Die Villinger Stadtmauer (Bertram Jenisch)

Gedanken zum größten Denkmal der Stadt

Abb. 1: Luftbild da Stadt Villingen von Nordwest. (Foto: Landesamt für Denkmalpflege, Braasch)

 

Die Reste der Befestigungsanlage Villingens stel­ len noch heute das beeindruckendste profane Bauwerk des Mittelalters in der Stadt dar. Nebengewährte, hatte sie im Mittelalter vor allem eine rechtliche Bedeutung. Die Stadtmauer ist für Historiker eines der eindeutigen Kriterien der dem Schutz, den sie den Bewohnern Villingens Stadt, die sie von einer ländlichen Siedlung unter scheidet. Sie schied den bevorrechteten Siedlungsraum und Marktort im Brigachbogen vom Umland ab. Die Funktion als Grenze von Rechtsbereichen wird aus einer Begebenheit aus dem Jahr 1315 deutlich. Bei einem Streit über Grundbesitz auf der Villinger Gemarkung musste Graf Egon von Fürstenberg in der doppelten Funktion als Villinger Stadtherr und zugleich Landgraf der Baar zu Gericht sitzen. Die Schwierigkeit, die sich daraus ergab, löste er, indem er sein Landgericht „auf dem Graben in Villingen“, also unmittelbar auf der Grenze des eximierten Stadtbezirks, abhielt.

Die Stadtmauer ist aber auch zugleich eines der größten Kulturdenkmale im Stadtgebiet, das aufgrund seiner Eintragung in das Denkmalbuch als Denkmal von besonderer Bedeutung nach §12 DSchG geschützt ist (Abb. 1). Der Erhalt der Reste der Stadtbefestigung ist daher ein besonderer Auftrag und Herausforderung für Kommune und Denkmalpflege.

Abb. 2: Villingen. Ausbau der Stadtbefestigung im 16. Jahrhundert. 1 Innere Stadtmauer mit vorgelagertem Graben, 2 Niederes Tor, 3 Oberes Tor, 4 Riettor, 5 Bickentor, 6 Romäusturm, 7 Kaiserturm, 8 Elisabethenturm, 9 Türmle, 10 „Fülle“ mit vorgeblendeter Stadtmauer und äußerem Stadtgraben, 11 „Rondelle“ an der äußeren Stadtmauer, 12 „Pulverrondelle“ an der inneren Stadtmauer.

 

Zu Alter und Struktur der ursprünglichen Stadtbefestigung 

Die wenigen Schriftquellen, die bis zum Ende des 13. Jahrhunderts zur Stadtgeschichte vorliegen, lassen allein keine gesicherten Aussagen zum Alter der Stadtbefestigung zu. Sie enthalten keine Hinweise zu einem Mauerbau. Die Urkunden überliefern wie bei den meisten anderen Städten kaum Angaben, die über die Ortsnennung und handelnde Personen hinaus gehen. Erst seit dem 16. Und 17. Jahrhundert gibt es Bildquellen und Pläne, welche die Stadtbefestigung Villingens darstellen. Sie zeigen die voll ausgebildete Stadtbefestigung mit einem doppelten System aus zwei Mauern und vorgelagerten Gräben. Die Stadt war durch vier Tortürme mit Vortoren zu betreten. An der Inneren und Äußeren Stadtmauer sind zahlreiche Türme und Bastionen angebaut (Abb. 2 u. 4). Dieser überlieferte Zustand der Stadtbefestigung ist das Ergebnis verschiedener Ausbauten, die es mit archäologischen und baugefügekundlichen Methoden aufzuschlüsseln gilt. In Villingen kann dies auf der Grundlage eines reichen Bestands von Schriftquellen und zahlreichen archäologischen Aufschlüssen erfolgen, die seit 1943 dokumentiert worden sind.

Die lokale Geschichtsforschung ging lange davon aus, dass ein Teilerlass der von der Stadt zu zahlenden Abgaben im Reichssteuerverzeichnis von 1241 als Fördermaßnahme für den ersten Mauerbau zu werten ist. Der staufische Schultheiß Schenk Konrad von Winterstetten hätte demnach den Bau der Befestigung während der kurzen Zeit Villingens als Reichsstadt initiiert. Da die legendäre Gründung der Stadt jedoch für das Jahr 1119 überliefert war und man sich eine unbefestigte Stadt nicht vorstellen konnte, vermutete man eine ältere Wallanlage mit einer Palisade, die Villingen zuvor umgeben habe. Diese Schlussfolgerung ist jedoch nicht zwingend, da bedeutende Städte erst im 13. Jahrhundert, oft erst deutlich nach der Stadtentstehung befestigt wurden. Obwohl der Mauerbau häufig lange vor der ersten schriftlichen Nennung erfolgte, wie etwa in der Nachbarstadt Schaffhausen archäologisch nachgewiesen, scheint es auch Städte gegeben zu haben, die in ihrer Frühzeit nicht oder nur teilweise befestigt waren. Die archäologischen Aufschlüsse in entsprechenden Bereichen Villingens legen nahe, dass es die vermutete Wall-Graben-Befestigung vor Errichtung der ältesten Stadtmauer nicht gegeben hat.

Das älteste sicher nachweisbare Element der Stadtbefestigung ist die Innere Mauer, die eine Fläche von 23,5 ha umschloss (Abb. 2, 1). Da wie erwähnt keine schriftlichen Quellen zum Mauerbau vorliegen, kommen wir einer Datierung nur durch verschiedene archäologische Aufschlüsse näher. An der Gerberstraße 53 –57 wurde um 1169 ein erstes Gebäude errichtet. Der Fachwerkbau war auf die nördlich davon verlaufende Ankergasse ausgerichtet, die zu diesem Zeitpunkt ein Verbindungsweg zur so genannten „Villinger Altstadt“ mit der Pfarrkirche jenseits der Brigach war. In der auf dieser Parzelle nach 1210 zu datierenden zweiten Siedlungsphase wurde das Gebäude abgebrochen und durch einen Steinbau ersetzt. Dieser war nun zur Gerberstraße hin orientiert. Der Grund dafür ist vermutlich der Bau der Stadtmauer, durch den die ursprüngliche Wegeverbindung gekappt wurde und in Teilbereichen eine Neustrukturierung des älteren Straßensystems erforderlich machte. Diese Beobachtung deckt sich mit der Verlegung von Gewerbebetrieben aus dem südlichen Stadtbereich in Bereiche außerhalb der Stadtbefestigung. Exemplarisch ist hier der Kalkbrennofen an der Niederen Straße im Bereich des späteren Kapuzinerklosters zu nennen. Ein weiteres Indiz auf das Alter der ursprünglichen Stadtbefestigung sind die Funde aus den Verfüllschichten des Inneren Grabens, die nicht vor das frühe 13. Jahrhundert datiert werden können. Der Bau der Mauer lässt sich somit indirekt in die Zeit um, bzw. kurz nach 1200 eingrenzen.1

Letzte Gewissheit über die Bauzeit lieferten dendrochronologische Untersuchungen aus der Stadtmauer. In einem Mauerstück östlich des Oberen Tors (östlich Obere Straße 30) wurden mehrere Gerüsthölzer bzw. Verankerungshölzer für Gerüste geborgen, die in die Zeit um 1209/10 datiert werden konnten.2 Zusammenfassend kann man also davon ausgehen, dass die Innere Stadtmauer im ausgehenden 12. und beginnenden 13. Jahrhundert erbaut wurde, der Bau erfolgte demnach noch in die Zeit der zähringischen Stadtherrschaft.

Die Befunde der Ausgrabungen an der Kanzleigasse und am Niederen Tor belegen, dass die Innere Stadtmauer auf Geländehöhe etwa 1,5 –2,0 m mächtig ist und ohne Fundament auf der Grabensohle aufsitzt. Über weite Strecken ist zu beobachten, dass sich die Mauer nach oben hin verjüngt. Das Baumaterial besteht überwiegend aus den lokal anstehenden hellbraunen Steinen des Oberen Muschelkalks, vereinzelt finden sich auch dunkelrote Buntsandsteine und rundliche Wacken. Der Mauerverband und das Steinmaterial sind unregelmäßig. Im größten Teil der östlichen Mauerpartien ist eine mittige Fuge zu erkennen, die darauf hinweist, dass die Mauer dort in zwei Abschnitten errichtet wurde. In Bereichen bei denen die Innenansicht frei sichtbar ist, kann man einen Absatz beobachten, der auf einen bis in das 18. Jahrhundert erhaltenen, mit einer Holzlaube gedeckten Wehrgang hinweist (Abb. 3). Durch baugefügekundliche Beobachtungen wurde in Teilbereichen Reste der ursprünglichen Zinnenbekrönung erkannt.3 Dabei wurde auch festgestellt, dass im Spätmittelalter die Innere Stadtmauer verputzt war.

Der Raum hinter der Mauer ist durch abgelagertes Material des Grabenaushubs etwas erhöht. Dieser unbebaute Geländestreifen hielt den Zugang zur Mauer für die Verteidiger offen. Er befindet sich zum größten Teil noch heute in städtischem Besitz und zeichnet sich deutlich im Katasterplan ab. Offenbar hatte er eine ähnliche Funktion wie der in Basel, Freiburg oder Offenburg nachgewiesene erhöhte „Rondenweg“, oder „Zinnengarten“ hinter der Stadtmauer.

Der vorgelagerte Sohlgraben war nur 2,5 m tief, aber etwa 15 m breit. Er wurde innen durch die Stadtmauer und am äußeren Rand durch eine einschalig gegen die Grabenkante gesetzte Futtermauer gestützt (Abb. 4).

Abb. 3: Absatz an der inneren Stadtmauer weist, wie im Bereich des Käferbergles, auf einen ehemaligen Wehrgang hin.

Die Innere Stadtmauer Villingens scheint aus einem Guss zu sein und zeigt keine Ausbauphasen. Der Bau erfolgte offenbar mit zentraler Planung in einem Zuge. Diese städtische Großbaustelle im Mittelalter hatte beachtliche Ausmaße. Die 1899 m lange Innere Stadtmauer erreichte von der Grabensohle bis zur Mauerkrone eine Höhe von ca.

10 m und war etwa 1,7 m mächtig. Das Volumen der darin verbauten Steine beträgt etwa 32.000 m³. Der Graben ist 15 m breit und 2,5 m tief, sein Aushub hat demnach ein Volumen von 71.250 m³. Die großen Kieswacken aus dem Aushub dienten als Baumaterial im Füllmauerwerk der Stadtmauer und im städtischen Hausbau, große Teile des Feinkieses wurden hinter der Mauer einplaniert und zeichnen sich noch heute als leichte Bodenwelle ab.

Durch Rechenmodelle ist annäherungsweise zu ermitteln, wie lange die Villinger an diesem Projekt gearbeitet haben. Heute geht man davon aus, dass eine Person ohne maschinelle Hilfe den Erdaushub von 1 m³ innerhalb von 2,5 Stunden bewältigt. Um 1 m³ Bruchsteinmauerwerk aufzusetzen benötigt ein Maurer etwa 6 Stunden. Bezieht man diese Vorgaben auf die Errichtung der Villinger Stadtmauer, würde bei einer Arbeitsleistung von effektiv 6 Stunden pro Tag an 220 Arbeitstagen pro Jahr eine Person 309 Jahre beschäftigt sein. Bei diesem Zeitansatz sind der nicht zu unterschätzende Aufwand für Beschaffung und Transport des Baumaterials sowie Unterbrechungen durch äußere Einflüsse nicht berücksichtigt. Bei einem realistischen Ansatz von einem Bautrupp von ca. 25 bis 30 Personen wären die Errichtung der Inneren Ringmauer und der Grabenaushub in einer Bauzeit von 10 bis 15 Jahren erfolgt.

Der erste Ausbau der Wehranlage – Die Tortürme Während die ursprüngliche Mauer an den vier Zugängen zur Stadt vermutlich nur einfache Tore aufwies, kamen im 13. Jahrhundert Tortürme hinzu, von denen heute noch drei erhalten sind. Alle Tore sind in Bezug auf die Stadtmauer 5 bis 7 m zurückversetzt errichtet worden, um die Nutzung der Durchgänge während der Bauzeit zu ermöglichen. Durch den späteren Anschluss an die Wehrmauer entstand, durch den Bauablauf bedingt, wie in zahlreichen anderen Städten eine Torkammer. Die Tore sind auf die Hauptstraßenachsen ausgerichtet und stehen daher schräg zum Stadtmauerverlauf.

Alle drei erhaltenen Tortürme gleichen sich trotz späterer Veränderungen in ihrer Grundstruktur sehr. Sie sind auf einem annähernd quadratischen Grundriss von 11 m Breite und 8,5 m Breite errichtet, unterscheiden sich jedoch in der Höhe. Das Obere Tor ist 22 m, das Riettor ist 20 m und das Bickentor ist 18 m hoch. Für das abgebrochene Niedere Tor ist keine Höhe überliefert.

Das älteste datierte Stadttor ist im Westen das Riettor, dessen bauzeitlicher Sturzbalken des Tores aus Eiche 1232/33 gefällt wurde (Abb. 2, 4). Die Balken über dem 1. Obergeschoss wurden 1497/98 erneuert. Archivalien belegen einen teilweisen Abbruch des Tores 1533, eine Bauinschrift datiert eine umfangreiche bauliche Umgestaltung, die sich im Baugefüge abzeichnet, in das Jahr 1541. Sämtliche untersuchten Hölzer über dem 1. Obergeschoss – Gebälk, Dachwerk, Gerüsthölzer der stadtseitigen Verbauung – weisen Fälldaten zwischen 1532 und 1540 auf.

Abb. 4: Villingen. Schematischer Schnitt durch die spätmittelalterliche Stadtbefestigung. 1 Torturm, 2 innere Stadtmauer, 3 innerer Graben, 4 „Fülle“ mit vorgeblendeter äußerer Stadtmauer, 5 Vortor, 6 äußerer Graben.

Ein Bauholz über dem Durchgang des im Osten gelegenen Bickentores (Abb. 2, 5) weist auf eine Errichtung um 1260 hin. Das Innengerüst und Dachwerk wurde vermutlich im 16. Jahrhundert völlig erneuert. Im 2. Obergeschoss befinden sich Reste einer hölzernen Gefängniszelle, deren Schwellholz die Jahreszahl 1541 trägt.

Für das Obere Tor (Abb. 2, 3 und Abb. 5) konnte aufgrund der nachhaltigen Umbauten kein Baudatum ermittelt werden, der Bauform nach ist es aber wie die anderen Tore in das 13. Jahrhundert zu setzen. Der Bau der Villinger Tortürme erstreckte sich den überlieferten Baudaten zufolge über den Zeitraum von 1230 bis nach 1260.

Gegen Ende des 14. Jahrhunderts wurde der Villinger Stadtmauerring durch weitere Tortürme verstärkt. Südlich des Bickentores entstand der in der Flucht der Stadtmauerflucht gelegene Kaiserturm (Abb. 2, 7), der inschriftlich auf 1372 datiert ist. Dieses Datum findet eine Entsprechung in dem dendrochronologisch in die Zeit 1370/71–1372 datierten Gebälk. Im vierten Obergeschoss enthält der Turm eine hölzerne Wächterstube mit Bretterbalkendecke, die als eine der wenigen im Original erhaltenen Turmstuben in Südwestdeutschland gelten darf. Von außen zeichnet sich diese Stube durch eine Gruppe von Bogenfenstern ab.

Südlich des Riettores wurde die Ringmauer durch den Romäusturm (ehemals Michaelsturm) verstärkt (Abb. 2, 6). Sein unterer Teil, der seit dem 16. Jahrhundert als Gefängnis genutzt wurde, entstand 1390/91, während der obere Teil 1429/30 aufgesetzt wurde. Zum Bau des Turmes wurde eine Bresche in die Ringmauer geschlagen. Der Turm ist auf einem Grundriss von 10 x 10 m errichtet und erreicht die stattliche Höhe von 39 m. Das prachtvolle Buckelquadermauerwerk ist ein bewusster Rückgriff auf archaische Bauformen, mit der die Villinger wohl ihren Status betonen wollten.

Abb. 5: Das Obere Tor wurde in der Mitte des 13. Jahrhunderts errichtet.

 

Um 1400 wurden zwei weiter Wachtürme errichtet, die in ihrer Größe etwa dem Kaiserturm entsprachen. Für das Elisabethentürmchen (Abb. 2, 8), zwischen Romäusturm und Riettor gelegen, ist kein Baudatum überliefert. Das vermutlich umgestaltete Dachwerk datiert um 1493/94. Das so genannte „Türmle“ wurde beim damaligen Pfleghof des Klosters St. Georgen errichtet (Abb. 2, 9). Seine Sockelgeschosse bilden heute den Turm der Benediktinerkirche.

Der Zweite Ausbau der Wehranlage – äußerer Mauerring und Rondelle

Im 15. Jahrhundert führte die weiterentwickelte Belagerungstechnik – mit zunehmendem Einsatz von Artillerie – zu einer heute nicht mehr vorhandenen Verstärkung der damals wehrtechnisch veralteten Villinger Stadtbefestigung. Ab der Mitte des 15. Jahrhunderts erfolgte die Errichtung eines zweiten, äußeren Mauerrings mit einem dahinterliegenden Wehrgang („Fülle“) und einem vorgelagerten Graben (Abb. 4, 4). Die äußere Stadtmauer war nur 7 m hoch und damit deutlich niedriger als die alte Ringmauer. Den Tortürmen waren Vortore, die ebenfalls nur halb so hoch als die alten Tortürme waren, vorgelagert. Der äußere Graben war ähnlich angelegt wie der ursprüngliche Graben und war 15 m breit. Der Grabenaushub war vor dem Graben zu einem 7 m breiten Wall aufgeschüttet.

Noch in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts wurden an die äußere Mauer vier halbkreisförmige „Rondelle“ als Geschützstellungen angebaut (Abb. 2, 11). Während des „Schweizer Krieges“ erstellte man 1499 vier weitere „Pulverrondelle“ an der inneren Stadtmauer (Abb. 2, 12).So gerüstet war die Stadt in der Lage, während des 30-jährigen Krieges drei Belagerungen nahezu unbeschadet zu überstehen. In den Jahren zwischen 1660 und 1670 wurden Kriegsschäden beseitigt und Mauerzüge verstärkt. Südlich des Romäusturmes wurde zwischen 1678–84 eine Schanze, das so genannte „Bügeleisen“ errichtet. Dieser erste Schritt eines geplanten bastionären Ausbaus der Villinger Befestigung war der Versuch, die Befestigungsanlage der neuen Kriegstechnik anzupassen. Der österreichische Festungsbaumeister Johann Baptist Gumpp legte 1692 einen Plan zum Ausbau der Villinger Befestigung vor, dessen Umsetzung durch den spanischen Erbfolgekrieg verhindert wurde. Nachdem Habsburg die Festung Feiburg wieder gewonnen hatte kam der Ausbau Villingens nicht mehr zur Ausführung. 1709 wurden lediglich Kriegsschäden beseitigt und 1713 im Franziskanergarten eine Geschützrampe angelegt. Als letzte Baumaßnahmen wurden 1737 dringende Reparaturen durchgeführt. Im Österreichischen Erbfolgekrieg war das System der Stadtbefestigung offensichtlich derart veraltet, dass die Stadt 1744 kampflos den Franzosen übergeben wurde. Nach der Mitnahme des städtischen Geschützparks hatte Villingen seine militärische Bedeutung verloren.

Die Entfestigung

Nachdem die Wehranlage um Villingen nicht mehr als solche genutzt wurde, legte man in den Gräben Gärten an, schon 1789 pflanzte man Obstbäume auf der „Fülle“. Die einzelnen Wallabschnitte waren zu dieser Zeit noch im Besitz der Zünfte, die zuvor für deren Verteidigung zuständig waren. Sie mussten auch bis zum Erwerb durch die Stadt im 19. Jahrhundert, für die Instandsetzung der Mauern sorgen. Den Ratsprotokollen des frühen 19. Jahrhunderts ist zu entnehmen, dass Bürger wiederholt den Rat baten, Teile der Mauer abzureissen, Mauerdurchbrüche zu schaffen, Wälle einzuebnen, den Graben aufzufüllen und Tordurchgänge zu verbreitern. Die Beschlüsse fieleneinstimmig zugunsten des Abbruchs aus, da die Mauern eine Ausdehnung der Stadt behinderten. Beim „Bügeleisen“ begann 1813 der Abriss der Äußeren Stadtmauer, die 1828 schon zur Hälfte abgetragen war.

In einem Brief des großherzoglich-badischen Direktoriums des Seekreises von 1816 an den Gemeinderat werden die Vorteile eines Abbruchs der Stadtmauer genannt: Die Planierung der Gräben bringe verschönernde Gärten; das Abbruchmaterial könne zum Bau von Häusern, Straßen und Brücken verwendet werden; die Unterhaltungskosten würden entfallen; die Reinlichkeit der Stadt und der Luft würden verbessert; die Steine könnten verkauft werden.

Diese Pläne wurden von den Bürgern, insbesondere von Kaufleuten, Handwerkern und Fuhrleuten begrüßt, da der überregionale Verkehr durch den Engpass der Tore musste. Ab 1830 erscheinen in den Ratsprotokollen fast jährlich Berichte über den Abbruch von Teilen der Äußeren und Inneren Stadtmauer. Der Abbruch des Oberen-Tor-Erkers und des Rondells erfolgte 1840. Der Riettor-Erker und die Fülle wurden 1843, der Niedere-Tor-Erker 1844 und schließlich das Niedere Tor 1847 beseitigt. Unweit des südlichen Stadttores wurden das Gerichtsgebäude und das Gefängnis erbaut, das für die aufstrebende Amtsstadt eine große Bedeutung hatte. Der Erker des Bickentores wurde 1868 abgebrochen. Das Steinmaterial wurde verkauft und mit dem Schutt Stadtgräben verfüllt. Noch 1882 waren die Gräben nicht vollständig einplaniert.

Neubesinnung und Denkmalpflegerische

Maßnahmen

Mit der Romantik setzte Mitte des 19. Jahrhunderts ein Umdenkungsprozess ein, der zu einer neuen Bewertung des Mittelalters führte. Hinzu kam, dass der Schwarzwald zu einem beliebten Erholungsgebiet wurde. Seit Villingen 1872 an die Schwarzwaldbahn angeschlossen wurde, entwickelte sich der Tourismus zu einem immer bedeutender werdenden Gewerbezweig in der Stadt. Der Gemeinderat Rudolf Kienzler stellte am 6. August 1873 erstmals einen Antrag, die städtische Ringmauer auszubessern, „damit das Äußere der Stadt ein solides Aussehen erhalte“. Die Rest der Mauern und die verbliebenen Tore wurden in der Folge repariert, im Bereich der Stadtgräben wurde eine ausgedehnte Grünanlage angelegt (Abb. 1). Der immer wieder verzögerte Plan, das Bickentor abzureißen wurde endgültig aufgegeben. Im Gegensatz zum frühen 19. Jahrhundert, als die Ringmauer als einengend empfunden worden ist, empfand man diese nun als geradezu identitätsstiftend für das städtische Gemeinwesen. Dies führte dazu, dass man sich der durch den Abbruch des Niederen Tores entstandenen Lücke immer schmerzhafter bewusst wurde. Seit den 1960er Jahren kamen Pläne auf, den Süden des ehemaligen mittelalterlichen Stadtkerns von Villingen durch städtebauliche Maßnahmen wieder zu schließen. Die Vorschläge reichten von einem modernen, turmartigen Gebäude bis zur Rekonstruktion in Anlehnung an die bestehenden Tortürme.

Der Stolz auf die eigene Geschichte, die sich in den mittelalterlichen Bauten manifestiert, führt in der Stadt im Brigachbogen zu einer positiven Zusammenarbeit zwischen Eigentümern, Kommune und der Denkmalpflege. Die Reste der Wehranlage – Stadtmauer, Türme und Tortürme – sind mittlerweile nach §12 DSchG als Denkmal von besonderer Bedeutung ins Denkmalbuch eingetragen. Der Gemeinderat der Stadt Villingen-Schwenningen machte darüber hinaus 1991 die kommunale Eigenverantwortung für den Denkmalbestand deutlich. Der mittelalterliche Stadtkern Villingens, einschließlich der Ringanlage, wurde nach § 19 DSchG als Gesamtanlage unter Schutz gestellt. Die Liste der archäologischen Kulturdenkmale weist darüber hinaus das gesamte Stadtgebiet einschließlich der Wehranlage als Kulturdenkmal nach § 2 DSchG aus.

Trotz der nachhaltigen Eingriffe sind noch heute beachtliche Reste der Stadtbefestigung erhalten. Neben drei Stadttoren, vier Türmen und zwei Rondellen sind von der Inneren Stadtmauer nach 1160 m (61 %), wenn auch zum Teil stark verändert, bis zu 8 m hoch erhalten. An Stelle der verfüllten Stadtgräben befindet sich heute die so genannte Ringanlage, ein städtischer Park, der die mittelalterliche Kernstadt umschließt und die obertägig nicht mehr sichtbaren archäologischen Reste der Wehranlage schützt.

Die im 19. Jahrhundert einsetzende Erkenntnis des hohen historischen Wertes der vorhandenen Stadtmauerreste mündete in die bis heute anhaltenden Bemühungen zu ihrem Erhalt. Als jüngstes Element wurde hierzu 2011ein Sanierungsfahrplan entwickelt. Auf der Kartierung von Erkenntnissen, die vom Bauforscher Stefan Uhl an 20 Musterflächen gewonnen wurden, konnten typische Schadensbilder erfasst und einige allgemeingültige Verfahren zur Mauerwerkssanierung entwickelt werden. Ziel ist es, kontinuierlich schadhafte Stellen in einem einheitlichen Verfahren instand zu setzen, damit dieses bemerkenswerte Baudenkmal auch für kommende Generationen erhalten bleibt.

 

Anmerkungen:

1 Jenisch 1999, 161-168.

2 Lohrum 1999, 362.

3 Stefan Uhl, Villingen Stadtmauer. Sanierungsgutachten. Tiposkript (Warthausen 2011).

Literatur:

Peter Findeisen (Bearb.), Ortskernatlas Baden-Württemberg 3.2 Villingen-Schwenningen (Stuttgart 1991).

Bertram Jenisch, Neue Aspekte zur Villingen Stadtbefestigung. Denkmalpflege in Baden-Württemberg 23, 1994, 100-108.

Bertram Jenisch, Die Entstehung der Stadt Villingen. Archäologische Zeugnisse und Quellenüberlieferung. Forschungen und Berichte der Archäologie des Mittelalters in Baden-Württemberg 22 (Stuttgart 1999). Burkard Lohrum, Der mittelalterliche Baubestand als Quelle der städtebaulichen Entwicklung Villingens. In Jenisch (1999) 295-364.

Paul Naegele, Gedanken zur Villinger Stadtmauer. Geschichts- und Heimatvereins Villingen, Jahresheft 16, 1991/92, 41-66.

Werner Noack, Die Stadtanlage von Villingen als Baudenkmal. Badische Heimat, 1938, 234-46.

Paul Revellio, Die Festungsanlagen der Stadt Villingen. Nachrichtenblatt der öffentlichen Kultur- und Heimatpflege im Regierungsbezirk Südbaden 8/2, 1957, 36-39.

Ulrich Rodenwaldt, Das Leben im alten Villingen. Teil II. Geschichte im Spiegel der Ratsprotokolle des 19. und 20. Jahrhunderts. Geschichts- und Heimatverein Villingen. Jahrbuch 15 (Villingen- Schwennigen 1990).

Stefan Uhl, Villingen Stadtmauer. Sanierungsgutachten. Tiposkript (Warthausen 2011).

Jutta Umbreit, die mittelalterliche Verteidigungsanlage der Stadt Villingen und ihr Ausbau unter der Herrschaft der Habsburger. Maschschr. Zulassungsarbeit (Reutlingen 1968).