf auf Klaus Ringwald (Redaktion)

Predigt von Dekan i. R. Kurt Müller am 9. Dezember 2011 in der Pfarrkirche St. Urban in Schonach

Abb. 1: Klaus Ringwald bringt die frisch gegossene Büste von Generalvikar Robert Schlund.

 

Verehrte Trauergemeinde,

wir haben Prof. Klaus Ringwald zu seinem Grab begleitet. Es war sein Wunsch, dass ich – als ehemaliger Villinger Münsterpfarrer – in der Eucharistiefeier einige ihn ehrende Gedanken formuliere. Persönlich bin ich Klaus Ringwald erst 1980 im Zusammenhang mit der Münsterrenovation begegnet.

Eines seiner frühen Werke aber war mir seit 1973 – dem Beginn meiner Tätigkeit in Villingen – bekannt. Viele Male habe ich in der Friedhofskapelle mit meinen Ministranten eine Verbeugung gemacht vor dem Kreuz, von dem mir gesagt worden war, es sei eines der ersten Werke eines Klaus Ringwald aus Schonach.

Dieses Kreuz (Abb. 2) zeigt nicht den Gekreuzigten. Den Schnittpunkt der Kreuzesbalken schmückt eine große, aufgeschnittene Amethystendruse. Eine Druse ist eine von außen gesehen unscheinbare Gesteinsblase. Wird sie aufgeschlagen, dann kommt zum Vorschein ein leuchtender Schatz darin enthaltener Edelsteine. So ein Gebilde am Kreuz lehrt doch augenscheinlich: Ein gemarterter Mensch wird zu Tode gebracht, ein scheinbar nur trauriges, tragisches, inhumanes Geschehen. Die tiefe Wahrheit lehrt uns Christen jedoch: Im Tod wird der verborgene Reichtum des Gekreuzigten offenbar: Sein unzerstörbares Leben, sein Sieg über die Mächte der Finsternis, seine Auferstehung erweist ihn als Sieger und Erlöser aller Welt.

Abb 2: Amethystendruse am Kreuz in der Villinger Friedhofskapelle.

 

Abb. 3: Silberrelief am Zelebrationsaltar des Villinger Münsters.

Wir haben soeben unseren Bruder Klaus Ringwald wie alle anderen Menschen ins Grab gelegt, das eigentlich das irdische Ende markiert. Ich möchte aber sagen: Klaus Ringwald ist zwar von uns gegangen, aber wie die Druse, die aufgeschlagene Gesteinsblase, liegt nun offen vor uns sein künstlerisches Lebenswerk. Ich möchte sagen: Wie funkelnde Edelsteine markieren seine Werke viele Punkte Europas, sichern seinen Lebensweg, sein Itinerar: Canterbury – Paris – Berlin – Westerwald – Mannheim – Stift Neuburg bei Heidelberg – Speyer – Waghäusel – Kork – Freiburg – Säckingen – Singen – Rötenbach – Donaueschingen – Bad Dürrheim und eine große Zahl seiner Opera in Villingen. Wer zukünftig am bescheidenen Grab von Klaus Ringwald in seiner Heimat steht, soll sich dieser edlen Leuchtspur bewusst bleiben, die der Verstorbene in unserer Heimat, ja in Europa hinterlegt hat, so dass wir Klaus Ringwald mitgemeint denken, wenn wir im Buch der Weisheit (3,1) lesen, „Die Seelen der Gerechten sind in Gottes Hand, denn ihre Werke folgen ihnen nach.“

Mit einer bewundernswerten geistigen und körperlichen Schaffenskraft hat Klaus Ringwald sein zum großen Teil in Erz gegossenes Lebenswerk vollbracht. Neben seinen liebenswürdigen Tiergestalten erkenne ich drei Felder, auf denen sich seine Kreativität entfalten konnte. Das sind:

Sternstunden geschichtlicher, politischer und kirchlicher Ereignisse – dann Lebensbilder, Biografien in beeindruckenden Porträts – und schließlich Schlüsselszenen aus dem Alten und Neuen Testament. Dieses reiche, ihn hoffentlich lang überdauernde Œuvre lässt vordergründig den Meister als Titan, Hephaistos erscheinen, so wie den Stier, den er für Kork geschaffen hat. Es gab zwar Situationen, in denen er das Haupt geneigt hielt und – wenn er Hörner an der Stirn hätte, auch zustoßen wollte.

Aber eigentlich, und ich glaube, ihn schon ein bisschen gekannt zu haben, ist sein Wesen mit einem anderen gehörnten Tier vergleichbar. Am Zelebrationsaltar des Villinger Münsters hat er den in Silber gegossenen Hirsch (Abb. 3) hinterlassen, von dem es im Psalm 42 heißt: „Wie der Hirsch lechzt nach frischem Wasser, so lechzt meine Seele, Gott, nach dir.“ Die frühe Kirche hat den nach frischem Wasser lechzenden Hirsch immer auf die Taufe hin gedeutet. Der fragende Mensch ist auf der Suche nach Wahrheit, Licht und Leben. Das ist auch unschwer am Werk von Klaus Ringwald abzulesen: Die Suche, das Tasten, das Forschen und Aufspüren von gültiger Form, von Wahrheit, Schönheit und Leben. Sein Werk offenbart in vielen Details etwas von der inneren Verfasstheit, von der Webart seines Gemüts. Zwei Beispiele dafür möchte ich nennen.

Am Münsterportal im Bild des Stalls von Bethlehem sehen wir den neugeborenen Jesus nackt, verletzlich, ausgeliefert, eigentlich wehrlos, schutzlos, aber in den ausgestreckten Händen der Mutter Maria. (Abb. 4) Ihr Gesicht strahlt buchstäblich von Zuwendung, Fürsorge, Liebe, Geborgenheit und Trost. Klaus Ringwald hat da etwas ins Bild gebracht aus seiner eigenen Sensibilität, Verletzlichkeit und Schutzlosigkeit. In der frühen Kindheit hat ihm Wesen und Zuneigung von Großmutter und Mutter die innere Geborgenheit geschenkt, nach der er weiter lebenslang gesucht hat.

Für mich ist ein zweites Detail wichtig. Am Südportalflügel, der Johannes dem Evangelisten geweiht ist, findet man bei der Darstellung vom letzten Abendmahl eine ganz expressive Szene von Freundschaft (Abb. 5). Der junge Johannes schmiegt sich ganz nah an die Seite des Herrn. Mit großen, fragenden und bittenden Augen hängt Johannes an Gesicht und Mund seines Herrn. Das ist ein konstitutives Merkmal am Wesen von Klaus Ringwald selber. Seine Suche nach Kontakt und Freundschaft bei Gleichgesinnten oder Fragenden und Suchenden. Keines seiner Werke ist entstanden auf einen schriftlichen oder telefonischen Auftrag hin, der dann in der Stille des Ateliers gefertigt worden wäre. Immer waren persönliche, menschliche Kontakte mit Auftraggebern und Förderern die wichtige Begleitung des Schaffenden. Mit der Zahl der Werke ist somit auch lebenslang die Reihe der Freunde und Geistesverwandten europaweit gewachsen.

Abb. 5: Detail vom Abendmahlsbild am Südportal.

 

Und nun haben wir ihn ins Grab gelegt. Wir Christen glauben, dass mit Sterben Auferstehen verbunden ist und das Erscheinen vor dem wertenden und richtenden Herrn Jesus Christus. Klaus Ringwald steht nicht allein und schutzlos vor Gottes Gericht. Märtyrer, deren Leben er studiert und deren Porträts er liebevoll in Bronze gegossen hat, begleiten ihn und legen Fürsprache ein für ihn: Rupert Meyer, Edith Stein, Martin Feuerstein. Vielleicht auch die beiden Erzbischöfe Hermann Seiterich und Hermann Schäufele und der von ihm sehr verehrte Generalvikar Robert Schlund. Ich wünsche unserem Klaus Ringwald, dass er in der Gestalt des Weltenrichters den wiedererkennt, den er überlebensgroß, meisterhaft am Eingangstor zur Kathedrale von Canterbury als „WELCOMING CHRIST“ geschaffen hat (Abb. 6). Diese Plastik hat nichts mehr an sich von den Spuren der Passion, auch nichts Furcht einflössendes, sondern nur Würde, Hoheit, und die wunderbar geformten Hände heißen willkommen mit großem Erbarmen, Verständnis und Freundschaft.

Ich vermute, wenn Klaus Ringwald Jesus Christus, den er so oft in Erz gegossen hat, persönlich begegnet, dann wird er sich nicht vorstellen: Prof. Klaus Ringwald aus Schonach im Schwarzwald-Baar-Kreis. Er wird sich vermutlich melden, wie ich es oft an der Sprechanlage des Münsterpfarrhauses gehört habe. Er wird sagen: Da ist der Klaus vom Wald. Als solchen wollen wir ihn in Erinnerung behalten.

Abb. 6: Christusfigur am Christ Church Gate in Canterbury.